{"id":11023,"date":"2021-12-27T14:18:32","date_gmt":"2021-12-27T14:18:32","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=11023"},"modified":"2021-12-28T08:21:52","modified_gmt":"2021-12-28T08:21:52","slug":"israel-suedafrika-und-die-apartheid-notizen-zum-tod-von-desmond-tutu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=11023","title":{"rendered":"Israel, S\u00fcdafrika und die Apartheid \u2013 Anmerkungen zum Tod von Desmond Tutu"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_1214\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1214\" class=\"wp-image-1214 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/14-08-22-Desmond_Tutu_-_Kirchentag_Cologne_2007_7137_ji-300x205.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/14-08-22-Desmond_Tutu_-_Kirchentag_Cologne_2007_7137_ji-300x205.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/14-08-22-Desmond_Tutu_-_Kirchentag_Cologne_2007_7137_ji-200x136.jpg 200w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/14-08-22-Desmond_Tutu_-_Kirchentag_Cologne_2007_7137_ji.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-1214\" class=\"wp-caption-text\">Desmond Tutu &#8211; Kirchentag Cologne 2007 (7137).jpg &#8211; Wikimedia Commons commons.wikimedia.org<\/p><\/div>\n<p class=\"western\">Der in der ganzen Welt bekannte und geachtete Erzbischof, Menschenrechtler, Anit-Apartheid-K\u00e4mpfer, Weggef\u00e4hrte von Nelson Mandela und Tr\u00e4ger des Friedensnobelpreises ist am 2. Weihnachtstag im Alter von 90 Jahren gestorben. Die Medien der Welt berichteten \u00fcber seinen Tod. F\u00fcr sie geh\u00f6rt er mit Nelson Mandela und Frederik de Klerk zu den gro\u00dfen M\u00e4nnern der Geschichte, die die Apartheid in S\u00fcdafrika \u00fcberwunden haben und denen es zu verdanken ist, &#8222;dass das Land den \u00dcbergang vom Unrechtssystem der Apartheid zu einer Demokratie mit gleichen Rechten f\u00fcr alle weitgehend geschafft hat&#8220;, so die <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/desmond-tutu-gestorben-der-letzte-einer-generation-17702221.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Kommentar vom 26. Dezember 2021.<\/a><!--more--><\/p>\n<h1 class=\"western\">Desmond Tutu und Nelson Mandela forderten Ende der Apartheid auch in Isarel<\/h1>\n<p class=\"western\">Dass Desmond Tutu \u2013 wie auch Nelson Mandela \u2013 vehement die Abschaffung des Apartheid-Regimes auch in Israel gefordert haben &#8211; davon ist allerdings in den vielen Nachrufen nur selten die Rede. Eine r\u00fchmliche Ausnahme machte (mal wieder) die israelische Zeitung Haaretz. Sie erinnerte in ihrem Nachruf an einen Artikel von Desmond Tutu aus dem Jahre 2014, der einen leidenschaftlichen Aufruf f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der pal\u00e4stinensischen BDS-Boykott-Bewegung enthalten hatte. <em>&#8222;Uns S\u00fcdafrikanern&#8220;<\/em>, schrieb Desmond Tutu 2014, <em>&#8222;sind Gewalt und Hass nicht fremd. Wir kennen den Schmerz, die Au\u00dfenseiter der Welt zu sein. [\u2026] Was die F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten letztlich zusammen an den Verhandlungstisch zwang, war die Mischung aus \u00fcberzeugenden, gewaltfreien Mitteln, die damals eingesetzt worden waren, um S\u00fcdafrika wirtschaftlich, akademisch, kulturell und psychologisch zu isolieren.&#8220;<\/em><\/p>\n<p class=\"western\">Und weiter: <em>&#8222;Der Staat Israel verh\u00e4lt sich, als g\u00e4be es kein Morgen. Seine Bewohner werden nicht das friedliche und sichere Leben leben, nach dem sie sich sehen und auf das sie ein Anrecht haben, so lange seine F\u00fchrung Bedingungen aufrecht erh\u00e4lt, die den Konflikt am Leben erhalten. [\u2026] Am Ende setzt sich das Gute durch. Das Streben danach, die Menschen in Pal\u00e4stina von der Dem\u00fctigung und Verfolgung zu befreien, ist ein gerechtes Anliegen. [\u2026] Von Nelson Mandela stammt der ber\u00fchmte Ausspruch, die S\u00fcdafrikaner w\u00fcrden sich nicht frei f\u00fchlen, bis auch die Pal\u00e4stinenser frei sind. Er h\u00e4tte ebenfalls hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnen, dass die Befreiung Pal\u00e4stinas auch Israel befreien wird.