{"id":10943,"date":"2021-10-31T10:46:56","date_gmt":"2021-10-31T10:46:56","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=10943"},"modified":"2021-10-31T10:53:08","modified_gmt":"2021-10-31T10:53:08","slug":"israelische-historiker-kontextualisierung-ist-noch-kein-schlussstrich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=10943","title":{"rendered":"Zur Debatte \u00fcber die Singularit\u00e4t des Holocaust und den Kolonialismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Vorbemerkung:<\/em> Ist der Holocaust singul\u00e4r? Ist es ein Sakrileg, den Judenmord durch die Deutschen mit anderen Genoziden in der Geschichte zu vergleichen? Ist der Rassismus und die Apartheid-Politik in Israel ein Erbe bzw. eine Weiterf\u00fchrung des westlichen Kolonialismus? Diese Fragen werden zur Zeit in den Medien intensiv diskutiert. Einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Debatte mit vielen weiteren Verweisen ver\u00f6ffentlichte die Berliner Zeitung am 30.10.2021 in einen Artikel von <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/wochenende\/israelische-historiker-kontextualisierung-ist-noch-kein-schlussstrich-li.191383\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Alon Confino, Amos Goldberg und Raz Segal mit dem Titel &#8222;Israelische Historiker: Kontextualisierung ist noch kein Schlussstrich&#8220;<\/em><\/a>. Der Abdruck auf unserer Webseite erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<br \/>\n<em>S\u00f6nke Hundt<\/em><!--more--><\/p>\n<hr>\n<p><span class=\"a-paragraph-opener\">Berlin<\/span> &#8211; Die j\u00fcngste Debatte \u00fcber den Holocaust, die mit Dirk Moses\u2019 Artikel \u00fcber den \u201eDeutschen Katechismus\u201c begonnen hat, geht weiter. Sie dreht sich unter anderem um das Verh\u00e4ltnis zwischen Holocaust und Kolonialismus sowie um das Verh\u00e4ltnis zwischen Antisemitismus und der Frage nach Israel-Pal\u00e4stina. <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/holocaustforscher-yehuda-bauer-das-ziel-war-der-massenmord-an-sich-li.187338?pid=true\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Yehuda Bauer hat am 8. Oktober 2021 in der Berliner Zeitung auf den Katechismus-Essay von Dirk Moses geantwortet.<\/a> Bauer ist einer der bedeutendsten Holocaust-Historiker. Sein Artikel verdient eine ernsthafte Betrachtung und Antwort.<\/p>\n<p>Bauer behauptet, der Holocaust und die kolonialen V\u00f6lkermorde sind zwei ganz verschiedene Ph\u00e4nomene, weil V\u00f6lkermorde im Wesentlichen wirtschaftlich motiviert gewesen seien, w\u00e4hrend die Motivation f\u00fcr den Holocaust nicht wirtschaftlich oder pragmatisch, sondern ideologisch war. Es scheint so zu sein, dass Bauer die umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten der vergangenen zwei Jahrzehnte zu V\u00f6lkermord, Kolonialismus und Holocaust wissentlich ignoriert. Arbeiten, die zeigen, dass ideologische Beweggr\u00fcnde \u2013 unterlegt mit Fantasien, Gef\u00fchlen und Vorstellungen \u2013 in allen V\u00f6lkermorden die entscheidenden Motive waren. Selbst wenn man die rein praktischen Gr\u00fcnde f\u00fcr koloniale Konflikte in Betracht zieht, erfordert der Sprung von einem Konflikt zu einem V\u00f6lkermord immer eine bestimmte Art von Vorstellungskraft, um die Behauptung zu rechtfertigen, dass zum \u201eFeind\u201c auch Frauen, Kinder und alte Menschen geh\u00f6ren, die ausgerottet werden m\u00fcssen. Die gegenw\u00e4rtige Forschung stellt fest, dass v\u00f6lkerm\u00f6rderische Gewalt immer aus einer Mischung von Motiven, einschlie\u00dflich solcher wirtschaftlicher und ideologischer Natur, resultiert.