{"id":12278,"date":"2024-02-21T09:39:25","date_gmt":"2024-02-21T09:39:25","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=12278"},"modified":"2024-02-21T09:39:25","modified_gmt":"2024-02-21T09:39:25","slug":"israel-und-das-phaenomen-der-herrenvolkdemokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=12278","title":{"rendered":"Israel und das Ph\u00e4nomen der Herrenvolkdemokratie"},"content":{"rendered":"<div class=\"mod_newsreader block\">\n<div class=\"layout_full row block\">\n<div class=\"col-12\">\n<p class=\"info serif\"><a href=\"https:\/\/www.andreas-wehr.eu\/israel-und-das-phaenomen-der-herrenvolkdemokratie.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><time datetime=\"2024-02-09T10:41:04+01:00\">von Andreas Wehr&nbsp; 09.02.2024<\/time><\/a><br \/>\nBereits 1967, nach dem Sieg Israels im Sechstagekrieg, sprach der Schriftsteller, Grafiker und Filmemacher Peter Weiss, Autor des dreib\u00e4ndigen Werks \u201eDie \u00c4sthetik des Widerstands\u201c, von den Israelis als Herrenvolk. Weiss, Sohn eines j\u00fcdischen Kaufmanns der vor den Nazis aus Deutschland fliehen musste, wurde daraufhin von seinen Schriftstellerkollegen scharf angegriffen. [1]<\/p>\n<div class=\"ce_text block\">\n<p>Herrenvolkdemokratien \u2013 die Herrschaft Wei\u00dfer in kolonisierten L\u00e4ndern \u2013 zeichnen sich durch besonders brutale Formen der Unterdr\u00fcckung der Indigenen aus. Der italienische Historiker und Philosoph Domenico Losurdo hat sich mit diesem Ph\u00e4nomen im Rahmen seiner Liberalismus-Studien intensiv auseinandergesetzt. Vor dem Hintergrund des israelischen Gaza-Kriegs kommt der \u00dcberwindung von Herrenvolkdemokratien heute eine besondere Bedeutung zu.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<div class=\"mod_newsreader block\">\n<div class=\"layout_full row block\">\n<div class=\"col-12\">\n<div class=\"ce_text block\">\n<p>Sowohl die Niederl\u00e4ndische als auch die Englische sowie die Amerikanische Revolution haben der Entwicklung der Freiheit, der politischen Gleichheit und der Demokratie entscheidende Impulse gegeben. Doch das alles galt nur f\u00fcr die Wei\u00dfen, f\u00fcr die Bev\u00f6lkerungen der westlichen, kolonisierenden L\u00e4nder und auch lange Zeit nur f\u00fcr die wenigen Besitzenden dort. In den Kolonien erk\u00e4mpften sich europ\u00e4ische Einwanderer Freiheitsrechte und verlangten nach staatlicher Unabh\u00e4ngigkeit. Doch ohne \u201edie Sklaverei (und die darauffolgende Rassentrennung) kann man die &#8218;amerikanische Freiheit&#8216; nicht verstehen: sie wachsen, sich gegenseitig st\u00fctzend, gemeinsam heran. (\u2026) Die fast vollst\u00e4ndige Streichung der Zensusdiskriminierungen innerhalb der wei\u00dfen Gemeinschaft geht einher mit der beschleunigten Deportation der Indianer und mit der Tendenz zum Ressentiment und zur Gewalt gegen die Schwarzen. (\u2026) Die scharfe Grenzlinie zwischen Wei\u00dfen einerseits und Schwarzen und Indianern andererseits beg\u00fcnstigt die Gleichheitstendenz innerhalb der wei\u00dfen Gemeinschaft. Die Mitglieder einer Klassen- und Hautfarbearistokratie neigen dazu, sich selber als &#8218;Pairs&#8216; zu werten: die den Ausgeschlossenen aufgezwungene Ungleichheit ist die Kehrseite des Gleichheitsverh\u00e4ltnisses, das sich unter denen durchsetzt, die die Macht haben, die &#8218;Niedrigeren&#8216; auszuschlie\u00dfen. (\u2026)\u201c [2] Im Ergebnis entsteht eine <em>Herrenvolk democracy<\/em>.<\/p>\n<p>Nach Domenico Losurdo kann \u201eDie Kategorie&nbsp;<em>Herrenvolk democracy<\/em>&nbsp;zur Erkl\u00e4rung der gesamten Geschichte des Westens herangezogen werden. Zwischen dem Ende des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts geht in Europa die Ausweitung des Wahlrechts Hand in Hand mit dem Kolonisationsprozess, der f\u00fcr die unterworfenen V\u00f6lker den Zwang zu sklavischer oder halbsklavischer Arbeit mit sich brachte. Die Rechtsstaatlichkeit in der kapitalistischen Metropole ist eng verkn\u00fcpft mit der Gewalt, der b\u00fcrokratischen und Polizeiwillk\u00fcr und mit dem Belagerungszustand in den Kolonien. Letztendlich ist es das gleiche Ph\u00e4nomen, das in den Vereinigten Staaten auftritt, nur erscheint es im Fall Europas nicht so offensichtlich, weil die Kolonialbev\u00f6lkerungen nicht in der kapitalistischen Metropole leben, sondern von ihr durch den Ozean getrennt sind.\u201c [3]<\/p>\n<h1>Die&nbsp;<em>Herrenvolk democracy<\/em>&nbsp;der USA<\/h1>\n<p>Es ist Hannah Arendt, die 1967 \u2013 inzwischen als US-B\u00fcrgerin \u2013 eine Beurteilung der beiden Revolutionen, der Amerikanischen sowie der Franz\u00f6sischen, vornimmt: \u201eDie Franz\u00f6sische Revolution m\u00fcndete in eine Katastrophe und wurde zu einem Wendepunkt der Weltgeschichte; die Amerikanische Revolution war ein triumphaler Erfolg und blieb eine lokale Angelegenheit (\u2026).