{"id":10560,"date":"2021-04-23T17:24:03","date_gmt":"2021-04-23T17:24:03","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=10560"},"modified":"2021-04-23T17:24:03","modified_gmt":"2021-04-23T17:24:03","slug":"antisemitismus-diskussion-ueber-die-jerusalem-declaration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=10560","title":{"rendered":"Antisemitismus: Diskussion \u00fcber die Jerusalem Declaration"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_10564\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-10564\" class=\"wp-image-10564 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/21-04-23-micha-brumlik-creative-commons_ji-300x190.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"190\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/21-04-23-micha-brumlik-creative-commons_ji-300x190.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/21-04-23-micha-brumlik-creative-commons_ji-474x300.jpg 474w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/21-04-23-micha-brumlik-creative-commons_ji.jpg 694w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-10564\" class=\"wp-caption-text\">Foto: creative commons<\/p><\/div>\n<p>Es ist ja f\u00fcr die ganze reichlich verkorkste Antisemitismus-Diskussion &#8211; vor allem in Deutschland &#8211; sehr belebend, dass es jetzt <em>zwei<\/em> Definitionen gibt: die IHRA-Definition und die &#8222;Jerusalem Decleration&#8220;. Erstere ist so konstruiert, dass Kritik an der israelischen Besatzungspolitik und die BDS-Bewegung sofort unter Antisemitismusverdacht (&#8222;neuer oder sekund\u00e4rer Antisemitismus&#8220;) fallen, die Jerusalem-Decleration h\u00e4lt die Kritik am Antisemitisums und Kritik an der Politik des Staates Israel fein s\u00e4uberlich auseinander. Jeder Teilnehmer an dieser Diskussion muss sich also jetzt erst einmal &#8211; auch wenn&#8217;s schwerf\u00e4llt &#8211; mit beiden Definitionen auseinander setzen.<!--more--><\/p>\n<p>Micha Brumlik ist emeritierter Professor f\u00fcr Erziehungswissenschaften der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt sowie seit 2013 Senior Advisor am Selma-Stern-Zentrum f\u00fcr J\u00fcdische Studien Berlin-Brandenburg. Und er ist Mitautor der \u201eJerusalem Declaration\u201c.<\/p>\n<p>In der Frankfurter Rundschau v. 22. April 2021 setzt sich nun Micha Brumlik mit seinen Kritikern auseinande. &#8222;\u00dcber den Gr\u00e4bern der Opfer des Holocaust und des Kolonialismus&#8220; werde zurzeit heftig \u00fcber ein angemessenes Gedenken an die gro\u00dfen Menschheitsverbrechen gestritten; manchmal mit Anschuldigungen, die den Gegner mundtot machen sollen. So wird zum Beispiel den Autoren und Autorinnen der neuen \u201eJerusalem Declaration on Antisemitism\u201c und allen, die sie unterzeichnet haben, unterstellt, sie verst\u00fcnden entweder nichts von der Materie oder wollten Kritikern der Politik Israels einen Freibrief f\u00fcr antisemitische Aussagen ausstellen.<\/p>\n<p>Die \u201eJerusalem Declaration\u201c unterscheide f\u00fcnf Typen von antisemitischen Aussagen \u00fcber Israel von f\u00fcnf anderen Typen, die kritisch zu Israel oder zum Zionismus stehen k\u00f6nnen, aber nicht automatisch als antisemitisch eingestuft werden. Das gelte zum Beispiel f\u00fcr die gewaltfreie pal\u00e4stinensische Boykottbewegung (BDS) gegen die Besatzung.<\/p>\n<p>In Ton und Inhalt \u00fcberzogen sei, so Micha Brumlik, Thomas Schmids Reaktion in der \u201eZeit\u201c auf den Erinnerungsforscher Michael Rothberg und den Afrikanisten J\u00fcrgen Zimmerer, die eine Erweiterung des Gedenkens auch in Deutschland auf die Verdr\u00e4ngung\/Ermordung indigener V\u00f6lker, auf Sklaverei und Kolonialismus anstreben. Schlie\u00dflich gebe es neben dem Holocaust weitere Verbrechen mit Opfern, die in die Millionen gingen und deren Nachkommen ebenfalls Respekt f\u00fcr ihre Geschichte einforderten.<\/p>\n<p>Schmid wende dagegen ein, der Holocaust sei kein Kolonialverbrechen, das Projekt einer \u201emultidirektionalen Erinnerung\u201c somit wissenschaftlich nicht seri\u00f6s. Brumlik: &#8222;Nun sprechen die beiden Autoren an keiner Stelle von einer Kausalbeziehung zwischen Kolonialismus und Holocaust und betonen immer wieder, es gehe ihnen darum, das Spezifische einer Gewaltgeschichte zu erinnern, ohne eine andere zum Schweigen zu bringen. Sie m\u00f6chten gleichwohl Parallelen oder auch Zusammenh\u00e4nge zwischen diesen Verbrechen eruieren, so vor dem Hintergrund der europ\u00e4ischen Ideengeschichte. So ist die Ab- und Entwertung von Juden, aber auch von anderen Gruppen von Menschen, h\u00e4ufig au\u00dferhalb von Europa, schon seit Reformation und Aufkl\u00e4rung ein verbreiteter Aspekt in der politischen Theorie und der Philosophie.