{"id":12071,"date":"2023-12-21T08:32:08","date_gmt":"2023-12-21T08:32:08","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=12071"},"modified":"2023-12-24T13:45:16","modified_gmt":"2023-12-24T13:45:16","slug":"die-verleihung-des-hannah-arendt-preises-an-masha-gessen-in-bremen-musste-im-hinterhof-stattfinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=12071","title":{"rendered":"Die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an Masha Gessen in Bremen musste im Hinterhof stattfinden"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02092-Bearbeitet_ji.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-12088 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02092-Bearbeitet_ji-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02092-Bearbeitet_ji-300x169.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02092-Bearbeitet_ji-768x432.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02092-Bearbeitet_ji-500x282.jpg 500w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02092-Bearbeitet_ji.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02105_ji.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-12089 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02105_ji-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02105_ji-300x169.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02105_ji-768x432.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02105_ji-500x282.jpg 500w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02105_ji.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02151_ji.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-12090 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02151_ji-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02151_ji-300x169.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02151_ji-768x432.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02151_ji-500x282.jpg 500w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02151_ji.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02155_ji.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-12091 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02155_ji-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02155_ji-300x169.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02155_ji-768x432.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02155_ji-500x282.jpg 500w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231216-DSC02155_ji.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108755\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00dcbernommen am 22.12.2023 von den NachDenkSeiten<\/a><\/p>\n<p>Vergleiche sind in der Geschichtswissenschaft und im Journalismus das t\u00e4gliche Brot. China wird mit den USA, das persische mit dem \u00e4gyptischen Gro\u00dfreich, das r\u00f6mische mit dem britischen oder mit dem US-amerikanischen Imperium, Metternich mit Kissinger, Konrad Adenauer mit Willy Brandt usw. usf. verglichen. Besonders beliebt ist Hitler, der mit Stalin, Mao, Gaddafi, Sadam Hussein, Bashar Al-Assad und vielen anderen Pr\u00e4sidenten und Staatsoberh\u00e4uptern verglichen wurde. J\u00fcngstes Beispiel: Wladimir Putin und Wolodymir Zelensky beschuldigen sich gegenseitig, Hitler zu sein. Ausgerechnet zwei Vergleiche aber unterliegen einem absoluten Tabu: Israel und seine Politik d\u00fcrfen nicht mit irgendwelchen Erscheinungen oder Vorkommnissen aus Nazi-Deutschland, und der Holocaust darf sowieso mit nichts verglichen werden, weil sonst seine &#8222;Singularit\u00e4t&#8220; in Frage gestellt w\u00fcrde.<!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr Masha Gessen, der renommierten j\u00fcdisch-russisch-amerikanischen Autorin, gelten diese Tabus nicht. Was zu einem gro\u00dfen Skandal in Bremen f\u00fchrte, \u00fcber den schlie\u00dflich ARD, ZDF, Radio Bremen, Deutschlandfunk, Taz, Weser Kurier, S\u00fcddeutsche Zeitung, Die Zeit, Der Spiegel, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine, Die Welt, Neue Z\u00fcrcher Zeitung, The Guardian usw. mehrfach und ausf\u00fchrlich berichteten.<\/p>\n<p>Was war geschehen? Eine international zusammengesetzte Jury hatte zun\u00e4chst schon im Sommer 2023 beschlossen, den renommierten Hannah-Arendt-Preis Bremen an Masha Gessen<i> <\/i>zu vergeben. Der Preis wird j\u00e4hrlich ausgelobt von einem Verein (&#8222;Hannah-Arendt-Preis f\u00fcr politisches Denken e.V.&#8220;) und ist mit 10.000 Euro dotiert. Das Preisgeld wird von der Stadt Bremen und der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung aufgebracht. Die Verleihung sollte am 13. Dezember 2023 &#8211; wie \u00fcblich &#8211; w\u00e4hrend einer gro\u00dfen Feier in der historischen oberen Rathaushalle stattfinden &#8211; mit allem Pomp, den die Hansestadt zu bieten hat,<\/p>\n<p><b>Festveranstaltung wurde abgesagt<\/b><\/p>\n<p>Es kam anders. Die Festveranstaltung im Rathaus wurde kurzfristig abgesagt. Das als Ersatz vorgesehene &#8222;Institut Fran<span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">\u00e7<\/span>ais&#8220; stand pl\u00f6tzlich auch nicht mehr zur Verf\u00fcgung. Die Teilnehmer an der Festveranstaltung wurden schlie\u00dflich am Morgen des 16. Dezembers an einen nur einem ausgew\u00e4hlten Kreis bekannten Ort gef\u00fchrt, n\u00e4mlich einer kleinen Kunstgalerie in einem Hinterhof im Bremer Steintorviertel. Wer nicht auf der Liste der etwa 50 zugelassenen Teilnehmer stand, wurde nicht reingelassen. Die Polizei war alarmiert und beobachtete. &#8222;<span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Das ist die seltsamste Preisverleihung, an der ich je teilgenommen habe\u201c, meinte Gessen bei ihrer Ankunft in Bremen. Und: &#8222;Hannah Arendt would have been laughing in her grave.