\u201c [4] Doch kommt auch sie nicht umhin einzugestehen, dass dieser \u201etriumphale Erfolg\u201c nur f\u00fcr Wei\u00dfe galt, f\u00fcr Schwarze und Indianer verhie\u00df die Amerikanische Revolution hingegen nichts Gutes: Die Revolution verdankte \u2013 nach Arendt &#8211; \u201eihren Erfolg zu einem Gutteil dem Fehlen verzweifelter Armut unter den Freien und der Unsichtbarkeit der Sklaven in den Kolonien der Neuen Welt. Nat\u00fcrlich gab es Armut und Elend in Amerika, die durchaus mit der Lage der &#8218;laboring poor&#8216; in Europa vergleichbar waren. Mochte Amerika in der Tat &#8218;a good poor Man\u00b4s country&#8216; sein, wie William Penn meinte, ein gutes Land f\u00fcr arme M\u00e4nner, und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts f\u00fcr die Verarmten Europas der Traum vom gelobten Land bleiben, so ist nicht weniger wahr, dass diese &#8218;Gutheit&#8216; zu einem betr\u00e4chtlichen Ma\u00df vom Elend der Schwarzen abhing. (\u2026) Der Unterschied bestand somit darin, dass die Amerikanische Revolution aufgrund der Institution der Sklaverei und wegen der \u00dcberzeugung, Sklaven w\u00fcrden einer anderen &#8218;Rasse&#8216; angeh\u00f6ren, die Existenz der Elenden \u00fcbersah und damit die beachtliche Aufgabe aus dem Blick verlor, diejenigen zu befreien, die weniger durch politische Unterdr\u00fcckung als durch die einfachsten Grundbed\u00fcrfnisse des Lebens gefesselt waren.&nbsp;<em>Les malheureux<\/em>, die Ungl\u00fccklichen, die im Verlauf der Franz\u00f6sischen Revolution eine so gewichtige Rolle spielen und von ihr&nbsp;<em>le peuple<\/em>&nbsp;gleichgesetzt wurden, existieren in Amerika entweder nicht oder blieben v\u00f6llig im Verborgenen.\u201c [5]<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnlich, in seiner Wortwahl nur deutlich sch\u00e4rfer, beschreibt Losurdo den Liberalismus der USA: \u201eWir haben es (hier) mit einem Rassenstaat zu tun, der sich, der ausdr\u00fccklichen Erkl\u00e4rung seiner Theoretiker und Apologeten im S\u00fcden zufolge, in &#8218;drei Kasten, die freien Wei\u00dfen, die freien Farbigen, die farbigen Sklaven&#8216; gliedert\u201c [6] Und somit spielt die Rassendiskriminierung \u201ein den Vereinigten Staaten eine entscheidende Rolle im nationalen Ma\u00dfstab (\u2026), so empfiehlt es sich von einer&nbsp;<em>Herrenvolk democracy&nbsp;<\/em>zu sprechen.\u201c Heutige amerikanische Historiker verwenden dabei bewusst die deutsche Formulierung&nbsp;<em>Herrenvolk,&nbsp;<\/em>um die enge Verwandtschaft zwischen dem US-amerikanischen Rassismus und der rassistischen Ideologie des deutschen NS-Staats zu betonen. [7]<\/p>\n<p>Und diese&nbsp;<em>Herrenvolk democracy<\/em>&nbsp;verschwindet auch nicht mit dem Ende der Sklaverei, nach dem Sieg der Union \u00fcber den abtr\u00fcnnigen S\u00fcden im amerikanischen B\u00fcrgerkrieg: \u201eDie formelle Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten im Jahre 1865, drei\u00dfig Jahre nach der entsprechenden Ma\u00dfnahme in den englischen Kolonien und mit einer noch gr\u00f6\u00dferen Versp\u00e4tung im Vergleich zu den L\u00e4ndern, die die Unabh\u00e4ngigkeit von Spanien erobert hatten, setzt diesem Rassenstaat keineswegs ein Ende. Wir sehen ein Regime der&nbsp;<em>white supremacy<\/em>&nbsp;am Werk, dass die Rassentrennung in den Schulen, in den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln, in den Aufz\u00fcgen und auf dem Friedhof und in jedem Aspekt des sozialen Lebens sanktioniert und die sexuellen Beziehungen und Eheverbindungen zwischen den Rassen verbietet und wie ein Verbrechen behandelt. (\u2026) In Lateinamerika findet sich keine Spur von dem hier beschriebenen System.\u201c [8]<\/p>\n<p>Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ist im S\u00fcden der USA auch die furchtbare Praxis des Lynchens Farbiger verbreitet. In seinem Buch \u201eDer westliche Marxismus\u201c gibt Losurdo eine vom jungen Ho Chi Minh, dem sp\u00e4teren Befreier Vietnams, beobachtete grausame Szene wieder: \u201eAls er 1924 auf der Suche nach Arbeit in die Vereinigten Staaten kommt, wird er voller Entsetzen Zeuge eines Lynchmordes, der langsamen und endlosen Qualen eines Schwarzen, denen eine am\u00fcsierte und feiernde Menge von Wei\u00dfen beiwohnt. Wir \u00fcbergehen die einzelnen Grausamkeiten, um uns auf die politische Zusammenfassung zu konzentrieren: &#8218;Auf dem Boden, umgeben von Dreck aus Fett und Rauch, schneidet ein schwarzer Kopf, verst\u00fcmmelt, ger\u00f6stet, deformiert, eine schreckliche Grimasse und scheint die untergehende Sonne zu fragen: Und das ist Zivilisation?&#8217;\u201c [9]<\/p>\n<p>In seinem Artikel \u201eGleichheit, Allgemeinheit, Differenz\u201c, ver\u00f6ffentlicht 1999 in der Aufsatzsammlung \u201eBrecht \u2013 Eisler- Marcuse 100. Fragen kritischer Theorie heute\u201c [10], beschreibt Losurdo das Vorgehen der Exponenten der&nbsp;<em>white supremacy<\/em>&nbsp;gegen\u00fcber allen nicht Dazugeh\u00f6renden. Von Frauen, Besitzlosen und Nichtwei\u00dfen wird verlangt, sich den Kulturen, Sitten und Sprachgewohnheiten der Herrschenden anzupassen. Dem dienen die \u201ePolitik der Homologisierung und die Parolen repressiven Egalitarismus und Individualismus\u201c. [11] Was das konkret hie\u00df, zeigt er am Schicksal nordamerikanischer Indianer, die Opfer der Umerziehung wurden. Er zitiert Philanthropen \u201ewelche mit den besten Absichten darum bem\u00fcht sind, die Indianer durch Zivilisierung und Assimilation vor ihrem Verfall zu retten: Man muss entschlossen harte Strafen anwenden, um die Indianer zu zwingen, auch untereinander nur Englisch zu sprechen, auf ihre T\u00e4nze und fremdartige Kleidung zu verzichten, die Haare kurz zu tragen, d.h. sich wie gute Amerikaner und gute Wei\u00dfe zu verhalten.