{"id":11711,"date":"2023-07-22T20:23:41","date_gmt":"2023-07-22T20:23:41","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=11711"},"modified":"2023-07-22T20:26:59","modified_gmt":"2023-07-22T20:26:59","slug":"11711","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=11711","title":{"rendered":"\u201eDie Causa Arn Strohmeyer: D\u00fcmmer kann es kaum noch kommen.\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_7343\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7343\" class=\"wp-image-7343 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/strohmeyer-arn-1-zu-1-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/strohmeyer-arn-1-zu-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/strohmeyer-arn-1-zu-1-200x200.jpg 200w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/strohmeyer-arn-1-zu-1.jpg 468w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-7343\" class=\"wp-caption-text\">Arn Strohmeyer, Journalist und Buchautor<\/p><\/div>\n<p>Arn Strohmeyer, der bekannte Bremer Journalist und Buchautor, hat am 9. M\u00e4rz 2023 auf Einladung des N\u00fcrnberger Evangelischen Forums f\u00fcr den Frieden (neff) in N\u00fcrnberg in einem Vortrag sein Buch \u201eFalsche Loyalit\u00e4ten. Israel, der Holocaust und die deutsche Erinnerungspolitik\u201c, erschienen im Promedia Verlag Wien, vorgestellt. Wie er dort erfuhr, hatten gewisse Kreise schon vorher versucht, seinen Vortrag zu verhindern, was ihnen aber nicht gelang. Im Anschluss hat ein offensichtlich \u201eaufmerksamer\u201c Zuh\u00f6rer Anzeige wegen \u201eVolksverhetzung\u201c gegen Strohmeyer erstattet. Er wurde von der Politischen Polizei in Bremen vorgeladen und hat am 27.06.2023 die Vorladung bei der Polizei wahrgenommen. Sie informierte ihn \u00fcber den Inhalt der Anzeige.<\/p>\n<p>Die Vorw\u00fcrfe:<\/p>\n<ol>\n<li>Strohmeyer h\u00e4tte in seinem Vortrag referiert, dass nicht nur Juden Opfer unter dem Nationalsozialismus gewesen seien.<\/li>\n<li>Strohmyer h\u00e4tte behauptet, dass Israel sich auf den Holocaust berufe, um unter diesem Deckmantel die Pal\u00e4stinenser zu unterdr\u00fccken.<\/li>\n<\/ol>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Helga Baumgarten<\/strong> berichtet im Folgenden \u00fcber den Fall unter dem Titel: <strong>\u201eDie Causa Arn Strohmeyer: D\u00fcmmer kann es kaum noch kommen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der Inhalt dieser Anzeige ist angesichts der demonstrierten Unkenntnis der deutschen Geschichte, insbesondere der deutschen Vernichtungspolitik unter dem Nazi-Regime, atemberaubend. Dasselbe gilt f\u00fcr Teil zwei der Anzeige. Offensichtlich hat sich die Person, die die Anzeige erhob, nie mit der israelischen Besatzung seit 1967 und ihrer Unterdr\u00fcckungspolitik besch\u00e4ftigt. Schlie\u00dflich fehlt jede Kenntnis \u00fcber die gesamte, sehr umfangreiche Literatur sowohl zum Holocaust als auch zur israelischen Besatzung.<\/p>\n<p>Moshe Zuckermann, der bekannte israelische Historiker, den Strohmeyer um eine Stellungnahme gebeten hat, kommentiert den \u201eFall\u201c mit Sarkasmus:<\/p>\n<p>Ad 1: \u201eMan wei\u00df nicht, ob es ein Witz sein soll bzw. in welcher Welt der Anzeigenerstatter lebt. Wei\u00df er allen Ernstes nicht, dass auch Nichtjuden Opfer der Nazis waren? Nie was von Sinti und Roma, von Homosexuellen, von Euthanasie-Opfern, von Kommunisten und anderen politisch verfolgten Nichtjuden, von Zivilisten in den von den Nazis eroberten L\u00e4ndern und von zahllosen anderen \u201eFeinden\u201d geh\u00f6rt? Was will man da in Abrede stellen? Und was genau soll daran Volksverhetzung sein, wenn man das feststellt?