{"id":11385,"date":"2022-08-23T07:44:10","date_gmt":"2022-08-23T07:44:10","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=11385"},"modified":"2022-08-23T07:44:43","modified_gmt":"2022-08-23T07:44:43","slug":"125-jahre-zionismus-von-norman-paech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=11385","title":{"rendered":"125 Jahre Zionismus \u2013 Von Norman Paech"},"content":{"rendered":"<header>\n<h2><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-10299\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/20-11-22-norman-paech-300x198.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"198\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/20-11-22-norman-paech-300x198.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/20-11-22-norman-paech-1024x677.jpg 1024w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/20-11-22-norman-paech-768x508.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/20-11-22-norman-paech-454x300.jpg 454w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/20-11-22-norman-paech.jpg 1146w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Norman Paech hielt am 19. August 2022 einen viel beachteten Vortrag. Hier der vollst\u00e4ndige Text nach einer Vorlage der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NachDenkSeiten v. 22.08.2022.<\/a><\/h2>\n<\/header>\n<div class=\"articleContent\">\n<p>Wenn wir heute unter dem Titel \u201e125 Jahre Zionismus\u201c zusammenkommen, so verweist diese Zahl nat\u00fcrlich zun\u00e4chst auf das historische Ereignis des ersten zionistischen Weltkongresses in Basel im Jahr 1897. Aber zugleich wissen wir, dass dieser Kongress, das hei\u00dft seine Botschaft, sein Auftrag und seine Bestimmung, sich nicht mit dem Kongress selbst erf\u00fcllt haben, sondern \u00fcber sein unmittelbares Ziel, die Gr\u00fcndung eines j\u00fcdischen Staates, bis heute fortwirken. Und wohl erst in den letzten Jahren wird auch hier in Europa das als Katastrophe erkannt, was die pal\u00e4stinensische Gesellschaft schon seit \u00fcber 70 Jahren erlebt und deren Wurzel eben hier in Europa, in Basel, liegt.<!--more-->Gemessen an dem biblischen Anspruch auf die j\u00fcdische Heimstatt in Pal\u00e4stina, der \u00fcber 2.000 Jahre zur\u00fcckreicht, ist der Zionismus als nationale Bewegung und ideologisches Projekt eines j\u00fcdischen Staates in Pal\u00e4stina sehr jungen Datums. Denn als Antwort auf die Probleme der in alle Welt zerstreuten Juden in einer nichtj\u00fcdischen Umwelt aktualisierte er sich erst Ende des 19. Jahrhunderts, als die Assimilation nicht mehr als Konzept des \u00dcberlebens ausreichte. Die Rechtlosigkeit und Verfolgung der Juden in Russland und Rum\u00e4nien trieben nach den staatlich gef\u00f6rderten Pogromen seit 1881 etwa 1,3 Mio. Ostjuden in einem gro\u00dfen Exodus nach Westen. Sie best\u00e4tigten nicht nur das Scheitern der Assimilation, sondern auch der gleichberechtigten autonomen Koexistenz. Die f\u00fchrenden Theoretiker der j\u00fcdischen Autonomie, Moses Hess, Leo Pinsker und Theodor Herzl, sahen die L\u00f6sung der Judenfrage in der Forderung nach einem j\u00fcdischen Territorium, die sich erst 1897 mit dem Basler Programm des Zionistischen Kongresses auf Pal\u00e4stina festlegte.