{"id":10017,"date":"2020-05-31T15:06:02","date_gmt":"2020-05-31T15:06:02","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=10017"},"modified":"2020-05-31T15:06:02","modified_gmt":"2020-05-31T15:06:02","slug":"achille-mbembe-felix-klein-und-die-drohende-annexion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=10017","title":{"rendered":"Achille Mbembe, Felix Klein und die drohende Annexion"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eDrei Jahrzehnte lang orientierten sich liberale Deutsche in ihrer Haltung zu Israel an einer einfachen Formel: \u201cIch unterst\u00fctze die Vorstellung eines j\u00fcdischen und demokratischen Staates, lehne die Besatzung ab und hoffe auf eine Zweistaatenl\u00f6sung.\u201d Damit war klar beschrieben, was unrechtm\u00e4\u00dfig war: Antisemitisch war es, das Existenzrecht Israels als j\u00fcdischer und demokratischer Staat infrage zu stellen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>In diesem Monat besch\u00e4ftigte uns die Forderung des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, den kamerunischen Historiker Achille Mbembe als Er\u00f6ffnungsredner der Ruhrtriennale auszuladen sowie die Begr\u00fcndung dieser Forderung. Klein warf Mbembe vor, in seiner Kolonialismusforschung, in der er das Apartheidregime mit dem Nationalsozialismus vergleicht, eine Relativierung des Holocaust zu betreiben, und bei seinem Vergleich der Besatzungsherrschaft des Staates Israel mit dem Apartheidsystem in S\u00fcdafrika, auf \u201eein bekanntes antisemitisches Muster\u201c zur\u00fcckzugreifen. Erfreulicherweise l\u00f6ste dieser Diffamierung eine heftige Diskussion und auch Proteste in den Medien aus, wie wir sie nie zuvor erfahren haben. Renommierte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.dropbox.com\/s\/grroe59qdd92q2s\/Aufruf%20an%20Bundesminister%20Seehofer.pdf?dl=0\">j\u00fcdische Akademiker aus der ganzen Welt forderten den R\u00fccktritt von Klein<\/a>. Mit einer \u00e4hnlichen Forderung wandten sich\u00a0<a href=\"https:\/\/www.dropbox.com\/s\/idp56qbs3wh4k05\/Aufruf%20-%20Solidarit%C3%A4t%20mit%20Achille%20Mbembe.pdf?dl=0&amp;amp;fbclid=IwAR2n2F_SkTE--cKjDQqs08x6d2Zl2UyLj5YSZ2Rh6Ppz7WjSCE10TRFF06E\">renommierten deutschen Akademiker<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/achille-mbembe-antisemitismus-brief-1.4910464\">afrikanische Akademiker<\/a>\u00a0an die Kanzlerin und den Innenminister. Im Deutschlandfunk\u00a0<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/susan-neiman-ueber-antisemitismusvorwurf-man-muss-die.911.de.html?dram:article_id=477066\">distanzierten sich die Leiterin des Einstein-Forums Neiman<\/a>, sowie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/moshe-zuckermann-zur-debatte-um-mbembe-antizionismus.1013.de.html?dram:article_id=475490\">Zuckermann<\/a>\u00a0differenziert von diesen Anschuldigungen, andere brachten ihre Solidarit\u00e4t zum Ausdruck (Brumlik\u00a0\u00a0<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/solidaritaetsbrief-fuer-achille-mbembe-vergleich-bedeutet.691.de.html?dram:article_id=475977\">Solidarit\u00e4tsbrief f\u00fcr Achille Mbembe<\/a>\u00a0\u201eVergleich bedeutet nicht Gleichsetzung\u201c). Heftige Kritik \u00fcbte auch im Deutschlandfunk dessen Chefkorrespondent im Hauptstadtstudio\u00a0<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/streit-um-historiker-mbembe-antisemitismusbeauftragter-als.720.de.html?dram:article_id=477265\">Stephan Detjen<\/a>; er stellte Klein als \u201eSchrankenw\u00e4rter\u201c dar, der sich zu einem zivilen Glaubensrichter aufschwinge. Die J\u00fcdische Stimme legte Wert darauf, zusammen mit