\u201c<\/p>\n<p>Ad 2: \u201eUnd so verkam dieses Amalgam \u2013 Judentum-Zionismus-Israel \u2013 zur Ideologie, die von Israel selbst als Herrschaftsinstrument missbraucht und von ignoranten Israelanh\u00e4ngern als \u201eArgument\u201d gebraucht wird. Das Resultat war das ideologische Unget\u00fcm des sogenannten \u201eisraelbezogenen Antisemitismus\u201d: Wer Israel kritisiere, sei definitionsgem\u00e4\u00df Antisemit. Nun hat sich Israel \u00fcber Jahrzehnte als ein Staat erwiesen, der permanent Verbrechen gegen das Menschen- und V\u00f6lkerrecht begeht, und zwar ganz offiziell und ideologisch proklamiert \u2013 im Jahrzehnte w\u00e4hrenden Okkupationsregime und in der strukturellen Knechtung der Pal\u00e4stinenser. Das zum Apartheidstaat verkommene Israel kann nicht nur, sondern muss kritisiert werden. Das hat Arn Strohmeyer begriffen und in seinem Buch getan. Das merke sich auch jener hurtige Anzeigenerstatter, der ihn deshalb der Volksverhetzung angeklagt hat. Wie viele andere fanatisierte Israel-Zionismus-Judentum-Anh\u00e4nger hat auch er offenbar nicht begriffen, wer da gegen wen hetzt, und letztlich \u2013 worum es eigentlich historisch wie gegenwartspolitisch geht.\u201c<\/p>\n<p>(Die Stellungnahme von Moshe Zuckermann wird weiter unten vollst\u00e4ndig wiedergegeben.)<\/p>\n<p>Im Folgenden soll Arn Strohmeyers Buch \u201eFalsche Loyalit\u00e4ten \u2013 Israel, der Holocaust und die deutsche Erinnerungspolitik\u201c, erschienen 2022 im Promedia Verlag Wien, von dem oben mehrmals die Rede war, vorgestellt werden.<\/p>\n<p>Die zentralen Argumente Strohmeyers richten sich gegen den sogenannten bundesdeutschen \u201eKatechismus\u201c zum Holocaust. Er beruft sich dabei auf die Arbeit von Dirk Moses und im Besonderen dessen 2021 auf Deutsch in der Zeitschrift \u201eGeschichte der Gegenwart\u201c erschienenen Artikel: \u201eDer Katechismus der Deutschen\u201c.<\/p>\n<p>Kurz zu Dirk Moses. Er stammt aus Australien, lehrt aber seit Jahren in den USA, seit 2022 am City College New York. Er ist einer der herausragenden Genozid-Spezialisten weltweit und Herausgeber des \u201eJournal of Genocide Research\u201c. In seinen B\u00fcchern hat er sich dem Problem des Genozids und seiner Definition gewidmet sowie dem Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Genozid[1]. Au\u00dferdem thematisiert er immer wieder das Thema Deutschland und der Holocaust, u.a. 2007: German Intellectuals and the Nazi Past. Cambridge University Press.<\/p>\n<p>Worin besteht der von Moses analysierte und kritisierte Katechismus der Deutschen?<\/p>\n<p>Es geht in diesem Katechismus prim\u00e4r um das deutsche Verst\u00e4ndnis, die deutsche Interpretation des Holocaust sowie um das deutsche Verh\u00e4ltnis zu Israel, direkt aus dieser Interpretation abgeleitet.<\/p>\n<p>Hier kann er nur kurz vorgestellt werden mit seinen zentralen f\u00fcnf Aspekten.