{"id":11620,"date":"2023-04-23T15:01:29","date_gmt":"2023-04-23T15:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=11620"},"modified":"2023-04-24T15:30:07","modified_gmt":"2023-04-24T15:30:07","slug":"siegeszug-des-neozionismus-eine-rezension-des-buches-von-tamar-amar-dahl-von-arn-strohmeyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=11620","title":{"rendered":"&#8222;Siegeszug des Neozionismus&#8220; &#8211; eine Rezension des Buches von Tamar Amar-Dahl von Arn Strohmeyer"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: medium;\"><b><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-11602\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/23-03-16-tamar-amar-dahl-291x300.jpg\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/23-03-16-tamar-amar-dahl-291x300.jpg 291w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/23-03-16-tamar-amar-dahl-300x309.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/23-03-16-tamar-amar-dahl-768x792.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/23-03-16-tamar-amar-dahl.jpg 806w\" sizes=\"auto, (max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><b>Die deutsch-israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl analysiert in ihrem neuen Buch den \u201eSiegeszug des Neozionismus\u201c. Ihr <a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?ai1ec_event=tamar-amar-dahl-der-siegeszug-des-neozionismus-israel-im-neuen-millennium&amp;instance_id=65\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vortrag mit anschlie\u00dfender Diskussion am 25. April um 19 Uhr im Gemeindezentrum Zion<\/a> wird mit Sicherheit auf ein gro\u00dfes Interesse sto\u00dfen. Arn Strohmeyer hat ihr Buch vorab besprochen.<br \/>\n<\/b><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><b>Netanjahus Israel: nationalistisch, messianisch, rassistisch und konfrontativ<\/b><\/h1>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><b>Arn Strohmeyer<\/b><\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">W\u00e4hrend deutsche Publizisten zumeist noch ratlos herumspekulieren, wie es denn zu der abrupten und \u201edemokratie-feindlichen\u201c Wende in Israel kommen konnte, zeigt die deutsch-israelische Historikerin Tamar Amar Dahl in ihrem neuen Buch <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Der Siegeszug des Neozionismus. Israel im neuen Millennium<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> exakt den Weg auf, wie dieser Staat so in die N\u00e4he eines faschistischen und theokratischen Abgrunds geraten konnte. Ihre Ausf\u00fchrungen kann man entnehmen, dass die \u201eeinzige Demokratie im Nahen Osten\u201c nicht zuf\u00e4llig auf pl\u00f6tzliche Abwege geraten ist, sondern dass sich die jetzige gef\u00e4hrliche Situation sehr konsequent aus der Geschichte Israels in den letzten Jahren ergibt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Tamar-Amar-Dahl verfolgt diesen Weg, das hei\u00dft die Entstehung des Neozionismus, der heute Israels Politik bestimmt, von der ersten Intifada 1987 bis in die Gegenwart. Sie nennt dabei furchtbare Details der israelischen Besatzungspolitik, die der normale Medienkonsument in Deutschland nie erfahren hat: etwa die Strategie der gezielten T\u00f6tungen von pal\u00e4stinensischen F\u00fchrungspersonen. Um einen Angeh\u00f6rigen dieses Volkes mit den Mitteln modernster Technik auszuschalten, reichte und reicht der Verdacht, dass die ins Fadenkreuz geratene Person etwas mit \u201eTerrorismus\u201c (was Israel darunter versteht) zu tun hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Diese Art der Hinrichtung wird mit dem Recht auf Selbstverteidigung (\u201eGezielte Pr\u00e4vention\u201c) begr\u00fcndet, um das Leben israelischer Zivilisten und Armeeangeh\u00f6riger zu sch\u00fctzen nach dem Motto: \u201eWenn Dich jemand t\u00f6ten will, so komme ihm zuvor und t\u00f6te ihn!