{"id":11548,"date":"2023-01-14T19:39:09","date_gmt":"2023-01-14T19:39:09","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=11548"},"modified":"2023-01-14T19:39:09","modified_gmt":"2023-01-14T19:39:09","slug":"charlotte-wiedemann-das-trauma-von-1948-wie-sich-palaestinensische-und-juedische-israelis-an-die-nakba-erinnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=11548","title":{"rendered":"Charlotte Wiedemann: &#8222;Das Trauma von 1948&#8220;. Wie sich pal\u00e4stinensische und j\u00fcdische Israelis an die Nakba erinnern"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/23-01-14-landkarte-nakba.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-11550 \" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/23-01-14-landkarte-nakba-559x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"344\" height=\"624\"><\/a>Es gab eine Zeit frischer, klarer Erinnerung, so klar wie der Himmel des Wintertags in der Novelle \u201eEin arabisches Dorf\u201c. Sie erschien in Israel 1949, kaum ein Jahr nach der Staatsgr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Ausz\u00fcge: \u201eWir sind gekommen und haben geschossen, niedergebrannt, gesprengt, verdr\u00e4ngt, vertrieben und verbannt. Wagen, Transporte. Woran erinnert dich das \u2026 Juden werden umgebracht. Europa. Jetzt sind wir die Herren. \u2013 Mit Hurra werden wir Wohnraum schaffen und Einwanderer eingliedern. Man wird die Felder pfl\u00fcgen und s\u00e4en und abernten, ja wird Gro\u00dfes leisten. Es lebe das hebr\u00e4ische Chisa! Wer w\u00fcrde noch auf den Gedanken kommen, dass es einmal ein Chirbet Chisa gegeben hat, dass wir vertrieben und auch geerbt haben. \u2013 Meine Eingeweide schrien. L\u00fcge schrie es in mir. Noch nie hat ein Maschinengewehr, Marke Spandau, irgendein Recht geschaffen. \u2013 In meinem Inneren st\u00fcrzte etwas mit bet\u00e4ubender Wucht zusammen.\u201c<!--more--><\/p>\n<p>Ein schmales B\u00fcchlein, geschrieben aus Sicht eines jungen Beteiligten an den Ereignissen des Jahres 1948. Der Verfasser S. Yishar, eigentlich Yiz\u00adhar Smilanski, war kein Au\u00dfenseiter; als preisgekr\u00f6nter Schriftsteller geh\u00f6rte er sp\u00e4ter lange der Knesset an. Anspielungen auf den Holocaust, auf die Verflochtenheit von Genozid, Staatsgr\u00fcndung und der Entwurzelung eines anderen Volks fanden sich damals bei einer Reihe von Dichtern und Poeten, der Prominenteste war Abba Kovner, polnischer Partisan, Schoah-\u00dcberlebender, sp\u00e4ter Zeuge im Eichmann-Prozess.2 Und vereinzelt weigerten sich j\u00fcdische Ank\u00f6mmlinge aus Europa, \u00dcberlebende auch sie, in H\u00e4user zu ziehen, wo die Teller jener anderen Geflohenen noch auf dem Tisch standen.<\/p>\n<p>Zu wissen, dass es in Israel eine Zeit gab, in der klar und humanistisch die eigene Beteiligung am Inhumanen benannt wurde, war mir eine Hilfe, als ich mich auf die Suche nach verscharrter Erinnerung und verscharrter Humanit\u00e4t machte.<\/p>\n<p>Al-Nakba, Arabisch f\u00fcr Katastrophe, bezeichnet das erzwungene Ende angestammter pal\u00e4stinensischer Existenz in jenen drei Viertel des historischen Pal\u00e4stinas, die zu Israel wurden. Konkret: Flucht und Vertreibung von 750\u2009000&nbsp;M\u00e4nnern, Frauen und Kindern zwischen Herbst 1947 und Fr\u00fchling 1949. Nur im geringeren Ma\u00dfe war dies eine desastr\u00f6se Folge des Angriffs seitens der arabischen Nachbarstaaten; vielmehr galt es, f\u00fcr das junge Israel strategisch zu erk\u00e4mpfen, was der Teilungsplan der Vereinten Nationen gar nicht vorsah: eine eindeutige, machtvolle und haltbare j\u00fcdische Mehrheit im k\u00fcnftigen Staat (siehe den nebenstehenden Kasten).