<br \/>\nDas Wiederaufleben antisemitischer oder rassistischer Tendenzen zur Sprache bringen.&#8220;<\/p>\n<p>Man m\u00fcsse Thomas Schmid daran erinnern, dass die Nazis in den Drei\u00dfigerjahren Funktion\u00e4re in die USA schickten, um die dortigen Rassegesetze zu studieren und teilweise w\u00f6rtlich zu \u00fcbernehmen? Oder an Hannah Arendt, die im europ\u00e4ischen Imperialismus in Afrika Ansatzpunkte f\u00fcr den Vernichtungsrassismus der Nazis sah? Was sp\u00e4tere kaiserliche Milit\u00e4rs wie Carl Peters, der rassistische und gewaltt\u00e4tige Begr\u00fcnder der deutschen Kolonie Ostafrika, in Afrika lernen konnten, sei die M\u00f6glichkeit gewesen, V\u00f6lker in Rassest\u00e4mme zur\u00fcckzuverwandeln. Da sei es dann besonders leicht, wenn man nur rechtzeitig das eigene Volk in die Position einer Herrenrasse hineinman\u00f6vriere.&#8220;<\/p>\n<p>Der sp\u00e4tere deutsche Vernichtungskrieg im Osten, ein rassistisch-ideologischer Systemkrieg gegen den \u201ej\u00fcdischen Bolschewismus\u201c, sei auch als Kolonialkrieg zur Gewinnung von \u201eLebensraum\u201c und zur Verdr\u00e4ngung und Versklavung der Slawen gedacht. Ohne diesen Krieg h\u00e4tte es nach heutigem Wissen den systematischen industriellen Massenmord so nicht gegeben.<\/p>\n<p>Ein weiteres Anliegen \u201emultidirektionaler Erinnerung\u201c betrifft die Konkurrenz zwischen kollektiven Traumen; im Nahostkonflikt zum Beispiel zwischen den Gewalterfahrungen der zionistischen Einwanderer, diskriminierter oder verfolgter Juden und \u00dcberlebender des Holocaust, in das Mandatsgebiet Pal\u00e4stina beziehungsweise nach Israel auf der einen Seite und den ortsans\u00e4ssigen arabischen Pal\u00e4stinensern und Pal\u00e4stinenserinnen auf der anderen, die dem zionistischen Siedlungskolonialismus, der sich ohne den fr\u00fchen R\u00fcckhalt der Kolonialm\u00e4chte nicht h\u00e4tte durchsetzen k\u00f6nnen, weichen mussten und zum Teil noch m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich gilt es, die Fortdauer oder das Wiederaufleben antisemitischer oder rassistischer Tendenzen zur Sprache zu bringen, die sich aus der mangelnden Verarbeitung oder sogar der v\u00f6lligen Verdr\u00e4ngung von Menschheitsverbrechen ergeben. Bei den NSU-Morden haben unsere Landeskriminal\u00e4mter bekanntlich die Familien der ermordeten Landsleute auf sch\u00e4bigste Weise selbst der Taten verd\u00e4chtigt und beschuldigt. Obwohl es keine Beweise f\u00fcr kriminelle Aktivit\u00e4ten der Opfer gab, haben sie nur in eine Richtung ermittelt und reichlich vorhandene Hinweise auf das rechtsradikale deutsche Umfeld missachtet. Die von allen Verantwortlichen geteilte Begr\u00fcndung lautete, aus der Tatsache, dass die T\u00f6tung von Menschen \u201ein unserem Kulturraum mit einem hohen Tabu belegt\u201c sei, k\u00f6nne man ableiten, dass der T\u00e4ter \u201eweit au\u00dferhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems\u201c stehen m\u00fcsse. Auch spreche der die t\u00fcrkische Gruppe pr\u00e4gende Ehrenkodex eher f\u00fcr eine Gruppierung \u201eim ost- bzw. s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Raum (nicht europ\u00e4isch westlicher Hintergrund)\u201c.<\/p>\n<p>Der vollst\u00e4ndige Artikel aus der Frankfurter Rundschau v. 22.04.2021 mit weiteren Verweisen hier:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/gesellschaft\/diskussion-ueber-die-jerusalem-declaration-die-missgeschicke-des-bewusstseins-sind-vielfaeltig-90471074.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.fr.de\/kultur\/gesellschaft\/diskussion-ueber-die-jerusalem-declaration-die-missgeschicke-des-bewusstseins-sind-vielfaeltig-90471074.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ja f\u00fcr die ganze reichlich verkorkste Antisemitismus-Diskussion &#8211; vor allem in Deutschland &#8211; sehr belebend, dass es jetzt zwei Definitionen gibt: die IHRA-Definition und die &#8222;Jerusalem Decleration&#8220;. 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