\u201c Aber wie will man wissen, ob jemand eine T\u00f6tungsabsicht hat oder nicht? So handelt es sich bei diesem Vorgehen auch nicht in erster Line um Akte der Verteidigung, sondern die Politik der gezielten T\u00f6tungen ist ein politisches Instrument, mit dem Israel versucht, die Kontrolle \u00fcber die besetzten Gebiete abzusichern. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Sehr erfolgreich war diese Strategie offenbar nicht, denn der israelische Sicherheitsexperte Ronen Bergman zieht folgende Bilanz: \u201eAuch keine der anderen von Israel durchgef\u00fchrten T\u00f6tungen und aggressiven Milit\u00e4roperationen hatte in Wahrheit zu irgendetwas gef\u00fchrt, au\u00dfer zum Tod von 454 Pal\u00e4stinensern, zur Verwundung tausender anderer und zur Verl\u00e4ngerung eines blutigen und asymmetrischen Konflikts, der zu weiteren Toten auf israelischer Seite f\u00fchrte.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Aber es geht der Autorin nat\u00fcrlich nicht darum, nur die Untaten des israelischen Milit\u00e4rs aufzuzeigen, die so gut wie alle Verletzungen von V\u00f6lkerrecht und Menschenrechten sind. Diese Verbrechen stehen im Zusammenhang mit der zweiten Intifada in den Jahren 2000 bis 2005 \u2013 des zweiten pal\u00e4stinensischen Aufstandes gegen die israelische Besatzung. In diese Phase f\u00e4llt auch das Umdenken der israelischen Politik, dessen Folgen bis zum Sieg des Neozionismus f\u00fchren, der heute in Israel die bestimmende politische Bewegung ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der zionistische Staat geriet nach dem Jahr 2000 in eine tiefe Sinnkrise. Der linke Zionismus, der vor allem von der Arbeitspartei gepr\u00e4gt war, hatte in den 1990er Jahren mit den Oslo-Vertr\u00e4gen den zaghaften und sehr unvollst\u00e4ndigen Versuch einer Friedensl\u00f6sung gemacht. Aber dieser Versuch war nicht zuletzt wegen seiner Unvollst\u00e4ndigkeit gescheitert, denn er hatte keine wirkliche Antwort auf die \u201eur-zionistische Pal\u00e4stina-Frage\u201c gebracht (so die Autorin), eben des Problems des Territoriums und der pal\u00e4stinensischen Selbstbestimmung. F\u00fcr die Pal\u00e4stinenser war Oslo ein totaler Misserfolg gewesen: Israel baute weiter seine Siedlungen auf ihrem Land, was die Hoffnung auf eine pal\u00e4stinensische Staatsbildung zunichtemachte. Auch der Lebensstandard der Pal\u00e4stinenser hatte sich nicht verbessert, und ihre Bewegungsfreiheit blieb weiter eingeschr\u00e4nkt. Und in Ramallah sa\u00df eine pal\u00e4stinensische F\u00fchrung (erst Jassir Arafat, dann Mahmud Abbas), die wenig Macht besa\u00df und obendrein noch Hilfsdienste f\u00fcr Israels Sicherheit leisten musste. Die Entt\u00e4uschung \u00fcber diese Entwicklung war der Anlass zur zweiten Intifada. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Endg\u00fcltig hatte der israelische Regierungschef Ehud Barak jede Hoffnung auf Frieden beseitigt, als er bei den Verhandlungen in Camp David im Jahr 2000 Arafat einen Diktatfrieden aufn\u00f6tigen wollte, den dieser aber ablehnte, ablehnen musste, wenn er vor seinem Volk noch bestehen wollte. Denn die Bedingungen f\u00fcr diesen Frieden gingen \u00fcber die Schaffung eines besseren Bantustans nicht hinaus. Barak formulierte seine Sicht der Dinge nach Camp David, die zum neuen israelischen Narrativ wurde, aber ganz anders: \u201eIsrael hat keinen Partner f\u00fcr den Frieden.\u201c Und: \u201eWir haben Frieden angeboten, aber sie haben mit der Intifada reagiert\u201c \u2013 eben mit Gewalt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">In Wirklichkeit nutzte Barak in Camp David die schwache Position der Pal\u00e4stinenser geschickt aus, um vom eigenen Scheitern abzulenken und gleichzeitig den in Israel ohnehin nicht durchsetzbaren Friedensprozess zu beenden. Mit anderen Worten: Baraks Man\u00f6ver verfolgte nur die Absicht, Israel von Oslo zu befreien. Der israelische Politologe Itzhak Laor kommentierte die Situation so: \u201eDie Dummheit siegte: Der einzige Pal\u00e4stinenser, der zum Kompromiss f\u00fchren konnte [Arafat], wurde mit Hilfe des Linkszionismus als Satan dargestellt. Der Linkszionismus hat sich selbst aufgel\u00f6st, schlie\u00dflich vergraben.