<\/p>\n<p>Der Holocaust ist historisch einzigartig<br \/>\nDie Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch bildet das moralische Fundament der deutschen Nation, ja der europ\u00e4ischen Zivilisation.<br \/>\n\u201eDeutschland tr\u00e4gt f\u00fcr die Juden in Deutschland eine besondere Verantwortung und ist Israel zu besonderer Loyalit\u00e4t verpflichtet. \u201aDie Sicherheit Israels ist Teil der Staatsraison unseres Landes\u2019.\u201c<br \/>\nDer Antisemitismus ist ein Vorurteil sui generis sowie ein spezifisch deutsches Ph\u00e4nomen. Er muss klar vom Rassismus unterschieden werden.<br \/>\nAntizionismus ist Antisemitismus.<br \/>\nDer Inhalt des Buches besteht nach der Vorstellung dieses von Moses herauskristallisierten Katechismus aus der Kritik an den einzelnen Punkten und der Entwicklung eines neuen Holocaust-Verst\u00e4ndnisses, einer neuen Interpretation des Antisemitismus sowie einer neuen Politik gegen\u00fcber Israel.<\/p>\n<p>Die entscheidenden neuen Argumente betreffen zum einen die Holocaust-Interpretation. Hier vertritt Strohmeyer die universelle Interpretation des Holocaust mit der daraus abgeleiteten Folgerung, dass jede rassistische Verfolgung von Menschen, egal wo und egal durch wen, kritisiert und gestoppt werden muss. Er versteht Antisemitismus als eine von vielen Spielarten des Rassismus. Und jede Form des Rassismus muss grunds\u00e4tzlich verurteilt und bek\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p>Zur deutschen Politik gegen\u00fcber Israel \u00fcbernimmt Strohmeyer die Interpretation des T\u00fcbinger Philosophen Ernst Tugendhat aus dem Jahre 1991. Tugendhat argumentierte damals \u2013 und Strohmeyer h\u00e4lt diese Argumentation bis heute f\u00fcr g\u00fcltig \u2013, dass die Schuldgef\u00fchle der Deutschen nach wie vor sehr gro\u00df und nicht rational aufgearbeitet sind. Israel baut eben darauf seine Politik gegen\u00fcber Deutschland auf, wenn es \u201eauf diesem irrationalen Schuldgef\u00fchl der Deutschen virtuos wie auf einem Klavier\u201c spielt. Erst wenn die Deutschen also ihre Schuld rational aufgearbeitet haben, m\u00fcssen sie sich den irrationalen Forderungen des anderen, also Israels, nicht mehr unterwerfen. Stattdessen verf\u00fcgten sie dann \u00fcber \u201eautonomes Handlungsverm\u00f6gen\u201c und k\u00f6nnten so die Frage stellen, wie die deutsche Politik Israel auf der Basis seiner offen artikulierten Interessen unterst\u00fctzen k\u00f6nne. Davon aber, so Tugenhat 1991 und im Anschluss daran Strohmeyer 2022, sind die deutsch-israelischen Beziehungen noch weit entfernt.<\/p>\n<p>Der Leser w\u00fcrde sich manchmal w\u00fcnschen, dass Strohmeyer k\u00fcrzer und pr\u00e4gnanter argumentiert, vor allem aber, dass er weniger Zitate und weniger Verweise auf andere Autoren und ihre B\u00fccher sowie immer neue Quellenangaben in seine Arbeit einbaut. Statt 175 Seiten h\u00e4tte man dann ein schmales Buch von 120 Seiten in der Hand.<\/p>\n<p>Wenn wir allerdings das Buch in den bundesdeutschen Kontext von 2023 stellen, m\u00fcssen wir einsehen, dass Strohmeyer keine Alternative hatte.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich wird derzeit jeder\/jede, die sich zu Israel und Israel\/Pal\u00e4stina \u00e4u\u00dfern, ohne vorbehaltlos jede politische Entscheidung in Tel Aviv begeistert zu unterst\u00fctzen, nicht nur kritisiert, was ja legitim w\u00e4re, sondern regelrecht \u201ezur Sau gemacht\u201c.