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"articleContent\">\n<p>Wir haben es mit zwei wesentlichen Antrieben im Zionismus zu tun. Wir sprechen hier vom politischen Zionismus und nicht von der religi\u00f6s begr\u00fcndeten Zionssehnsucht, die orthodoxe Erl\u00f6sungserwartung, die nur einen Teil der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung bewegt. Zum einen war die Herausbildung von Nationalstaaten in Europa ein Beispiel f\u00fcr die eigene Organisation eines Kollektivs aus den weit verstreut lebenden Mitgliedern einer noch zu bildenden homogenen j\u00fcdischen Gesellschaft. Sp\u00e4testens seit der Franz\u00f6sischen Revolution und auf der Basis ihrer b\u00fcrgerlich-revolution\u00e4ren Prinzipien formte sich eine Staatenwelt, in der die Juden nur G\u00e4ste und zumeist ungebetene G\u00e4ste waren. Daraus erwuchs zum anderen in fast allen Staaten ein \u201ej\u00fcdisches Problem\u201c, welches eine L\u00f6sung verlangte, da sich der Antisemitismus geradezu epidemisch ausbreitete. Und diese L\u00f6sung war die Abkehr von der Diaspora und die Suche nach einem Territorium, denn man hatte ja kein eigenes.<\/p>\n<p>Allen Str\u00f6mungen des politischen Zionismus war die Ablehnung jeglicher Integrationsversuche der j\u00fcdischen Gesellschaft in den arabischen Raum gemeinsam. Ob Sozialisten, Nationalreligi\u00f6se oder Pragmatiker wie Ben Gurion, sie einigte die Front gegen die Diaspora. Besonders deutlich hat Max Nordau, langj\u00e4hriger Weggef\u00e4hrte von Theodor Herzl, diese Integrationsverweigerung vertreten. Ihre kulturelle Arroganz spiegelt sich in der offenen Verachtung f\u00fcr die asiatische Umgebung. Ebenso bezeichnend ist ihre ausschlie\u00dfliche Ausrichtung auf die westliche Zivilisation:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas j\u00fcdische Volk wird seine wesenhafte Besonderheit im Rahmen der westlichen Kultur entfalten, wie alle anderen Kulturv\u00f6lker, und nicht au\u00dferhalb dieser. N\u00e4mlich in einem wilden, kulturlosen Asiatismus\u201c. [<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch in der j\u00fcdischen Arbeiterbewegung wurde mit der Parole von \u201ePoale Zions\u201c (Arbeiter Zions): <em>\u201eJ\u00fcdischer Boden! J\u00fcdische Arbeit! J\u00fcdische Waren!\u201c<\/em> den arabischen Arbeitern der Arbeitsmarkt verwehrt. Die \u201eGleichheit\u201c der sozialistischen Gesellschaft sollte nur f\u00fcr die j\u00fcdischen Siedler gelten. Ein F\u00fchrer der zionistischen Arbeiterbewegung, David Hacohen, bekannte 1968 in der Zeitung <em>Ha\u2019aretz<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch musste mit meinen Freunden viel \u00fcber den j\u00fcdischen Sozialismus streiten: musste die Tatsache verteidigen, dass ich keine Araber in meiner Gewerkschaft akzeptierte, dass wir Hausfrauen predigten, nicht in arabischen Gesch\u00e4ften zu kaufen, dass wir an Obstplantagen Wache hielten, um arabische Arbeiter daran zu hindern, dort Arbeit zu finden, dass wir j\u00fcdische Frauen attackierten und die arabischen Eier, die sie gekauft hatten, vernichteten, dass wir den \u201aJ\u00fcdischen Nationalfonds\u2018 hochpriesen, der Hankin nach Beirut schickte, um Land von abwesenden Gro\u00dfgrundbesitzern zu kaufen und die arabischen Fellachen vertrieb, dass es verboten ist, einen einzigen j\u00fcdischen Dunam an einen Araber zu verkaufen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Form des Siedlerkolonialismus zielte gerade nicht wie in S\u00fcdafrika auf die Ausbeutung der kolonisierten Arbeitskraft, sondern auf ihre Verdr\u00e4ngung und Vertreibung. Es ist die israelische Form der Apartheid, aber es ist Apartheid. Darin waren sich Herzl und Nordau einig:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie arme Bev\u00f6lkerung trachten wir, unbemerkt \u00fcber die Grenze zu schaffen, indem wir ihr in den Durchgangsl\u00e4ndern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Lande jederlei Arbeit verweigern. Das Expropriationswerk muss ebenso wie die Fortschaffung der Armen mit Zartheit und Behutsamkeit erfolgen.