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Baraks Verlautbarung war also ein Eigentor und trug nicht nur dazu bei, dem Linkszionismus, der Oslo getragen hatte, den Todessto\u00df zu versetzen, sondern bewirkte auch, das Land in eine tiefe Sinnkrise zu st\u00fcrzen und Krieg als den einzigen Ausweg erscheinen zu lassen. Die Wiederkehr der \u201ealten Ordnung\u201c (vor Oslo) stand nun auf der politischen Agenda und die milit\u00e4risch verstandene Sicherheitsfrage, die l\u00e4ngst zu einer Ideologie aufgewertet war, r\u00fcckte wieder in den Vordergrund. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Was bedeutete: Die israelische F\u00fchrung unter dem neuen Regierungschef Ariel Sharon entschied sich, das Besatzungssystem nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern es noch auszubauen und zu verfestigen. Die Folge war die brutale Niederschlagung der Intifada, f\u00fcr Israel war dieser Aufstand gegen die Besatzung blanker \u201eTerrorismus\u201c. Entsprechend wurden die Pal\u00e4stinenser d\u00e4monisiert: Sie wollten Israel vernichten und seine Menschen ins Meer treiben, hie\u00df es. Mit ihrer gnadenlosen Gewalt bezweckten die Zionisten, Vergeltung zu \u00fcben, Abschreckung zu demonstrieren und ihre Vormacht zu beweisen. Wobei ein Kampfmittel die schon erw\u00e4hnten Liquidierungen waren. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Als Ergebnis des gescheiterten Oslo-Prozesses, der sich daraus ergebenden Sinnkrise und des fast v\u00f6lligen Verschwindens des Linkszionismus von der politischen B\u00fchne gewannen die Rechtszionisten die politische Vorherrschaft und schickten sich an, die in die Krise geratene Staatsideologie zu erneuern. Um nur formelhaft die ideologischen Gegens\u00e4tze beider Richtungen zu beschreiben: w\u00e4hrend die Linkszionisten einen eher s\u00e4kularen, liberalen und an westlichen Demokratien orientierten j\u00fcdischen Staat anstrebten, setzten die Rechtszionisten mehr auf einen konservativen, chauvinistisch-j\u00fcdischen Patriotismus. Der sich hier entwickelnde Neozionismus strebte vor allem danach, den Anspruch des j\u00fcdischen Volkes auf Eretz Israel [Gro\u00dfisrael \u2013 das Land vom Jordan bis zum Meer] zu verfestigen. Und er zielte darauf ab, die allein bestimmende Kraft in Politik, Gesellschaft und Kultur zu werden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Wenn zwischenzeitlich auch von Post-Zionismus die Rede gewesen war, dann hatte das mit der \u201eFriedensphase\u201c von Oslo zu tun, er wurde von den Neozionisten aber schlichtweg als \u201eVerrat\u201c angesehen, denn die Vorsilbe Post- ist f\u00fcr sie gleichbedeutend mit dem Abschied von dem dem Zionismus innewohnenden Anspruch auf das ganze Territorium Pal\u00e4stinas. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der israelische Politologe Amal Jamal definiert den Neozionismus folgenderma\u00dfen: \u201eDie Neozionisten versuchen, die Rechtfertigung des Zionismus, die Identit\u00e4t des j\u00fcdischen Staates, die Bedeutung der j\u00fcdischen Souver\u00e4nit\u00e4t und die Beziehung zwischen dem j\u00fcdischen Volk und dem Land Israel neu zu definieren. (\u2026) Die neozionistische Bewegung ist unverbl\u00fcmt und radikal. Sie ist nationalistisch, messianisch, rassistisch und konfrontativ.