\u201c<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote1sym\" name=\"sdendnote1anc\"><sup>i<\/sup><\/a> <\/span><\/span><\/p>\n<p>Eigentlich hatten sich die Jurymitglieder (Prof. Antonia Grunenberg, Prof. Grit Stra\u00dfenberger, Claudia Hilb, Prof. Michael Daxner, Klaus Wolschner, Dr. Monika Tokarzewska) eine f\u00fcr den woken Zeitgeist \u00fcberaus passende Kandidatin ausgew\u00e4hlt. Masha Gessen<i> <\/i>ist J\u00fcdin, wurde 1967 in Moskau geboren, emigrierte 1981 in die USA und kehrte 1996 nach Russland zur\u00fcck, wo sie sich aktiv in der Lesben- und Schwulenbewegung bet\u00e4tigte und B\u00fccher u.a. \u00fcber Putin und Pussy Riot verfasste. Im Jahr 2000 adoptierte sie einen damals dreij\u00e4hrigen russischen Waisenjungen. Au\u00dferdem hat Gessner einen Sohn und eine Tochter und heiratete in einer j\u00fcdisch-religi\u00f6sen Zeremonie ihre Moskauer Lebensgef\u00e4hrtin. Als nichtbin\u00e4re Person bevorzugt Gessen, geschlechtsneutral, d.h. ohne Verwendung eines Pronomens, bezeichnet zu werden.<span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote2sym\" name=\"sdendnote2anc\"><sup>ii<\/sup><\/a> <\/span>2013 verlie\u00df sie Russland wieder (wegen der Repressionen gegen Homosexuelle) und re-emigrierte nach New York. Hier nimmt sie Lehrauftr\u00e4ge wahr, schreibt f\u00fcr angesehene Zeitschriften und wurde mehrfach f\u00fcr ihre B\u00fccher ausgezeichnet. Zur Zeit ist Gessen &#8222;staff writer&#8220; des ber\u00fchmten Intellektuellen-Blattes &#8222;The New Yorker&#8220;. Und hat hier am 9. Dezember 2023 einen langen (24 Seiten) Essay mit dem Titel <a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/news\/the-weekend-essay\/in-the-shadow-of-the-holocaust\">&#8222;In the Shadow of the Holocaust &#8211; How the politics of memory in Europe obscures what we see in Israel and Gaza today&#8220;<\/a><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote3sym\" name=\"sdendnote3anc\"><sup>iii<\/sup><\/a>, ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><b>Der Essay im &#8222;The New Yorker&#8220;<\/b><\/p>\n<p>Allein der Titel des Essays war offenbar schon zu provokant f\u00fcr die Bremer Szene der unbedingten Israel-Verteidiger. Hermann Kuhn, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Bremen\/Unterweser, machte den ersten Aufschlag und forderte in einem offenen Brief den Verein umgehend auf, die Entscheidung f\u00fcr die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises auszusetzen. Seine Begr\u00fcndung: es w\u00fcrde eine Person geehrt, deren Denken in deutlichem Gegensatz zum Denken Hannah Arendts st\u00fcnde. &#8222;Als Deutsch-Israelische Gesellschaft befremdet uns vor allem Masha Gessens Aussage, dass Gaza &#8218;wie ein j\u00fcdisches Ghetto in einem von Nazi-Deutschland besetzten osteurop\u00e4ischen Land&#8216; gewesen sei. [&#8230;] Es ist uns unbegreiflich wie ein\/e so erfahrene\/r Wissenschaftler:in (sic) wie Masha Gessen, die sich so gro\u00dfe Verdienste um die kritische Analyse des russischen Imperiums erworben hat, ernsthaft Gaza mit den Vernichtungs-Ghettos der Nazis gleichsetzen kann. Es gibt f\u00fcr uns nur eine Erkl\u00e4rung: Ein tiefsitzendes und grunds\u00e4tzliches negatives Vorurteil gegen\u00fcber dem j\u00fcdischen Staat. Mit politischem Urteilen im Sinne Hannah Arendts hat das nichts zu tun.&#8220;<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote4sym\" name=\"sdendnote4anc\"><sup>iv<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Der offene Brief der DIG erzielte umgehend Wirkung. Bj\u00f6rn Fecker (Gr\u00fcne), Finanzsenator und stellvertretender B\u00fcrgermeister der Hansestadt Bremen, erkl\u00e4rte names des Bremer Senats und im Einvernehmen mit der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftungt sofort, dass die obere Rathaushalle f\u00fcr die Preisverleihung nicht mehr zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde. Lothar Probst, Politikwissenschaftler und Gr\u00fcndungsmitglied des Arendt-Preis-Vereins, und Helga Tr\u00fcpel, ehemalige Europa-Abgeordnete und Kultursenatorin, r\u00fcgten gemeinsam in einem Brief an Senat, Vereinsvorstand und B\u00f6ll-Stiftung die Jury, dass sie &#8222;Gessens mehrfach bekr\u00e4ftigten Antizionismus mindestens billigend in Kauf genommen haben muss.&#8220;<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote5sym\" name=\"sdendnote5anc\"><sup>v<\/sup><\/a> Die Auseinandersetzungen wurden sofort zum Topthema in den Medien, die ausf\u00fchrlich berichteten.