{"id":10967,"date":"2021-11-28T16:39:32","date_gmt":"2021-11-28T16:39:32","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=10967"},"modified":"2021-11-28T16:40:15","modified_gmt":"2021-11-28T16:40:15","slug":"helga-baumgarten-kein-frieden-fuer-palaestina-der-lange-krieg-gegen-gaza-besatzung-und-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=10967","title":{"rendered":"Helga Baumgarten: Kein Frieden f\u00fcr Pal\u00e4stina. Der lange Krieg gegen Gaza. Besatzung und Widerstand"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-10972\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/21-11-28-baumgarten-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/21-11-28-baumgarten-212x300.jpg 212w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/21-11-28-baumgarten.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/>Ein neues Buch zu den Hintergr\u00fcnden des Mai-Kriegs.<br \/>\nHelga Baumgarten, Kein Frieden f\u00fcr Pal\u00e4stina. Der lange Krieg gegen Gaza. Besatzung und Widerstand, Wien: Promedia 2021. ISBN: 978-3-85371-496-6<\/p>\n<p>Am 12. Mai dieses Jahres wurde Helga Baumgarten, emeritierte Professorin der Universit\u00e4t Birzeit, im ZDF-Mittagsmagazin zu den seinerzeit laufenden Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Pal\u00e4stinensern interviewt. Sie wies erstens \u2013 langfristig \u2013 auf die schon mehr als 50 Jahre dauernde Besatzung mit ihrer st\u00e4ndigen Unterdr\u00fcckung und Einzw\u00e4ngung der Pal\u00e4stinenser durch die Besatzungsmacht und den daraus resultierenden Groll und zweitens auf den unmittelbaren Anlass hin: die Sperrung des Areals vor dem Damaskustor ausgerechnet im Ramadan und die israelischen Angriffe auf den Tempelberg mit seinen islamischen Heiligt\u00fcmern.<!--more--> Gefragt, ob denn nun die Pal\u00e4stinenser angesichts der Raketenangriffe der Hamas auf Israel, die dem gefolgt waren, mehrheitlich hinter ihr st\u00fcnden, antwortete sie bejahend und erkl\u00e4rte das mit eben diesem Groll, der bei der st\u00e4ndigen durch Israel ausge\u00fcbten Gewalt Gegengewalt bef\u00fcrworte. Weiter sprach sie sich f\u00fcr massiven diplomatischen Druck westlicher Staaten auf Israel aus \u2013 mit dem Ziel, es von seinem unterdr\u00fcckerischen Kurs abzubringen und letzten Endes die Besatzung zu beenden.<\/p>\n<p>Das alles war sachlich ganz richtig und nachvollziehbar. Es kommt allerdings sehr selten vor, dass in deutschen Medien an so prominenter Stelle Israel als lang- und kurzfristig hauptverantwortlich f\u00fcr die Eskalation der Situation vor Ort benannt wird. Die Reaktion war zweifach. Einmal f\u00fchrte es zum Aufschrei derjenigen, die sich hierzulande berufen f\u00fchlen, den Anwalt Israels zu machen, gleich was es tut. In der Bild-Zeitung wurde Baumgarten in den r\u00fcdesten T\u00f6nen beschimpft (\u201eHamas-Helga\u201c) und beschuldigt, eine \u201eTerroristen-Agenda\u201c zu verbreiten. Auch die Zeitschrift \u201ekonkret\u201c brachte einen heftigen Angriff auf das Interview.<\/p>\n<p>Die andere Reaktion war massenhafter Zuspruch, vor allem von muslimischen Migranten in Deutschland, die w\u00fcrdigten, dass der Konflikt einmal aus der Perspektive der Opfer dargestellt wurde, und sich als Muslime in ihrer Solidarit\u00e4t mit den Pal\u00e4stinensern ernstgenommen f\u00fchlten.<\/p>\n<p>Diese doppelte Reaktion wies auf den Zwiespalt hin, der Stellungnahmen zum Israel-Pal\u00e4stina-Konflikt allgemein kennzeichnet: die Parteinahme offizieller Stellen und eines gro\u00dfen Teils der Medien f\u00fcr Israel einerseits, Sympathie f\u00fcr die real unterdr\u00fcckten Pal\u00e4stinenser andererseits.