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Es ist f\u00fcr Au\u00dfenstehende nicht ganz leicht, die diffizilen Unterschiede zwischen den Hauptstr\u00f6mungen des Zionismus zu verstehen, weil es zwischen ihnen auch viele \u00dcberschneidungen und Parallelen gibt. So sind zum Beispiel Links- und Neozionisten demselben politischen Ziel des Siedlerkolonialismus verpflichtet \u2013 eben der j\u00fcdischen Besiedlung des Landes, die durchaus dem vermeintlichen westlich-liberalen und universalistischem Anspruch der Linkszionisten widerspricht, denn gerade Regierungen der Arbeitspartei hatten die Besiedlung des Westjordanlandes Jahrzehnte lang unterst\u00fctzt. Die Differenzen zwischen den zionistischen Richtungen traten aber v\u00f6llig in den Hintergrund, weil der Vormarsch der Neozionisten nicht mehr aufzuhalten war. Er ging so weit, dass es ihnen gelang, die politische Opposition in Israel fast vollst\u00e4ndig zu beseitigen. Israel ist heute ein Staat ohne Opposition. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Dazu gelang es dem Neozionismus, der ganz wesentlich von der Person Benjamin Netanjahus gepr\u00e4gt ist, die Pal\u00e4stina-Frage, also das Problem des Territoriums, v\u00f6llig aus der \u00f6ffentlichen Diskussion zu entfernen. Die Okkupation und die Siedlungen sind keine Gegenst\u00e4nde der \u00f6ffentlichen Debatte mehr. Anders ausgedr\u00fcckt: Die Pal\u00e4stina-Frage wurde als nicht mehr offen angesehen und so vollst\u00e4ndig entpolitisiert. Diese Position wurde in Israel zum breiten Konsens. Damit wird in Wirklichkeit aber der Kern des Konflikts \u2013 die Diskrepanz zwischen dem zionistischen Anspruch auf das Land und der binationalen Geographie und Demographie im Land \u2013 nat\u00fcrlich nicht gel\u00f6st, sondern nur verdr\u00e4ngt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Die Autorin stellt an dieser Stelle die These auf, dass dieser hadernde israelische Diskurs um das zionistische Staatsverst\u00e4ndnis ein Ausdruck der immer unwahrscheinlicher erscheinenden politischen L\u00f6sung der ur-zionistischen Pal\u00e4stina-Frage ist. Der Neozionismus will sein Projekt \u2013 die Inbesitznahme des ganzen Landes \u2013 mit reiner machtorientierter Einseitigkeitspolitik durchsetzen. Um das zu erreichen, brachten die Neozionisten einige wichtige Gesetze durch die Knesset, die die bestehende Spannung zwischen nicht-j\u00fcdischer Minderheit und dem Staat in ihrem Sinne l\u00f6sen sollen. Diese Gesetze dr\u00e4ngen die pal\u00e4stinensischen Staatsb\u00fcrger Israels an den Rand der Gesellschaft. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Zu nennen ist hier vor allem das im Juli 2018 verabschiedete Nationalstaatsgesetz. Die entscheidenden Paragraphen sind:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">1. Das Land Israel ist das historische Heimatland des j\u00fcdischen Volkes, in dem der Staat Israel gegr\u00fcndet wurde. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">2. Der Staat Israel ist die nationale Heimat des j\u00fcdischen Volkes, in der es sein nat\u00fcrliches, kulturelles, religi\u00f6ses und historisches Recht auf Selbstbestimmung wahrnimmt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">3. Das Recht auf Aus\u00fcbung der nationalen Selbstbestimmung im Staat Israel ist ein einzigartiges Recht des j\u00fcdischen Volkes.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Aus diesem Text geht klar hervor: das Staatssubjekt in Israel sind nur die Juden, nur sie kommen in den Genuss der Nationalstaatlichkeit \u2013 und zwar im gesamten Land zwischen Mittelmeer und Jordan. Damit ist deutlich ausgesprochen, dass die Neozionisten ganz Pal\u00e4stina beanspruchen und jede andere L\u00f6sung \u2013 sei es die Zwei- oder Einstaatlichkeit \u2013 ablehnen. Kompromisse im Konflikt mit den Pal\u00e4stinensern kommen also nicht in Frage, die Pal\u00e4stina-Frage ist f\u00fcr die Neozionisten kein Thema mehr. Damit wird aber auch das Problem der Gleichheit und Demokratie ganz einseitig im Sinne der Ausschlie\u00dflichkeit nur f\u00fcr Juden gel\u00f6st. Die \u201eGefahr\u201c eines Staates aller seiner B\u00fcrger war mit diesem Gesetz vom Tisch. