{"id":10716,"date":"2021-05-25T07:04:31","date_gmt":"2021-05-25T07:04:31","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=10716"},"modified":"2021-05-25T07:05:03","modified_gmt":"2021-05-25T07:05:03","slug":"antisemitismus-im-definitionskarussell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=10716","title":{"rendered":"Antisemitismus im Definitionskarussell"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kritik an israelischer Milit\u00e4r- und Besatzungspolitik wird ein Stempel aufgedr\u00fcckt. Antisemitismus im Definitionskarussell<\/strong><br \/>\n<em>von Rudolph Bauer<\/em><br \/>\nWas ist Antisemitismus? Der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno (1903 bis 1969) lieferte in seiner Schrift \u201eMinima Moralia. Reflexionen aus dem besch\u00e4digten Leben\u201c eine knappe Antwort. Sie lautet: \u201eAntisemitismus ist das Ger\u00fccht \u00fcber die Juden.\u201c <!--more-->Adornos Beschreibung erf\u00e4hrt gegenw\u00e4rtig eine paradoxe Verkehrung. Antisemitismus ist heute nicht nur ein Ger\u00fccht \u00fcber Juden, sondern auch eine Zuschreibung, die dazu dient, Individuen \u2013 auch J\u00fcdinnen und Juden \u2013 und Gruppierungen wie die \u201eJ\u00fcdische Stimme f\u00fcr den Frieden\u201c als rassistisch zu brandmarken, auszugrenzen und in eine Reihe zu stellen mit den Naziverbrechen an Juden.<\/p>\n<p>Die Gleichsetzung des Antisemitismus mit der faschistischen Rassenideologie und den millionenfachen Judenmorden ist tief im kollektiven Bewusstsein verankert \u2013 nicht nur in der deutschen Bev\u00f6lkerung. Die Vorhaltung, jemand sei Antisemit oder eine Gruppierung verfolge antisemitische Ziele, dient als Mittel zur sozialen oder politischen Ausgrenzung. Der Vorwurf des Antisemitismus wirkt wie eine gesellschaftliche Aussto\u00dfung und politische \u00c4chtung. \u201eAntisemitismus\u201c ist eine Waffe in der politischen Auseinandersetzung. Bekanntes Beispiel ist die Parteisuspendierung von Jeremy Corbyn, des ehemaligen Vorsitzenden der britischen Labour Party, wegen angeblicher Duldung von Antisemitismus.<\/p>\n<p><strong>Vom Selbstverst\u00e4ndnis zum Antisemitismus-Vorwurf<\/strong><br \/>\nUrspr\u00fcnglich bekannten sich die Anh\u00e4nger nationalistischer Bewegungen im 19. und in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zum Antisemitismus. Die Wurzeln dieser irrationalen, vorurteilsgepr\u00e4gten Geisteshaltung beruhten auf religi\u00f6sen Vorbehalten gegen\u00fcber Juden, deren Vorfahren f\u00fcr den Kreuzestod Jesu verantwortlich gemacht wurden. In der Nazi-Bewegung und bei den faschistischen Str\u00f6mungen weltweit erlangte der urspr\u00fcnglich religi\u00f6s und dann auch \u00f6konomisch motivierte Antisemitismus eine rassistische Sto\u00dfrichtung. Juden wurden als \u201erassisch minderwertig\u201c und als eine Bedrohung des \u201ereinen Volksk\u00f6rpers\u201c diffamiert, verfolgt und \u201eausgemerzt\u201c, ermordet. Die Gegen\u00fcberstellung des arischen Antisemitismus rassistischer Pr\u00e4gung einerseits und der aktuellen Antisemitismus-Vorw\u00fcrfe andererseits l\u00e4sst Folgendes erkennen: Als Antisemit wird heute ein Gegen\u00fcber, eine andere Person oder eine andere Gruppe, bezeichnet, w\u00e4hrend der Begriff fr\u00fcher eine Selbstbezeichnung war, ein Label des Selbstverst\u00e4ndnisses und zur Selbstverst\u00e4ndigung der \u201eechten\u201c Antisemiten. Historisch war Antisemitismus also ein pers\u00f6nliches beziehungsweise kollektives Eigenattribut \u2013 gr\u00fcndend auf einer Geisteshaltung, deren irrationale Anteile unter den Nazis zum m\u00f6rderischen Rassenwahn mutierten.