\u201c Dieser Konformit\u00e4tsdruck lastete nicht nur auf den Ureinwohnern Nordamerikas. \u00dcberall trat man so in den wei\u00dfen, liberalen Gesellschaften Schwarzen, Juden, Angeh\u00f6rigen nationaler Minderheiten und anderen Unangepassten gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Voraussetzung der Integration dieser Minderheiten war nicht allein die mehr oder weniger freiwillige \u00dcbernahme von Kultur und Werten der dominierenden wei\u00dfen Gesellschaften, sondern auch die Bereitschaft, sich ganz als Individuum zu f\u00fchlen. Die Betroffenen sollen sich weder einem eigenen politischen Organismus angeh\u00f6rig f\u00fchlen, noch l\u00e4nger einen eigenen Stand bilden. Am besten ist es, wenn sie ihre eigene Geschichte und ihr Herkommen vergessen: \u201eDie \u00e9galit\u00e9 wird hier Synonym f\u00fcr Homologisierung. Die Gleichheit fungiert hier gleichsam als Instrument einer &#8218;Gleichschaltung&#8217;\u201c. [12]<\/p>\n<p>Trotz aller Erfolge der B\u00fcrgerrechtsbewegung sind die USA auch heute noch \u2013 mehr als 150 Jahre nach Aufhebung der formellen Sklaverei \u2013 von einer \u00dcberwindung des Rassismus weit entfernt: Vor allem Farbige erfahren bittere Armut, sind h\u00e4ufiger als Wei\u00dfe Opfer von Polizeigewalt, und ihr Anteil an H\u00e4ftlingen ist weit \u00fcberproportional. Losurdo ist aber davon entfernt, die USA deshalb des ewigen Rassismus zu beschuldigen und es etwa gegen\u00fcber europ\u00e4ischen Koloniall\u00e4ndern wie Belgien, D\u00e4nemark, Deutschland, Gro\u00dfbritannien, Frankreich, die Niederlande, Portugal und Spanien zur\u00fcckzusetzen: \u201eDas jahrhundertlange Andauern des Rassenstaats in den Vereinigten Staaten kann nicht mit einem mythischen, ewigen und einf\u00f6rmigen Amerika erkl\u00e4rt werden, sondern damit, dass sich in diesem Land die Kolonialv\u00f6lker auf dem gleichen Territorium befinden, auf dem die herrschende Rasse lebte, und diese sah sich daher zu Ma\u00dfnahmen gezwungen, die in Europa \u00fcberfl\u00fcssig waren. Dort kam die herrschende wei\u00dfe Rasse wegen der r\u00e4umlichen Distanz, die sie von den &#8217;niederen&#8216; Rassen trennt, die jenseits der Meere angesiedelt sind, leichter ihre Reinheit bewahren.\u201c [13] Seit einiger Zeit sehen sich allerdings auch die alten europ\u00e4ischen Koloniall\u00e4ndern mit einer starken Zuwanderung vor allem aus ihren fr\u00fcheren Kolonien konfrontiert, die sie wom\u00f6glich bald vor \u00e4hnliche Herausforderungen stellen werden wie sie in den USA schon lange existieren.<\/p>\n<h1>Die Herrenvolkdemokratien Kanada, Australien und Neuseeland<\/h1>\n<p>Wei\u00dfe Siedlerstaaten, vergleichbar den USA, entstanden als Ergebnis europ\u00e4ischer Eroberungen und Einwanderungswellen auch in Kanada, Australien, Neuseeland, in Algerien, S\u00fcdafrika und in j\u00fcngster Vergangenheit mit Israel in Pal\u00e4stina. In seinem Buch \u201eLa lotta di classe \u2013 Una storia polica e filosofica\u201c erschienen 2013, auf Deutsch \u201eDer Klassenkampf \u2013 oder die Wiederkehr des Verdr\u00e4ngten?\u201c, stellt Domenico Losurdo die Kolonisierungspolitik in den Zusammenhang mit den Klassenauseinandersetzungen in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern: \u201eMit der Zuspitzung des gesellschaftlichen Konflikts in Europa wohnen wir dem Aufkommen von Theorien bei, in denen in expliziter Manier die Annexion des Bodens in den Kolonien gefordert wird, um diesen den Mittellosen in den kapitalistischen Metropolen zuzuweisen. Im Jahr 1868 beklagte (der Historiker und Schriftsteller, A.W.) Ernest Renan in Frankreich, wo ein langer revolution\u00e4rer Zyklus letztlich eine sozialistische Bewegung hervorgebracht hatte, die Franz\u00f6sische Revolution habe &#8218;die Entwicklung der Kolonien&#8216; blockiert und somit &#8218;den einzigen Ausweg versperrt, der den Staaten die Flucht vor den Problemen des Sozialismus erm\u00f6glicht&#8216;. Diese These bekr\u00e4ftige er in den Monaten nach der Pariser Kommune: &#8218;Die Kolonisierung in gro\u00dfem Ma\u00dfstab ist eine politische Notwendigkeit ersten Ranges. Eine Nation, die nicht kolonisiert, ist unwiderruflich zum Sozialismus, zum Krieg zwischen Armen und Reichen verdammt.&#8217;\u201c [14]<\/p>\n<p>Losurdo erinnert In seinem Buch \u201eLa questione comunista. Storia e futoro di un&#8217;idea\u201c von 2021, auf Deutsch \u201eKommunismus. Geschichte, Erbe und Zukunft\u201c, an die Schrift Lenins \u201eDer Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus\u201c in der der britische Politiker und Premierminister der Kapkolonie, Cecil Rhodes, zu Wort kommt: \u201e'[&#8230;] Meine gro\u00dfe Idee ist die L\u00f6sung des sozialen Problems, d.h., um die vierzig Millionen Einwohner des Vereinigten K\u00f6nigreichs vor einem m\u00f6rderischen B\u00fcrgerkrieg zu sch\u00fctzen, m\u00fcssen wir Kolonialpolitiker neue L\u00e4ndereien erschlie\u00dfen, um den \u00dcberschuss an Bev\u00f6lkerung aufzunehmen, und neue Absatzgebiete schaffen f\u00fcr die Waren, die sie in ihren Fabriken und Minen erzeugen. Das Empire, das habe ich stets gesagt, ist eine Magenfrage. Wenn Sie den B\u00fcrgerkrieg nicht wollen, m\u00fcssen Sie Imperialisten werden.