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Entsprechend waren auch die Reaktionen im \u201elinken\u201c Lager, also bei den Linkszionisten oder in den Medien. Die Linke argumentierte, dass die Neozionisten das Gesetz aus Angst vor einer nicht-j\u00fcdischen Mehrheit im Land gemacht h\u00e4tten; es w\u00fcrde darin auf die Gleichberechtigung aller B\u00fcrger verzichtet, was das Ende eines j\u00fcdischen und demokratischen Israel bedeuten und die Basis f\u00fcr einen Apartheidstaat legen w\u00fcrde. Vorrang habe nun die Judaisierung des ganzen Landes. Der prominente israelische Schriftsteller David Grossmann merkte an: Mit dem Gesetz w\u00fcrde ein F\u00fcnftel der israelischen Staatsb\u00fcrger [der zwei Millionen in Israel lebenden Pal\u00e4stinenser] der Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen, die Pal\u00e4stinenser in Israel seien nun nur noch B\u00fcrger auf Abruf, sie seien jetzt zu einem Leben in permanenter Unsicherheit verurteilt. Neonazistische Politiker sprechen heute auch schon wieder ganz offen von einer neuen Vertreibung, also einer Fortsetzung der Nakba.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der pal\u00e4stinensische Autor Mazouk Al-Halabi urteilte: \u201eDie Urheber des Gesetzes beabsichtigen, der binationalen Demographie zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan eine juristisch-politische Gerichtsbarkeit aufzuzwingen. Die binationale Gefahr sollte rechtzeitig neutralisiert werden. Auf dem Weg dahin mussten sie [die Neozionisten] einen Premierminister ermorden [Rabin], Angst und Schrecken im Lande sch\u00fcren, Gewalt und Sanktionen gegen ihre [politischen] Rivalen aus\u00fcben, bis sie allm\u00e4hlich diese niedertr\u00e4chtige Politik salonf\u00e4hig machten: eine Politik ohne Moral, ohne Erbarmen und ohne Scham. Die Folge ist ein waghalsiger, unbek\u00fcmmerter Nationalismus.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der Neozionismus kann das Nationalstaatsgesetz aber zun\u00e4chst als gro\u00dfen Erfolg verbuchen, ob auf Dauer ist eine andere Frage. Die Neozionisten sehen die j\u00fcdische Vorherrschaft zwischen Jordan und Mittelmeer jetzt als gesichert an. Anders gesagt bedeutet das, dass das Besatzungssystem und der Konfliktzustand befestigt und in den zionistischen Staat integriert wurden. Es bleiben aber trotz dieses Gesetzes f\u00fcr die Autorin zwei Fragen ungel\u00f6st und zwar f\u00fcr beide Richtungen des Zionismus: \u201eErstens, wie gedenkt das zionistische Israel mit der binationalen Demographie im Lande umzugehen? Und eng verbunden damit ist die zweite kardinale Frage, wie es als regionale Macht mit dem hundertj\u00e4hrigen Konflikt zwischen zwei Nationalbewegungen weiter umgehen will. Zwar stehen beide Seiten in eklatant asymmetrischen Verh\u00e4ltnissen zueinander, doch beide V\u00f6lker sind gezwungen, in einem kleinen Land zusammenzuleben. Eine milit\u00e4rische Entscheidung ist jedenfalls nicht erzielbar.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Das Oberste Gericht in Israel hat alle Antr\u00e4ge gegen das Nationalstaatsgesetz abgelehnt. Damit ist der Weg daf\u00fcr frei, dass dieses Gesetz Verfassungsrang bekommt. Dass das Gesetz in krassem Widerspruch zur Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung von 1948 steht, die allen Bewohnern des Landes gleiche Rechte zusichert, spielt f\u00fcr die neozionistische Argumentation keine Rolle, denn die arabischen Staatsb\u00fcrger Israels werden in dem Gesetz vollst\u00e4ndig ignoriert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Wie war eine solche Entwicklung m\u00f6glich? Die Autorin macht einmal die politische Sinnkrise nach dem