<\/p>\n<p>Heute hingegen dient der Begriff haupts\u00e4chlich als Anschuldigung und zur Kennzeichnung anderer. Kaum jemand tritt heute offen als \u201eAntisemit\u201c oder mit \u201eantisemitischen\u201c Parolen auf (wobei mit dieser Feststellung die Existenz von offenem und verborgenem \u201eechtem\u201c Antisemitismus nicht bestritten werden soll). Hinzu kommt aber eine Verkehrung des Begriffs: \u00c4hnlich wie \u201eJude\u201c aus antisemitischer Sicht, so gilt heute \u201eAntisemit\u201c aus Sicht des Common Sense als ein Label zur Ausgrenzung von Anderen, zu ihrer Abstempelung als einer gesellschaftlich ge\u00e4chteten Minderheit. Es handelt sich um eine Art spiegelbildliche Verkehrung: Wo fr\u00fcher \u201eJude\u201c ein Schimpfwort war (und in bestimmten Kreisen noch oder wieder ist), da lautet eine der ver\u00e4chtlichen Beschimpfungen heute \u201eAntisemit\u201c. Das gesellschaftliche Vorurteil hat gewisserma\u00dfen den Adressaten ge\u00e4ndert. Strukturell erf\u00fcllt das Etikett \u201eAntisemit\u201c den gleichen Zweck wie das Etikett \u201eJude\u201c.<\/p>\n<p>Da es einem Skandal gleichkommt, \u201eAntisemit\u201c und \u201eJude\u201c als zwei austauschbare Vorurteile zu bezeichnen, werden Anstrengungen unternommen, die Kategorie Antisemitismus exakt zu definieren. Offizielle und offiziell anerkannte Antisemitismus-Definitionen sollen dazu beitragen, das Etikett \u201eAntisemit\u201c vom Verdacht zu befreien, ein irrationales Vorurteil zu sein. Die Definition soll dem Antisemitismus-Verdikt die Bedeutung eines rationalen Urteils verleihen.<\/p>\n<p><strong>Der \u201eerweiterte Antisemitismusbegriff\u201c<\/strong><br \/>\nEine erste offizielle Antisemitismus-\u201eArbeitsdefinition\u201c geht zur\u00fcck auf einen 2016 gefassten Beschluss von 31 Staaten, die sich zur IHRA, dem Internationalen B\u00fcndnis zum Holocaustgedenken (International Holocaust Rememberance Alliance), zusammengeschlossen hatten. Die IHRA-Definition sollte Polizei und Gerichten der beteiligten L\u00e4nder als Richtschnur dienen, um gegen Antisemitismus vorzugehen. In dieser Absicht wurde sie am 20. September 2017 auch vom deutschen Bundeskabinett verabschiedet. Seither berufen sich Kommunen und Veranstalter auf die IHRA-Definition, um Versammlungsr\u00e4ume zu verweigern oder Vortr\u00e4ge abzusagen. Die Definition lautet: \u201eAntisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegen\u00fcber Juden ausdr\u00fccken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen j\u00fcdische oder nichtj\u00fcdische Einzelpersonen und\/oder deren Eigentum sowie gegen j\u00fcdische Gemeindeinstitutionen oder religi\u00f6se Einrichtungen. Dar\u00fcber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als j\u00fcdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.\u201c<\/p>\n<p>Der \u201eerweiterte Antisemitismusbegriff\u201c der IHRA-Definition dient \u2013 so die Kritik \u2013 der Beeinflussung und Lenkung der \u00f6ffentlichen Meinung im Interesse derjenigen, denen an der uneingeschr\u00e4nkten Akzeptanz israelischer Regierungs-, Milit\u00e4r- und Besatzungspolitik gelegen ist. Das betrifft sowohl den israelischen Staat und seine gegenw\u00e4rtige Regierung als auch all diejenigen Staaten, welche der israelischen Politik nichts entgegensetzen und sie vielmehr durch Waffenlieferungen milit\u00e4risch unterst\u00fctzen, wie etwa die Bundesrepublik.<\/p>\n<p><strong>Bundestag brandmarkt BDS-Kampagne<\/strong><br \/>\nDie IHRA-Definition st\u00f6\u00dft nicht zuletzt deshalb auf Widerstand, weil sie in wichtigen Punkten unklar und f\u00fcr unterschiedliche Interpretationen offen ist. Insbesondere wird ihr vorgeworfen, dass sie mit Blick auf Israel die Meinungsfreiheit einschr\u00e4nkt und jene gewaltlosen politischen Aktionen f\u00fcr nicht legitim erkl\u00e4rt, deren Teilnehmer sich f\u00fcr die Rechte der Pal\u00e4stinenser einsetzen. Dies trifft insbesondere auf die BDS-Bewegung zu. Die von Pal\u00e4stinensern und Juden gemeinsam gegr\u00fcndete und unterst\u00fctzte Kampagne ruft auf zum Boykott, zur Desinvestition und zu Sanktionen gegen\u00fcber Israel. In blinder Befolgung der unpr\u00e4zisen IHRA-Definition wurde BDS auch vom Deutschen Bundestag im Mai 2019 per Beschluss pauschal als antisemitisch eingestuft.