{"id":10168,"date":"2020-07-28T19:08:11","date_gmt":"2020-07-28T19:08:11","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=10168"},"modified":"2020-07-28T19:09:57","modified_gmt":"2020-07-28T19:09:57","slug":"mehr-als-sechzig-intellektuelle-protestieren-in-einem-offenen-brief-gegen-das-abwuergen-der-kritik-an-der-israelischen-regierungspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=10168","title":{"rendered":"Mehr als sechzig Intellektuelle gegen die Unterdr\u00fcckung legitimer Kritik an der israelischen Regierung"},"content":{"rendered":"<div class=\"css-korpch\">\n<p class=\"css-1psf6fc\">Wie die <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/israel-offener-brief-angela-merkel-1.4980186\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">S\u00fcddeutsche Zeitung am 27. Juli 2020<\/a> berichtete, protestierten mehr als sechzig Akademiker und Intellektuelle in einen offenen Brief an Bundeskanzlerin <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Angela_Merkel\">Angela Merkel<\/a>. Sie wenden sich gegen die Unterdr\u00fcckung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik. Sie schreiben: &#8222;Unsere Sorge gilt der drohenden Annexion pal\u00e4stinensischer Gebiete durch Israel sowie dem inflation\u00e4ren, sachlich unbegr\u00fcndeten und gesetzlich unfundierten Gebrauch des Antisemitismus-Begriffs, der auf die Unterdr\u00fcckung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik zielt. Unsere Sorge ist besonders gro\u00df da, wo diese Tendenz mit politischer und finanzieller Unterst\u00fctzung des Antisemitismusbeauftragten gef\u00f6rdert wird.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<div class=\"css-isuemq e1lg1pmy0\" data-testid=\"article-body\">\n<p class=\" css-0\">Insbesondere die Schm\u00e4hung des Historikers und Publizisten Reiner Bernstein macht ihnen Sorgen. Bernstein ist derzeit im rhetorischen Fadenkreuz des israelischen Spitzenbeamten Arye Sharuz Shalicar. Der ver\u00f6ffentlichte vor zwei Jahren das Buch &#8222;Der neu-deutsche Antisemit&#8220; im Verlag Hentrich &amp; Hentrich. Laut dem Brief an Merkel wird Bernstein in dem Buch als Antisemit beschrieben, obwohl er sich schon lange f\u00fcr eine gerechte L\u00f6sung des Nahost-Konfliktes&nbsp;einsetze.<\/p>\n<hr>\n<p>Hier der offene Brief mit der Liste der Unterzeichner im Wortlaut:<\/p>\n<p>24. Juli 2020<\/p>\n<p>Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,<\/p>\n<p>mit diesem Schreiben wenden sich besorgte deutsche und israelische B\u00fcrgerinnen und B\u00fcr\u00adger an Sie. Unsere Sorge gilt der drohenden Annexion pal\u00e4stinensischer Gebiete durch Israel sowie dem inflation\u00e4ren, sachlich unbegr\u00fcndeten und gesetzlich unfundierten Gebrauch des Antisemitismus-Begriffs, der auf die Unterdr\u00fcckung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik zielt. Unsere Sorge ist besonders gro\u00df da, wo diese Tendenz mit politi\u00adscher und finanzieller Unterst\u00fctzung des Antisemitismusbeauftragten gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p>Ein Beispiel, welches menschenverachtende Ausma\u00df solche Aktivit\u00e4ten annehmen k\u00f6nnen, ist die F\u00f6rderung der Publikation \u00bbDer neu-deutsche Antisemit\u00ab von Arye Sharuz Shalicar, laut Angaben des Verlags seit 2017 Direktor f\u00fcr Ausw\u00e4rtige Angelegenheiten im Minis\u00adterium f\u00fcr Nachrichtendienste im B\u00fcro des israelischen Ministerpr\u00e4sidenten, und dessen anschlie\u00dfende Vortragsreise durch deutsche St\u00e4dte. In diesem 2018 im Verlag Hentrich &amp; Hentrich erschienenen Buch wird der Historiker und Publizist Dr. Reiner Bernstein als Antisemit geschm\u00e4ht.