&#8220;<\/em> (<a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/israel-news\/desmond-tutu-to-haaretz-this-is-my-plea-to-the-people-of-israel-1.10494007\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der vollst\u00e4ndige Artikel in Haaretz v. 26.12.2021; <\/a>in deutscher \u00dcbersetzung in: <a href=\"https:\/\/secure.avaaz.org\/campaign\/de\/tutu_to_israelis_free_yourselves\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Avaaz v. 26.12.2021<\/a>)<\/p>\n<h1>Israelische Regierungen sahen im Apartheid-Regime S\u00fcdafrikas ein Vorbild f\u00fcr Israel<\/h1>\n<p class=\"western\">Eine Politik der Apartheid ist heute international ge\u00e4chtet und v\u00f6lkerrechtlich illegal. Weniger bekannt ist, dass die &#8222;einzige Demokratie im Nahen Osten&#8220; mit der Politik des &#8222;wei\u00dfen&#8220; S\u00fcdafrikas heftig sympathisierte und vielf\u00e4ltige Verbindungen unterhielt. Diese umfassten eine enge Kooperation in Bezug auf Milit\u00e4r, R\u00fcstung, Polizei und Geheimdiensten &#8211; bis hin zu gemeinsamen Anstrengungen, die Atombombe zu bauen.<\/p>\n<div id=\"attachment_3226\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3226\" class=\"wp-image-3226 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/primor-avi-300x202.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"202\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/primor-avi-300x202.png 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/primor-avi-200x134.png 200w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/primor-avi.png 576w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-3226\" class=\"wp-caption-text\">Foto: privat<\/p><\/div>\n<p class=\"western\">Avi Primor, der fr\u00fchere Botschafter Israels in Deutschland (von 1993 \u2013 1999), schildert in seinen Erinnerungen (&#8222;Nichts ist jemals vollendet&#8220;, K\u00f6ln 2015, S. 227 f.), wie er sich mit Ariel Sharon, damals Regierungsmitglied unter Yitzhak Shamir, in einer Sondermaschine auf dem Flug von S\u00fcdafrika nach Tel Aviv \u00fcber die Organisation der Bantustans durch die s\u00fcdafrikanische Regierung unterhielt. Das war in den fr\u00fchen 80ern. Ihm sei schon bewusst gewesen, dass Israels Beziehungen zum Apartheidsregime in S\u00fcdafrika sehr eng und tiefgreifend waren. Aber Ariel Sharon wollte mehr wissen. Er interessierte sich bis ins Einzelne f\u00fcr die Art und Weise der Apartheid und den Problemen ihrer praktischen Umsetzung in den &#8218;Bantustans&#8216;, wie die S\u00fcdafrikaner ihre Enklaven f\u00fcr die schwarze Bev\u00f6lkerung nannten.<\/p>\n<p class=\"western\"><em>&#8222;Je mehr Fragen Sharon mir zu den Bantustans stellte, desto klarer wurde mir, dass er gar nicht an S\u00fcdafrika, sondern an die pal\u00e4stinensischen Gebiete dachte. Als Sharon im Jahr 2002 erkl\u00e4rte, dass er die Besetzung der pal\u00e4stinensischen Gebiete beenden und den Pal\u00e4stinensern das geben w\u00fcrde, was sie in ihrer Geschichte nie hatten und nie von jemandem bekommen w\u00fcrden \u2013 einen Pal\u00e4stinenserstaat \u2013 begriff ich dank unserer Gespr\u00e4che in S\u00fcdafrika zwanzig Jahre zuvor sehr schnell, was er meinte. Er dachte an ein in drei Teile gest\u00fcckelte Pal\u00e4stina, dessen Teile keinen geografischen Kontakt zueinander haben w\u00fcrden: zwei Teile des Westjordanlandes, insgesamt vierzig Prozent des Gebiets, und der Gazastreifen. [\u2026] Da Israel die Teile des Westjordanlandes, die nicht Teil des Pal\u00e4stinenserstaates werden sollten, sp\u00e4ter annektieren w\u00fcrde, w\u00fcrden die Pal\u00e4stinenser in diesen Staaten tolerierte Ausl\u00e4nder ohne politische Rechte bleiben. [\u2026] Er und das gesamte rechte Lager in Israel gingen n\u00e4mlich davon aus, dass wir zumindest das Westjordanland behalten und im Laufe der Zeit in unser Staatsgebiet eingliedern sollten.&#8220;<\/em><\/p>\n<p class=\"western\">Avi Primor, der damals seinen Chef, Ariel Sharon, \u00fcber s\u00fcdafrikanische Apartheid-Politk informierte, ist sp\u00e4ter zu einem erbitterten Gegner der israelischen Besatzungspolitik geworden. &#8222;Ich fand&#8220;, schrieb er in seinen Erinnerungen (S. 243), &#8222;dass eine Zusammenarbeit mit dem weltweit einzigen Staat, der nach der Nazizeit Rassegesetze eingef\u00fchrt hatte, stinkt, und zwar au\u00dferordentlich. [\u2026] Was mich besonders verdross, waren die emotionalen Beziehungen, die sich zwischen den israelischen Verteidigungs- und Milit\u00e4rbeh\u00f6rden und ihren Kollegen in S\u00fcdafrika entwickelt hatten. S\u00fcdafrika war f\u00fcr sie nicht nur zu einem Partner, sondern zu einem Freund, ja sogar zu einem Bruderland geworden.&#8220;<\/p>\n<p class=\"western\">Wie die Geschichte zeigt, hat das Apartheid-Regime in S\u00fcdafrika keinen Bestand gehabt.<br \/>\n<em>S\u00f6nke Hundt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der in der ganzen Welt bekannte und geachtete Erzbischof, Menschenrechtler, Anit-Apartheid-K\u00e4mpfer, Weggef\u00e4hrte von Nelson Mandela und Tr\u00e4ger des Friedensnobelpreises ist am 2. Weihnachtstag im Alter von 90 Jahren gestorben. Die Medien der Welt berichteten \u00fcber seinen Tod. 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