{"id":1094,"date":"2014-08-06T06:27:58","date_gmt":"2014-08-06T06:27:58","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1094"},"modified":"2014-08-10T16:08:43","modified_gmt":"2014-08-10T16:08:43","slug":"der-gazastreifen-ein-truemmerfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1094","title":{"rendered":"&#8222;Der Gazastreifen, ein Tr\u00fcmmerfeld&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gaza-Stadt, am Dienstag, dem 5. August 2014. Ein Bericht von Martin Lejeune.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ruhiger geworden im Gazastreifen seit heute morgen. Die Drohnen kreisen zwar noch \u00fcber unser Viertel, st\u00f6ren Mahers Mittagsschlaf, aber es wird nicht mehr bombardiert. \u201cGott sei Dank finden wir jetzt, nach den vier Wochen der st\u00e4ndigen Explosionen um uns herum endlich wieder etwas Ruhe\u201d, sagt Ahmad, 16, der in unserer Stra\u00dfe wohnt.<!--more--> Ruhe, endlich etwas lang ersehnte Ruhe vor Bomben und Raketen, um zumindest f\u00fcr drei Tage so etwas wie den Anschein eines normalen Alltags leben zu k\u00f6nnen. \u201cIch kann endlich wieder meine Freunde treffen\u201d, freut sich Ahmad, 16, der die Feuerpause nutzt, um auf der Stra\u00dfe vor unserem Haus mit diesen Freunden Fu\u00dfball zu spielen.<\/p>\n<p>Fu\u00dfballspielen, eine der normalsten T\u00e4tigkeiten auf dieser Welt, war nicht mehr m\u00f6glich im nicht mehr normalen Leben der 1,8 Millionen Pal\u00e4stinenser im Gazastreifen seitdem die Bombardierung Gazas zu Luft, zu Boden und zu See am 7. Juli begann. Fu\u00dfballspielen, das war auf einmal etwas Lebensgef\u00e4hrliches geworden, weil man daf\u00fcr auf die Stra\u00dfe gehen mu\u00dfte und weil jeder, der sich auf der Stra\u00dfe bewegt, von den Aufkl\u00e4rungsdrohnen der israelischen Luftwaffen eventuell mit K\u00e4mpfern der Hamas verwechselt werden k\u00f6nnte. Nat\u00fcrlich versehentlich, wie israelische Armeesprecher nicht m\u00fcde werden zu betonen. Und obwohl es sich nur um Fu\u00dfballspielende Knaben handelt. So geschehen Mitte Juli als Bakr, 9, und seine drei Cousins, Ahed, 10, Zakariya, 10, und Mohammad, 11, vor einem mit Journalisten voll besetzten Hotel in Gaza-Stadt von den Bomben der israelischen Streitkr\u00e4fte get\u00f6tet wurden w\u00e4hrend sie am Strand Fu\u00dfball spielten. \u201cSp\u00e4testens seit diesem Vorfall hat die israelische Armee in meinen Augen ihre Unschuld verloren\u201d, kommentiert ein eigentlich bis dahin als \u201cpro-Israelisch\u201d bekannter Journalist, der kurz zuvor noch selber mit den Jungs Fu\u00dfball mitgespielt hatte und die Bombardierung von der Terrasse seines Hotels mit eigenen Augen mitverfolgte. Jetzt, heute aber ist Fu\u00dfballspielen wieder m\u00f6glich f\u00fcr die Kinder des Gazastreifens, zumindest f\u00fcr die Kinder, die hier in Gaza-Stadt wohnen. Die 600.000 Binnenvertriebenen jedoch nutzen die Zeit des R\u00fcckzugs der israelischen Armee, um in ihre H\u00e4user im zuvor heftig umk\u00e4mpften Norden und S\u00fcden des Gazastreifens zur\u00fcckzukehren. Dort angekommen schauen sie fassungslos auf das, was von ihren H\u00e4usern noch \u00fcbrig geblieben ist. Zumeist ist es nicht mehr als ein zerfetztes Kleidungsst\u00fcck, das zwischen den Tr\u00fcmmern feststeckend im Wind hin- und herweht. Tr\u00fcmmer. Tr\u00fcmmer, \u00fcberall Tr\u00fcmmer, wohin man schaut. \u00dcberall liegen Tr\u00fcmmer. Man traut sich ob dieses Anblickes nicht mehr weiter zu atmen. Es zerbricht einem das Herz. Shijaiya, Bureij, Khan Yunis, Rafah, Beit Hanoun, Beit Lakhiya, Nuseirat. Das waren einmal St\u00e4dte im Gazastreifen, in denen Menschen in Fabriken und in Beh\u00f6rden arbeiteten, in denen Kinder zur Schule gingen. St\u00e4dte, in denen Menschen in ihren H\u00e4usern wohnten. St\u00e4dte, in denen gl\u00e4ubige Muslime f\u00fcnf Mal am Tag zum Beten in ihre Moscheen gingen. Das war das Leben von 1,8 Millionen Menschen im Gazastreifen vor dem 7. Juli. Es war kein gutes Leben, denn sie leiden seit acht Jahren unter einem Embargo durch die Staaten \u00c4gypten und Israel. Aber es war ein Leben zumindest mit Wasser, Strom und Telefon. Das alles gibt es nicht mehr seit der totalen Bombardierung des Gazastreifens in der Nacht von dem 28. auf den 29. Juli, als das einzige Elektrizit\u00e4tskraftwerk des Gazastreifens bombardiert wurde, das