<\/p>\n<h2 class=\"western\">R\u00fccksichtsloses koloniales Enteignungsstreben<\/h2>\n<p>Spanische Siedler in S\u00fcd- und Mittelamerika ab dem sp\u00e4ten 15. Jahrhundert und weiter, um nur ein Beispiel zu nennen, l\u00f6schten D\u00f6rfer aus und versklavten Menschen, zerst\u00f6rten indigene Gedenkst\u00e4tten und errichteten Kirchen auf ihren Ruinen, ermordeten religi\u00f6se F\u00fchrer und vernachl\u00e4ssigten absichtlich Menschen, die den von ihnen mitgebrachten Krankheiten erlagen, was zum Tod von etwa 90 Prozent der indigenen Bev\u00f6lkerung f\u00fchrte. Tzvetan Todorov beschrieb dies 1999 als \u201eden gr\u00f6\u00dften V\u00f6lkermord in der Geschichte der Menschheit\u201c, dem ein r\u00fccksichtsloses koloniales Enteignungsstreben zugrunde lag, das auf der Entmenschlichung der indigenen Bev\u00f6lkerung und auf theologischen Rechtfertigungen beruhte \u2013 was ziemlich genau der Beschreibung irrationaler Ideologie entspricht, wie Bauer sie versteht.<\/p>\n<p>Diese Politik war \u2013 und sollte es auch nach Bauers Verst\u00e4ndnis des Begriffs sein \u2013 irrational, da die spanischen Kolonialisten auch dann Bedingungen f\u00fcr ein Massensterben schufen, wenn sie die einheimische Bev\u00f6lkerung als Sklavenarbeiter ben\u00f6tigten. Einigen Historikern wie J\u00fcrgen Zimmerer zufolge galt dies auch f\u00fcr den von Deutschland 1904 bis 1908 begangenen V\u00f6lkermord an den Herero und Nama, da doch die einheimische Bev\u00f6lkerung aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden eigentlich gebraucht wurde. Auch die Nazis reihten sich in dieses ideologische Muster ein, als sie drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene (meist durch Verhungern) ermordeten \u2013 zwei Millionen von ihnen im Herbst 1941, die gr\u00f6\u00dfte Gruppe von Opfern des nationalsozialistischen Massenmords in diesem Jahr \u2013, obwohl sie sie als Sklavenarbeiter h\u00e4tten brauchen k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id=\"traffective-ad-Content_1\" dir=\"ltr\">\n<div id=\"google_ads_iframe_\/307308315,21876035911\/berliner-zeitung.de_2__container__\" dir=\"ltr\"><b>Die Nazis w\u00e4hlten vielfach eine \u201erationale\u201c Wirtschaftspolitik<\/b><\/div>\n<\/div>\n<p>Das Gesamtbild ist noch komplizierter. Der Historiker Christian Gerlach hat gezeigt, dass der Massenmord der Nazis, auch an den Juden, sowohl wirtschaftliche als auch ideologische Gr\u00fcnde hatte. Durch die Aufl\u00f6sung des Warschauer Ghettos und die Ermordung des gr\u00f6\u00dften Teils seiner Bev\u00f6lkerung, einer halben Million Juden, im Sommer 1942 konnten die Nazis beispielsweise erhebliche Mengen an Lebensmitteln einsparen. Dies war ein Schl\u00fcsselfaktor f\u00fcr die Kriegswirtschaft der Nazis, insbesondere nach der schweren Lebensmittelknappheit im Fr\u00fchjahr 1942, die auf einen besonders harten Winter zur\u00fcckzuf\u00fchren war. Bauer ignoriert diese Diskussionen, die seine jahrelangen Behauptungen infrage stellen, und beharrt auf einer bin\u00e4ren Sichtweise: Die Motivation f\u00fcr V\u00f6lkermorde ist entweder prim\u00e4r wirtschaftlich oder ideologisch.