\u201c [<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Konzept des Transfers (ein Euphemismus f\u00fcr Vertreibung) der arabischen Bev\u00f6lkerung war in den f\u00fchrenden K\u00f6pfen der zionistischen Bewegung von ihren Anf\u00e4ngen an vorhanden.[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Einer ihrer fr\u00fchen Ideologen, Berl Katznelson, trat f\u00fcr eine klare politische Trennung beider V\u00f6lker ein. Er war zutiefst von der technologischen und sozialen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der arabischen Kultur und Gesellschaft \u00fcberzeugt, die f\u00fcr die Entfaltung der j\u00fcdischen Gesellschaft und die Judaisierung des Landes von Eretz Israel nur hinderlich sein konnte. Der \u201eOrientalismus\u201c, wie es Edward Said nannte, dieses Zionismus ist von der Verachtung der islamischen Welt, der Arroganz der eigenen zivilisatorischen Mission und dem unbedingten Wunsch, sich vollst\u00e4ndig in den Westen zu integrieren, gepr\u00e4gt. Ja, er verstand sich und versteht sich noch heute als sein Vorposten in barbarischer Umgebung, \u201edie Villa im Dschungel\u201c wie es Ehud Barack formulierte. Der Zionismus ist von Anfang an rassistisch.<\/p>\n<p>Ohne Unterst\u00fctzung des seinerzeit st\u00e4rksten imperialistischen Interessenten Gro\u00dfbritannien h\u00e4tten die strategische Geschicklichkeit Herzls und der aufkeimende j\u00fcdische Nationalismus aber nicht ausgereicht, das Projekt eines j\u00fcdischen Staates \u00fcber die Jahrzehnte zu realisieren. Schon mit der britisch-franz\u00f6sischen Interessenaufteilung durch das Sykes-Picot-Abkommen 1916, die Balfour-Deklaration ein Jahr sp\u00e4ter und durch die Mandats\u00fcbertragung an Gro\u00dfbritannien 1920 war die Teilung und Unterwerfung der einheimischen Bev\u00f6lkerung vorgezeichnet. Sie wurde niemals gefragt. Als der britische Au\u00dfenminister Lord Balfour am 2. November 1917 in einem Brief an Lord Rotschild die \u201eErrichtung einer nationalen j\u00fcdischen Heimstatt in Pal\u00e4stina\u201c versprach, versuchte Gro\u00dfbritannien zun\u00e4chst damit eine besondere Verantwortlichkeit f\u00fcr Pal\u00e4stina zu erlangen, um gegen\u00fcber Frankreich am Ende des Weltkrieges bei den Teilungsverhandlungen eine starke Position zu haben.<\/p>\n<p>Ende 1917 war die Besetzung Pal\u00e4stinas vollzogen, Frankreich und die USA hatten beim Sieg \u00fcber das Ottomanische Reich in Pal\u00e4stina und Syrien geholfen. Wenn allerdings die zionistische Bewegung aus diesem Versprechen, welches auch in die Pr\u00e4ambel des britischen V\u00f6lkerbundmandats \u00fcber Pal\u00e4stina aufgenommen wurde, einen v\u00f6lkerrechtlichen Anspruch auf eine Staatsgr\u00fcndung herleiten wollte, widersprach das den Intentionen der britischen Regierung. Sie sah in der Erkl\u00e4rung ausdr\u00fccklich keine Rechtsgarantie f\u00fcr einen j\u00fcdischen Staat in Pal\u00e4stina. Zu dieser Zeit waren 91 Prozent der Bev\u00f6lkerung Araber, denen 97 Prozent des Bodens geh\u00f6rte. Dennoch wurde von dieser einheimischen Bev\u00f6lkerung in der Mandatsurkunde bis auf eine fl\u00fcchtige Erw\u00e4hnung der arabischen Sprache keine Kenntnis genommen. Die britisch-zionistische Kolonisationspolitik der folgenden Jahre widersprach eindeutig Art. 22 der V\u00f6lkerbundsatzung, der tiefgreifende Ver\u00e4nderungen in dem Gebiet durch den Mandatar untersagte.