{"id":10022,"date":"2020-06-07T08:19:58","date_gmt":"2020-06-07T08:19:58","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=10022"},"modified":"2020-06-07T08:19:58","modified_gmt":"2020-06-07T08:19:58","slug":"parallelen-und-unterschiede-zwischen-polizeibrutalitaet-in-den-usa-und-in-israel-palaestina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=10022","title":{"rendered":"Parallelen und Unterschiede zwischen Polizeibrutalit\u00e4t in den USA und in Israel\/Pal\u00e4stina"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zusammenfassung: Die systematische T\u00f6tung von AfroamerikanerInnen durch die US-Polizei ist in vielerlei Hinsicht der T\u00f6tung von Pal\u00e4stinenserInnen durch israelische Streitkr\u00e4fte \u00e4hnlich. Die Waffen, die Einstufung der Opfer von Polizeigewalt als \u201eSicherheitsbedrohungen\u201c und die L\u00fcgen, mit denen die Gewalt gerechtfertigt wird, sind die gleichen. Der Grad, mit dem die staatlichen Kr\u00e4fte zur Rechenschaft gezogen werden, ist jedoch unterschiedlich. Benutzen die USA eine Besatzungsmentalit\u00e4t, um AfroamerikanerInnen zu unterdr\u00fccken, oder steht systematischer Rassismus im Zentrum beider Systeme extremer Gewalt?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>George Floyd wurde in Minneapolis im Zuge einer Verhaftung von einem Polizisten get\u00f6tet. Er war unbewaffnet und versuchte nicht, sich der Verhaftung zu widersetzen. Obwohl er um Gnade schrie und andere Menschen in der Umgebung den Polizisten anflehten, ihn atmen zu lassen, kniete der Polizist auf seinem Hals und erw\u00fcrgte ihn dadurch. George Floyd war schwarz, und der Polizist, der ihn get\u00f6tet hat, ist wei\u00df. Dieses Ereignis l\u00f6ste in den Vereinigten Staaten Massenproteste gegen Rassismus und Polizeibrutalit\u00e4t aus. Die \u201eMovement for Black Lives\u201c (Bewegung f\u00fcr schwarze Leben, mit dem Slogan \u201eBlack Lives Matter\u201c) wurde 2014 in den USA gegr\u00fcndet, um gegen die T\u00f6tung von AfroamerikanerInnen durch die Polizei zu protestieren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Proteste in den USA in den Jahren 2014 und 2015 wie auch heute zeigten Pal\u00e4stinenserInnen und AfroamerikanerInnen in ihrem Protest eine starke Solidarit\u00e4t. Die Pal\u00e4stinenser schickten den Demonstranten in den USA Ratschl\u00e4ge, wie sie mit dem von der Polizei abgefeuerten Tr\u00e4nengas umgehen sollten, und hielten solidarische Proteste ab. Umgekehrt ver\u00f6ffentlichte die Movement for Black Lives 2016 eine Erkl\u00e4rung, in der die USA der Mitt\u00e4terschaft am israelischen \u201eGenozid\u201c an den Pal\u00e4stinensern beschuldigt wurden. Diese Erkl\u00e4rung hat f\u00fcr viel Furore gesorgt. (Und wir sind auch nicht der Meinung, dass Israel Genozid an den Pal\u00e4stinensern praktiziert.)<\/p>\n<p>AfroamerikanerInnen waren entsetzt, als sie erfuhren, dass die Anti-Defamation League (ADL), eine j\u00fcdische Organisation, die fr\u00fcher gegen die Diskriminierung von Afroamerikanern k\u00e4mpfte und Martin Luther King und seine Boykottbewegung unterst\u00fctzte, ihre Mission aufgegeben hat, f\u00fcr Gleichheit und Menschenrechte zu k\u00e4mpfen, und stattdessen sogar Schulungsseminare f\u00fcr die US-Polizei durch israelische Polizeibeamte organisiert hat. Die israelischen Polizeibeamten lehrten ihre amerikanischen Kollegen \u201eTerrorismusbek\u00e4mpfung\u201c. Sie sollten nach Bedrohungen Ausschau halten und diese so schnell wie m\u00f6glich beseitigen. Diese Denkweise macht es gef\u00e4hrlich, sich als Farbiger auf den Stra\u00dfen der USA aufzuhalten, genauso wie es gef\u00e4hrlich ist, in Israel\/Pal\u00e4stina Pal\u00e4stinenser zu sein.<\/p>\n<p>Wie gef\u00e4hrlich? Zwei Tage nach der Ermordung von George Floyd wurde Iyad Al-Hallak von der israelischen Grenzpolizei in der Altstadt von Jerusalem niedergeschossen. Al-Hallak war ein 32-j\u00e4hriger Mann mit Autismus, der auf dem Weg zu einem Behandlungszentrum war, das er t\u00e4glich besuchte. Seine Verwandte Dr. Hatem Awiwi sagte, er sei nicht einmal in der Lage gewesen, zwischen Juden und Arabern zu unterscheiden. Die Polizisten, die ihn erschossen, logen und sagten, sie h\u00e4tten eine Waffe gesehen \u2013 aber es wurde keine Waffe gefunden. Verteidigungsminister Benny Gantz sagte: \u201eWir bedauern den Vorfall sehr\u201c, aber die Sch\u00fctzen werden weder suspendiert noch strafrechtlich verfolgt. Das werden sie nie. Premierminister Netanjahu ging nicht einmal auf die Ermordung von Al-Hallak ein.