der Organisation \u201ePal\u00e4stina Spricht\u201c und QUARC Berlin (Queers Against Racism and Colonialism) eine\u00a0<a href=\"https:\/\/www.juedische-stimme.de\/2020\/05\/06\/zur-unterstuetzung-von-prof-achille-mbembe\/\">Stellungnahme zu dem Streit zu ver\u00f6ffentlichen<\/a>. Wir rufen dort unter anderem dazu auf, die Position des Bundesbeauftragten f\u00fcr Antisemitismus dahingehend \u00e4ndern, dass sie den Kampf gegen alle Formen von Rassismus und den Schutz aller marginalisierten und von Rassismus betroffenen Gemeinschaften in Deutschland mit einbezieht.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich lenkte Philosophieprofessor\u00a0<a href=\"http:\/\/sz.de\/1.4918407\">Omri B\u00f6hm in der SZ<\/a>\u00a0unseren Blick von der scharfen Debatte auf die \u00c4ngste der pro-israelischen Deutschen aus der politischen Mitte, die dahinter stehen, besonders angesichts der geplanten Annexion des Westjordanlandes:<\/p>\n<div>\u201eDrei Jahrzehnte lang orientierten sich liberale Deutsche in ihrer Haltung zu Israel an einer einfachen Formel: \u201cIch unterst\u00fctze die Vorstellung eines j\u00fcdischen und demokratischen Staates, lehne die Besatzung ab und hoffe auf eine Zweistaatenl\u00f6sung.\u201d Damit war klar beschrieben, was unrechtm\u00e4\u00dfig war: Antisemitisch war es, das Existenzrecht Israels als j\u00fcdischer und demokratischer Staat infrage zu stellen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Das Gewicht dieser beiden Aussagen ist nicht zu \u00fcbersch\u00e4tzen, aber heute kann man sich auf diese Formel nicht mehr guten Gewissens berufen: Die Zweistaatenl\u00f6sung ist tot, Israels Regierung will Gebiete im Westjordanland annektieren. Im Denken ist ein Vakuum entstanden, ein Gespr\u00e4ch kann explosiv werden.<\/div>\n<div>Wenn es keinen Pal\u00e4stinenserstaat gibt und die juristische Ungleichbehandlung von Juden und Arabern nicht nur f\u00fcr 50 Jahre, sondern dauerhaft festgeschrieben wird, trifft dann nicht doch der Begriff \u201cApartheid\u201d zu? Und wie steht es mit dem Existenzrecht Israels als j\u00fcdischer und demokratischer Staat, wenn fast 50 Prozent der Bev\u00f6lkerung Pal\u00e4stinenser sind? Angesichts solcher Fragen kommt der Streit um Mbembe und die Israel-Boykott-Bewegung BDS oder um die angeblichen antij\u00fcdischen Ressentiments im J\u00fcdischen Museum in Berlin gerade sehr gelegen\u201c.<\/div>\n<p>Und weiter: \u201ePro-israelische Deutsche stehen vor demselben Dilemma. Zwar misstraut die israelische Botschaft in Berlin der AfD, aber warum sollte die Partei nach Orb\u00e1n und Trump nicht ebenfalls in Yad Vashem willkommen gehei\u00dfen werden? W\u00e4hrend die \u201cb\u00f6se\u201d EU eine Sanktionsliste gegen Israel wegen der Annexionen im Westjordanland vorbereitet, w\u00fcrde die AfD als Partei auftreten, die als einzige der deutschen Vergangenheit treu geblieben ist. Sie unterst\u00fctzt Israels ethnischen Nationalismus aus vollem Herzen und pflegt keine scheinheiligen Vorbehalte gegen Annexionen oder verschiedene Rechtssysteme f\u00fcr Juden und Araber. Stattdessen stehen liberale Deutsche, die Israel kritisieren, als absto\u00dfende Israel-Hasser da.