<\/p>\n<p>Die Jury und der Vorstand des Vereins blieben, trotz des Drucks der von vielen Seiten auf sie ausge\u00fcbt wurde, standhaft bei ihrer einmal getroffenen Entscheidung. In einer sorgf\u00e4ltig abgewogenen Presseerkl\u00e4rung nahmen sie die Absage des stellvertretenden B\u00fcrgermeisters &#8222;bedauernd zur Kenntnis&#8220;. Und sie fanden es &#8222;bemerkenswert, dass der \u00f6ffentliche Streit um das Verstehen und das Be- und Verurteilen der Terrorangriffe der Hamas auf Israel und der Bombardierung Gazas durch Israel dadurch blockiert wird, dass eine politische Denkerin boykottiert wird, die darum bem\u00fcht ist, Kenntnis, Einsicht und ein scharfes Denkverm\u00f6gen in diesen Streit einzubringen. Der &#8218;Hanna-Arendt-Preis f\u00fcr politisches Denken&#8216; steht f\u00fcr eine offene Streitkultur, f\u00fcr das Zulassen und das Aushalten von Kontroversen, f\u00fcr unangenehme Einsichten, neue Verst\u00e4ndigungsweien und kenntnisreich gef\u00fchrte \u00f6ffentliche Debatten.&#8220;<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote6sym\" name=\"sdendnote6anc\"><sup>vi<\/sup><\/a><\/p>\n<p><b>Die inkriminierte Aussage im Wortlauf<\/b><\/p>\n<p>Was aber hatte Masha Gessen nun eigentlich so Schlimmes geschrieben? Zitiert wurde immer wieder ihre Aussage, dass &#8222;Gaza wie ein j\u00fcdisches Ghetto in einem von Nazi-Deutschland besetzten osteurop\u00e4ischen Land&#8220; gewesen sei. Da anzunehmen ist, dass kaum einer der Teilnehmer an der aufgeregten Debatte den inkriminierten Text vollst\u00e4ndig gelesen hat, sei hier ausf\u00fchrlich und nicht aus dem Zusammenhang gerissen zitiert:<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Masha Gessen schreibt: <i>&#8222;For the last seventeen years, Gaza has been a hyperdensely populated, impoverished, walled-in compound where only a small fraction of thepopulation had the right to leave for even a short amount of time &#8211; in other words, a ghetto. Not like the Jewish ghetto in Venice or an inner-city ghetto in America but like a Jewish ghetto in an Eastern European country occupied byNazi Germany. In the two months since Hamas attacked Israel, all Gazans have suffered from the barely interrupted onslaught of Israeli forces. Thousands have died. On average, a child is killed in Gaza every ten minutes. Israeli bombs have struck hospitals, maternity wards, and ambulances. Eight out of ten Gazans arenow homeless, moving from one place to another, never able to get to safety.<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><i>The term &#8218;open-air prison&#8216; seems to have been coined in 2010 by David Cameron, the British Foreign Secretary who was then Prime Minister. Many human-rights organizations that document conditions in Gaza have adopted the description. But as in the Jewish ghettoes of Occupied Europe, there are no prison guards &#8211; Gaza is policed not by the occupiers but by a local force. Presumably, the more fitting term &#8218;ghetto&#8216; would have drawn fire for comparing the predicament of besieged Gazans to that of ghettoized Jews. It also would have given us the language to describe what is happening in Gaza now. The ghetto is being liquidated.&#8220;<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>Hier die \u00dcbersetzung<\/b><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote7sym\" name=\"sdendnote7anc\"><sup>vii<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><i>&#8222;In den letzten siebzehn Jahren ist aus Gaza ein extrem dicht besiedeltes, verarmters, ummauertes Gebiet geworden, in dem nur ein kleiner Teil der Bev\u00f6lkerung das Recht hatte, das Land auch nur f\u00fcr kurze Zeit zu verlassen \u2013 mit anderen Worten: ein Ghetto. Nicht wie das j\u00fcdische Ghetto in Venedig oder ein innerst\u00e4dtisches Ghetto in Amerika, sondern wie ein j\u00fcdisches Ghetto in einem osteurop\u00e4ischen Land, das von Nazi-Deutschland besetzt war. In den zwei Monaten seit dem Angriff der Hamas auf Israel haben alle Bewohner des Gazastreifens unter den kaum unterbrochenen Angriffen der israelischen Streitkr\u00e4fte gelitten. Tausende sind gestorben. Im Durchschnitt wird in Gaza alle zehn Minuten ein Kind get\u00f6tet. Israelische Bomben haben Krankenh\u00e4user, Entbindungsstationen und Krankenwagen getroffen. Acht von zehn Bewohnern des Gazastreifens sind mittlerweile obdachlos, ziehen von einem Ort zum anderen und k\u00f6nnen sich nirgends in Sicherheit bringen.<\/i><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Der Begriff &#8218;Freiluftgef\u00e4ngnis&#8216; ist wahrscheinlich 2010 von David Cameron, dem britischen Au\u00dfenminister und sp\u00e4teren Premierminister, gepr\u00e4gt worden. Viele Menschenrechtsorganisationen, die die Zust\u00e4nde in Gaza dokumentieren, haben die Beschreibung \u00fcbernommen. Aber wie in den j\u00fcdischen Ghettos im besetzten Europa gibt es keine Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter \u2013 Gaza wird nicht von den Besatzern, sondern von einer \u00f6rtlichen Truppe \u00fcberwacht. Vermutlich w\u00e4re der eigentlich passendere Begriff &#8218;Ghetto&#8216; zu sehr kritisiert worden, weil er die Situation der belagerten Bewohner von Gaza mit den in Ghettos eingesperrten Juden verglichen h\u00e4tte. Der Begriff &#8218;Ghetto&#8216; h\u00e4tte auch zum Ausdruck gebracht zu beschreiben, was jetzt in Gaza passiert. Das Ghetto wird liquidiert.