<\/p>\n<p>Heute kommen die vernichtenden und immer wieder ad personam gerichteten Angriffe allerdings nicht mehr nur von den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen, also z.B. Anti-Deutschen (dazu immer noch un\u00fcbertroffen Moshe Zuckermanns Buch von 2010 (2014) \u201eAntisemit!\u201c Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Promedia Verlag, Wien. Dort speziell der Anhang S.193-199), konservativ-reaktion\u00e4ren Richtungen aus den offiziellen j\u00fcdischen Gemeinden in Deutschland, Antisemitismusbeauftragten etc. \u2026kaum mehr relevant scheint dagegen \u201eHonestly Concerned\u201c zu sein, einst \u201eschwergewichtig\u201c mit Henryk Broder und dem ehemaligen Israel-Korrespondent Ulrich Sahm (u.a. n-tv oder die Hannoversche Allgemeine Zeitung). Inzwischen schaltet sich die Israelische Botschaft in Berlin direkt ein, parallel zu bekannten rechtsradikalen Aktivisten in Israel. Und das ist eine neue und bisher unbekannte Stufe bei den vielf\u00e4ltigen Versuchen, Israel-Kritiker mundtot zu machen.[2]<\/p>\n<p>Strohmeyer hatte und hat also keine Alternative, als jedes Wort dreimal auf die Waage zu legen sowie jede Analyse ausf\u00fchrlich zu dokumentieren, am besten doppelt und dreifach. Das gilt ebenso f\u00fcr jeden Politologen und Geschichtswissenschaftler, der zu Israel und speziell zu Pal\u00e4stina forscht und schreibt.<\/p>\n<p>Dennoch: In immer mehr Publikationen (B\u00fccher und Artikel) ebenso wie in der Mainstream-Presse zeichnet sich im Ansatz eine Entwicklung ab, die offen Kritik \u00fcbt an der bisherigen bundesdeutschen Politik gegen\u00fcber Israel und Pal\u00e4stina. Das betrifft zum einen die deutsche \u201eStaatsr\u00e4son a-la-Angela Merkel\u201c, zum anderen die Hinterfragung der bis dato nie in Zweifel gezogenen \u201egemeinsamen Werte\u201c, die die Bundesrepublik so eng mit Israel verbinden. Dies ist zweifellos eine direkte Folge der politischen Entwicklungen in Israel seit Ende 2022 mit der rechtsradikalen Regierung Netanyahu, in der offen rassistische Minister wie Ben Gvir und Smotrich wohl das Sagen haben. Selbst in Kreisen der politischen Elite in Berlin wird sich der eine oder andere inzwischen fragen, wie die bedingungslose \u201eLiebe\u201c zu Israel unter diesen Umst\u00e4nden erhalten bleiben kann.<\/p>\n<p>Ein guter und selbstkritischer Start k\u00f6nnte in diesem Kontext der Verweis auf den historischen Satz von Gustav Heinemann sein. Als dieser provokativ gefragt wurde, ob er Deutschland liebe, antwortete er schlicht: \u201eIch liebe meine Frau.\u201c<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das f\u00fcr das deutsch-israelische Verh\u00e4ltnis? In Israel gibt es bis heute noch etwa 150.000 \u00dcberlebende der deutschen Judenvernichtung, des \u201eHolocaust\u201c. Vielleicht w\u00e4re es an der Zeit, diese unsere Opfer an die erste Stelle unserer Politik zu stellen und ihnen unsere \u201ebedingungslose Liebe\u201c zu beweisen: nicht nur den Wenigen, die direkt aus Deutschland unterst\u00fctzt werden, NEIN: allen ohne Ausnahme.<\/p>\n<p>Laut Angaben der Times of Israel leben etwa ein Drittel dieser \u00dcberlebenden, also unsere direkten Opfer, in Armut und sind sogar abh\u00e4ngig von Nahrungsmittelspenden! Das ist eine Schande f\u00fcr die deutsche Politik.