<\/p>\n<p>Was sp\u00e4ter geschah, in weniger als einem Jahrzehnt, war ein doppeltes Ausl\u00f6schen von Erinnerung: an den Akt der Vertreibungen und an die vorherige Existenz der Vertriebenen. Ich spreche dar\u00fcber mit dem Holocaust-Historiker Omer Bartov, geboren 1954. \u201eAls Kinder spielten wir in der N\u00e4he sogenannter verlassener D\u00f6rfer, und wir fragten niemals: Wohin gingen die Araber? Warum sind sie nicht da?\u201c Der Staat war, wie selbstverst\u00e4ndlich, ein Staat mit j\u00fcdischer Mehrheit, \u201eund ich hatte lange keine Ahnung, wie diese Mehrheit zustande gekommen war\u201c.<\/p>\n<p>Es habe damals zwei dominante Verneinungen gegeben: Nie \u00fcber ein europ\u00e4isches Gestern sprechen und nie \u00fcber das Pal\u00e4stina, das es vorher gab. \u201eMit uns begann die Geschichte. Menschen wie ich galten als erste Generation von Einheimischen, w\u00e4hrend die Araber als die viel l\u00e4nger Einheimischen entnormalisiert wurden.\u201c Der Historiker erforscht in Israel die Biografien von Juden und Pal\u00e4stinensern seiner Generation und welche Bindung sie jeweils an das Land besa\u00dfen. Das pal\u00e4stinensische Einheimischsein zu bestreiten, sagt er, sei zur israelischen Staatsr\u00e4son geworden.<\/p>\n<p>Meine Suche nach dem Ausradierten beginnt in Tel Aviv: Die Stadt steht auf sechs zerst\u00f6rten, getilgten pal\u00e4stinensischen Ortschaften&nbsp;\u2013 die Universit\u00e4t auf den Ruinen des Dorfs asch-Schaich Muwannis. Erhalten nur das Wohnhaus des B\u00fcrgermeisters, vom Fakult\u00e4tsclub stillschweigend zum eleganten Restaurant umgebaut; kecke Verleugnung selbst an einer St\u00e4tte des Wissens. Im Ben-Gurion-Haus laufen Schwarz-Wei\u00df- Film-Ausschnitte vom Unabh\u00e4ngigkeitskrieg, ohne Ton. Nichts von Vertreibungen, keine Kolonnen Fl\u00fcchtender mit barf\u00fc\u00dfigen Kindern und gebeugten Alten. Meine Fantasie versucht, Szenen aus der Novelle \u201eEin arabisches Dorf\u201c in die Filmausschnitte hineinzukopieren. Damit praktiziere ich, noch ohne es zu wissen, die Methode der Organisation Zochrot: Was gel\u00f6scht wurde, wieder einf\u00fcgen in die Bilder.<\/p>\n<p>Zochrot bedeutet: Wir erinnern, und zwar in der weiblichen Form \u2013 so dr\u00fcckt sich der Wunsch aus, ein Geschichtsbild zu f\u00f6rdern, das nicht auf m\u00e4nnlichen, kriegerischen Narrativen beruht, sondern auf Empathie und Inklusion. Daf\u00fcr werden die Spuren pal\u00e4stinensischen Lebens wieder sichtbar gemacht. Eine iNakba-App zeigt auf einer digitalen Landkarte mehr als 500 entv\u00f6lkerte Ortschaften; tippt man darauf, klappt zu jeder ein kleines Archiv auf, Ergebnis langj\u00e4hriger Nachforschungen.<\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe mich einer der regul\u00e4ren Touren von Zochrot an. Von Tel Aviv geht es nach Osten, \u00fcber ein Gewirr von Stadtautobahnen zum \u201eJarkon Nationalpark\u201c. In einer seltsamen Dialektik von Entwurzelung und Aufforstung wurden die St\u00e4tten der Vertreibung vielerorts mit schnellwachsendem Geh\u00f6lz bepflanzt. Die j\u00fcdische Diaspora in aller Welt f\u00fcllte Sammelb\u00fcchsen, damit in Israel der Wald wachse, wissend oder unwissend impliziert in das Begr\u00fcnen der Amnesie.