<\/p>\n<p><a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/wochenende\/wir-haben-keinen-neuen-historikerstreit-sondern-einen-neuen-autoritarismus-li.175278\">EssayWir haben keinen neuen Historikerstreit, sondern einen neuen&nbsp;Illiberalismus <\/a><\/p>\n<p>Das Dokument, das Bauer als Beweis f\u00fcr seine Ansichten anf\u00fchrt \u2013 Hitlers Memorandum an G\u00f6ring vom August 1936 \u2013, l\u00e4sst eine gegenteilige Interpretation zu. Erstens spielten wirtschaftliche und andere \u201erationale\u201c Erw\u00e4gungen 1936 eine entscheidende Rolle in der antij\u00fcdischen Politik der Nazis. Dies setzte sich auch w\u00e4hrend des Krieges fort. Wie Christopher Browning gezeigt hat, zogen die Nazis Anfang 1941 in den beiden gr\u00f6\u00dften Ghettos Polens, Warschau und Lodz, noch eine \u201erationale\u201c Wirtschaftspolitik einer ideologischen Vernichtungspolitik vor. Diese Politik \u00e4nderte sich erst sp\u00e4ter. Anscheinend gibt es auch in diesem Memorandum einen wirtschaftlichen Hinweis auf die Juden. Um die deutsche Wirtschaft auf den Krieg vorzubereiten, schl\u00e4gt das Memorandum zwei Gesetze vor. Erstens: ein Gesetz, das das gesamte Judentum haftbar macht f\u00fcr alle Sch\u00e4den, \u201edie durch einzelne Exemplare dieses Verbrechertums der deutschen Wirtschaft [\u2026]\u201c entstanden seien.<\/p>\n<p>Zweitens, und dieses Argument ist vielleicht das wichtigste: Hitler und andere Nazis glaubten tats\u00e4chlich, dass der Sieg des Judentum-Bolschewismus zur Zerst\u00f6rung Deutschlands f\u00fchren w\u00fcrde, wie es in einer Denkschrift hei\u00dft: \u201eDenn ein Sieg des Bolschewismus \u00fcber Deutschland w\u00fcrde nicht zu einem 3. Versailler Vertrag f\u00fchren, sondern zu einer endg\u00fcltigen Vernichtung, ja Ausrottung des deutschen Volkes.\u201c<\/p>\n<h2 class=\"western\">Bauer betont den \u201espezifischen\u201c Charakter des Antisemitismus<\/h2>\n<p>Solche Sicherheitsfantasien sind nicht einzigartig. Wie Moses und andere gezeigt haben, gilt dies in vielen, wenn nicht in den meisten F\u00e4llen von Massengewalt, ethnischen S\u00e4uberungen und V\u00f6lkermorden (einschlie\u00dflich des V\u00f6lkermords an den Armeniern und der kolonialen V\u00f6lkermorde). Aus diesem Grund schrieb Himmler am 18. Dezember 1941 in seinen Dienstkalender, dass die Juden als Partisanen ermordet werden sollen, da er sie als unertr\u00e4gliche innere Bedrohung sieht. Dieser Einwand kann auch erkl\u00e4ren, warum die Endl\u00f6sung h\u00f6chstwahrscheinlich im Dezember 1941 beschlossen wurde (und nicht im Juni, wie in Bauers Aufsatz angedeutet wird). Als die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten und Deutschland sich in einem Krieg gegen alle drei Gro\u00dfm\u00e4chte wiederfand, beschloss Hitler, alle Menschengruppen zu t\u00f6ten, die er als innere Feinde ansah, da sie laut seiner Sicherheitsfantasien eine unertr\u00e4gliche Bedrohung darstellten.<\/p>\n<p>In seiner Argumentation betont Bauer den \u201espezifischen\u201c Charakter des Antisemitismus und damit auch des Holocaust. Bauer wei\u00df, dass jedes Ereignis spezifisch ist; er meint damit, dass der Antisemitismus und der Holocaust einen spezifischen Charakter gegen\u00fcber allen anderen historischen Ereignissen haben. Dies ist eine andere Art, zu sagen, dass der Holocaust einzigartig ist. Die meisten Wissenschaftler haben die Debatte \u00fcber die Einzigartigkeit des Holocaust als unfruchtbar bezeichnet und die Debatte beendet, da sie erkannt haben, dass die Behauptung, ein bestimmtes Ereignis sei einzigartig, eine Behauptung auf identit\u00e4rer statt auf wissenschaftlicher Grundlage ist. In gewisser Hinsicht geh\u00f6rt die Vorstellung von der Einzigartigkeit des Holocaust, die Teil der europ\u00e4ischen Geschichte ist, zu einer l\u00e4ngeren europ\u00e4ischen Tradition, die die europ\u00e4ische Kultur und Geschichte als eigenst\u00e4ndig und \u00fcber allen anderen Geschichten der Welt stehend betrachtet. Diese Idee an sich war \u00fcberhaupt erst der Vorl\u00e4ufer und Erm\u00f6glicher des Kolonialismus.