&#8217;\u201c [15]<\/p>\n<p>Wie in den USA wurden auch in Kanada, Australien und Neuseeland die einheimischen Bev\u00f6lkerungen von den Eroberern verfolgt, dezimiert, in Reservate abgeschoben oder zur Assimilierung gezwungen, bei der regelm\u00e4\u00dfig verlangt wurde, sich der wei\u00dfen, herrschenden Kultur vollst\u00e4ndig anzugleichen. Im Unterschied aber zu den Bewohnern der Neuengland-Staaten, den sp\u00e4teren USA, haben \u201edie wei\u00dfen Siedler des britischen Empire keine gro\u00dfen Probleme, anerkannt zu werden. Die Regierung von London hat die Lektion der amerikanischen Revolution gelernt und entscheidet sich seither daf\u00fcr, der Politik der &#8218;Vers\u00f6hnung&#8216; zu folgen, die Burke seinerzeit f\u00fcr die Beziehung zu den V\u00f6lkern vorgeschlagen hatte, &#8218;in deren Adern das Blut der Freiheit kreist&#8216;. Und so erhalten seit der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts Kanada, Neuseeland, Australien, S\u00fcd-Afrika zun\u00e4chst eine weitgehende Autonomie innerhalb des Commonwealth, um sich danach auf den Weg zur vollen Unabh\u00e4ngigkeit zu machen. Es ist ein gefestigter Grundsatz, bemerkt John S. Mill 1861, dass, zumindest auf der Ebene der Innenpolitik, die &#8218;Kolonien von europ\u00e4ischer Rasse&#8216; das volle Recht zur Selbstregierung haben. Wie im Fall der Vereinigten Staaten kann die Selbstregierung der Siedler auch eine drastische Verschlechterung der Lage der V\u00f6lker in den Kolonien oder kolonialer Herkunft mit sich bringen, die jetzt der ausschlie\u00dflichen und ungehinderten Kontrolle ihrer direkten Unterdr\u00fccker unterworfen sind.\u201c [16]<\/p>\n<p>Eine besonders unr\u00fchmliche Rolle bei dieser Unterdr\u00fcckung spielen die Kirchen, denen h\u00e4ufig die Aufgabe \u00fcbertragen wird die Kinder der Indigenen von ihren Familien und damit zugleich von ihrer Kultur und Sprache zu entfremden und zu unauff\u00e4lligen Mitgliedern der wei\u00dfen Gesellschaft zu erziehen. Erst jetzt wurden in Kanada besonders schwere F\u00e4lle dieser menschenverachtenden Praktik aufgedeckt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtete dar\u00fcber: \u201eIn Kamloops in der Westprovinz British Columbia konnten im Mai 2021 mittels Bodenradar die sterblichen \u00dcberreste von 215 Kindern identifiziert werden. Die Schule hatte von 1893 bis 1969 die katholische Ordensgemeinschaft der Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria betrieben. Nach der Untersuchung weiterer Schulen wuchs die Zahl der nachgewiesenen Kinderskelette auf mehr als tausend. Die j\u00fcngsten Opfer waren kaum vier Jahre alt. Mehr als 150.\u2009000 indigene Kinder im Alter zwischen vier und 16 Jahren \u2013 Angeh\u00f6rige der First Nations, der Inuit und der M\u00e9tis \u2013 wurden von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Schlie\u00dfung der letzten Heimschule im Jahre 1997 in diesen Einrichtungen &#8218;umerzogen&#8216;. Sie wurden gezielt von ihren kulturellen und sprachlichen Wurzeln abgeschnitten und der &#8218;christlichen Zivilisation&#8216; zugef\u00fchrt. Unterrichtet wurde auf Englisch und Franz\u00f6sisch, der Gebrauch der jeweiligen Muttersprache war verboten. (\u2026) Von den 70.000 Indigenen, die zum Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung des Kommissionsberichts noch am Leben waren, sollen gut 30.000 sexuell missbraucht worden sein. Bisher ist der Tod von mindestens 3.200 Kindern nachgewiesen. Fachleute gehen von mindestens 6.000 Todesf\u00e4llen aus. Die oft unterern\u00e4hrten Kinder starben an Tuberkulose oder bei Grippewellen und Masernausbr\u00fcchen. In den Residential Schools im Westen des Landes starb durchschnittlich jeder vierte Sch\u00fcler.\u201c [17] Die in katholischen Einrichtungen begangenen Verbrechen waren so monstr\u00f6s, dass sogar Papst Franziskus bei seinem Besuch in Kanada 2022 sich bem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlte, daf\u00fcr im Namen der Kirche um Entschuldigung zu bitten.<\/p>\n<p>Auch in Australien wurde die \u201eVernichtung der Ureinwohner\u201c, die unter britischer Herrschaft \u201el\u00e4ngst begonnen hatte (\u2026) durch die Selbstregierung beschleunigt.\u201c [18] \u00d6ffentlich kaum bekannt sind die systematische Vertreibung, Entrechtung und die T\u00f6tung von Indigenen, den Aborigines: \u201eIn diesem Sinne haben wir es, wie ein englischer Liberaler mit einer entschieden abweichenden Position zu Anfang des 20. Jahrhunderts feststellt, n\u00e4mlich John A. Hobson, mit einer Art von &#8218;privatem Massaker&#8216; zu tun, das von den Siedlern, die die Selbstregierung oder zumindest eine substantielle Handlungsfreiheit an sich gerissen haben, zu Ende gef\u00fchrt wird.\u201c [19]<\/p>\n<p>Und noch immer werden die australischen Ureinwohner diskriminiert. In einem Zeitungsbericht hei\u00dft es: \u201eIn Australien sind die 880.\u200a000 Indigenen bis heute sozial und wirtschaftlich schlechter gestellt als die restliche Bev\u00f6lkerung. Der Anteil der Aborigines, die in den Gef\u00e4ngnissen des Landes sitzen, ist im Vergleich zu ihrem Anteil in der Bev\u00f6lkerung extrem hoch. Viele indigene Kinder wachsen immer noch au\u00dferhalb ihrer Familien auf.