Finanzministerium, viele Moscheen, Wohnh\u00e4user und Gesch\u00e4fte. Eigentlich so wie in jeder Nacht in Gaza zwischen dem 7. Juli und dem 5. August. Nur in dieser Nacht massiv heftiger als sonst. Shijaiya, Bureij, Khan Yunis, Rafah, Beit Hanoun, Beit Lakhiya, Nuseirat. Das waren vor dem 7. Juli St\u00e4dte, in denen man mehr schlecht als recht leben konnte, aber in denen man zumindest Leben konnte. Jetzt ist in Shijaiya, Bureij, Khan Yunis, Rafah, Beit Hanoun, Beit Lakhiya und Nuseirat kein Leben mehr m\u00f6glich. Die zivile Infrastruktur dieser St\u00e4dte ist durch die israelischen Streitkr\u00e4fte komplett zerst\u00f6rt worden, Stra\u00dfen sind nicht mehr befahrbar, Brunnen versch\u00fcttet, Schulen bombardiert, Strommasten umgekippt. Strommasten, durch die ohnehin kein Strom flie\u00dft, solange kein neues Kraftwerk gebaut werden kann.<\/p>\n<p>&#8222;Wie lange wird es dauern, bis ihr all die Tr\u00fcmmer, all den Schutt wegger\u00e4umt haben werdet&#8220;, frage ich Maher. &#8222;Wohin \u00fcberhaupt sollen wir denn die Tr\u00fcmmer und den Schutt karren?&#8220;, entgegnet er mir entgeistert. &#8222;Wir haben gar keine freien Fl\u00e4chen im Gazastreifen daf\u00fcr und auch nicht genug Bagger und Lastwagen, um alles einzusammeln.&#8220; Dort, wo die meisten Tr\u00fcmmer liegen, in Shijaiya, Bureij, Khan Yunis, Rafah, Beit Hanoun, Beit Lakhiya und Nuseirat, aber auch in vielen anderen Orten des Gazastreifens, dort schaffen heute die Menschen mit ihren eigenen H\u00e4nden die Tr\u00fcmmer beiseite, ohne Werkzeug, ohne Schaufeln, ohne Handschuhe. Es hat 36 Grad Celsius und der Schwei\u00df vermischt sich mit dem Staub des Schuttes auf ihrer Haut zu einem trockenen Schlamm.<\/p>\n<p>Die Menschen versuchen sich einen Weg zu bahnen durch die Tr\u00fcmmer, um das Ausma\u00df der gewaltigen Zerst\u00f6rung zu begreifen und um irgendwie, irgendwann mit einem Neuanfang zu beginnen. \u201cNeu anfangen wof\u00fcr?\u201d, fragt mich Maher, als ich von ihm wissen will, wie lange der Neuanfang dauern werde unter den Bedingungen des Embargos. Durch das Embargo k\u00f6nnen Zement, Bausteine und Ziegel nur durch Schmugglertunnel in den Gazastreifen kommen. Schmugglertunnel, die jetzt laut Aussagen der israelischen Armeesprecher alle zerst\u00f6rt worden seien. \u201cWof\u00fcr sollen wir neuanfangen?\u201d, fragt mich Maher m\u00fcde, dem wie allen hier in Gaza die Ersch\u00f6pfung infolge schlafloser Bombenn\u00e4chte anzusehen ist. \u201cDamit uns die Israelis in zwei Jahren wieder alles kaputt bombardieren k\u00f6nnen? Ich habe jetzt schon drei furchtbare Kriege erlebt in den letzten f\u00fcnf Jahren in Gaza\u201d, sagt Maher. \u201cUnd jeder Krieg war schlimmer als der vorherige. Und dieses Jahr, das waren die heftigsten Bombardierungen, die ich jemals in meinem Leben erlebt habe. Uns fehlt in diesen ersten Stunden des Verschnaufens noch die Kraft, an den Wiederaufbau zu glauben\u201d, erkl\u00e4rt Maher. \u201cUnd ohne ein Ende des Embargos und ohne internationalen Druck auf Israel, mit diesen Angriffen auf unsere zivile Infrastruktur aufzuh\u00f6ren, wird ein Wiederaufbau uns auch nicht gelingen\u201d, konstertiert Maher.<\/p>\n<p>Zu \u00e4hnlichen Einsch\u00e4tzungen wie Maher kommt auch der Gouverneur von Gaza, Abdallah al-Frangi, mit dem ich seit meiner Ankunft im Gazstreifen am 22. Juli im regelm\u00e4\u00dfigen Kontakt stehe. Al-Frangi ist seit dem 7. Juli Gouverneur von Gaza, seit dem Tag an dem die Bombardierung des Gazastreifens begann. Al-Frangi sagt: \u201cIch bin nach wie vor sehr ersch\u00fcttert \u00fcber das katastrophale Ausma\u00df der Zerst\u00f6rungen\u201d, so al-Frangi. \u201cDas pal\u00e4stinensische Volk darf man jetzt nicht im Stich lassen bei seinen schweren Bem\u00fchungen f\u00fcr den Wiederaufbau. Wir haben \u00fcber 600.000 Obachlose im Gazastreifen durch die gro\u00dfen Zerst\u00f6rungen. Wir m\u00fcssen mit der internationalen Gemeinschaft einen Weg finden aus diesem Desaster.\u201d<br \/>\n<em>Martin Lejeune<\/em><br \/>\nQuelle (mit freundlicher Genehmigung): http:\/\/martin-lejeune.tumblr.com\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gaza-Stadt, am Dienstag, dem 5. August 2014. Ein Bericht von Martin Lejeune. Es ist ruhiger geworden im Gazastreifen seit heute morgen. 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