Scheitern von Oslo und zum anderen Israels strukturimmanente krisenhafte politische Ordnung f\u00fcr das Aufkommen des Neozionismus verantwortlich. Letztere habe den N\u00e4hrboden f\u00fcr einen skrupellosen \u201estarken F\u00fchrer\u201c bereitet: Benjamin Netanjahu. Er hat es verstanden, die alte politische Elite zu entmachten, die Gr\u00e4ben in der israelischen Gesellschaft weiter aufzurei\u00dfen, die Spannungen zwischen den verschiedenen rivalisierenden politischen Gruppen zu versch\u00e4rfen und sich in der Sackgasse, in die er das Land selbst gef\u00fchrt hat, als \u201eRetter\u201c aufzuspielen. Je krisenhafter die Situation f\u00fcr Israel wurde, desto mehr profitierte Netanjahu davon, desto mehr konnte er seine Macht festigen. Yitzhak Laor hat Netanjahus Aufstieg so beschrieben: Netanjahu werde umso st\u00e4rker, je mehr die israelische Gesellschaft versinke. Dies tue sie, weil sie die Gr\u00e4uel der Besatzung immer st\u00e4rker verdr\u00e4nge und ihn als Mann ben\u00f6tigte, der sich f\u00fcr sie der Pal\u00e4stinenser entledigte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Netanjahu gelang es, die Randgruppen der israelischen Gesellschaft \u2013 die Nationalreligi\u00f6sen, die Orthodoxen (Ashkenazi oder Mizrahi \u2013 die arabischen Juden) und die russischen Immigranten zur politisch dominanten \u201eisraelischen Rechten\u201c zusammenzuschwei\u00dfen. Sie sahen in ihm den \u201erichtigen Mann\u201c f\u00fcr den Rachefeldzug gegen das bisherige politische Establishment. Die Rache besteht darin, gegen den s\u00e4kularen Staat, von dem sich diese Gruppen vernachl\u00e4ssigt f\u00fchlten, gegen die Friedenspolitik und das s\u00e4kular-weltliche Oberste Gericht vorzugehen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Die Autorin sieht Netanjahus gr\u00f6\u00dften Erfolg und seinen \u201ehistorischen Beitrag zum Neozionismus\u201c (aus neozionistischer Sicht verstanden) in der vollst\u00e4ndigen Entfernung der ur-zionistischen territorialen Frage aus dem politischen Alltag. Dass er dies nur mit \u00e4u\u00dferster Skrupellosigkeit erreichte \u2013 Hetze, D\u00e4monisierung seiner politischen Gegner und der Instrumentalisierung des Holocaust \u2013 darf nicht verschwiegen werden, \u00e4ndert aber nichts an seinem Sieg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Die Autorin \u00e4u\u00dfert sich sehr vorsichtig in Bezug auf die Zukunft des neozionistischen Israel. Sie l\u00e4sst am Ende ihres Buches den Netanjahu-Biographen Anshel Pfeffer Bilanz ziehen und einen Blick auf das Kommende werfen: \u201eDie Zeit seines [Netanjahus] Israel l\u00e4uft ab. Die Besetzung einer anderen Nation untergr\u00e4bt die israelische Demokratie und die Menschenrechte in einem alarmierenden Tempo. Netanjahu hat keinerlei Pl\u00e4ne, um dieser Erosion entgegenzuwirken, au\u00dfer mit dem Sch\u00fcren von Rassismus und Angst, (\u2026) denn er l\u00e4sst sich nur von einem d\u00fcsteren Blick auf die j\u00fcdische Geschichte inspirieren. Es gibt nichts zwischen dem unmittelbaren \u00dcberleben und der jahrhundertelangen Bedrohung.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Viel deutlicher hatte sich da schon vor Jahren (2014) der Israeli Moshe Zuckermann ge\u00e4u\u00dfert, als es die jetzt regierende rechtsradikale und ultrareligi\u00f6se Regierung noch gar nicht gab. F\u00fcr ihn stand Israel damals schon vor der historischen Entscheidung zwischen der Zwei-Staatenl\u00f6sung (also eines pal\u00e4stinensischen Staates an der Seite Israels) oder der Errichtung eines binationalen Staates (mit Juden und Pal\u00e4stinensern als gleichberechtigten B\u00fcrgern). Sollte es zu keiner dieser beiden L\u00f6sungen kommen, w\u00fcrden die Juden eine Minorit\u00e4t im eigenen Land bilden und Israel w\u00fcrde dann endg\u00fcltig ein Apartheidstaat im vollen Sinne des Wortes. Das w\u00e4re dann aber das Ende des zionistischen Projekts. Denn Juden w\u00fcrden niemals mit Pal\u00e4stinensern in einem Staat leben wollen, aber in dem dann entstandenen Apartheidstaat w\u00fcrde es sich auch nicht mehr um einen Staat allein der Juden handeln. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">F\u00fcr Zuckermann ist die entscheidende Frage: \u201eWie l\u00e4sst es sich also erkl\u00e4ren, dass Israels offizielle Politik der letzten Jahrzehnte strukturell einen Weg beschreitet, der nicht anders enden kann als mit dem historischen Ende des zionistischen Staates?\u201c Die Antwort sieht Zuckermann in der Unf\u00e4higkeit der Zionisten, den offenen Widerspruch zwischen den entstehenden realen [demographischen] Strukturen im Land und der offiziellen Politik der israelischen Regierungen der letzten Dekaden (und auch des zionistischen Ideals bzw. seiner Utopie) zu beheben. Alle israelischen Regierungen h\u00e4tten die Realit\u00e4t verdr\u00e4ngt und sich in diverse Erkl\u00e4rungen, Apologien und Ausreden gefl\u00fcchtet, die alle die Absicht verfolgt h\u00e4tten, den parteilichen Macht- und Herrschaftserhalt, den stagnierenden Staus quo und das Dogma der Alternativlosigkeit zu garantieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der zurzeit in Israel herrschende Neozionismus, kann man aus Zuckermanns Analyse folgern, ist in diesem Sinne auch nur eine ideologische Ausflucht vor der Realit\u00e4t und damit nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig. Zuckermann sagt diesem Staat folgende Zukunft voraus: \u201eEs ist an der Zeit zu fragen, ob besagte Ersch\u00fctterungen und \u00c4ngste [aus der j\u00fcdischen Geschichte und dem Holocaust] sich mittlerweile nicht derma\u00dfen gr\u00fcndlich verdinglicht haben, dass sie den Bezug zum historischen Ursprung v\u00f6llig verloren haben und einzig noch als Mittel der Rationalisierung einer tiefer liegenden Angst fungieren: des Entsetzens vor der Erkenntnis, das gesamte zionistische Projekt sei einen steilen Abhang hinuntergerollt, und gerade jene, die seine Fahnen in \u00fcberbordendem Pathos und ideologischem \u00dcberschwang schwenken, seine Totengr\u00e4ber seien, F\u00f6rderer eines historische Endes.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">So weit geht Tamar Amar-Dahl in ihren Schlussfolgerungen nicht: Das ist aber kein Defizit ihres Buches. Es ist eine gl\u00e4nzende Analyse des \u00e4u\u00dferst bedenklichen Zustandes des gegenw\u00e4rtigen israelischen Staates und des politischen Weges, der zum neozionistischen Heute gef\u00fchrt hat. Nicht nur Kennern der Situation ist das Buch zu empfehlen, sondern auch gerade den Anh\u00e4ngern der \u201eeinzigen Demokratie im Nahen Osten\u201c. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><b>Tamar Amar-Dahl: Der Siegeszug des Neozionismus. Israel im neuen Millennium, Promedia-Verlag Wien, ISBN 978-3-85371-514-7, 22 Euro<\/b><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsch-israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl analysiert in ihrem neuen Buch den \u201eSiegeszug des Neozionismus\u201c. Ihr Vortrag mit anschlie\u00dfender Diskussion am 25. April um 19 Uhr im Gemeindezentrum Zion wird mit Sicherheit auf ein gro\u00dfes Interesse sto\u00dfen. Arn Strohmeyer hat ihr &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=11620\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-11620","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11620","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11620"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11620\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11633,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11620\/revisions\/11633"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11620"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}