\u201c [20] Ein Referendum f\u00fcr eine Verfassungs\u00e4nderung, nach dem die australischen Ureinwohner mehr politische Mitspracherechte bekommen sollten, scheiterte 2023, da die f\u00fcr eine \u00c4nderung der Verfassung notwendige Mehrheit nicht zustande kam. Vorgesehen war, eine &#8218;indigene Stimme&#8216;, also ein mit Vertretern der Ureinwohner besetztes Gremium, am australischen Parlament einzurichten. Es sollte die Abgeordneten in Fragen beraten, von denen insbesondere die Ureinwohner betroffen sind. Die Mehrheit der wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung wollte aber nicht einmal ein solches, weitgehend machtloses Beratungsgremium erlauben.<\/p>\n<p>Was die Situation in Neuseeland im 19. Jahrhundert angeht, so zitiert Losurdo die \u201eTimes\u201c, die 1864 \u00fcber das Land schrieb, dass es \u201eseit einigen Jahren \u00fcber eine &#8218;verantwortliche Regierung&#8216; und das hei\u00dft letztlich eine Selbstregierung der wei\u00dfen Gemeinschaft verf\u00fcgt: &#8218;Wir haben die imperiale Kontrolle \u00fcber diesen Teil des Empire v\u00f6llig verloren und sind \u2013 dem\u00fctig, aber n\u00fctzlich \u2013 gezwungen, f\u00fcr die Kolonialversammlung M\u00e4nner und Geld aufzutreiben zur Vernichtung [<em>extermination&nbsp;<\/em>] der Eingeborenen, mit denen wir keinen Streit haben.&#8217;\u201c [21] Heute gilt Neuseeland als demokratisches Musterland und wirbt um Touristen mit der Exotik seiner indigenen Bev\u00f6lkerung, den Maoris, die etwa 14,6 Prozent der Einwohnerschaft ausmacht. Die Maoris werden aber seit der Eroberung des Landes durch Gro\u00dfbritannien Mitte des 19. Jahrhunderts und anschlie\u00dfender Kolonisierung von wei\u00dfen Regierungen regelm\u00e4\u00dfig diskriminiert und sozial ausgegrenzt. Die Arbeitslosenquote liegt unter ihnen doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt, ihre Kinder verlassen die Schule doppelt so h\u00e4ufig ohne Abschluss wie andere Jugendliche und ihre Lebenserwartung liegt um durchschnittlich acht bis neun Jahre unter der aller Neuseel\u00e4nder. Der 1840 zwischen den wei\u00dfen Siedlern und den Maoris geschlossene Vertrag von Waitangi, der den Indigenen gewisse Rechte garantierte und deshalb als die eigentliche Gr\u00fcndungsurkunde Neuseelands gilt, wird von wei\u00dfen konservativen Regierungen seitdem immer wieder in Frage gestellt. Die 2023 ins Amt gekommene rechte Regierung unter Premierminister Chrisopher Luxon hat jetzt angek\u00fcndigt, \u201eden Vertrag von Waitangi neu aufzusetzen.\u201c [22]&nbsp; &nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Aus Entt\u00e4uschung \u00fcber die andauernde Diskriminierung bildete sich die linke M\u0101ori Party, Te P\u0101ti M\u0101ori, die seit 2005 mit einer kurzen Unterbrechung im Parlament in Auckland vertreten ist und die die Verbesserung der politischen, sozialen und kulturellen Situation der Indigenen zum Ziel hat.<\/p>\n<p>Die beschriebenen Diskriminierungen lassen die auf den ersten Blick oft tadellos erscheinenden Menschenrechtsbilanzen solch liberaler Staaten wie Australien, Kanada und Neuseeland in einem anderen Licht erscheinen, handelt es sich doch bei ihnen von ihrer Entstehung her um klassische Herrenvolkdemokratien, die dieses Erbe bis heute nicht \u00fcberwunden haben.<\/p>\n<h1>Das Scheitern von Herrenvolkdemokratien in Afrika<\/h1>\n<p>Die Versuche, wei\u00dfe Kolonien auf afrikanischem Boden zu errichten schlugen hingegen fehl. In S\u00fcdafrika f\u00fchrt \u201edie Selbstregierung der wei\u00dfen Siedler (\u2026) zum Entstehen eines Rassenstaats, der die Schwarzen in eine halb-knechtische Lage bringt, segregiert und ein halbes Jahrhundert bestehen bleibt. Bezeichnenderweise orientiert sich dieses Regime am Vorbild der S\u00fcdstaaten der USA\u201c [23] Am Ende scheitert das dortige Apartheitsregime am z\u00e4hen und aufopferungsvollen Widerstand der farbigen Bev\u00f6lkerungsmehrheit. Ab den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts erstarkte weltweit der Antirassismus und f\u00fchrte zur internationalen Isolierung des s\u00fcdafrikanischen Rassenstaates. Die Sowjetunion und die anderen sozialistischen L\u00e4nder spielten hierbei eine f\u00fchrende Rolle. Sie gew\u00e4hrten den Freiheitsk\u00e4mpfern gro\u00dfz\u00fcgige humanit\u00e4re und auch milit\u00e4rische Hilfe.<\/p>\n<p>Keine Zukunft war auch dem wei\u00dfen Siedlerstaat Rhodesien beschieden. Die 1965 begr\u00fcndete Alleinherrschaft britischer Kolonisten endete bereits 1980 mit der Ausrufung der unabh\u00e4ngigen Republik Zimbabwe. Das Siedlerregime war in einem Guerillakrieg besiegt worden, der von den sozialistischen L\u00e4ndern einschlie\u00dflich China unterst\u00fctzt worden war.<\/p>\n<p>Auch Frankreich scheiterte mit dem Versuch, in Algerien dauerhaft eine wei\u00dfe Kolonie zu errichten. Bereits 1830 nahmen franz\u00f6sische Truppen Algier ein. 1848 wurde der n\u00f6rdliche Teil Algeriens integraler Bestandteil des franz\u00f6sischen Mutterlands und zur Siedlungskolonie erkl\u00e4rt. Drei D\u00e9partements, Algier, Constantine und Oran, wurden errichtet. Mitte des 20. Jahrhunderts lebte eine Million franz\u00f6sischer Kolonisten auf algerischem Boden. 1954 begann der bewaffnete Kampf zur Befreiung des Landes. Nach acht Jahren Krieg musste sich 1962 Frankreich der algerischen Nationalen Befreiungsfront (Front de Lib\u00e9ration Nationale, FLN) geschlagen geben und dem Land die Unabh\u00e4ngigkeit gew\u00e4hren<em>.