<\/p>\n<p>Woher wissen wir, dass die Polizeibeamten, die Al-Hallak erschossen haben, nichts zu bef\u00fcrchten haben? Weil am Montag Rafeef Mohammed Karaeen, ein 4-j\u00e4hriges M\u00e4dchen, im Krankenhaus starb, nachdem sie zwei Wochen zuvor einen Kopfschuss erlitten hatte. Sie wurde in Issawiya, am Stadtrand Jerusalems, erschossen (siehe BIP-Aktuell #110), als m\u00f6glicherweise ein Soldat oder Polizist \u00fcber die Trennmauer schoss, ohne hinzusehen. Es wurde nicht ernsthaft nach dem Sch\u00fctzen gefahndet.<\/p>\n<p>Diese Woche ist auch der zweite Jahrestag der Ermordung von Rouzan Al-Nazar, die am 1. Juni 2018 erschossen wurde. Al-Nazar war eine Sanit\u00e4terin, die ihr Leben riskierte, um den Verwundeten zu helfen, die von israelischen Scharfsch\u00fctzen w\u00e4hrend der Proteste des Gro\u00dfen Marsches der R\u00fcckkehr im Gazastreifen beschossen wurden. Mehr als 8.000 Pal\u00e4stinenserInnen, die heute in Gaza leben, wurden von israelischen Scharfsch\u00fctzen dauerhaft zu Kr\u00fcppeln gemacht. Kein einziger Scharfsch\u00fctze wurde suspendiert oder eines Verbrechens angeklagt, weil er pal\u00e4stinensische Demonstranten verkr\u00fcppelt oder get\u00f6tet hat.<\/p>\n<p>Die Unterschiede zwischen den Morden durch Polizisten in den USA und den T\u00f6tungen von Pal\u00e4stinenserInnen in Israel\/Pal\u00e4stina sind klar: Weil die meisten Pal\u00e4stinenserInnen unter israelischer Besatzung leben und daher keine b\u00fcrgerlichen Rechte in Israel haben, genie\u00dfen sie keinen Schutz vor dessen staatlicher Gewalt. Rassistisches Profiling wird offen ausge\u00fcbt. In den USA k\u00f6nnen Polizeibeamte dagegen zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie exzessive Gewalt anwenden; jedoch geschieht dies in der Praxis nur begrenzt und unzureichend, speziell wenn sie mit ihrer Gewalt gegen \u201ePeople of Color\u201c (ethnische Minderheiten) vorgehen.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden L\u00e4ndern, und das nicht nur, weil die US-Polizisten von israelischen Antiterrorexperten ausgebildet werden. Um die Bev\u00f6lkerung zu befrieden und unter Kontrolle zu halten, setzt die US-Polizei milit\u00e4rische Ausr\u00fcstung, milit\u00e4rische Ausbildung und einen milit\u00e4rischen konzeptionellen Rahmen ein, so dass die Anwendung t\u00f6dlicher Gewalt nicht \u00fcberraschend ist.<\/p>\n<p>Mairav Zonszein von der Zeitschrift 972 argumentiert, dass der Grund f\u00fcr die \u00c4hnlichkeiten darin liegt, dass die Unterdr\u00fcckungsmechanismen der USA tats\u00e4chlich die gleichen sind wie die einer Kolonial- oder Besatzungsmacht und dass Afroamerikaner als Untertanen und Feinde und nicht als gleichberechtigte B\u00fcrger behandelt werden. Ahmed Abu Artema aus Gaza, einer der Initiatoren des Gro\u00dfen Marsches der R\u00fcckkehr, schrieb f\u00fcr Electronic Intifada eine andere Analyse. Er argumentiert, dass sowohl in den USA als auch in Israel systemischer Rassismus die Grundlage des politischen Systems bildet und dass Polizei und Milit\u00e4r lediglich eine Staatspolitik zum Ausdruck bringen, die Schwarze und Pal\u00e4stinenserInnen als \u201e\u00fcberfl\u00fcssige\u201c und \u201eunerw\u00fcnschte\u201c Teile der Bev\u00f6lkerung betrachtet. Abu Artemas Analyse kommt zu dem Schluss, dass der Kampf gegen Polizeigewalt in den USA und der Kampf f\u00fcr pal\u00e4stinensische Rechte tats\u00e4chlich derselbe universelle Kampf ist: Kampf gegen Rassismus.<br \/>\nhttps:\/\/bip-jetzt.de\/bip-aktuelles.html<br \/>\nBIP B\u00fcndnis f\u00fcr Gerechtigkeit zwischen Israelis und Pal\u00e4stinenser e.V. v. 6.06.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zusammenfassung: Die systematische T\u00f6tung von AfroamerikanerInnen durch die US-Polizei ist in vielerlei Hinsicht der T\u00f6tung von Pal\u00e4stinenserInnen durch israelische Streitkr\u00e4fte \u00e4hnlich. 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