{"id":10912,"date":"2021-10-05T06:42:21","date_gmt":"2021-10-05T06:42:21","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=10912"},"modified":"2021-10-06T09:08:41","modified_gmt":"2021-10-06T09:08:41","slug":"unsere-einzige-rache-ist-frieden-zu-schliessen-buchbesprechung-des-romans-apeirogon-von-colum-mccann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=10912","title":{"rendered":"\u201eUnsere einzige Rache ist, Frieden zu schlie\u00dfen\u201c. Rezension des Romans &#8222;Apeirogon&#8220; von Colum McCann"},"content":{"rendered":"<p>\u201e<span style=\"font-size: medium;\">Unsere einzige Rache ist, Frieden zu schlie\u00dfen\u201c. <\/span><span style=\"font-size: medium;\">Der grandiose Roman \u201e<\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Apeirogon\u201c<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> des irischen Autors Colum McCann schildert, wie eine israelische und eine pal\u00e4stinensische Familie mit dem Mord an einem ihrer Kinder umgeht. von <\/span><span style=\"font-size: medium;\">Arn Strohmeyer<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Um das Fazit gleich vorwegzunehmen: Wer immer noch glaubt und davon \u00fcberzeugt ist, dass der Zionismus irgendetwas mit Frieden zu tun hat und Israel ein von Moral gepr\u00e4gter Staat ist, der lese dieses Buch <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Apeirogon<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> von Colum McCann. Dieser irische Autor hat den Konflikt zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern in einem grandios geschriebenen Roman zusammengefasst. Mit unbestechlichem Blick auf das grausam-barbarische Vorgehen der Zionisten gegen ein ganzes Volk, das sich verzweifelt gegen die Unterdr\u00fcckung und die endg\u00fcltige Vertreibung aus seinem Land wehrt, analysiert der Autor das Geschehen in Israel-Pal\u00e4stina. Dabei spart er nicht mit historischen und wissenschaftlichen Einsch\u00fcben, ja bisweilen benutzt er sogar poetische Assoziationen, um klarzumachen, wie sch\u00f6n dieses Land sein k\u00f6nnte, wenn der Wille zum Frieden vorherrschend w\u00e4re. Mit der Anwendung der Collage-Technik wechselt st\u00e4ndig die Szene und die Ebene des Erz\u00e4hlens und schafft so eine ganz eigene Atmosph\u00e4re der beschriebenen Ereignisse und des Verstehens beim Leser.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><i>Apeirogon<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> ist ein Begriff aus der Geometrie und bezeichnet eine Figur, deren Seiten sowohl z\u00e4hlbar als auch gegen unendlich gehen. Der Autor spielt hier wohl auf die Unendlichkeit des Konflikts zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern an. Oder anders gesagt: Man muss sehr viel Zeit und Geduld aufbringen, wenn man auf ein Ende dieses Konflikts hofft \u2013 genauso viel, wie wenn man die Seiten eines <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Apeirogons<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> z\u00e4hlen will. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der Roman erz\u00e4hlt authentisch die Geschichte von dem Pal\u00e4stinenser Bassam Aramin und dem Israeli Rami Elhanan. Beide haben \u00c4hnliches erlebt: Bassams zehnj\u00e4hrige Tochter Abir wird, als sie sich in einer Schulpause S\u00fc\u00dfigkeiten an einem Kiosk gekauft hat, durch den Schuss eines israelischen Soldaten mit einem Gummimantelgeschoss in den Hinterkopf getroffen. Sie stirbt Stunden sp\u00e4ter in einem Krankenhaus. Ramis Tochter Smadar stirbt bei einem Selbstmordanschlag zweier pal\u00e4stinensischer Attent\u00e4ter in einem Caf\u00e9 in Jerusalem.