<\/em>&nbsp;Allein die Zahl der in Algerien get\u00f6teten Muslime wurde von Paris mit 350.000, nach algerischen Quellen hingegen mit bis zu 1,5 Millionen angegeben. [24] Der Sieg der algerischen Freiheitsk\u00e4mpfer war zugleich ein Fanal f\u00fcr den Aufbruch der gesamten Dritten Welt, da damit erneut der Beweis erbracht worden war, dass auch ein milit\u00e4rischer Sieg \u00fcber eine Kolonialmacht m\u00f6glich ist. Er reihte sich ein in den Erfolg der vietnamesischen Befreiungsfront in \u0110i\u1ec7n Bi\u00ean Ph\u1ee7 1954, errungen ebenfalls \u00fcber die franz\u00f6sische Kolonialmacht, und der kubanischen Revolution\u00e4re 1961 bei ihrer erfolgreichen Abwehrschlacht in der Schweinebucht gegen die von den USA unterst\u00fctzten Invasoren. Dieser Sieg war zugleich die erste Niederlage des US-amerikanischen Imperialismus in Lateinamerika.<\/p>\n<h1>Die Herrenvolkdemokratie Israel<\/h1>\n<p>In den klassischen Herrenvolkdemokratien, in den USA, Kanada, Australien und Neuseeland haben die K\u00e4mpfe um Gleichstellung und gegen Diskriminierung der indigenen Einwohner sowie der als Arbeitskr\u00e4fte in die USA Geholten, zun\u00e4chst aus Afrika, sp\u00e4ter aus asiatischen L\u00e4ndern, einigen Erfolg gehabt und damit die Schicht der am gesellschaftlichen und politischen Leben gleichberechtigt Teilnehmenden verbreitert. Und doch ist diese Form der aristokratischen wei\u00dfen Herrschaft weltweit noch lange nicht verschwunden. Wir finden sie heute vor allem in Israel.<\/p>\n<p>In seinem 2007 unter dem Titel \u201eIl linguaggio dell&#8216; Impero. Lessico dell&#8216; ideologia americana\u201c erschienenen Buch, auf Deutsch \u201eDie Sprache des Imperiums &#8211; Ein historisch-philosophischer Leitfaden\u201c, setzt sich Domenico Losurdo mit dem 2001 vom Westen unter F\u00fchrung der USA ausgerufenen Kreuzzug gegen den Terrorismus auseinander. Dabei behandelt er auch den Zionismus als eine westliche kolonialistische Ideologie.&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Nach ihm kennzeichnet \u201eeine unmissverst\u00e4ndliche Losung\u201c den \u201eZionismus: &#8218;Gebt das Land ohne Volk einem Volk ohne Land!&#8216;. Wir haben es mit der klassischen Ideologie der kolonialen Tradition zu tun, die die eroberten oder begehrten Territorien immer als&nbsp;<em>res nullius<\/em>, als Niemandsland, betrachtet hat und immer geneigt war, die einheimischen Bev\u00f6lkerungen auf eine unbedeutende Gr\u00f6\u00dfe zu reduzieren; mit der Ideologie, die insbesondere den expansionistischen Vormarsch der nordamerikanischen Kolonisten begleitet hat.\u201c [25] \u201eBei seiner Propaganda f\u00fcr den Zionismus empfiehlt sich Herzl folgenderma\u00dfen den Kanzleien der westlichen Gro\u00dfm\u00e4chte: &#8218;Die meisten Juden sind keine Orientalen mehr&#8216;; &#8217;so m\u00f6chten wir als Culturtr\u00e4ger des Westens in diesen jetzt verseuchten, verwahrlosten Winkel des Orients Reinlichkeit, Ordnung und die gekl\u00e4rten Sitten des Abendlandes bringen&#8216;, in diesen &#8218;kranken&#8216; Winkel. Wenn sich die Juden in Pal\u00e4stina ansiedeln, k\u00f6nnen sie &#8218;den Krankheitswinkel des Orients assaniren&#8216;, &#8218;Cultur u. Ordnung&#8216; dorthin bringen und sogar &#8218;den Schutz der Christen im Orient&#8216; gew\u00e4hrleisten. Kurz und gut: das einzige Culturelement, womit Pal\u00e4stina besiedelt werden kann, sind die Juden&#8216;.\u201c [26]<\/p>\n<p>Der Zionismus hat sich nach Theodor Herzl daher von Beginn an als eine Form des westlichen Kolonialismus verstanden: \u201eDie Verherrlichung des Kolonialismus f\u00e4llt beim Patriarchen des Zionismus sofort auf: die &#8218;Staaten, die an ihre Zukunft denken&#8216; f\u00fchren eine &#8218;Kolonialpolitik&#8216;, ohne sie je aus den Augen zu verlieren. Und in diesen Kontext f\u00fcgt sich die erstrebte R\u00fcckkehr der Juden nach Pal\u00e4stina ein: &#8218;Die zionistische Idee, die eine koloniale ist&#8216;, k\u00f6nne leichter in jenen L\u00e4ndern verstanden werden, die sich mit Erfolg f\u00fcr die Eroberung \u00fcberseeischer Territorien eingesetzt haben. Sich an die Engl\u00e4nder wendend, erkl\u00e4rt Herzl, dass er besonders auf ihre Unterst\u00fctzung hoffe: &#8218;Die grossen Politiker Ihres Landes waren die ersten, welche die Notwendigkeit der kolonialen Ausbreitung erkannten. Darum weht die Fahne Gr\u00f6sser-Britanniens auf allen Meeren&#8216;. Auch Herzl will sich auf diesen Weg machen: &#8218;F\u00fcr Europa w\u00fcrden wir dort ein St\u00fcck des Walles gegen Asien bilden, wir w\u00fcrden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen&#8216;. Das hei\u00dft, die j\u00fcdische Kolonisation Pal\u00e4stinas werde die Weltherrschaft des Westens verst\u00e4rken, zumal sie den Weg nach Indien und nach China sicherer werden lasse. So wird sie sogar den &#8218;k\u00fcrzesten Weg&#8216;, &#8218;die Heerstrasse der Culturv\u00f6lker&#8216; nach Asien \u00f6ffnen; in diesem Sinne sei &#8218;der Judenstaat ein Weltbed\u00fcrfnis&#8216;.