<\/p>\n<p>Im Gr\u00fcndungsjahr des Staates Israel 1948 lebten in Pal\u00e4stina etwa 650.000 Juden. Das waren 31 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung. Sie verf\u00fcgten \u00fcber 5,67 Prozent Grundbesitz, gelangten aber durch die Teilungsresolution der UNO in den Besitz von 56,47 Prozent des gesamten pal\u00e4stinensischen Bodens.[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Sie hatte damit den j\u00fcdischen Landbesitz verzehnfacht, ohne die einheimische Mehrheitsbev\u00f6lkerung zu fragen. Die UNO als Organisator der Kolonisation.<\/p>\n<p>Mit der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 verlie\u00df die H\u00e4lfte der arabischen Bev\u00f6lkerung ihre Heimat. Sie wurden vertrieben und fl\u00fcchteten vor dem j\u00fcdischen Terror, ihr Land wurde von den Israelis annektiert. In den Grenzen des j\u00fcdischen Staates verblieben nach dem Exodus 1948\/49 nur noch ca. 300.000 Araber, eine 10-prozentige Minderheit.<\/p>\n<p>Die Teilung Pal\u00e4stinas w\u00e4re ohne die Stimme der Sowjetunion, die einer der entschiedensten Bef\u00fcrworter eines israelischen Staates war, nicht m\u00f6glich gewesen. Bereits im Mai 1947 hatte Andrej Gromyko in einer Rede betont:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSie wissen, dass es in Westeuropa kein einziges Land gab, dem es gelang, das j\u00fcdische Volk gegen die Willk\u00fcrakte und Gewaltma\u00dfnahmen der Nazis zu sch\u00fctzen. Die L\u00f6sung des Pal\u00e4stinaproblems, basierend auf der Teilung Pal\u00e4stinas in zwei separate Staaten, wird von grundlegender historischer Bedeutung sein, weil eine solche Entscheidung die legitimen Anspr\u00fcche des j\u00fcdischen Volkes ber\u00fccksichtigt\u201c. [<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><\/blockquote>\n<p>Was immer das geostrategische Kalk\u00fcl in der Konkurrenz zu Gro\u00dfbritannien gewesen sein mag, genauso wie bei den westlichen Gro\u00dfm\u00e4chten war die Entscheidung f\u00fcr einen j\u00fcdischen Staat auch der Versuch der Wiedergutmachung, das Versagen der eigenen Geschichte angesichts der Vernichtung der Juden in Europa zu kompensieren. Allerdings entzog Stalin schon 1949 seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr den jungen Staat, um mit einer proarabischen, antizionistischen Au\u00dfenpolitik st\u00e4rkeren Einfluss auf die arabischen Nationalbewegungen zu bekommen. [<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p>\n<p>Der Vorwurf, der Zionismus habe ein kolonialistisches Projekt verfolgt und mit der Gr\u00fcndung Israels verwirklicht,[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] wird immer wieder mit den Argumenten zu entkr\u00e4ften versucht, dass nur eine Minderheit der Juden dieser Ideologie gefolgt sei und vor allem die Vernichtung der Juden durch die Shoah und ihre Vertreibung aus ihren L\u00e4ndern ignoriert werde.