<\/p>\n<p>++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++<\/p>\n<p><strong>Anhang:&nbsp;Stellungnahme von Professor Dr. Moshe Zuckermann, Tel Aviv, zum Vorwurf der Volksverhetzung gegen Arn Strohmeyer<\/strong><\/p>\n<p>Von \u201eVolksverhetzung\u201d und Ideologie<\/p>\n<p>Der Journalist Arn Strohmeyer hat ein Buch ver\u00f6ffentlicht, in dem es um Israel, Holocaust und deutsche Erinnerungspolitik geht. Daraufhin hat man gegen ihn eine Anzeige wegen \u201eVolksverhetzung\u201d erstattet.<\/p>\n<p>Arn Strohmeyer hat letztes Jahr das Buch \u201eFalsche Loyalit\u00e4ten \u2013 Israel, der Holocaust und die deutsche Erinnerungspolitik\u201d ver\u00f6ffentlicht. Der Untertitel bezeichnet genau, worum es in diesem Buch geht: um Israel, seinen Bezug zum Holocaust und die deutsche Erinnerungspolitik. Zu einem Vortrag \u00fcber sein Buch wurde Strohmeyer j\u00fcngst vom N\u00fcrnberger Evangelischen Forum f\u00fcr den Frieden eingeladen. Im Vorfeld versuchte man, die Veranstaltung zu verhindern, was aber nicht gelang. Dennoch wurde gegen den Autor eine Anzeige wegen \u201eVolksverhetzung\u201d erstattet. W\u00e4hrend der Vorladung bei der Polizei erfuhr Strohmeyer, was ihm vorgeworfen wird: 1. Er habe in seinem Vortrag referiert, dass nicht nur Juden Opfer unter dem Nationalsozialismus gewesen seien. 2. Er habe behauptet, dass Israel sich auf den Holocaust berufe, um unter diesem Deckmantel die Pal\u00e4stinenser zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Es gab Zeiten, da mu\u00dfte man schon Schwerwiegenderes auffahren, um der Volksverhetzung angeklagt zu werden. Aber zun\u00e4chst zu den Vorw\u00fcrfen selbst. Ad 1.: Man wei\u00df nicht, ob es ein Witz sein soll bzw. in welcher Welt der Anzeigenerstatter lebt. Wei\u00df er allen Ernstes nicht, da\u00df auch Nichtjuden Opfer der Nazis waren? Nie was von Sinti und Roma, von Homosexuellen, von Euthanasie-Opfern, von Kommunisten und anderen politisch verfolgten Nichtjuden, von Zivilisten in den von den Nazis eroberten L\u00e4ndern und von zahllosen anderen \u201eFeinden\u201d geh\u00f6rt? Was will man da in Abrede stellen? Und was genau soll daran Volksverhetzung sein, wenn man das feststellt? Es scheint dem Anzeigenerstatter um die Singularit\u00e4t der Juden als Opfer der Nazis zu gehen. Dies gemahnt an die Einstellung von Yad Vashem zur Einzigartigkeit des Holocaust \u2013 eine alte Debatte, die aber eher etwas mit Politik und Ideologie zu tun hat als mit einer Wesensbestimmung des von den Nazis an den Juden begangenen V\u00f6lkermordes. Und \u00e4hnlich wie Yad Vashem in einem nahezu Pawlowschen Reflex auf jeglichen Vergleich mit dem Holocaust reagiert (etwa mit dem von den T\u00fcrken in den Jahren 1915-16 an den Armeniern begangenen Genozid), reagiert auch der emp\u00f6rte Anzeigenerstatter auf die schiere Feststellung, da\u00df auch Nichtjuden Opfer der Nazis gewesen seien. Bei Yad Vashem wei\u00df man ja, warum die Institution die Singularit\u00e4t der Shoah tabuisiert; das Tabu erbringt betr\u00e4chtliches nationales politisch-ideologisches Kapital. Was aber l\u00e4\u00dft den deutschen Anzeigenerstatter gegen Arn Strohmeyer in solche Aufwallung geraten, da\u00df er ihn der Volksverhetzung zeiht? Schwer zu beantworten. Ich wei\u00df nicht, ob er selbst Jude ist oder nicht. Aber was immer er ist \u2013 Jude oder Nichtjude \u2013, er wird sich damit abfinden m\u00fcssen, da\u00df auch Nichtjuden Opfer der Nazis waren. Wie mu\u00df man drauf sein, um das nicht zu wissen bzw. leugnen zu wollen.