<\/span><\/span><\/span><\/i><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">&#8222;<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Mit den Argumenten in ihrem Essay hat sich niemand in Bremen auseinandergesetzt. Masha Gessen selbst reagierte auf die Vorw\u00fcrfe wie erwartet mit Unverst\u00e4ndnis. Im Interview mit dem Bremer Regionalfersehen<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote8sym\" name=\"sdendnote8anc\"><sup>viii<\/sup><\/a> meinte sie nur, dass Hannah Arendt, w\u00fcrde man auch an sie diese Ma\u00dfst\u00e4be angelegt haben, den Preis auch nicht erhalten h\u00e4tte. Ihren Satz mit dem Ghetto-Vergleich, der in allen Berichten nur noch mit dem Attribut &#8222;umstritten&#8220; versehen wird, bekr\u00e4ftigte sie. &#8222;I absolutely mean it in this way. F\u00fcr mich ist es der wichtigste Satz in dem ganzen Essay. [&#8230;] Im konkreten Fall Gaza denke ich, da gibt es eindeutige \u00c4hnlichkeiten mit dem, was in j\u00fcdischen Ghettos passiert ist. Und da muss sich die ganze Welt die Frage stellen: was machen wir, um das Sterben der Zivilisten im Gazastreifen zu stoppen.&#8220; <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>\u00dcberhaupt die Vergleiche<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Das Tabu um die Singularit\u00e4t des Holocaust kennt Masha Gessen sehr wohl &#8211; und sie bricht es mit Bedacht. In ihrem Essay &#8222;In the Shadow of the Holocaust&#8220; zitiert sie einige der gro\u00dfen j\u00fcdischen Denker, die den Holocaust \u00fcberlebt haben und den Rest ihres Lebens damit zubrachten, der Welt zu erz\u00e4hlen, dass der Holocaust zwar singul\u00e4r, aber keine Fehlentwicklung (aberration) der Geschichte gewesen sei. Der Soziologe und Philosoph Zygmunt Baumann z.B. bestand darauf, dass gerade die systematische und effiziente Durchf\u00fchrung des Holocaust eine Funktion der Moderne (function of modernity) sei und dementsprechend in einer Linie mit anderen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts gesehen werden m\u00fcsse. Und Theodor W. Adorno ging in seinen Forschungen zum autorit\u00e4ren Charakter gerade der Frage nach, warum Menschen dazu neigten, autorit\u00e4ren F\u00fchrern zu folgen, und wie ein weiteres Auschwitz in der Zukunft verhindert werden k\u00f6nne. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>Hannah Arendt und Albert Einstein<\/b><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Prominentes Beispiel f\u00fcr historische Vergleiche ist nat\u00fcrlich Hannah Arendt selber. Ein halbes Jahr nach der Gr\u00fcndung des Staates Israel hatten sich j\u00fcdische amerikanische Intellektuelle, darunter Hannah Arendt und Albert Einstein, am 2. Dezember 1948 in einem offenen Brief an die New York Times gegen den bevorstehenden USA-Besuch von Menachem Begin, damals F\u00fchrer der Partei Tnuat HaHerut (&#8222;Freiheitspartei&#8220;) und sp\u00e4terer Ministerpr\u00e4sident, gewandt. Diese Partei geh\u00f6re zu den &#8222;beunruhigsten politischen Ph\u00e4nomenen im neu geschaffenen Staat Israel&#8220;, schrieben sie. Sie sei eine &#8222;Partei, die in ihrer Organisation, ihren Methoden, ihrer politischen Philosophie und ihrem sozialen Appell eng verwandt ist mit den Nazis und anderen faschistischen Parteien.&#8220; \u00c4u\u00dferer Anlass f\u00fcr diesen Warnruf war das Massaker von Deir Jassin, dass damals bekannt geworden war. J\u00fcdische Terroristengruppen hatten das friedliche Dorf angegriffen und die meisten seiner Bewohner &#8211; 240 M\u00e4nner, Frauen und Kinder &#8211; get\u00f6tet. &#8222;Der Vorfall von Deir Jassin&#8220;, so hie\u00df es in dem Brief weiter, &#8222;<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">ist ein Beispiel f\u00fcr den Charakter und die Aktionen dieser Partei. Innerhalb der j\u00fcdischen Gemeinde haben sie eine Mischung aus Ultranationalismus, religi\u00f6ser Mystik und Rassen\u00fcberlegenheit gepredigt. [&#8230;] Dies ist der unmissverst\u00e4ndliche Stempel einer faschistischen Partei, f\u00fcr die Terrorismus (gegen Juden, Araber und Briten gleicherma\u00dfen) und falsche Darstellung Mittel sind, und ein &#8218;F\u00fchrerstaat&#8216; das Ziel.&#8220;<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote9sym\" name=\"sdendnote9anc\"><sup>ix<\/sup><\/a> \u00dcbrigens: die Herut-Partei von Menachim Begin, bei ihrer Gr\u00fcndung die Partei des revisionistischen Zionismus&#8216;, ging 1988 zusammen mit der Liberalen Partei im Likud auf. Und deren Vorsitzender ist heute Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanyahu. Wer sich also heute fragt, warum das israelische Milit\u00e4r derzeit schon wieder mit dieser Brutalit\u00e4t gegen die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung im Gaza-Streifen vorgeht, sei also an Hannah Arend und an die Geschichte von Likud und Herut erinnert. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>Charlotte Wiedemann<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Die deutsche Autorin Charlotte Wiedemann hat es ebenfalls gewagt, historische Vergleiche anzustellen und sich der Aufgabe unterzogen, in der fr\u00fchen israelischen Literatur dem &#8222;Schmerz des Anderen&#8220; nachzusp\u00fcren.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote10sym\" name=\"sdendnote10anc\"><sup>x<\/sup><\/a> Sie fand das folgende Zitat mit diesem Vergleich: &#8222;Wir sind gekommen und haben geschossen, niedergebrannt, gesprengt, verdr\u00e4ngt, vertrieben und verbannt. Wagen, Transporte. Woran erinnert dich das \u2026 Juden werden umgebracht. Europa. Jetzt sind wir die Herren. &#8211; Mit Hurra werden wir Wohnraum schaffen und Einwanderer eingliedern. Man wird die Felder pfl\u00fcgen und s\u00e4en und abernten, ja wird Gro\u00dfes leisten. [&#8230;] &#8211; Meine Eingeweide schrien. L\u00fcge schrie es in mir. Noch nie hat ein Maschinengewehr, Marke Spandau, irgendein Recht geschaffen. &#8211; In meinem Inneren st\u00fcrzte etwas mit bet\u00e4ubender Wucht zusammen.\u201c Wiedemann zitiert hier aus einem schmalen B\u00fcchlein, geschrieben aus Sicht eines jungen Beteiligten an den Ereignissen des Jahres 1948. Der Verfasser S. Yishar, eigentlich Yiz\u00adhar Smilanski, sei kein Au\u00dfenseiter gewesen; als preisgekr\u00f6nter Schriftsteller habe er sp\u00e4ter lange der Knesset angeh\u00f6rt. &#8222;Anspielungen auf den Holocaust, auf die Verflochtenheit von Genozid, Staatsgr\u00fcndung und der Entwurzelung eines anderen Volks fanden sich&#8220;, so Charlotte Wiedemann, &#8222;damals bei einer Reihe von Dichtern und Poeten. [&#8230;] Zu wissen, dass es in Israel eine Zeit gab, in der klar und humanistisch die eigene Beteiligung am Inhumanen benannt wurde, war mir eine Hilfe, als ich mich auf die Suche nach verscharrter Erinnerung und verscharrter Humanit\u00e4t machte.&#8220;<\/span><\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Ari Shavit in &#8222;My promised Land&#8220;<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote11sym\" name=\"sdendnote11anc\"><sup>xi<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: L, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Ari Shavit verkehrte das Tabu, dass Geschehnisse in Israel und in Nazi-Deutschland nicht verglichen werden d\u00fcrfen, geradezu ins Gegenteil. Sein Problem war nicht, dass man bestimmte Vergleich nicht anstellen darf, sondern dass es nahezu unm\u00f6glich wurde, ihnen auszuweichen. Shavit hat mit &#8222;Mein gelobtes Land&#8220; einen in viele Sprachen \u00fcbersetzten Bestseller geschrieben. Er beschreibt darin die bedr\u00fcckende Athmosph\u00e4re anl\u00e4sslich seines Besuches bei Soldaten der IDF an der Grenze zu Gaza w\u00e4hrend der Zeit der zweiten Intifada. &#8222;Es h\u00e4ngt etwas in der Luft wie ein \u00fcbler Geruch, den noch nicht einmal die Mittelmeerbrise vertreiben kann. Sicher, es ist ungerecht und unbegr\u00fcndet, aber allenthalben und zu jeder Zeit dr\u00e4ngt sich einem eine unheilvolle Analogie auf. Das liegt nicht an der israelfeindlichen Propaganda, sondern an der Sprache, die die Soldaten v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich und unreflektiert benutzen. [&#8230;] S<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">ogar N., der politisch ziemlich weit rechts steht, murrt jedem die Ohren voll, dass die ganze Anlage einem Konzentrationslager gleicht. M. erkl\u00e4rt mit einem schwachen L\u00e4cheln, dass er w\u00e4hrend der Intifada so viele Tage Wehrdienst angesammelt hat, dass man ihn bald zu einem hohen Gestapo-Offizier bef\u00f6rdern wird. Und auch ich, der diese Analogie immer verabscheut hat, der mit jedem stritt, der nur entsprechende Anspielungen machte, kann mich ihrer bald nicht mehr erwehren. Die Assoziationen sind zu stark. [&#8230;] Ich erkenne, dass das Problem nicht in der \u00c4hnlichkeit begr\u00fcndet ist; niemand kann allen Ernstes glauben, dass eine wirkliche \u00c4hnlichkeit besteht. Das Problem liegt darin begr\u00fcndet, dass es keinen ausreichenden Mangel an \u00c4hnlichkeit gibt. Der Mangel an \u00c4hnlichkeit ist nicht gro\u00df genug, als dass die unguten Ankl\u00e4nge ein f\u00fcr allemal verstummen k\u00f6nnten.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote12sym\" name=\"sdendnote12anc\"><sup>xii<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Um noch einmal auf das Problem mit den historischen Vergleichen zur\u00fcckzukommen. In ihrer improvisierten Festrede, gehalten in der kleinen Galerie im Steintorviertel, machte Masha Gessen auf einige Selbstverst\u00e4ndlichkeiten aufmerksam. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nne (und d\u00fcrfe) man vergleichen, in jeder historischen Analyse w\u00fcrde verglichen. Aber ebenso selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcsse unbedingt der feine Unterschied zwischen &#8222;vergleichen&#8220; und &#8222;gleichsetzen&#8220; beachtet werden. Jedes Ereignis oder jeder Zusammenhang habe seine Singularit\u00e4t in Ort und Zeit und in den Umst\u00e4nden. Die Aufgabe best\u00fcnde eben darin, dass bei Vergleichen genau unterschieden werden m\u00fcsse zwischen dem, was den Ereignissen, hier also dem jetzigen Gaza und den damaligen Juden-Ghettos in den osteurop\u00e4ischen St\u00e4dten, gemeinsam oder \u00e4hnlich sei und wo die Unterschiede l\u00e4gen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Die DIG Bremen\/Unterweser hat in ihrem offenen Brief, der den Skandal ins Rollen brachte, genau diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit &#8211; wahrscheinlich absichtsvoll &#8211; unter den Tisch fallen lassen. In dem Brief der DIG hie\u00df es: &#8222;Es ist uns unbegreiflich wie ein\/e so erfahrene\/r Wissenschaftler:in wie Masha Gessen, [&#8230;] ernsthaft Gaza mit den Vernichtungs-Ghettos der Nazis gleichsetzen kann.&#8220;<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote13sym\" name=\"sdendnote13anc\"><sup>xiii<\/sup><\/a> Da kann man nur noch den Kopf sch\u00fctteln. Denn Masha Gessen hat nichts gleichgesetzt, sie hat Vergleiche, die aufr\u00fctteln sollen, angestellt. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>Rudert die Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung zur\u00fcck?<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Das Geld f\u00fcr den Preis von 10.000 Euro wird von der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung Bremen, der Heinrich-B\u00f6ll-Bundesstiftung und dem Bremer Senat aufgebracht. Die schlie\u00dfliche Absage des Festaktes in der oberen Rathaushalle war eine gemeinsame Entscheidung aller drei preisstiftenden Institutionen. Der Festakt wurde gecancelt, so zu lesen auf der Homepage der <a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.boell-bremen.de\/de\">Bremer B\u00f6ll-Stiftung<\/a> (18.12.2023), &#8222;weil wir Gessens Vergleich des Gaza-Krieges mit der Liquidierung eines Ghettos in der NS-Zeit f\u00fcr <i>untragbar und indiskutabel <\/i>halten.&#8220;<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote14sym\" name=\"sdendnote14anc\"><sup>xiv<\/sup><\/a> Der Vorstand des Vereins &#8222;Hannah-Arendt-Preis f\u00fcr politisches Denken e.V.&#8220; und die Jury allerdings, was den Geldgebern so gar nicht gefiel, haben dem Druck standgehalten und sind bei ihrer Entscheidung geblieben. Respekt. Der Verein, so hei\u00dft es in der Erkl\u00e4rung der Bremer B\u00f6ll-Stiftung auf ihrer Homepage, habe die Kommunikation mit ihr verweigert und auch nicht bereit gewesen, sich \u00fcber eine m\u00f6gliche Modifizierung des Festaktes zu verst\u00e4ndigen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">F\u00fcr die Bundes-Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung allerdings hatte der Skandal ein Nachspiel. Wie konnte es m\u00f6glich sein, dass eine Stiftung, die sich in aller Welt, vor allem in den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, f\u00fcr Diskussionen, Dialoge, offene R\u00e4ume, Toleranz, Verst\u00e4ndnis, ausgestreckte H\u00e4nde usw. in enger Anlehnung an die &#8222;feministische und wertegeleitete&#8220; Au\u00dfenpolitik einer gr\u00fcnen Au\u00dfenministerin stark macht, einer international renommierten Autorin die Diskussion verweigert? Die dazu sich in der Lesben- und Schwulenbewegung engagiert, \u00fcber die herrschende Elite in Russland kritische B\u00fccher schreibt, deswegen emigrieren muss und aus einer gro\u00dfen, ehemals in Russland und der Ukraine beheimateten j\u00fcdischen Familie stammt, die unter dem Holocaust viel Leid erfahren musste. Man kann sich vorstellen, wie die Telefondr\u00e4hte in Bremen und zwischen Bremen und Berlin gegl\u00fcht haben m\u00fcssen in diesen Tagen. Die B\u00f6ll-Bundesstifung in Berlin jedenfalls entschloss sich kurzfristig und in deutlicher Ablehnung des Beschlusses ihrer Bremer Abteilung, in ihren R\u00e4umen in Berlin eine Diskussion zu organisieren, die dann am 18. Dezember vor einem zahlreichen Publikum auch stattfand. Dr. Tamar Or (gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Vorst\u00e4ndin der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum) moderierte und Dr. Imme Scholz sowie Jan Philipp Albrecht vom Vorstand der B\u00f6ll-Stiftung diskutierten mit ihrem Gast Masha Gessen. Die Diskussion konnte online verfolgt verfolgt werden und steht auch jetzt im Netz.<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote15sym\" name=\"sdendnote15anc\"><sup>xv<\/sup><\/a> Die Entscheidung der Stiftung habe gro\u00dfe interne Debatten ausgel\u00f6st, wurde einleitend erkl\u00e4rt; sie w\u00fcrden vom Vorwurf der cancal-culture gegen\u00fcber einer j\u00fcdischen Intellektuellen, die sich iraelkritisch \u00e4u\u00dfere, bis zur Forderung reichen, ihr den Hannah-Arendt-Preis nachtr\u00e4glich wieder abzuerkennen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Masha Gessen hatte sich gut vorbereitet und untermauerte ihre fundamentale Kritik, dass Gaza heute einem der Ghettos einer osteurop\u00e4ischen Stadt gliche. Der einzige Unterschied best\u00fcnde darin, dass Gaza noch nicht vollst\u00e4ndig liquidiert sei und die Welt\u00f6ffentlichkeit diese Katastrophe noch verhindern k\u00f6nne. Sie zitierte w\u00f6rtlich den israelischen Leiter einer Stadtverwaltung mit dem Namen David Azulay und entschuldigte sich, dass sie diese \u00c4u\u00dferungen jetzt laut vorlese: &#8222;Nach dem 7. Oktober sollten wir die Menschen nicht dazu auffordern, in den S\u00fcden zu gehen, sondern sie an die Str\u00e4nde schicken. Die Marine kann sie an die K\u00fcste des Libanon bringen, wo es bereits gen\u00fcgend Fl\u00fcchtlingslager gibt. Dann sollte ein Sicherheitsstreifen vom Meer bis zum Grenzzaun des Gazastreifens eingerichtet werden, v\u00f6llig leer, als Erinnerung an das, was dort einmal war. Er sollte dem Konzentrationslager Auschwitz \u00e4hneln.