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Nazi-Gesetze waren&nbsp; von den amerikanischen Rassengesetzen inspiriert<\/h2>\n<p>Bauer \u00fcbersieht hier neuere und umfangreiche Arbeiten, die gezeigt haben, dass der Antisemitismus zwar bestimmte Besonderheiten aufweist, aber durchaus historisch von anderen Formen der Diskriminierung und des Rassismus beeinflusst wurde und mit ihnen in Verbindung steht. Auch hier ist der koloniale Kontext entscheidend. Der nationalsozialistische Antisemitismus \u2013 die Idee der Vernichtung der Juden und der j\u00fcdischen Kulturwelt als Schl\u00fcssel zur Schaffung einer besseren Welt \u2013 w\u00e4re ohne die europ\u00e4ischen Vorstellungen von Rasse und Rassenkunde als Motor des Fortschritts unvorstellbar gewesen, die die Europ\u00e4er dazu brachten, Imperien in der ganzen Welt zu errichten und dabei Gesellschaften zu zerst\u00f6ren, die sie als r\u00fcckst\u00e4ndig, unzivilisiert oder als Bedrohung f\u00fcr die erl\u00f6sende Qualit\u00e4t der Verbreitung der europ\u00e4ischen Zivilisation auf der Erde ansahen.<\/p>\n<p><a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/berlin-warum-der-fall-nemi-el-hassan-die-krise-des-deutschen-journalismus-aufzeigt-li.183119\">KommentarWarum der Fall Nemi El-Hassan die Krise des deutschen Journalismus aufzeigt <\/a><\/p>\n<p>Die Juden waren w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs weder die erste noch die letzte Gruppe, die einem konzertierten Angriff ausgesetzt war, um sie \u201eim Namen und zur Verteidigung einer \u00fcberlegenen Rasse, die geboren wurde, um die Welt zu beherrschen\u201c, zu vernichten, wie der afroamerikanische Intellektuelle W.E.B. Du Bois 1947 geschrieben hat. Auch der Rechtswissenschaftler James Whitman hat k\u00fcrzlich gesagt, dass sich die Nazi-Juristen bei der Ausarbeitung der N\u00fcrnberger Gesetze von den amerikanischen Rassengesetzen inspirieren lie\u00dfen, die sich vor allem gegen Schwarze, Ureinwohner und Asiaten richteten.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Es gibt jedoch gute Gr\u00fcnde, die IHRA-Dokumente abzulehnen<\/h2>\n<p>Bei dieser Debatte \u00fcber Antisemitismus geht es jedoch nicht nur um die Geschichte, sondern auch um das gegenw\u00e4rtige Verh\u00e4ltnis zwischen Antisemitismus und der Frage nach Israel-Pal\u00e4stina. In seinem Katechismus-Aufsatz kritisiert Dirk Moses die Auffassung, dass Antizionismus Antisemitismus sei, und schreibt weiter, dass pal\u00e4stinensische Stimmen in Deutschland, die Israel kritisieren, zum Schweigen gebracht w\u00fcrden. Bauer r\u00fcgt Moses f\u00fcr diese Ansichten, denn Moses\u2019 Argument stehe im Widerspruch zur Position der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), deren Ehrenvorsitzender Bauer ist. Bauer hat sich f\u00fcr die von der IHRA vorgeschlagene Arbeitsdefinition von Antisemitismus eingesetzt und sie seit ihrer Verabschiedung im Jahr 2016 angesichts der zunehmenden Kritik verteidigt.<\/p>\n<p>Es gibt jedoch gute Gr\u00fcnde, die IHRA-Dokumente abzulehnen, da ihre Inhalte ungeachtet der urspr\u00fcnglichen Absichten ihrer Verfasser dazu gef\u00fchrt haben, Kritiker der israelischen Besatzung und der Gewalt gegen Pal\u00e4stinenser zum Schweigen zu bringen. Die IHRA-Definition von Antisemitismus hat den Kampf gegen Antisemitismus zu einer Waffe gegen Pal\u00e4stinenser, Juden und andere, die sich f\u00fcr gleiche nationale, politische, b\u00fcrgerliche und andere Menschenrechte f\u00fcr alle Bewohner von Israel-Pal\u00e4stina einsetzen, instrumentalisiert. Nach der IHRA-Definition von Antisemitismus gelten die politischen Ideen der Gleichberechtigung und des Egalitarismus, die wichtige ideologische S\u00e4ulen der demokratischen und emanzipatorischen Traditionen Europas sind, im Zusammenhang mit Israel-Pal\u00e4stina als antisemitisch. Dies allein sollte ein Grund sein, die IHRA-Definition von Antisemitismus abzulehnen.