<\/p>\n<p><strong>Korrektur durch die Jerusalemer Erkl\u00e4rung<\/strong><br \/>\nIm Sinne einer Verbesserung und Erg\u00e4nzung beziehungsweise Korrektur der IHRA-Definition wurde im M\u00e4rz 2021 eine neue Begriffsdefinition ver\u00f6ffentlicht. Niedergelegt in der \u201eJerusalem Declaration on Antisemitism\u201c (JDA) wird festgestellt, die BDS-Aktionen seien als \u201eg\u00e4ngige, gewaltfreie Formen des Protestes \u2026 nicht per se antisemitisch\u201c. Die Jerusalemer Erkl\u00e4rung definiert Antisemitismus als \u201eDiskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen J\u00fcdinnen und Juden als J\u00fcdinnen und Juden (oder j\u00fcdische Institutionen als j\u00fcdische)\u201c und liefert zus\u00e4tzlich 15 Leitlinien zur Pr\u00e4zisierung. Die Jerusalemer Erkl\u00e4rung zum Antisemitismus war von zwanzig vor allem j\u00fcdischen beziehungsweise israelischen Wissenschaftlern erarbeitet und von rund zweihundert internationalen Wissenschaftlern unterzeichnet worden. Die meisten von ihnen arbeiten in der Antisemitismusforschung und in verwandten Bereichen.<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung differenziert zwischen Antizionismus und Antisemitismus. Ein weiterer wichtiger Unterschied der \u201eJerusalemer Erkl\u00e4rung\u201c zur Arbeitsdefinition der IHRA ist, dass sie den Kampf gegen Antisemitismus als untrennbar vom gr\u00f6\u00dferen Kampf gegen andere Formen von Rassismus und Diskriminierung versteht.<\/p>\n<p><strong>Definitionsversuche f\u00fchren in die Irre<\/strong><br \/>\nSeit Ver\u00f6ffentlichung der JDA-Definition rei\u00dft die Debatte nicht ab, ob sie mehr Klarheit erm\u00f6glicht oder die gleichen Schw\u00e4chen wie die IRHA-Definition aufweist. Uwe Becker, der Pr\u00e4sident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, bezeichnet die Jerusalemer Erkl\u00e4rung sogar als \u201eFreibrief zur geradezu grenzenlosen \u201aIsraelkritik\u2018\u201c sowie als \u201eZertifikat f\u00fcr Israelhass\u201c.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite wird betont, dass Forscherinnen und Forscher, die sich zum Teil seit Jahrzehnten mit dem Holocaust und Judenhass besch\u00e4ftigen, besser als Parlamentarier und Regierungen in der Lage seien, eine Antisemitismus-Definition vorzulegen und objektiv einzusch\u00e4tzen, ob BDS als antisemitisch anzuprangern sei. Ralph Lewini, der Pr\u00e4sident des Schweizerischen Israelitischen Gemeinderats, sieht den Zweck jeder Antisemitismus-Definition darin, dass sie als \u201eWerkzeug\u201c geeignet zu sein hat, wenn Antisemitismus effizient und effektiv bek\u00e4mpft werden\u201c soll.<\/p>\n<p>Die \u201eBek\u00e4mpfung\u201c des Antisemitismus mittels einer Definition f\u00fchrt allerdings in die Irre und l\u00f6st das Problem nicht. Denn auf diese Weise werden nicht die psychologischen Wurzeln und die sozialen Entstehungsbedingungen antisemitischer Vorurteile und Handlungsmuster erforscht. Vielmehr hat die \u201eBek\u00e4mpfung\u201c zur Folge, Ausgrenzungen vorzunehmen, gesellschaftliche Spaltungen zu zementieren und Kritik im Keim zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Um Vorurteile wie den \u201eechten\u201c Antisemitismus als unbegr\u00fcndet zu widerlegen, ist es in den meisten F\u00e4llen der falsche Ansatz, ihn zu \u201ebek\u00e4mpfen\u201c. Es ist stattdessen vor allem erforderlich, seine Genese zu analysieren und gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, die ein Zusammenleben der Menschen und der V\u00f6lker in Freundschaft m\u00f6glich machen. Im Konkurrenz- und Profitkapitalismus ist das allerdings schwer umsetzbar. Schon heute aber ist es tunlich, die beabsichtigte Brandmarkung immer dann als demokratiesch\u00e4digend zur\u00fcckzuweisen, wenn jeglicher politischen Kritik an der israelischen Milit\u00e4r- und Besatzungspolitik der Stempel \u201eantisemitisch\u201c aufgedr\u00fcckt wird, um sie zum Schweigen zu bringen.<\/p>\n<p>Quelle (mit freundlicher Genehmigung des Autors): unsere zeit \u2013 21.5.2021, S. 7<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritik an israelischer Milit\u00e4r- und Besatzungspolitik wird ein Stempel aufgedr\u00fcckt. Antisemitismus im Definitionskarussell von Rudolph Bauer Was ist Antisemitismus? Der Philosoph und Soziologe Theodor W. 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