[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Kolonialismus definiert sich allerdings nicht \u00fcber seine deklarierten Motive und Gr\u00fcnde, sondern durch die Methoden und Folgen seiner Praxis \u2013 einer Praxis des Landraubs, der Zerst\u00f6rung von gesellschaftlichen Strukturen und der Lebensgrundlagen der einheimischen Bev\u00f6lkerung, einer Praxis des permanenten Angriffs auf die W\u00fcrde, Gesundheit und pers\u00f6nliche Sicherheit der Menschen, die schlie\u00dflich in die Vertreibung der Kolonisierten m\u00fcndet, um sie durch die zionistischen Siedler ersetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zweifellos ist die Katastrophe der Shoah f\u00fcr Juden wie auch viele Nichtjuden die zentrale Legitimation der Staatsgr\u00fcndung Israels. Die erlittene Vernichtungsgeschichte ist so tief in das j\u00fcdische Bewusstsein eingegraben, dass sich ihm die M\u00f6glichkeit vertrauensvollen Zusammenlebens in nichtj\u00fcdischen Gesellschaften f\u00fcr viele verschlossen hat. Selbst in der Diaspora wird die Existenz eines j\u00fcdischen Staats als unverzichtbare R\u00fcckversicherung und \u00dcberlebensgarantie f\u00fcr den Fall einer neuen Katastrophe erlebt. Doch hat die ideologische Vereinnahmung der Shoah durch den Zionismus gerade bei j\u00fcdischen Autoren scharfe Kritik hervorgerufen. Denn der Zionismus in Israel versteht die Shoah nicht als Zivilisationsbruch mit dem Auftrag, den neuen Menschen \u201anach Auschwitz\u2018 zu schaffen. Er funktionalisiert die Shoah zur Selbstrechtfertigung des j\u00fcdischen Staates mit dem weitergreifenden Anspruch auf Eretz Israel, \u201edem Land der Urv\u00e4ter\u201c[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>], das noch weit \u00fcber die Grenzen der Jordans hinausgeht. Dahinter verschwindet das pal\u00e4stinensische Schicksal der Enteigneten und Vertriebenen bis hin zum Verbot, an den Tag der Staatsgr\u00fcndung als Tag der pal\u00e4stinensischen Katastrophe, Naqba, \u00f6ffentlich zu erinnern.<\/p>\n<p>An die Stelle der Shoah als Gr\u00fcndungsmythos sind andere Mythen getreten, wie der Mythos von Eretz Israel und der Sicherheitsmythos. Die Sicherheit ist zum zentralen Ordnungsfaktor Israels geworden, der <em>\u201eauf einer aus der j\u00fcdischen Leidensgeschichte erwachsenen Auffassung der Unaufl\u00f6sbarkeit der feindseligen Verh\u00e4ltnisse zwischen Juden und den <\/em><em>Gojim<\/em><em>\u201c<\/em> beruht, um die israelisch-deutsche Historikerin Tamar Amar-Dahl zu zitieren.[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Damit hat jedoch der Wunsch nach Frieden nie die gleiche H\u00f6he der Staatsprinzipien erreichen k\u00f6nnen. Im Laufe der Jahre <em>\u201eetablierte sich eine politische Kultur, in der weniger die Politik, sondern vielmehr das Milit\u00e4r im Endeffekt als zust\u00e4ndig f\u00fcr den Konflikt gilt\u201c<\/em>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] \u2013 und die Gewalt, k\u00f6nnen wir hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>125 Jahre Zionismus sind nie das Versprechen eines friedlichen, gleichberechtigten und produktiven Zusammenlebens mit dem Volk gewesen, dem man den gr\u00f6\u00dften Teil seines Territoriums genommen hat, um dort selbst in Frieden leben zu k\u00f6nnen. Er hat zwar das Land, aber nicht den Frieden bekommen. Es hat gen\u00fcgend Angebote zur friedlichen Koexistenz von der pal\u00e4stinensischen Seite gegeben. Sie sind alle ausgeschlagen worden, denn die Idee des \u201ej\u00fcdischen Staates\u201c kennt keine Gleichberechtigung, kein friedliches Zusammenleben mit dem arabischen Volk. Ein solcher Staat will das Land ohne arabisches Volk und daf\u00fcr auf die Gewalt des Terrors nicht verzichten.<\/p>\n<p>In der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung vom Mai 1948 hie\u00df es noch: <em>\u201eDer Staat wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen\u2026.Er wird all seinen B\u00fcrgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verb\u00fcrgen.