\u201c [27]<\/p>\n<p>Der Zionismus wird nach dem Ende des zweiten Weltkriegs zur herrschenden Ideologie unter den \u201eDavongekommenen\u201c, jener Juden, die aus den Konzentrationslagern der Nazis befreit wurden, aus dem Untergrund hervorkamen bzw. aus osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern zuwanderten. Sie sammelten sich, mittel- und heimatlos, zu Hundertausenden in den Camps der \u201eDeplaced People\u201c, vor allem in der britischen und der amerikanischen Zone des besetzten Deutschlands. Da sie aus nur zu gut verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden nicht in Deutschland bleiben wollten, zog es viele nach Pal\u00e4stina. Vielen, die aber lieber in die USA, Kanada, Australien und andere westliche L\u00e4nder gegangen w\u00e4ren, blieb gar keine andere Wahl, da sie von diesen Staaten zur\u00fcckgewiesen wurden, oft aufgrund antisemitischer Vorurteile. Die Besiedlung Pal\u00e4stinas durch wei\u00dfe Juden geschieht daher keineswegs immer freiwillig. Das Land erschien vielmehr als sichere Zufluchtsst\u00e4tte aller Juden der Welt, denen es Schutz vor k\u00fcnftigen Verfolgungen versprach.<\/p>\n<p>Mit der Gr\u00fcndung des Staates Israel am 14. Mai 1948 und der direkt daraufhin einsetzenden Austreibung von sch\u00e4tzungsweise 850.000 Pal\u00e4stinensern, der Nakba (auf Deutsch \u201eUngl\u00fcck\u201c bzw. \u201eVertreibung\u201c), begann nach Losurdo der bis heute andauernde Leidensweg des pal\u00e4stinensischen Volkes: \u201eAuf ihm lastet weiterhin der klassische Kolonialismus, mit seinen st\u00e4ndigen Enteignungen und mit fortschreitender \u00f6konomischer Abw\u00fcrgung, die in der Welt von heute keinen Vergleich mehr findet. All das wird durch eine milit\u00e4rische Okkupation m\u00f6glich, die seit Jahrzehnten andauert. Diese Langzeitperspektive in einer Epoche, die doch unerm\u00fcdlich dem Grundsatz der Selbstregierung und der Selbstbestimmung huldigt, ist ein weiteres besonderes Element, das in der Geschichte nur wenige Parallelen und Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle kennt. Schlie\u00dflich ereignen sich die &#8218;Folter&#8216; und die &#8218;allt\u00e4gliche H\u00f6lle&#8216;, die auf dem pal\u00e4stinensischen Volk lasten, nicht im Verlauf eines furchtbaren Weltkriegs, sondern in einer Periode relativ friedlicher Entwicklung, die auf das Ende nicht nur der beiden Weltkriege, sondern auch des Kalten Kriegs gefolgt ist.\u201c [28] Die Journalsitin und Autorin Charlotte Wiedemann hat auf folgendes aufmerksam gemacht: \u201eIm Mai 1948 begann die Apartheid in S\u00fcdafrika, im Mai 1948 wurde der Staat Israel gegr\u00fcndet. Das ist einerseits Zufall, andererseits geh\u00f6ren beide Ereignisse genuin in die Sp\u00e4tzeit der kolonialen Weltepoche, und es besteht \u2013 ohne auf die Westbank zu blicken \u2013 ein Zusammenhang zwischen Apartheid und Zionismus.\u201c [29] &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eAuf die Kategorie &#8218;Demokratie f\u00fcr das Herrenvolk&#8217;\u201c f\u00fcr den Charakter Israels, \u201erekurriert mit Recht ein Soziologieprofessor der hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t von Jerusalem (gemeint ist hier Baruch Kimmerling, A.W.), um die Trag\u00f6die des pal\u00e4stinensischen Volkes zu erkl\u00e4ren: Israel sei inzwischen &#8218;eine&nbsp;<em>Herrenvolk democracy<\/em>, ein Regime, in dem die Staatsb\u00fcrger volle Rechte genie\u00dfen und die Nicht-Staatsb\u00fcrger \u00fcberhaupt keine haben&#8216;, ein Land, das sich durch das &#8218;doppelte Rechtssystem&#8216; und durch den &#8218;Staatsterrorismus&#8216; gegen die Ausgeschlossenen auszeichne.\u201c [30]<\/p>\n<p>Die \u00dcberwindung der noch einzig existierenden klassischen Herrenvolkdemokratie in Form des Staates Israel ist heute eine der hervorragendsten Aufgaben der antikolonialistischen bzw. antiimperialistischen Kr\u00e4fte in der Welt. Nur mit ihrer Hilfe k\u00f6nnen sich die dem israelischen Apartheid Regime unterworfenen Pal\u00e4stinenser aus ihrer Knechtschaft befreien. Es ist bezeichnend, dass es S\u00fcdafrika war, dessen V\u00f6lker bis in die j\u00fcngste Vergangenheit gleichfalls unter der Gei\u00dfel der Apartheid leiden mussten, beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag 2023 Klage eingereicht hat, Israel wegen V\u00f6lkermords an den Pal\u00e4stinensern in Gaza zu verurteilen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Losurdo zieht die folgende Bilanz des Verh\u00e4ltnisses zwischen Liberalismus und Kolonialismus: \u201eDie Verdr\u00e4ngung des den Kolonialv\u00f6lkern zugef\u00fcgten Schicksals pr\u00e4gt den gesamten liberalen Diskurs. Das Eigenlob des Landes der Freien oder des Volks der Freien klingt schlie\u00dflich desto \u00fcberzeugender, je mehr \u00fcber die Versklavung der Kolonialv\u00f6lker hinweggegangen wird.\u201c [31] Und er zitiert in diesem Zusammenhang Karl Marx: \u201eDie tiefe Heuchelei der b\u00fcrgerlichen Zivilisation und die von ihr nicht zu trennende Barbarei liegen unverschleiert vor unseren Augen, sobald wir den Blick von ihrer Heimat, in der sie unter respektablen Formen auftreten, nach den Kolonien wenden, wo sie sich in ihrer ganzen Nacktheit zeigen.\u201c Marx f\u00fcgte hinzu: \u201eSo sehen die M\u00e4nner &#8218;des Eigentums, der Ordnung, der Familie und der Religion&#8216; aus!\u201c [32] Losurdo warnt jene die sich heute links nennen davor diese Erkenntnis zu vergessen: \u201eEine Linke, die diesen Namen verdienst, w\u00fcrde gut daran tun, sich nicht die &#8218;harmonische&#8216; Vision der liberalen oder neoliberalen Denktradition zu eigen zu machen.