{"id":11078,"date":"2022-01-28T08:31:25","date_gmt":"2022-01-28T08:31:25","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=11078"},"modified":"2022-01-28T08:37:58","modified_gmt":"2022-01-28T08:37:58","slug":"die-antisemitismus-debatte-ist-eine-fehlgeleitete-hysterische-pein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=11078","title":{"rendered":"&#8222;Die Antisemitismus-Debatte ist eine fehlgeleitete, hysterische Pein&#8220;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_11084\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/22-01-27-eva-menasse-ausriss.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-11084\" class=\"wp-image-11084 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/22-01-27-eva-menasse-ausriss-300x288.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/22-01-27-eva-menasse-ausriss-300x288.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/22-01-27-eva-menasse-ausriss-1024x982.jpg 1024w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/22-01-27-eva-menasse-ausriss-768x737.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/22-01-27-eva-menasse-ausriss-313x300.jpg 313w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/22-01-27-eva-menasse-ausriss.jpg 1125w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11084\" class=\"wp-caption-text\">Ausriss aus Die Zeit-online v. 26.01.2022<\/p><\/div>\n<p>Eva Menasse ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Sie ist geboren in Wien und lebt heute in Berlin. F\u00fcr ihren aktuellen Roman &#8222;Dunkelblum&#8220; erhielt sie 2021 den Bruno-Kreisky-Preis.<\/p>\n<p>Ganz offenbar ist ihr jetzt der Kragen geplatzt. Warum? Dar\u00fcber hat sie in der Zeit v. 27. Januar einen w\u00fctenden Artikel geschrieben, der &#8211; hoffentlich! &#8211; seine Kreise ziehen wird. Und hoffentlich viele Leserinnen und Lesern und dazu einige Leute in der Politik und in den Medien darauf aufmerksam machen wird, dass in der Diskussion um Israel, Pal\u00e4stina und die richtige Art der Antisemitismusbek\u00e4mpfung in Deutschland einiges schief l\u00e4uft.<!--more--><\/p>\n<p>Schon die \u00dcberschrift ist deutlich: &#8222;Die Antisemitismus-Debatte ist eine fehlgeleitete, hysterische Pein Warum endlich Schluss sein muss mit einer Symbolpolitik, die vom Kampf gegen Hass und reale Straftaten ablenkt.&#8220; Innerhalb der aktuellen Anti-Antisemitismus-Debatte mache sich &#8222;ein v\u00f6llig irregegangener Moralismus&#8220; breit.<\/p>\n<p>&#8222;Kleine Gruppen von rigorosen Einpeitschern haben den Diskurs in weiten Teilen unter ihre Kontrolle gebracht und ihr Publikum infiziert, das nun selbst im Namen von hehren Begriffen wie &#8218;Gleichberechtigung&#8216;, &#8218;Diversit\u00e4t&#8216; oder eben &#8218;Kampf gegen Antisemitismus&#8216; ein ma\u00dfloses, unvers\u00f6hnliches und bedrohliches Verhalten an den Tag legt. Zu ihnen geh\u00f6rt das &#8218;Kasseler B\u00fcndnis gegen Antisemitismus&#8216;, das den angeblichen Documenta-Skandal um vermeintlich antisemitische Haltungen unter zur Documenta eingeladenen K\u00fcnstlern losgetreten hat. Dessen &#8218;Recherchen&#8216; wurden von Qualit\u00e4tsmedien wie der ZEIT \u00fcbernommen und breit diskutiert (ZEIT Nr. 3\/22). Da es gegen Antisemiten geht, wird\u2019s schon ungef\u00e4hr stimmen, oder?