\u201c<\/em> Genau 70 Jahre sp\u00e4ter hei\u00dft es in dem neuen Grundgesetz von 2018 jetzt: \u201e<em>Dieser Staat Israel ist der Nationalstaat des j\u00fcdischen Volkes, in dem es sein Recht auf nationale, kulturelle, historische und religi\u00f6se Selbstbestimmung aus\u00fcbt.\u201c<\/em> Und diese Selbstbestimmung baut auf Gewalt, Annexion und Vertreibung.<\/p>\n<p>Frieden wird erst dann m\u00f6glich sein, wenn dieser Zionismus von der israelischen Gesellschaft \u00fcberwunden wird und die Staaten, die bisher seine zerst\u00f6rerische Mission gesch\u00fctzt, ja unterst\u00fctzt haben, sich von ihm trennen und dem folgen, was sie alle bei ihrer Aufnahme in die Vereinten Nationen unterschrieben haben:<\/p>\n<blockquote><p>\u201e\u2026Bedingungen zu schaffen, unter denen Gerechtigkeit und die Achtung vor den Verpflichtungen aus Vertr\u00e4gen und anderen Quellen des V\u00f6lkerrechts gewahrt werden k\u00f6nnen\u2026 und freundschaftliche, auf der Achtung vor dem Grundsatz der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der V\u00f6lker beruhende Beziehungen zwischen den Nationen zu entwickeln\u2026\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Hamburg, 19. August 2022<\/em><\/p>\n<div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_1\" name=\"foot_1\">\u00ab1<\/a>] Joseph Gorny, The Arab Question and the Jewish Problem, (hebr.), Tel Aviv, 1986, zit. n. Tamar Amar-Dahl, Das zionistische Israel. J\u00fcdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts, Paderborn 2012, S. 33.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_2\" name=\"foot_2\">\u00ab2<\/a>] Theodor Herzl, Tageb\u00fccher, Berlin 1922, Bd. 1, S. 98.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_3\" name=\"foot_3\">\u00ab3<\/a>] Vgl. Ilan Pappe, Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas, 2007; Nur Masalha, A Land without a People: Israel, Transfer and the Palestinians 1949-96, London, 1997.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_4\" name=\"foot_4\">\u00ab4<\/a>] Walter Holstein, Kein Frieden um Israel, Wien, 1987, S. 184.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_5\" name=\"foot_5\">\u00ab5<\/a>] Arno Lustiger, Rotbuch: Stalin und die Juden, Berlin 1998, S. 185 f.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_6\" name=\"foot_6\">\u00ab6<\/a>] Vgl. Wolfgang Gehrcke, Jutta von Freyberg, Harri Gr\u00fcnberg, Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nah-Ost-Konflikt, 2009, S. 102<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_7\" name=\"foot_7\">\u00ab7<\/a>] So u.a. Reinhard, Wolfgang, Die Unterwerfung der Welt, M\u00fcnchen 2016, S. 1244.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_8\" name=\"foot_8\">\u00ab8<\/a>] Theodor Bergmann, Der 100-j\u00e4hrige Krieg um Israel, Hamburg 2011, S. 19.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_9\" name=\"foot_9\">\u00ab9<\/a>] Moshe Zuckermann, Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus, K\u00f6ln 2009, S. 43.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_10\" name=\"foot_10\">\u00ab10<\/a>] Tamar Amar-Dahl, Das zionistische Israel, S. 227.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87133#note_11\" name=\"foot_11\">\u00ab11<\/a>] Tamar Amar-Dahl, 2012, S. 229.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Norman Paech hielt am 19. August 2022 einen viel beachteten Vortrag. Hier der vollst\u00e4ndige Text nach einer Vorlage der NachDenkSeiten v. 22.08.2022. 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