\u201c [33]<\/p>\n<hr>\n<p>[1] Um die Wahrheit zu finden, muss man diskutieren. Peter Weiss unterschrieb 1967 nicht f\u00fcr Israel, in Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 30.11.2023<\/p>\n<p>[2] Domenico Losurdo, Lenin, die Herrenvolk democracy und das Schwarzbuch des Kommunismus, in: Topos \u2013 Internationale Beitr\u00e4ge zur dialektischen Theorie, Heft 22, 2003, Napoli, S. 49<\/p>\n<p>[3] Domenico Losurdo, Lenin, die Herrenvolk democracy und das Schwarzbuch des Kommunismus, a.a.O. S. 50<\/p>\n<p>[4] Hannah Arendt, Die Freiheit, frei zu sein, 14. Auflage 2023, M\u00fcnchen, S. 32<\/p>\n<p>[5] Hannah Arendt, Die Freiheit, frei zu sein, a.a.O., S.24 f.<\/p>\n<p>[6] Domenico Losurdo, Freiheit als Privileg, a.a.O., S. 136<\/p>\n<p>[7] Domenico Losurdo, Freiheit als Privileg, a.a.O., S. 141<\/p>\n<p>[8] Domenico Losurdo, Die Deutschen. Sonderweg eines unverbesserlichen Volkes? Berlin 2010, S. 33<\/p>\n<p>[9] Domenico Losurdo, Der westliche Marxismus. Wie er entstand, verschied und auferstehen k\u00f6nnte, K\u00f6ln, 2021, S. 51<\/p>\n<p>[10] Domenico Losurdo, Gleichheit, Allgemeinheit, Differenz \u2013 F\u00fcr einen konkreten Universalismus, in: Brecht \u2013 Eisler \u2013 Marcuse 100. Fragen kritischer Theorie heute. Institut f\u00fcr kritische Theorie, Argument Sonderband neue Folge 266, Berlin\/Hamburg 1999<\/p>\n<p>[11] Losurdo, Gleichheit, Allgemeinheit, Differenz \u2013 F\u00fcr einen konkreten Universalismus, a.a.O., S.80<\/p>\n<p>[12] Losurdo, Gleichheit, Allgemeinheit, Differenz \u2013 F\u00fcr einen konkreten Universalismus, a.a.O., S. 81<\/p>\n<p>[13] Domenico Losurdo, Die Deutschen. Sonderweg eines unverbesserlichen Volkes? a.a.O., S. 36 f.<\/p>\n<p>[14] Domenico Losurdo, Der Klassenkampf. Oder die Wiederkehr des Verdr\u00e4ngten? 2016, K\u00f6ln, S. 188 f.<\/p>\n<p>[15] Lenin, Der Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus, in: Lenin-Werke, Band 22, S.261<\/p>\n<p>[16] Domenico Losurdo, Freiheit als Privileg, a.a.O., S. 283<\/p>\n<p>[17] Wahrheit, Gerechtigkeit und Heilung. Schritt der Vers\u00f6hnung: Der Papst entschuldigt sich bei Kanadas Indigenen, in: FAZ vom 20.04.2022<\/p>\n<p>[18] Domenico Losurdo, Freiheit als Privileg, a.a.O., S. 284<\/p>\n<p>[19] Ebenda<\/p>\n<p>[20] Der Tag der Invasion. Australien blickt anders als fr\u00fcher auf seinen Nationalfeiertag, in: FAZ vom 27.01.2023<\/p>\n<p>[21] Domenico Losurdo, Freiheit als Privileg, a.a.O., S. 283 f.<\/p>\n<p>[22]<\/p>\n<p>[23] Rechtsruck in Neuseeland, in: Le Monde diplomatique, Januar 2024, S. 18<\/p>\n<p>[24] Vgl. Angaben auf Wikipedia, Stichwort Algerien, abgefragt am 23.01.2024,&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>[25] Domenico Losurdo, Die Sprache des Imperiums. Ein historisch-philosophischer Leitfaden, K\u00f6ln 2011, S. 193<\/p>\n<p>[26] Domenico Losurdo, Die Sprache des Imperiums, a.a.O., S. 194<\/p>\n<p>[27] Domenico Losurdo, Die Sprache des Imperiums, a.a.O., S. 194 f.<\/p>\n<p>[28] Domenico Losurdo, Die Sprache des Imperiums, a.a.O., S. 194 f.<\/p>\n<p>[29] Charlotte Wiedemann, J\u00fcdisch in S\u00fcdafrika, in: Le Monde diplomatique, Januar 2024, S. 6<\/p>\n<p>[30] Domenico Losurdo, Die Sprache des Imperiums, a.a.O., S. 278<\/p>\n<p>[31] Domenico Losurdo, Freiheit als Privileg, a.a.O., S. 220<\/p>\n<p>[32] Karl Marx, Die k\u00fcnftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien, MEW 9, Berlin 1975, S. 225<\/p>\n<p>[33] Domenico Losurdo, Imperialismus und historische Bilanz des Sozialismus, in: Topos \u2013 Internationale Beitr\u00e4ge zur dialektischen Theorie, Heft 16, 2000, Napoli, S. 75<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"back col-12 serif\"><a title=\"Zur\u00fcck\">Zur\u00fcck<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"mod_newslist col-12 relatedlist block\">\n<p><span class=\"related\">Verwandte Beitr\u00e4ge:<\/span><\/p>\n<div class=\"layout_simple arc_7 block first even\"><time datetime=\"2023-12-23T16:43:51+01:00\">23.12.2023<\/time>&nbsp;<a title=\"Den Artikel lesen: Der Kommunismus der Zukunft\" href=\"https:\/\/www.andreas-wehr.eu\/der-kommunismus-der-zukunft.html\">Der Kommunismus der Zukunft<\/a><\/div>\n<div class=\"layout_simple arc_7 block odd\"><time datetime=\"2023-10-17T11:29:14+02:00\">17.10.2023<\/time>&nbsp;<a title=\"Den Artikel lesen: Domenico Losurdo: \u201eDie zionistische Idee\u201c als \u201ekoloniale\u201c Idee: Herzl und Rhodes\" href=\"https:\/\/www.andreas-wehr.eu\/domenico-losurdo-die-zionistische-idee-als-koloniale-idee-herzl-und-rhodes.html\">Domenico Losurdo: \u201eDie zionistische Idee\u201c als \u201ekoloniale\u201c Idee: Herzl und Rhodes<\/a><\/div>\n<div class=\"layout_simple arc_7 block last even\"><time datetime=\"2023-07-21T15:35:20+02:00\">21.07.2023<\/time>&nbsp;<a title=\"Den Artikel lesen: Das Erbe des Kolonialismus und der Holocaust\" href=\"https:\/\/www.andreas-wehr.eu\/das-erbe-des-kolonialismus-und-der-holocaust.html\">Das Erbe des Kolonialismus und der Holocaust<\/a><\/div>\n<div>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.andreas-wehr.eu\/israel-und-das-phaenomen-der-herrenvolkdemokratie.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.andreas-wehr.eu\/israel-und-das-phaenomen-der-herrenvolkdemokratie.html<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Andreas Wehr&nbsp; 09.02.2024 Bereits 1967, nach dem Sieg Israels im Sechstagekrieg, sprach der Schriftsteller, Grafiker und Filmemacher Peter Weiss, Autor des dreib\u00e4ndigen Werks \u201eDie \u00c4sthetik des Widerstands\u201c, von den Israelis als Herrenvolk. 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