<\/p>\n<p>Ad 2: Bei der Verteidigung gegen den zweiten Vorwurf beruft sich Arn Strohmeyer darauf, da\u00df auch j\u00fcdische Autoren der Feststellung, da\u00df Israel die Holocaust-Erinnerung zu heteronomen Zwecken instrumentalisiere, das Wort reden. Dem ist auch so, aber f\u00fcr sich selbst genommen, ist das kein schlagendes Argument. Denn daf\u00fcr haben ja Legionen von (deutschen) Sachwaltern der \u201ej\u00fcdischen Sache\u201d den Begriff des sich \u201eselbsthassenden Juden\u201d kreiert. So besehen, d\u00fcrfen auch Autoren wie Dan Diner, Tom Segev, Yehuda Elkana, Moshe Zimmermann und ich (um nur einige zu nennen) der \u201eVolksverhetzung\u201d angeklagt werden. Es geht aber um den Inhalt der von Arn Strohmeyer gemachten Feststellung. Die ist zwar mannigfach belegt, kann aber dennoch dem Deutungsdiskurs preisgegeben werden: Man kann die Dinge so sehen oder auch anders. Wer sich aber der Behauptung Strohmeyers (und vieler j\u00fcdischer Autoren) verweigert, mu\u00df sich fragen lassen, was es damit auf sich habe, da\u00df die Pal\u00e4stinenser von prominenten israelischen Politikern (und ihrer jeweiligen Anh\u00e4ngerschaft) als die Nachfolger der Nazis bezeichnet (und auch als solche behandelt) werden; da\u00df Benjamin Netanjahu behaupten durfte, nicht Hitler, sondern Mohammed Amin al-Husseini sei der eigentliche Initiator des Holocaust gewesen; da\u00df das als Zufluchtst\u00e4tte der Juden nach dem Holocaust gegr\u00fcndete Israel in seiner Sicherheit von den Pal\u00e4stinensern bedroht werde, weshalb es gelte, die Pal\u00e4stinenser in Schach zu halten, was nur durch die Okkupation zu gew\u00e4hrleisten sei; vor allem aber, da\u00df der Holocaust-\u00dcberlebende Yehuda Elkana angesichts der Brutalit\u00e4t israelischer Soldaten beim Ausbruch der ersten Intifada im Jahre 1988 schreiben zu sollen meinte: \u201eSymbolisch gesprochen, sind aus Auschwitz zwei V\u00f6lker hervorgegangen: Eine Minderheit, die behauptet: \u201aEs soll nie wieder passieren\u2019, und eine verschreckte, furchterfa\u00dfte Mehrheit, die behauptet: \u201aEs soll nie wieder uns passieren\u2019\u201d. Sofern sich in diesen beiden Postulaten die einzig m\u00f6glichen Lehren aus dem Holocaust darstellten, hing Elkana, wie zu erwarten, der ersten Auffassung an und distanzierte sich von der zweiten. Ihm ging es indes nicht um die Entscheidung f\u00fcr eine dieser M\u00f6glichkeiten, vielmehr zielte er in seinem Aufsatz auf die \u201enormative Behauptung, da\u00df jede Lebenslehre oder -anschauung, die ihre G\u00fcltigkeit aus dem Holocaust bezieht, ein Ungl\u00fcck sei\u201d, und er f\u00fcgte dem hinzu: \u201eDie dem Kollektivged\u00e4chtnis zukommende historische Bedeutung wohl bedacht: Eine Atmosph\u00e4re, in der ein ganzes Volk aufgrund seines dominierenden Bezugs zu den Lehren der Vergangenheit sein Verh\u00e4ltnis zur Gegenwart bestimmt und seine Zukunft gestaltet, ist ein Ungl\u00fcck f\u00fcr eine Gesellschaft, die wie alle V\u00f6lker in relativem Frieden und relativer Sicherheit leben will.