<\/p>\n<p>Das hat Helga Baumgarten zum Anlass genommen, noch einmal auf die Sache zur\u00fcckzukommen \u2013 in einem Buch, in dem sie die Auseinandersetzungen im Mai im Detail nachzeichnet und sie dann in die Gesamtsituation von Konflikt und Besatzung einbettet. Dabei geht sie von 1948 aus \u2013 der Staatsgr\u00fcndung Israels und der damit verbundenen Zerst\u00f6rung der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft, vor allem der Vertreibung eines Gro\u00dfteils der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung, der \u201eNakba\u201c. Das illustriert sie, anders als es normalerweise geschieht, durch die pers\u00f6nliche Erfahrung einiger prominenter pal\u00e4stinensischer Pers\u00f6nlichkeiten.<\/p>\n<p><a name=\"_GoBack\"><\/a> Weiter verfolgt sie die in der Nakba entstandene Situation durch die verschiedenen Etappen ihrer Entwicklung; zun\u00e4chst die bis 1967, gekennzeichnet durch Exil, Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung der Pal\u00e4stinenser, aber auch schon durch die Entstehung eines Widerstands. Dann die Situation der Besatzung weiterer pal\u00e4stinensischer Gebiete seit 1967 mit all den neuen Formen von Entrechtung und Unterdr\u00fcckung; weiter die erste Intifada und der durch sie erm\u00f6glichte Oslo-Prozess, urspr\u00fcnglich erhofft als Friedensprozess, der allerdings wegen der israelischen Verweigerung einer Zwei-Staaten-L\u00f6sung diese Hoffnungen entt\u00e4uschte und zur massiven Verschlechterung der Situation der Pal\u00e4stinenser f\u00fchrte. Immer wieder betont die Autorin drei Aspekte der Entwicklung: den Charakter des zionistischen Projekts als Fall von Siedlungskolonialismus, die ethnische S\u00e4uberung als eines seiner Instrumente und Israels Charakter als Apartheidsstaat.<\/p>\n<p>Weiter behandelt das Buch die Entwicklung seit etwa 2004 unter zwei Aspekten. Da ist einmal der Aufbau von zwei pal\u00e4stinensischen politischen Gebilden: Herrschaft der Hamas im Gazastreifen, der pal\u00e4stinensischen Beh\u00f6rde unter Mahmud Abbas in der Westbank, beide autorit\u00e4re Strukturen zum Nachteil der Bev\u00f6lkerung, beide unter der fortgesetzten Vorherrschaft Israels, beide unf\u00e4hig, daran Wesentliches zu \u00e4ndern. Und der zweite Aspekt ist der israelische Versuch der Einhegung der Pal\u00e4stinenser: in der Westbank die Kooptierung der pal\u00e4stinensischen Beh\u00f6rde, die Terrorisierung der Bev\u00f6lkerung und die Fortsetzung der ethnischen S\u00e4uberung etwa in Jerusalem, in Gaza die Totalblockade und periodisch wiederholte Kriege, oft als ganz einseitige Gemetzel. Alles das zu dem Zweck, die Pal\u00e4stinenser als m\u00f6glichen politischen St\u00f6rfaktor auszuschalten.<\/p>\n<p>Alles das ist schrecklich, und unter den gegebenen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen wird es sich nicht so schnell \u00e4ndern; daran l\u00e4sst auch dieses Buch keinen Zweifel. Wenn es einen Hoffnungsschimmer gibt, dann den, dass das Image Israels in der Welt\u00f6ffentlichkeit aufgrund seiner eigenen Verhaltensweisen erheblichen Schaden genommen hat. Das hat sich bei der Auseinandersetzung im letzten Mai gezeigt. Auch der Internationale Strafgerichtshof besch\u00e4ftigt sich mit m\u00f6glichen israelischen Kriegsverbrechen. Entsprechend nerv\u00f6s wird die israelische Regierung. Sie greift verst\u00e4rkt zu dem alten Mittel, Kritik an ihrem Verhalten als Antisemitismus zu verteufeln. Und auch der j\u00fcngste Schritt des Verteidigungsministeriums, sechs Organisationen der pal\u00e4stinensischen Zivilgesellschaft f\u00fcr terroristisch zu erkl\u00e4ren, spricht f\u00fcr Nervosit\u00e4t.<\/p>\n<p>Insgesamt ist dieses Buch, indem es den vielfach verzerrten Wahrnehmungen des Konflikts solide Informationen gegen\u00fcberstellt, ein guter Beitrag zu seiner realit\u00e4tsgerechten Erfassung.<\/p>\n<p>Alexander Flores<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neues Buch zu den Hintergr\u00fcnden des Mai-Kriegs. Helga Baumgarten, Kein Frieden f\u00fcr Pal\u00e4stina. Der lange Krieg gegen Gaza. Besatzung und Widerstand, Wien: Promedia 2021. ISBN: 978-3-85371-496-6 Am 12. 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