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Der Boykott einer regionalen Supermacht<\/h2>\n<p>Bauer bezeichnet die deutsche Haltung zu Israel als \u201egesund\u201c. In der Tat ist die deutsche Vergangenheitsbew\u00e4ltigung bewundernswert. Aber im Falle Israels hat sie in letzter Zeit den falschen Weg eingeschlagen. Wir sehen nichts Gesundes darin, dass der Begriff des Antisemitismus ausgeh\u00f6hlt wird, indem er gegen jeden verwendet wird, der die pal\u00e4stinensischen B\u00fcrger- und Menschenrechte unterst\u00fctzt. Wir sehen nichts Gesundes darin, dass ein angesehener Wissenschaftler der Judaistik wie Peter Sch\u00e4fer von seinem Posten als Direktor des J\u00fcdischen Museums in Berlin zur\u00fccktreten musste, nachdem der Sprecher des Museums einen positiven Verweis auf einen offenen Brief getwittert hatte, der von 240 j\u00fcdischen Wissenschaftlern unterzeichnet worden war und in dem Angela Merkel aufgefordert wurde, den Bundestagsantrag, der BDS mit Antisemitismus gleichsetzt, nicht anzunehmen.<\/p>\n<p>Viele Deutsche erkl\u00e4ren diese Unf\u00e4higkeit, politische Meinungsverschiedenheiten von Bigotterie zu unterscheiden, mit dem Argument, dass der Boykott des Staates Israel sie an den Boykott j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte durch die Nazis in den 30er-Jahren erinnert. Aber wir sehen nichts Gesundes in der Tatsache, dass so viele Deutsche nicht zwischen dem Boykott machtloser Juden durch ein m\u00e4chtiges und b\u00f6sartiges Naziregime und dem Boykott einer regionalen Supermacht, die Millionen von Pal\u00e4stinensern ihrer grundlegenden menschlichen und politischen Rechte beraubt, unterscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Im Canceln&nbsp; sehen wir nichts Gesundes<\/h2>\n<p>Innerhalb der j\u00fcdischen Welt gibt und gab es immer schon eine Debatte \u00fcber den Staat Israel und den Zionismus. In Deutschland mischen sich der Staat und seine Institutionen grob in diese Debatte ein und stellen sich auf die Seite der Nationalisten. Im Jahr 2019 wurde das Bankkonto der j\u00fcdischen Organisation \u201eJ\u00fcdische Stimme f\u00fcr gerechten Frieden in Nahost\u201c wegen angeblichen Antisemitismus zwangsweise geschlossen. Ein von israelischen Juden initiiertes Seminar, das sich mit nationalistischer Mythologie befasste, wurde im folgenden Jahr abgesagt. Und vor kurzem wurde der \u00c4rztin Dr. Nemi El-Hassan, Tochter eines pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlings, deren Karriere ein Beispiel ist f\u00fcr den Erfolg von Migranten (und ein Dorn im Auge einwanderungsfeindlicher Populisten), die Moderation einer wissenschaftlichen Sendung im deutschen Fernsehen entzogen, weil ihr Beitr\u00e4ge der amerikanisch-j\u00fcdischen Organisation Jewish Voice for Peace gefielen, die 16.000 Mitglieder und Zehn-, wenn nicht Hunderttausende Anh\u00e4nger in der j\u00fcdischen Welt hat.<\/p>\n<p>Im heutigen Deutschland w\u00fcrde man Hannah Arendt, Martin Buber, Marek Edelman (den antizionistischen Bundf\u00fchrer und stellvertretenden Kommandanten des Warschauer Ghettoaufstands) und viele andere ebenso als Antisemiten abstempeln und canceln. Darin sehen wir nichts Gesundes.