\u201d Elkanas Einsicht war zum einen von bewundernswerter Tiefe gepr\u00e4gt, zugleich aber (vermutlich schon damals) naiv. Denn das israelische Erziehungssystem und letztlich die gesamte politische Kultur des Landes hatten bereits ganze Arbeit geleistet: Wenige hingen dem universalistischen (dem neuen kategorischen Imperativ Adornos verschwisterten) Postulat \u201eEs soll nie wieder passieren\u201d an; die allermeisten hielten sich am anderen, partikularistischen Postulat: \u201eEs soll nie wieder uns passieren\u201d. Und damit dem auch so sei, d\u00fcrfe man sich bei der Bek\u00e4mpfung der Feinde Israels, allen voran der Pal\u00e4stinenser, alles herausnehmen \u2013 auch eine \u00fcber ein halbes Jahrhundert w\u00e4hrende barbarische Okkupation und kollektive Knechtung der Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Aber es erhebt sich hier eine ganz andere Frage: Wie kommt es, da\u00df ein ignoranter Mensch sich bem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlt, sich zum \u00f6ffentlichen Sachwalter des Kampfes gegen \u201eVolksverhetzung\u201d aufzuschwingen. Welchen Begriff von Verhetzung hat er? Welches Volk wird da seiner Meinung nach verhetzt, wenn man feststellt, da\u00df nicht nur Juden Opfer der Nazis waren? Die Antwort darauf sollte nicht auf der individuellen Ebene gegeben werden. Es handelt sich da um ein spezifisch deutsches gesellschaftliches Ph\u00e4nomen. Es ist schon viel gesagt worden \u00fcber die nach der NS-Zeit in Deutschland erfolgte Aufarbeitung der Vergangenheit. Ich bin noch heute der Meinung, da\u00df in dieser Hinsicht in Deutschland Herausragendes geleistet worden ist. Gemessen daran, wie andere Nationen mit ihrer verbrecherischen Vergangenheit umgegangen sind, darf Deutschland in der Tat als vorbildlich gelten. Es war nicht von Anbeginn selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df dem so sein werde: Eliten der NS-Zeit waren relativ glatt in das BRD-Establishment \u00fcbergegangen; die wirtschaftswunderselige deutsche Bev\u00f6lkerung wollte mit dem j\u00fcngst Geschehenen nichts mehr zu tun haben, Verdr\u00e4ngung war angesagt. Und Schlu\u00dfstrich-Forderungen waren schon kurze Zeit nach den Wiedergutmachungsabkommen mit Israel zu h\u00f6ren (nicht nur im Stammtischgedr\u00f6hn). Als aber dann, in den 60er Jahren, nach und nach die Auseinandersetzung mit dem hitlerischen Verbrecherstaat begann, hat sie in der Erziehung, der Kultur, in den Medien und selbst in der Politik Beachtenswertes hervorgebracht.<\/p>\n<p>Nun scheint aber in den letzten beiden Jahrzehnten eine zum Fetisch geronnene Verdinglichung des Aufkl\u00e4rungsprozesses eingetreten zu sein. \u201eAntisemitismus\u201d scheint zur Matrix des deutschen Selbstverst\u00e4ndnisses erhoben worden zu sein (jedenfalls unter denen, die sich mit ihm in welcher Funktion auch immer befassen). Daran ist nichts auszusetzen: Der Antisemitismus geh\u00f6rt bek\u00e4mpft wie jede Form des Rassismus bzw. des gesellschaftlich wirksamen Vorurteils. Zu fragen gilt es aber, welchen Begriff man von Antisemitismus hat, und welchen Gebrauch man von ihm macht. In Deutschland leb(t)en seit 1945 nicht sehr viele Juden, entsprechend ist der