<\/p>\n<p>Seit Jahrzehnten setzt sich Reiner Bernstein unerm\u00fcdlich f\u00fcr eine gerechte und gewaltfreie L\u00f6sung des Israel-Pal\u00e4stina Konflikts ein, z. B. im Rahmen der Genfer Friedensinitiative (2003). Dass gerade ein sorgf\u00e4ltig differenzierender Historiker auf diese Weise verunglimpft wird, zeigt paradigmatisch die zunehmend auch in Deutschland wirksame Strategie der israelischen Regierung, jegliche Kritik der v\u00f6lkerrechtswidrigen Besatzungs- und Siedlungs\u00adpolitik als antiisraelisch und antisemitisch zu brandmarken.<\/p>\n<p>Reiner Bernsteins Engagement, der, anders als von Shalicar behauptet, kein Jude ist, gr\u00fcn\u00addet in seiner historischen Verantwortung als Deutscher. Mit seiner ethischen Haltung steht er dar\u00fcber hinaus in einer knapp hundertj\u00e4hrigen Tradition der Bem\u00fchungen um eine ge\u00adrechte L\u00f6sung f\u00fcr den j\u00fcdisch-arabischen bzw. israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt, wie sie bereits in den 1920er Jahren von Mitgliedern von Brit-Shalom (Friedensbund) entworfen wurde. Zu den Mitgliedern von Brit-Shalom geh\u00f6rten auch Martin Buber und Gershom Scholem. Die Hoffnung auf Frieden blieb bis zur Ermordung Jitzchak Rabins ein zentra\u00adles Anliegen der israelischen Gesellschaft und Politik. Ermordet wurde Rabin von einem Einzelt\u00e4ter, dessen politische Haltung seither immer wirkungsm\u00e4chtiger geworden ist und heute wesentliche Z\u00fcge der israelischen Regierungspolitik zu bestimmen scheint.<\/p>\n<p>Wir fragen uns, welchen Kr\u00e4ften im heutigen Israel die Unterst\u00fctzung der Bundesregierung gilt. Mit der F\u00f6rderung zweifelhafter Publikationen, deren aggressiv-populistische Machart nicht faktengest\u00fctzt ist, wird jedenfalls geduldet, dass Stimmen des Friedens und des Dia\u00adlogs diffamiert und mundtot gemacht werden sollen. Frieden kann nur durch gegenseitigen Respekt erreicht werden.<\/p>\n<p>Wo kritischer Dialog notwendiger denn je ist, schafft die missbr\u00e4uchliche Verwendung des Antisemitismusvorwurfs zunehmend auch in Deutschland eine Stimmung der Brandmar\u00adkung, Einsch\u00fcchterung und Angst. In dieser Atmosph\u00e4re wundert es nicht, dass das Ber\u00adliner Kammergericht Bernsteins Klage gegen seine Verleumdung zur\u00fcckgewiesen hat. Mit der Unterst\u00fctzung rechtspopulistischer israelischer Stimmen lenkt der Beauftragte der Bun\u00addesregierung gegen Antisemitismus die Aufmerksamkeit von realen antisemitischen Gesin\u00adnungen und Ausschreitungen ab, die j\u00fcdisches Leben in Deutschland tats\u00e4chlich gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Mit der EU-Ratspr\u00e4sidentschaft und dem Vorsitz im UN-Sicherheitsrat der Vereinten Nati\u00adonen kommt Deutschland aktuell eine besondere Verantwortung zu. Wesenskern deutscher Staatsraison ist auch und vor allem die Verpflichtung gegen\u00fcber den universellen Men\u00adschenrechten und dem V\u00f6lkerrecht. Die Sicherheit Israels kann nur im Einklang mit diesen dauerhaft sein.<\/p>\n<p>Wir erwarten, dass die Bundesregierung ihre Verantwortung im Sinn der Friedenskr\u00e4fte wahrnehmen wird, die immer schon Teil der j\u00fcdischen Gemeinschaft waren und sind. Wir erwarten eine entschiedene Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus dort, wo er sich tats\u00e4chlich manifestiert. Wir erwarten den konsequenten Schutz der Meinungs- und Versammlungs\u00adfreiheit, um im \u00f6ffentlichen Diskurs kontrovers \u00fcber die L\u00f6sung des israelisch-pal\u00e4stinen\u00adsischen Konflikts diskutieren zu k\u00f6nnen. Und wir erwarten nicht zuletzt eine entschlossene Initiative der Bundesregierung und der Europ\u00e4ischen Union, um die drohende, v\u00f6lker\u00adrechtswidrige Annexion pal\u00e4stinensischer Gebiete durch Israel zu verhindern und der israe\u00adlischen und der pal\u00e4stinensischen Seite die R\u00fcckkehr an den Verhandlungstisch zu erm\u00f6g\u00adlichen.