<\/p>\n<p><a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/wochenende\/der-triumph-der-bild-zeitung-warum-nemi-el-hassan-zu-unrecht-ihren-job-verliert-li.184339\">KommentarDer Triumph der Bild-Zeitung: Warum Nemi El-Hassan zu Unrecht ihren Job verliert <\/a><\/p>\n<p>Wir drei haben untereinander unterschiedliche Ansichten, und auch mit Moses stimmen wir nicht voll \u00fcberein. Aber wir widersprechen ausdr\u00fccklich der Unsitte, explizit oder implizit, oft durch Unterstellungen, diejenigen als Antisemiten darzustellen, die wie Moses den Holocaust kontextualisieren, die also die Idee infrage stellen, dass er einzigartig ist, die IHRA, den Zionismus und Israels Politik gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern ablehnen und den Kampf der Pal\u00e4stinenser f\u00fcr W\u00fcrde und gleiche Rechte unterst\u00fctzen.<\/p>\n<h2 class=\"western\">Alle Opfer von Gewalt haben es verdient, geh\u00f6rt zu werden<\/h2>\n<p>Bauer reiht sich in die Tradition dieser Unsitte ein, wenn er Moses antwortet: \u201eMoses\u2019 sogenannter Antizionismus f\u00fchrt zu dem, was Moses bestimmt nicht will, n\u00e4mlich zu einer antisemitischen Einstellung.\u201c Wir halten diese Art von Behauptung f\u00fcr unbegr\u00fcndet und nicht hilfreich. Die Argumente von Moses in seinem \u201eKatechismus\u201c-Artikel und anderswo sollten wie alle anderen historischen und politischen Argumente fair diskutiert werden, ohne dass man ihnen eine ruchlose Weltanschauung unterstellt. Nur auf diese Weise kann sich das Wissen weiterentwickeln.<\/p>\n<p>Bauer argumentiert, dass Moses einen Schlussstrich unter die deutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust ziehen will. Wir haben diese Ansicht nirgendwo in Moses\u2019 Schriften gefunden. Was Moses und andere vorschlagen, ist eine andere deutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust, eine, die sich ihrer Verantwortung gegen\u00fcber den Opfern des Holocaust bewusst ist und die mutig genug ist, den anhaltenden israelischen Unwillen zu kritisieren, sich der menschlichen und politischen Gleichberechtigung der Pal\u00e4stinenser anzunehmen. Alle Opfer von Gewalt haben es verdient, geh\u00f6rt zu werden und Gerechtigkeit zu erfahren, auch die j\u00fcdischen Opfer und auch die Opfer israelischer Juden. Diese Position stellt keineswegs einen Schlussstrich dar. Im Gegenteil, sie nimmt die Lehren aus dem Holocaust ernst und \u00fcbernimmt die Verantwortung f\u00fcr die Opfer \u00fcberall und allerorts. Wir glauben, dass dies eine w\u00fcrdige Lehre aus dem Holocaust ist.<\/p>\n<p><em>Alon Confino ist Pen Tishkach Chair of Holocaust Studies an der University of Massachusetts, Amherst, und Direktor des Institute for Holocaust, Genocide, and Memory Studies, USA.<\/em><\/p>\n<p><em>Amos Goldberg ist Jonah M. Machover Chair in Holocaust Studies und Leiter des Avraham Harman Research Institute of Contemporary Jewry an der Hebrew University of Jerusalem, Israel.<\/em><\/p>\n<p><em>Dr. Raz Segal ist Associate Professor of Holocaust and Genocide Studies und Endowed Professor in the Study of Modern Genocide an der Stockton University, USA.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung: Ist der Holocaust singul\u00e4r? Ist es ein Sakrileg, den Judenmord durch die Deutschen mit anderen Genoziden in der Geschichte zu vergleichen? Ist der Rassismus und die Apartheid-Politik in Israel ein Erbe bzw. eine Weiterf\u00fchrung des westlichen Kolonialismus? 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