offen artikulierte Antisemitismus in diesem Land eher randst\u00e4ndig, zumal er auch legal verfolgt wird. Fr\u00fch genug hat man sich um einen ad\u00e4quaten Adressaten f\u00fcr \u201ej\u00fcdische Angelegenheiten\u201d auf internationaler Ebene bem\u00fcht, und den fand man in Israel; so ist es gekommen, da\u00df die Wiedergutmachungsabkommen mit dem jungen Staat Israel abgeschlossen wurden. Bereits f\u00fcr die alte BRD gerann Israel zum Synonym f\u00fcr Juden; und weil der Zionismus die Staatsideologie Israels darstellt, wurden alle drei Kategorien \u2013 Juden, Zionismus, Israel \u2013 zusammengeb\u00fcndelt. Aber man wei\u00df ja, da\u00df das in jeder Hinsicht unzul\u00e4nglich ist: Es gibt Juden, die keine Zionisten sind und auch keine sein wollen; es gibt Zionisten, die nicht in Israel leben und auch solche, die mit dem heutigen Israel nicht sehr viel im Sinn haben; und es gibt Israelis, die keine Juden sind, und israelische Juden, die mit dem religi\u00f6sen Judentum nichts zu schaffen haben wollen.<\/p>\n<p>Und so verkam dieses Amalgam \u2013 Judentum-Zionismus-Israel \u2013 zur Ideologie, die von Israel selbst als Herrschaftsinstrument mi\u00dfbraucht und von ignoranten Israelanh\u00e4ngern als \u201eArgument\u201d gebraucht wird. Das Resultat war das ideologische Unget\u00fcm des sogenannten \u201eisraelbezogenen Antisemitismus\u201d: Wer Israel kritisiere, sei definitionsgem\u00e4\u00df Antisemit. Nun hat sich Israel \u00fcber Jahrzehnte als ein Staat erwiesen, der permanent Verbrechen gegen das Menschen- und V\u00f6lkerrecht begeht, und zwar ganz offiziell und ideologisch proklamiert \u2013 im Jahrzehnte w\u00e4hrenden Okkupationsregime und in der strukturellen Knechtung der Pal\u00e4stinenser. Das zum Apartheidstaat verkommene Israel kann nicht nur, sondern mu\u00df kritisiert werden. Das hat Arn Strohmeyer begriffen und in seinem Buch getan. Das merke sich auch jener hurtige Anzeigenerstatter, der ihn deshalb der Volksverhetzung angeklagt hat. Wie viele andere fanatisierte Israel-Zionismus-Judentum-Anh\u00e4nger hat auch er offenbar nicht begriffen, wer da gegen wen hetzt, und letztlich \u2013 worum es eigentlich historisch wie gegenwartspolitisch geht.<\/p>\n<p>[\u00ab1] 2021.Problem of Genocide: Permanent Security and the Language of Transgression. Cambridge Univ. Press. Herausgeber 2009. Empire, Colony, Genocide: Conquest, Occupation and Subaltern Resistance in World History. New York and Oxford: Berghahn Books, 2008\/paperback 2009. Herausgeber, zusammen mit Dan Stone. 2008. Colonization and Genocide. Routledge, London, sowie ebenfalls Herausgeber. 2020. Decolonization, Self-Determination and the Rise of Global Human Rights Politics. Cambridge University Press.<\/p>\n<p>[\u00ab2] zeit.de\/politik\/ausland\/2023-07\/nahost-debatte-israel-muriel-asseburg<br \/>\nsueddeutsche.de\/politik\/israel-botschaft-asseburg-interview-tilo-jung-antisemitin-kritik-1.6035432<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arn Strohmeyer, der bekannte Bremer Journalist und Buchautor, hat am 9. M\u00e4rz 2023 auf Einladung des N\u00fcrnberger Evangelischen Forums f\u00fcr den Frieden (neff) in N\u00fcrnberg in einem Vortrag sein Buch \u201eFalsche Loyalit\u00e4ten. 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