<\/p>\n<p>Es ist Schabbat, im Park herrscht eine Atmosph\u00e4re heiteren Picknicks mit Ges\u00e4ngen und rauchendem Grillfleisch. Unsere Gruppe mit ihren Schildern, Landkarten und gro\u00dfformatigen Fotos wirkt wie von einem anderen Stern.<\/p>\n<p>Die Tour wird von einer J\u00fcdin und einer Pal\u00e4stinenserin gemeinsam geleitet; sie haben die Geschichte des verschwundenen Dorfs Al-Mirr rekonstruiert. Die Mutter von Rose Amer, der Pal\u00e4stinenserin, wurde hier geboren. Rose h\u00e4lt ihren Vortrag auf Arabisch, obwohl sie flie\u00dfend He\u00adbr\u00e4isch spricht. Die Dominanz des Hebr\u00e4ischen schaffe in gemischten Gruppen stets eine nie zu \u00fcberwindende Kluft. \u201eKolonialismus ist auch Kultur. Ich spreche jetzt zu Juden Arabisch als Ermutigung, das zu lernen.\u201c Die drei Dutzend Zuh\u00f6rer warten geduldig auf die konsekutive \u00dcbersetzung ins Hebr\u00e4ische.<\/p>\n<p>Um eine R\u00fcckkehr der Bewohner zu vereiteln, wurde Al-Mirr wie die meisten entv\u00f6lkerten D\u00f6rfer planiert, samt dem Friedhof; nichts l\u00e4sst ihn erahnen. \u201eMeine Mutter\u201c, sagt Rose, \u201ekam einmal her, um den Atem der Vorfahren zu sp\u00fcren. Und sie sah das hier.\u201c Beklommen schauen wir zu, wie sie im Waldboden die Konturen des einstigen Gr\u00e4berfelds markiert. Die Tour verbindet Geschichtsunterricht mit Elementen von Erinnerungskultur. Als Rose sp\u00e4ter die arabischen Namen der ehemaligen Landbesitzer, auf deren Boden wir stehen, verliest \u2013 say their names auch hier ein Ritual des Bezeugens \u2013, m\u00f6gen sich j\u00fcdische Israelis f\u00fcr einen Moment als G\u00e4ste im eigenen Land empfinden. Eigen, was hei\u00dft das?<\/p>\n<p>Die Ruine einer Wasserm\u00fchle f\u00fcr Getreide: Sie stamme aus dem Altertum, informiert das Faltblatt der Parkverwaltung, und sei benannt worden nach einem Al-Mirr, das es \u201eeinst\u201c gegeben habe. Der Ort, wo Roses Mutter zur Welt kam, entr\u00fcckt in eine neblige Ferne, die niemanden ber\u00fchrt. Rasch wird nun der Schutzzaun um die Ruine ge\u00f6ffnet und mit ge\u00fcbten Hammerschl\u00e4gen ein Schild in den Boden gerammt, es holt Al-Mirr zur\u00fcck in die j\u00fcngste Zeitgeschichte. Solche Hinweise stellen Mitstreiter von Zochrot regelm\u00e4\u00dfig auf, lange stehen bleiben sie nie.<\/p>\n<p>Manchmal zertrampelt ein Passant das Holzschild mit solcher Heftigkeit, als k\u00e4men Wut und Abwehr von weit her \u2013 aus der tiefsitzenden Furcht, an das zu r\u00fchren, was der deutsch-j\u00fcdische Essayist Benjamin Korn Israels Geburtstrauma nennt: Um ihrem Exil ein Ende zu machen, h\u00e4tten Juden ein anderes Volk vertrieben, das seinerseits zur\u00fcckwolle. \u201eDieses Trauma ist so stark und reicht so tief, dass es geleugnet werden muss.\u201c3<br \/>\nQuelle: <a href=\"https:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!5906053\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Le Monde diplomatique v. 12.01.2023<\/a><br \/>\nder vollst\u00e4ndige Artikel hier: <a href=\"https:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!5906053\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!5906053<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab eine Zeit frischer, klarer Erinnerung, so klar wie der Himmel des Wintertags in der Novelle \u201eEin arabisches Dorf\u201c. 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