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der Tod ihrer Kinder ver\u00e4ndert das Leben der betroffenen Familien grunds\u00e4tzlich. Sie rufen nicht nach Rache, sondern kommen zu der Erkenntnis, dass Gewaltlosigkeit der einzige Weg ist, den Konflikt zwischen ihren beiden V\u00f6lkern zu l\u00f6sen. Sie treffen sich zu gemeinsamer Friedensarbeit in der Gruppe <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Parents Circle<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> mit Eltern, die \u00c4hnliches erlebt haben. Au\u00dferdem treten sie gemeinsam in Vortragsveranstaltungen in der ganzen Welt auf, um ihre Botschaft des Friedens und des Verzichts auf Gewalt zu verbreiten, wobei sie immer wieder betonen, dass die Trauer um ihre Kinder ihnen die Kraft zu diesen Aktivit\u00e4ten gibt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der Mut und die Entschlossenheit der beiden M\u00e4nner f\u00fcr ihre gemeinsame Sache ist umso bewundernswerter, da Beide nat\u00fcrlich durch ihre Vorgeschichte gepr\u00e4gt sind. Bassam k\u00e4mpfte als Fatah-Mitglied im Widerstand gegen die Zionisten und musste daf\u00fcr unter furchtbaren Bedingungen \u2013 Misshandlungen und Folter \u2013 sieben Jahre in einem israelischen Gef\u00e4ngnis verbringen. Rami, der eine zionistische Erziehung genossen hatte, galt nun in seinem Staat als \u201eAuss\u00e4tziger\u201c und \u201eVerr\u00e4ter\u201c. Er beschreibt, die rassistische Haltung der Zionisten gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern, die er selbst auch einmal vertreten hat, so: \u201eDie Wahrheit, die schreckliche Wahrheit ist, die Araber waren f\u00fcr mich blo\u00df Dinge, fern, abstrakt, bedeutungslos. Ich nahm sie nicht als reale Menschen wahr. Sie waren gar nicht vorhanden. (\u2026) Ich h\u00e4tte es nie zugegeben, nicht einmal vor mir selbst, aber sie h\u00e4tten auch Rasenm\u00e4her, Sp\u00fclmaschinen, Taxis oder Lkws sein k\u00f6nnen. (\u2026) Ein echter Pal\u00e4stinenser lebt [f\u00fcr Israelis] auf der dunklen Seite des Mondes. Das ist furchtbar, und ich sch\u00e4me mich daf\u00fcr. Aber so habe ich damals gedacht.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">An anderer Stelle holt der Israeli Rami Elhanan zu einer schonungslosen Kritik gegen die Politik seines States aus, die er vor allem von Angst bestimmt sieht: \u201eMit Angst l\u00e4sst sich Profit machen. Angst schafft Gesetze. Angst stiehlt Land, baut Siedlungen und bringt die Leute zum Schweigen. Und Hand aufs Herz. Wir Israelis sind Experten in Sachen Angst, wir sind davon besessen. Unsere Politiker lieben es, uns in Panik zu versetzen. Wir versetzen uns gegenseitig in Panik. Wir sprechen von <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Sicherheit<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\">, um die Kritiker mundtot zu machen. Aber es geht nicht um Sicherheit, es geht darum, andere Menschen zu beherrschen, ihr Leben, ihr Land, ihren Kopf. Es geht um Kontrolle. Das hei\u00dft um Macht. Damals wurde mir schlagartig klar, dass man die M\u00e4chtigen mit der Wahrheit konfrontieren muss. Die M\u00e4chtigen kennen die Wahrheit, aber sie verheimlichen sie. Also m\u00fcssen wir unsere Stimme erheben.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Die Lage der Pal\u00e4stinenser beschreibt Rami so: Wir m\u00fcssen uns klar machen, dass eine Seite, die Pal\u00e4stinenser vollst\u00e4ndig im Abseits steht. Sie besitzen keine Macht. Was sie tun, geschieht aus uns\u00e4glicher Wut, Frustration und Erniedrigung.\u201c Und er f\u00fcgt hinzu: \u201eIch bin Jude. Ich liebe meine Kultur und mein Volk sehr, und ich wei\u00df, dass es nicht j\u00fcdisch ist, L\u00e4nder zu besetzen, andere zu beherrschen und zu unterdr\u00fccken. J\u00fcdisch sein bedeutet, Recht und Anstand zu wahren. Kein Volk darf ein anderes unterdr\u00fccken und selbst in Sicherheit und Frieden leben. Die Besatzung ist weder gerecht noch tragbar. Und gegen die Besatzung zu sein hat nichts mit Antisemitismus zu tun.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Rami und Bassam sind sich in ihrem Ziel einig, das sie anstreben: \u201eWir m\u00fcssen die Besatzung beenden, und dann m\u00fcssen wir uns zusammensetzen und eine L\u00f6sung finden. Ein Staat, zwei Staaten, das spielt im Moment keine Rolle \u2013 beendet einfach die Besatzung, und dann k\u00fcmmert euch darum, dass wir alle ein Leben in W\u00fcrde f\u00fchren k\u00f6nnen.