&#8220;<\/p>\n<p>Irgendetwas laufe schief, schreibt Eva Menasse. &#8222;Schauen wir uns die Mannschaft der hiesigen Priester gegen den Antisemitismus an. [&#8230;] Die Spieler reichen von weit rechts, der islamophoben Springer-Presse mit ihrer Redaktionspr\u00e4ambel, die Israel und &#8218;die Juden&#8216; so unsauber vermischt, \u00fcber das FAZ-Feuilleton, das sich im Inquisitorenton offenbar noch immer vom Historikerstreit der Achtzigerjahre reinzuwaschen versucht, weiter \u00fcber furiose Linke und Ex-Linke in ZEIT, taz, Spiegel (die alle so wohl deutsche Schuld abtragen wollen) bis zu den \u00fcber viele Online-Redaktionen verteilten sogenannten Anti-deutschen (etwa &#8218;Perlentaucher&#8216; und &#8218;Ruhrbarone&#8216;. [&#8230;] Das sind ehemals radikale Linke, die, anfangs im ehrenwerten Dissens mit linkem Antisemitismus\/ Antiimperialismus, seit der Wiedervereinigung &#8218;deutschen Nationalismus&#8216; ablehnen &#8211; zugunsten einer blinden Verehrung des israelischen. Sie alle gei\u00dfeln mit sch\u00e4rfsten Worten Antisemitismus, wo sie ihn entdecken, also fast \u00fcberall.&#8220;<\/p>\n<p>Eva Menasse beklagt sich bitter \u00fcber den spezifisch deutschen Provinzialismus in dieser Debatte. Zwar habe Deutschland aufgrund seiner Geschichte zweifellos eine besondere Verpflichtung. Diese verlange aber auch, die Vernunft zu wahren und alle Seiten zu h\u00f6ren. Das aber sei h\u00e4ufig nicht mehr der Fall. &#8222;Es klingt wie ein Witz, ist aber wahr: Die israelische Presse ist vielf\u00e4ltiger, die amerikanische sowieso. J\u00fcdische Stimmen, die die israelische Siedlungs- oder Besatzungspolitik kritisieren, werden in Deutschland sofort diffamiert (&#8218;j\u00fcdischer Selbsthass&#8216;, &#8218;bekannter Antizionist&#8216;, &#8217;nicht j\u00fcdisch genug&#8216;). Ebensowenig wird &#8211; au\u00dfer auf sachlichen Au\u00dfenpolitik-Seiten &#8211; das erb\u00e4rmliche Leid der Pal\u00e4stinenser thematisiert. Als j\u00fcdische und israelische Schriftsteller in K\u00f6ln eine Anthologie (unter anderem mit Texten von Michael Chabon, Assaf Gavron, Arnon Gr\u00fcnberg) \u00fcber das Leben unter israelischer Besatzung vorstellten, verteilten emp\u00f6rte deutsche Aktivisten Flugbl\u00e4tter gegen diese &#8218;antisemitische und antizionistische Veranstaltung'&#8220;.<\/p>\n<p>Es herrsche in Deutschland zur Zeit ein &#8222;Kulturkampf voller Leidenschaft und Provinzialit\u00e4t&#8220;, was sich deutlich zeigte, als im M\u00e4rz 2021 die &#8222;Jerusalemer Erkl\u00e4rung&#8220; ver\u00f6ffentlicht wurde. Diese Erkl\u00e4rung, erarbeitet von Wissenschaftlern aus vielen L\u00e4ndern, versuchte genauer zu definieren, was denn nun unter Antisemitismus zu verstehen sei. Und &#8211; vor allem -, wie man diesen Begriff &#8220; pr\u00e4ziser von legitimer politischer Kritik&#8220; gegen\u00fcber der israelischen Politik abgrenzen k\u00f6nne. Daraufhin habe &#8222;ein deutscher Chef-Feuilletonist die dreieinhalb hiesigen Unterzeichner &#8211; die illustre, international renommierte Riege der Verfasser schien er gar nicht zu kennen&#8220; regelrecht verspottet. Es gibt in Deutschland &#8222;keifende Kommentatoren&#8220;, die noch nie in den besetzten Gebieten waren und dort auch nicht hinwollten, und die von der Bandbreite der internationalen Diskussion keine Ahnung h\u00e4tten. Sie m\u00fcssten eigentlich schlaflose N\u00e4chte haben, wenn sie erf\u00fchren, dass Trump und seine evangelikalen Christen Finanziers der radikalen Siedlerbewegung sind oder dass 25 Prozent der US-amerikanischen Juden Israel f\u00fcr einen \u00bbApartheidstaat\u00ab hielten.