\u201c<\/p>\n<p>Die geplante Annexion ist eine weitere Macht-Aktion, die Israel \u00fcber internationales Recht stellt und den Pal\u00e4stinensern weiterhin und auf Dauer ihre Grundrechten vorenth\u00e4lt. Es verwundert nicht, dass es immer wieder zu brutalen T\u00f6tungen seitens der Grenzpolizei aus niedertr\u00e4chtigen rassistischen Motiven kommt: Gestern wurde in die lange Liste der get\u00f6teten Pal\u00e4stinenser und PoC in der Altstadt in Jerusalem der 32 alten Iyad el-Hallak, ein wehrloser Mann mit besonderen Bed\u00fcrfnissen aufgenommen. Die Bilder des kaltbl\u00fctigen Mordes an\u00a0 George Floyd in Minneapolis ersch\u00fcttern die Welt, in Israel bekommen die T\u00e4ter erst mal den Schutz der Justiz und des Vollstreckungsapparats. Gestern hat Samidoun einen\u00a0<a href=\"https:\/\/mail.google.com\/mail\/u\/0\/?pli=1#inbox\/WhctKJVrCCDLDjHxjgjtrFzZqfJRtmgxJpsBBcPgCfVLWMnxjfFRMJbSFJcFDvfGRcsqxbq\">Solidarit\u00e4tsbrief aus Gaza nach Minneapolis<\/a>\u00a0ver\u00f6ffentlicht, in dem die Organisation Zusammenh\u00e4nge herstellt: \u201cAs a Palestinian prisoner solidarity network, we are deeply aware that the United States and Israel not only share a common settler-colonial, racist foundation and fundamental reality, billions of dollars in military assets and a joint imperialist project in the Arab region but also tactics, trainings and \u201csecurity\u201d frameworks used against Black communities in the United States and against Palestinians living under occupation, apartheid and colonialism. We see the indelibly devastating images of the murder of George Floyd and recognize the same racist impunity that did not hesitate to cut down the lives of so many Palestinian and Black martyrs.\u201d<\/p>\n<p>Zuletzt m\u00f6chten wir auf den folgenden Vortrag unseres Vorstandsmitglieds Shir Hever hinweisen:<\/p>\n<p><b>\u00a0\u201eDer Einfluss der Besatzung auf die israelische Politik\u201d<\/b><\/p>\n<p><b>Interview mit Shir Hever am 04.06.2020 19:00\u00a0in Club Voltaire in\u00a0<\/b><b>Kleine Hochstra\u00dfe 5,\u00a0 60313 Frankfurt am Main.<\/b><b>\u00a0\u00a0<\/b><b>\u00a0Alle Interessierten k\u00f6nnen mit diesen Zugangsdaten virtuell im Internet teilnehmen<\/b>\u00a0(Beitritt ab 18:30 Uhr Beginn 19 Uhr):<\/p>\n<p><b>Teilnehmen per Computer: einfach den Link anklicken.<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/us02web.zoom.us\/j\/82083086547\">https:\/\/us02web.zoom.us\/j\/82083086547<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0<b>Meeting-ID:\u00a0<\/b>820 8308 6547.<\/p>\n<p>Wir werden in der kommenden Zeit unsere Aktivit\u00e4ten an die Corona-Verh\u00e4ltnisse anpassen und in \u00e4hnlicher Weise unserer Solidarit\u00e4t weiter Ausdruck geben.<\/p>\n<div>Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen\u00a0F\u00fcr den Vorstand,<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Michal Kaiser-Livne<\/div>\n<div>Iris Hefets<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Quelle: J\u00fcdische Stimme f\u00fcr einen gerechten Frieden. Mail v. 31.05.2020<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDrei Jahrzehnte lang orientierten sich liberale Deutsche in ihrer Haltung zu Israel an einer einfachen Formel: \u201cIch unterst\u00fctze die Vorstellung eines j\u00fcdischen und demokratischen Staates, lehne die Besatzung ab und hoffe auf eine Zweistaatenl\u00f6sung.\u201d Damit war klar beschrieben, was unrechtm\u00e4\u00dfig &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=10017\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-10017","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10017","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10017"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10017\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10019,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10017\/revisions\/10019"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10017"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10017"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10017"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}