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der Autor schildert mit gro\u00dfer Treue zum Detail alle Umst\u00e4nde, die zum Leben der beiden Hauptakteure geh\u00f6ren: den Mord an ihren Kindern, ihren unendlichen Schmerz und die nicht vergehende Trauer, die verlogene offizielle israelische Reaktion (das Milit\u00e4r behauptet, Abir sein durch Steinw\u00fcrfe pal\u00e4stinensischer Kinder get\u00f6tet worden), die Verhandlung vor einem israelischen Gericht (\u00fcberraschenderweise gewann Bassam den Prozess, weil er von einer mutigen israelischen Richterin geleitet wurde) und die politischen Aktivit\u00e4ten von Rami und Bassam. Ramis Frau, die renommierte israelische Erziehungswissenschaftlerin Nurit Peled Elhanan und Tochter des oppositionellen israelischen Generals Matti Peled, ging sogar so weit Israel f\u00fcr den Mord an ihrer Tochter Smadar durch pal\u00e4stinensische Selbstmordattent\u00e4ter verantwortlich zu machen: \u201eDie Attent\u00e4ter sind nicht schuld an den Morden. Sie sind selber Opfer. Die Schuld tr\u00e4gt Israel. Das Blut der Toten klebt an Israels H\u00e4nden.\u201c Denn Israel schaffe mit seiner Unterdr\u00fcckungspolitik erst die Umst\u00e4nde, die zu solchen Morden f\u00fchrten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Bei allem Bem\u00fchen des Autors um Objektivit\u00e4t und dem Bestreben, \u201ebeiden Seiten\u201c in seiner Darstellung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, kommt er nicht umhin festzustellen, wer in diesem Konflikt die gerechte Sache vertritt: die Pal\u00e4stinenser. Dem Leser dr\u00e4ngt sich aber unweigerlich die Frage auf, ob angesichts der grausamen israelischen Unterdr\u00fcckungspolitik der \u2013 moralisch sehr hoch zu bewertende \u2013 Gewaltverzicht ein geeignetes Mittel sein kann, die Situation zu verbessern. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Angesichts der immensen milit\u00e4rischen \u00dcbermacht Israels scheint ein solches Vorgehen angemessen. Dagegen spricht, dass Israel jede noch so friedliche Demonstration der Pal\u00e4stinenser f\u00fcr ihre Rechte mit einer solchen Brutalit\u00e4t niederschl\u00e4gt \u2013 Einsatz von Gummigeschossen und scharfer Munition \u2013 , dass Zweifel berechtigt sind, ob man mit pazifistischen Mitteln einem so \u00fcberm\u00e4chtigen und grausamen Gegner entgegentreten und ihn zu Zugest\u00e4ndnissen zwingen kann. Es sei daran erinnert, dass der sogenannte \u201eOslo-Friedensprozess\u201c erst nach der ersten Intifada m\u00f6glich war. Ohne Druck von unten und von au\u00dfen wird Israel keinen Schritt von seiner politischen und milit\u00e4rischen Linie abweichen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Es gibt nicht viele erz\u00e4hlende Werke \u00fcber den Nahost-Konflikt. Colum McCann ist da ein gro\u00dfer Wurf gelungen. Er wei\u00df die furchtbare Realit\u00e4t und die poetische Seite Pal\u00e4stinas, die es auch gibt, in genialer Weise miteinander zu verkn\u00fcpfen, so dass ein grandioses Zeitbild entsteht. Wem f\u00fcr die Lekt\u00fcre politische B\u00fccher zu trocken sind, sollte zu diesem Roman greifen. Selten ist literarisches Erz\u00e4hlen und zeitgeschichtliche Dokumentation zu einer so gelungenen Symbiose vereint worden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">PS Ich muss am Ender dieser Rezension eine pers\u00f6nliche Anmerkung machen. Es ist eine denkw\u00fcrdige und faszinierende Sache, wenn man den Hauptprotagonisten eines Romans pers\u00f6nlich kennt. Bassam Aramin hat 2007 den <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Internationalen<\/i><\/span> <span style=\"font-size: medium;\"><i>Bremer Friedenspreis der Stiftung Die Schwelle<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> bekommen. Er kam selbst mit seiner Tochter Areen in die Hansestadt, um ihn entgegenzunehmen. Ich habe damals bei der Feierstunde im Bremer Rathaus die Laudatio auf ihn gehalten. Er war auch bei meiner Frau und mir zu einem Abendessen zu Gast. Wir hatten ein sehr interessantes Gespr\u00e4ch, in dem wir viel \u00fcber seine Geschichte und die Lage in Israel\/Pal\u00e4stina erfahren haben. Und ich sehe noch die strahlenden Augen von Areen vor mir, als ich ihr an jenem Abend eine Kinderarmbanduhr geschenkt habe\u2026<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUnsere einzige Rache ist, Frieden zu schlie\u00dfen\u201c. 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