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>Prof. Dr. Katajun Amirpur, K\u00f6ln Dr. Gabriele von Arnim, Berlin<\/p>\n<p>Prof. Dr. Dieter Becker, Bielefeld<\/p>\n<p>PD Dr. Johannes M. Becker, Marburg<\/p>\n<p>Katja Behrens, Darmstadt<\/p>\n<p>Prof. Dr. Wolfgang Benz, Berlin<\/p>\n<p>J\u00f6rn B\u00f6hme, Berlin<\/p>\n<p>Prof. Dr. Lorenz B\u00f6llinger, Bremen<\/p>\n<p>Fred Breinersdorfer, Berlin<\/p>\n<p>Prof. Dr. Micha Brumlik, Berlin<\/p>\n<p>Prof. Dr. Jose Brunner, Tel Aviv<\/p>\n<p>Prof. Dr. Naomi Chazan, Jerusalem<\/p>\n<p>Prof. Dr. Johannes Feest, Bremen<\/p>\n<p>Prof. Dr. Rivka Feldhay, Jerusalem<\/p>\n<p>Prof. Dr. Josef Freise, Neuwied<\/p>\n<p>Prof. Dr. Gideon Freudenthal, Jerusalem<\/p>\n<p>Prof. Dr. Efrat Gal-Ed, K\u00f6ln<\/p>\n<p>Prof. Dr. Amos Goldberg, Jerusalem2<\/p>\n<p>Offener Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel Dr. Ran HaCohen, Tel Aviv<\/p>\n<p>Dr. Illana Hammerman, Jerusalem<\/p>\n<p>Gert Heidenreich, Seefeld<\/p>\n<p>Christoph Hein, Havelberg<\/p>\n<p>Michal Kaiser-Livne, Berlin<\/p>\n<p>Wolfgang Killinger, Gauting<\/p>\n<p>Dr. Tanja Kinkel, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Prof. Dr. Menachem Klein, Jerusalem<\/p>\n<p>Dr. Annelen Kranefuss, K\u00f6ln<\/p>\n<p>Ursula Krechel, Berlin<\/p>\n<p>Michael Kr\u00fcger, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Prof. Dr. Karin Kulow, Berlin<\/p>\n<p>Dr. Ulrich Kusche, G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>Andreas Lesser, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Dr. Meir Margalit, Jerusalem<\/p>\n<p>Prof. Dr. Thomas Metzinger, Mainz<\/p>\n<p>Brian Michaels, Bonn<\/p>\n<p>Edith M\u00fcller, Berlin<\/p>\n<p>Sten Nadolny, Berlin<\/p>\n<p>Norbert Niemann, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Prof. Dr. Fania Oz-Salzberger, Haifa<\/p>\n<p>Rainer Ratmann, H\u00fcnstetten<\/p>\n<p>Prof. Dr. Klaus Reichert, Frankfurt<\/p>\n<p>Edgar Reitz, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Prof. Dr. Luise Reddemann, K\u00f6ln<\/p>\n<p>Anatol Regnier, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Prof. Dr. Sebastian Scheerer, Hamburg<\/p>\n<p>Dr. phil. habil. Claudia Schm\u00f6lders, Berlin<\/p>\n<p>Ingo Schulze, Berlin<\/p>\n<p>Alexandra Senfft, Fuchstal<\/p>\n<p>Prof. Dr. Galili Shahar, Tel Aviv<\/p>\n<p>Volker Skierka, Hamburg<\/p>\n<p>Dr. Tilman Spengler, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Prof. Klaus Staeck, Heidelberg<\/p>\n<p>Christian Sterzing, Edenkoben<\/p>\n<p>Johano Strasser, Berg (Starnberger See)<\/p>\n<p>Barbara Unm\u00fcssig, Berlin<\/p>\n<p>Prof. Dr. Rolf Verleger, L\u00fcbeck<\/p>\n<p>Prof. Dr. Wilhelm Vo\u00dfkamp, K\u00f6ln<\/p>\n<p>Dr. Ofer Waldman, Berlin \/ Kiryat Tivon<\/p>\n<p>Hans Well, \u201eWellbappn\u201c, T\u00fcrkenfeld<\/p>\n<p>Friedrich Wolf, K\u00f6ln<\/p>\n<p>Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Jerusalem<\/p>\n<p>Rainer Zimmer-Winkel, Berlin<\/p>\n<p>Prof. Dr. Moshe Zuckermann, Tel Aviv<\/p>\n<p>Nachtr\u00e4glich haben unterzeichnet:<\/p>\n<p>Prof. Dr. Aleida Assmann, Konstanz<\/p>\n<p>Prof. Dr. Jan Assmann, Konstanz<\/p>\n<p>Prof. Dr. Gert Krell, Hofheim \/ Ts.<\/p>\n<p>Stand 26. Juli 20203<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie die S\u00fcddeutsche Zeitung am 27. Juli 2020 berichtete, protestierten mehr als sechzig Akademiker und Intellektuelle in einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie wenden sich gegen die Unterdr\u00fcckung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik. 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