<\/p>\n<p>&#8222;Zu unguter Letzt&#8220;, schreibt die Autorin weiter, &#8222;gibt es die Antisemitismusbeauftragten, Symbolpolitiker schlechthin. Einer fordert, Jiddisch als Minderheitensprache anzuerkennen (Anzahl der Sprecher tendiert gegen null), und beschimpft auf Twitter seine j\u00fcdischen Gegner (t\u00e4te er es zumindest auf Jiddisch!), ein zweiter postet Fotos von sich in israelischer Polizeiuniform, ein dritter erstellt lange Listen angeblich antisemitisch kontaminierter Stra\u00dfennamen in Berlin und hat daf\u00fcr vom Intendanten der Komischen Oper, Barrie Kosky, den verdienten Spott kassiert. Aber wird ihn das abhalten, den Olof-Palme-Platz und die Fontanestra\u00dfe umzubenennen? Ein vierter schlie\u00dflich, Bundesbeauftragter der letzten Regierung, hat sich mit einem typisch deutschen Krampf-Satz unsterblich gemacht: &#8218;Politisch eher links stehende Israelis&#8216; m\u00f6gen doch bitte \u00bbeine gewisse Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die historische deutsche Verantwortung haben&#8216;.<\/p>\n<p>In guten Momenten kann ich das fast lustig finden, vor allem den dude in israelischer Uniform. Sogar, dass es die AfD war, die 2019 einen ersten Anti-BDS-Vorschlag im Bundestag einbrachte. Was m\u00fcssen die anderen erschrocken gewesen sein, als sie von dieser massiven Gef\u00e4hrdung deutscher Moral ausgerechnet durch Beatrix von Storch erfuhren! Ab dann wird die Geschichte dann leider bitter. Die Mehrheit aus CDU\/CSU, SPD, FDP und Gr\u00fcnen hat nicht bedacht, was sie dann mit ihrer Anti-BDS-Resolution angerichtet hat. Vielmehr hielten sich die Abgeordneten f\u00fcr Helden.<\/p>\n<p>Dieser Popanz von Resolution hat die letzten Reste von Vernunft zerst\u00f6rt; als AfDler w\u00e4re ich mit dem Ergebnis zufrieden. Sie ist zwar rechtlich nicht bindend, hat bei Kulturveranstaltern aber wie beabsichtigt Angst und Schrecken ausgel\u00f6st. \u00d6ffentlich ein Antisemit genannt zu werden, weil ein eingeladener K\u00fcnstler fr\u00fcher mal f\u00fcr BDS war oder dar\u00fcber diskutieren will, ist in Deutschland gleichbedeutend mit dem Vorwurf der Kindersch\u00e4ndung. Nein, ich \u00fcbertreibe nicht. Einer ruft BDS, und alle anderen kreischen, so gerade wieder in Sachen Documenta. Zwar haben sich damals die gr\u00f6\u00dften und wichtigsten Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen (Goethe-Institut, Haus der Kulturen der Welt, Moses-Mendelssohn-Zentrum, Wissenschaftskolleg, Zentrum f\u00fcr Antisemitismusforschung, Bundeskulturstiftung und viele mehr) zur \u00bbInitiative Weltoffenheit\u00ab zusammengeschlossen. So wollten sie vor den Folgen dieser sch\u00e4dlichen, McCarthy-haft schn\u00fcffelnden Resolution warnen, die ihre Kulturarbeit enorm verkompliziert, aber keine einzige antisemitische Straftat verhindert. Sie ernteten: Kontaktschuld.&#8220;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2022\/05\/antisemitismus-debatte-symbolpolitik-straftaten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der ganze Artikel hier<\/a> (leider hinter einer Bezahlschranke)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eva Menasse ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Sie ist geboren in Wien und lebt heute in Berlin. F\u00fcr ihren aktuellen Roman &#8222;Dunkelblum&#8220; erhielt sie 2021 den Bruno-Kreisky-Preis. Ganz offenbar ist ihr jetzt der Kragen geplatzt. Warum? 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