&#8220; Sodann wurde ein Mitglied der Netanyahu-Regierung, Verteidigungsminister Yoav Galant zitiert: &#8222;Es wird keinen Strom geben, keine Lebensmittel, keinen Treibstoff, alles ist geschlossen. Wir k\u00e4mpfen gegen menschliche Tiere, und wir handeln entsprechend.&#8220; Es folgten der Energieminister Israel Katz (&#8222;Kein elektrischer Schalter wird aufgedreht, kein Wasserhahn ge\u00f6ffnet und kein Treibstofftransporter wird einfahren, bis die entf\u00fchrten Israelis nach Hause zur\u00fcckgekehrt sind&#8220;) und die inzwischen ber\u00fcchtigte \u00c4u\u00dferung des Ministers f\u00fcr nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir: &#8222;Solange die Hamas die Geiseln nicht freil\u00e4sst, m\u00fcssen nur Hunderte von Tonnen Sprengstoff von der Luftwaffe in den Gazastreifen gebracht werden, und nicht eine Unze humanit\u00e4rer Hilfe.&#8220;<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote16sym\" name=\"sdendnote16anc\"><sup>xvi<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\">Die Sympathien des Publikums lagen erkennbar bei Masha Gessen. Sie machte auch klar, dass dieser Abend nicht auf Einladung der B\u00f6ll-Stiftung zustande gekommen sei, obwohl jetzt sowohl die Moderatorin als auch die beiden Vorstandsmitglieder gern den Eindruck vermitteln m\u00f6chten, dass sie schon immer den Dialog mit ihr gesucht h\u00e4tten. Es sei vielmehr so gewesen: mit Zustimmung der Stiftung sei die Festveranstaltung im Bremer Rathaus als einer gro\u00dfen repr\u00e4sentativen \u00f6ffentlichen Veranstaltung mit voraussichtlich mehr als 400 Teilnehmern und einer entsprechenden Medienberichterstattung gecancelt worden, ebenso eine Diskussionsveranstaltung in der Bremer Universit\u00e4t<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote17sym\" name=\"sdendnote17anc\"><sup>xvii<\/sup><\/a>. Aber der Versuch, sie mundtot zu machen, sei fehlgeschlagen und h\u00e4tte dann das Gegenteil bewirkt. Nie h\u00e4tten ihr Essay in &#8222;The New Yorker&#8220; ohne den Skandal sonst soviel Aufmerksamkeit erreicht. Das aber w\u00e4re wirklich kein Verdienst der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung, sondern eine Folge des Eklats. Trotzdem freue sie sich, dass die Veranstaltung hier in Berlin habe stattfinden k\u00f6nnen. &#8222;Es war seltsam&#8220;, sagte Gessen nach der Diskussion in einem Interview mit der Berliner Zeitung. &#8222;Aber es war nicht sinnlos. F\u00fcr eineinhalb Stunden meines Lebens ist das keine schlechte Bilanz.&#8220;<a class=\"sdendnoteanc\" href=\"#sdendnote18sym\" name=\"sdendnote18anc\"><sup>xviii<\/sup><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><em>S\u00f6nke Hundt, AK Nahost Bremen<\/em><\/p>\n<hr>\n<p><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote1anc\" name=\"sdendnote1sym\">i<\/a>so berichtet von der Taz v. 18.12.2023<\/p>\n<div id=\"sdendnote2\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote2anc\" name=\"sdendnote2sym\">ii<\/a>Biografische Angaben aus Wikipedia (17.12.2023) und Taz v. 06.04.2019<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote3\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote3anc\" name=\"sdendnote3sym\">iii<\/a><a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/news\/the-weekend-essay\/in-the-shadow-of-the-holocaust\">https:\/\/www.newyorker.com\/news\/the-weekend-essay\/in-the-shadow-of-the-holocaust<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote4\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote4anc\" name=\"sdendnote4sym\">iv<\/a><a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.dig-bremen.de\/de\/dokumente-downloads\/offener-brief-zum-hannah-arendt-preis-2023.html\">Offener Brief der DIG Bremen\/Unterweser v. 13.12.2023.<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote5\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote5anc\" name=\"sdendnote5sym\">v<\/a>Taz v. 13.12.2023<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote6\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote6anc\" name=\"sdendnote6sym\">vi<\/a>Stellungnahme auf der Homepage des <a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.hannah-arendt-preis.de\/veranstaltungen\/\">&#8222;Vereins Hannah-Arendt-Preis f\u00fcr politisches Denken e.V.&#8220;<\/a> (17.12.2023)<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote7\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote7anc\" name=\"sdendnote7sym\">vii<\/a>\u00dcbersetzung S.H. (mit Hilfe von Google)<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote8\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote8anc\" name=\"sdendnote8sym\">viii<\/a><a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/nachrichten\/hannah-arendt-preis-bremen-masha-gessen-100.html\">buten un binnen v. 15.12.2023<\/a> \u00dcbersetzung von Radio Bremen<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote9\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote9anc\" name=\"sdendnote9sym\">ix<\/a>vgl. <a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.cafetelaviv.de\/israel\/einstein-arendt-ueber-partei-von-menachem-begin-faschisten\/\">https:\/\/www.cafetelaviv.de\/israel\/einstein-arendt-ueber-partei-von-menachem-begin-faschisten\/<\/a><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: small;\"> (17.12.2023). Der Brief ist auch von den NachDenkSeiten abgedruckt worden, hier: <\/span><\/span><a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/231023-Einstein-Arendt-Brief-NYT-1948.pdf\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/231023-Einstein-Arendt-Brief-NYT-1948.pdf<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote10\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote10anc\" name=\"sdendnote10sym\">x<\/a>Vgl. Charlotte Wiedemann: Den Schmerz des Anderen begreifen. Berlin 2022. Die Ausf\u00fchrungen hier beziehen sich auf ihren Artikel (&#8222;Das Trauma von 1948&#8220;) in <a class=\"western\" href=\"https:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!5906053\">Le Monde Diplomatique v. 12.01.2023<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote11\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote11anc\" name=\"sdendnote11sym\">xi<\/a>Ari Shavit: My Promised Land: The Triumph and Tragedy of Israel. New York 2013. Das Buch wird sofort nach Erscheinen New-York-Times-Bestseller und erh\u00e4lt unz\u00e4hlige Preise. In Deutschlandfunk-Kultur (am 12.06.2015) hei\u00dft es anl\u00e4sslich der deutschen \u00dcbersetzung \u00fcberschw\u00e4nglich: &#8222;Das aufregendste Buch \u00fcber Israel. Welches Buch sollte man lesen, wenn man sich \u00fcber die Geschichte Israels informieren will? Dieses hier. Der Journalist erz\u00e4hlt in &#8218;Mein gelobtes Land&#8216; differenziert, engagiert und eindringlich [&#8230;] Hier wird polyphon und multiperspektivisch erz\u00e4hlt, mit narrativer Kraft und Ehrlichkeit.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote12\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote12anc\" name=\"sdendnote12sym\">xii<\/a>Ari Shavit: Mein gelobtes Land, Bielefeld 2015, hier S. 324 f.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote13\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote13anc\" name=\"sdendnote13sym\">xiii<\/a><a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.dig-bremen.de\/de\/dokumente-downloads\/offener-brief-zum-hannah-arendt-preis-2023.html\">Offener Brief der DIG Bremen\/Unterweser v. 13.12.2023.<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote14\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote14anc\" name=\"sdendnote14sym\">xiv<\/a><a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.boell-bremen.de\/de\">Homepage der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung Bremen <\/a>(17.12.2023), Hervorhebung S.H.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote15\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote15anc\" name=\"sdendnote15sym\">xv<\/a><a class=\"western\" href=\"https:\/\/calendar.boell.de\/de\/event\/gespraech-mit-masha-gessen-hannah-arendt-preistraegerin-2023\">Gespr\u00e4ch mit Masha Gessen am 18.12.2023<\/a>. Die Stunde lohnt sich, auch wegen der lebhaften Diskussion im Saal nach dem Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote16\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote16anc\" name=\"sdendnote16sym\">xvi<\/a>Alle \u00c4u\u00dferungen aus der Mitschrift der deutschen \u00dcbersetzung.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote17\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote17anc\" name=\"sdendnote17sym\">xvii<\/a>Eine Diskussionsveranstaltung in der Universit\u00e4t Bremen war tats\u00e4chlich nicht vorgesehen. Vgl. Mitteilung von Prof. Eva Senghaas-Knobloch (Vorstandsmitglied des Tr\u00e4gervereins f\u00fcr die Vergabe des Hannah-Arendt-Preises) an Claus Walischewski. Masha Gessen hat wohl gedacht, das Institut Francais sei eine Einrichtung der Uni und entsprechend geantwortet. Es gab aber keine geplante Diskussion in der Uni, also auch keine Absage.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdendnote18\">\n<p class=\"sdendnote\"><a class=\"sdendnotesym\" href=\"#sdendnote18anc\" name=\"sdendnote18sym\">xviii<\/a>Vgl. den sehr informativen Bericht in der <a class=\"western\" href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur-vergnuegen\/debatte\/masha-gessen-in-berlin-der-versuch-mich-mundtot-zu-machen-ist-misslungen-li.2169713\">Berliner Zeitung v. 18.12.2023<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcbernommen am 22.12.2023 von den NachDenkSeiten Vergleiche sind in der Geschichtswissenschaft und im Journalismus das t\u00e4gliche Brot. 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