{"id":12658,"date":"2024-06-04T04:32:35","date_gmt":"2024-06-04T04:32:35","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=12658"},"modified":"2024-06-04T04:32:35","modified_gmt":"2024-06-04T04:32:35","slug":"warum-die-zahl-der-toten-in-gaza-wahrscheinlich-hoeher-ist-als-berichtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=12658","title":{"rendered":"Warum die Zahl der Toten in Gaza wahrscheinlich h\u00f6her ist als berichtet"},"content":{"rendered":"<p><em>Das Ausma\u00df des T\u00f6tens sowie das Auftreten von Krankheiten und Todesf\u00e4llen aufgrund des Mangels an grundlegenden sanit\u00e4ren Bedingungen, Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung erfordern eine dringende \u00f6ffentliche Debatte in Israel<br \/>\n<\/em>Von Liat Kozma und Wiessam Abu Ahmad\/ Haaretz, 28. Mai 2024<br \/>\n(Originaltext in englischer Sprache: <a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/2024-05-28\/ty-article\/.premium\/rising-fatality-numbers-in-gaza-are-in-all-probability-higher-than-reported\/0000018f-bab5-de04-a58f-bab5ea1d0000\">https:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/2024-05-28\/ty-article\/.premium\/rising-fatality-numbers-in-gaza-are-in-all-probability-higher-than-reported\/0000018f-bab5-de04-a58f-bab5ea1d0000<\/a>; Achtung Paywall)<\/p>\n<p>Die Zahl der Todesopfer im Gaza-Streifen in den letzten sieben Monaten ist erschreckend. Nach Angaben des UN-B\u00fcros f\u00fcr die Koordinierung humanit\u00e4rer Angelegenheiten wurden mehr als 34.000 Menschen get\u00f6tet und \u00fcber 77.000 verwundet, weitere 11.000 sind unter den Tr\u00fcmmern ihrer H\u00e4user eingeschlossen und gelten als vermisst.<!--more--><\/p>\n<p>Aber das ist nur ein Teil des Gesamtbildes. Wir glauben, dass die Morbidit\u00e4ts- und Todesfallzahlen in Gaza tats\u00e4chlich h\u00f6her sind. Unsere Schlussfolgerung st\u00fctzt sich auf Vergleiche mit den Problemen der \u00f6ffentlichen Gesundheit in den Fl\u00fcchtlingslagern unmittelbar nach dem Krieg von 1948 und auf unsere Kenntnisse epidemiologischer Daten im Allgemeinen. Wir sind der Meinung, dass das Ausma\u00df des T\u00f6tens sowie die H\u00e4ufigkeit von Krankheiten und Todesf\u00e4llen aufgrund mangelnder sanit\u00e4rer Bedingungen, Nahrungsmittel und medizinischer Versorgung eine dringende \u00f6ffentliche Debatte in Israel erfordern sollten.<strong> &nbsp; <\/strong><\/p>\n<p><strong>Hilfsorganisationen sch\u00e4tzen, dass alle durch Wasser \u00fcbertragenen Krankheiten im Gazastreifen bereits weit verbreitet sind.<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Lekt\u00fcre historischer Dokumente ergeben sich einige wichtige Parallelen, aber auch Unterschiede, die sich meist zum Nachteil der heutigen Situation auswirken. Damals wie heute mussten Hunderttausende von Menschen ihre H\u00e4user verlassen, ohne die M\u00f6glichkeit, zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Im Jahr 1948 wurden etwa 700.000 Fl\u00fcchtlinge auf das Westjordanland, den Gazastreifen und die arabischen L\u00e4nder verteilt. Im Westjordanland nahmen 400.000 Einwohner 300.000 Fl\u00fcchtlinge auf, w\u00e4hrend die 80.000 Einwohner des Gazastreifens dreimal so viele Fl\u00fcchtlinge aufnahmen. Im gegenw\u00e4rtigen Krieg haben die Belagerung des Gazastreifens und die Schlie\u00dfung der Grenze zu \u00c4gypten \u00fcber den Winter rund 1,5 Millionen Menschen nach Rafah gezwungen, ein Gebiet, das normalerweise nur ein Zehntel dieser Bev\u00f6lkerungszahl hat. Die Menschen wurden so dicht zusammengedr\u00e4ngt, dass die Auswirkungen lebensbedrohlich sind.<\/p>\n<p>In den Jahren 1948 und 1949 bem\u00fchten sich die internationalen humanit\u00e4ren Organisationen, das zu verhindern, was als Gefahr f\u00fcr das Leben aller Menschen in der Region angesehen wurde, nicht nur f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge. Eine Art der Intervention war die Verhinderung einer Hungersnot durch die Bereitstellung von Mehl, \u00d6l, Zucker und Trockenobst sowie Milch f\u00fcr Kinder (finanziert von UNICEF). Diese protein- und vitaminarmen Produkte galten als ausreichend f\u00fcr den kurzen Zeitraum, bis die Konfliktparteien zu einer Einigung gelangten, was bekanntlich dann nicht der Fall war.<\/p>\n<p>Doch wie das Internationale Rote Kreuz feststellte, wurden die Lebensmittellieferungen in den Gazastreifen bereits am 7. Oktober drastisch und ohne Pr\u00e4zedenzfall im Vergleich zu fr\u00fcheren Kampfhandlungen gek\u00fcrzt. Zus\u00e4tzlich sorgte die Zerst\u00f6rung der wenigen landwirtschaftlichen Nutzfl\u00e4chen daf\u00fcr, dass die Menschen im Gazastreifen keine lokalen Alternativen hatten bzw. haben.<\/p>\n<p>Was zu Beginn des Krieges zu steigenden Lebensmittelpreisen und Armut f\u00fchrte, hat sich in den folgenden Monaten zu einer regelrechten Hungersnot entwickelt, zun\u00e4chst im n\u00f6rdlichen Gazastreifen und inzwischen f\u00fcr \u00fcber 2 Millionen Menschen. Es gibt Berichte von Familien, die sich von Viehfutter, Insekten und normalerweise ungenie\u00dfbaren Pflanzen ern\u00e4hren &#8211; schlechte Nahrung, die f\u00fcr den menschlichen Verzehr ungeeignet ist. Es kommen nicht gen\u00fcgend Hilfslieferungen an, sodass der Bedarf an Lebensmitteln und Grunderzeugnissen bei weitem nicht gedeckt werden kann. Der Abwurf von Hilfsg\u00fctern aus der Luft ist ineffizient, manchmal sogar t\u00f6dlich, und ein Teil der Hilfsg\u00fcter landet im Meer.<\/p>\n<p>Da es kein Aufsichtssystem gibt und die polizeilichen Beh\u00f6rden in Gaza zerst\u00f6rt sind, beschlagnahmen Banden die Hilfspakete und verkaufen sie zu einem hohen Preis an die Bed\u00fcrftigen. So erreichen die Lebensmittel noch immer nicht die hungernde Bev\u00f6lkerung und die Zahl der Hungertoten steigt.<\/p>\n<p>Nach Angaben des UN-B\u00fcros f\u00fcr die Koordinierung humanit\u00e4rer Angelegenheiten leiden rund 31 Prozent der Kinder unter 2 Jahren im n\u00f6rdlichen Gazastreifen und rund 10 Prozent in Rafah an schwerer Unterern\u00e4hrung. Die Zahl der Hungertoten ist noch nicht bekannt, aber es ist klar, dass viele Menschen irreversible Sch\u00e4den erleiden. Menschen, die sich monatelang von Unkraut und Viehfutter ern\u00e4hren, werden nicht lange \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Die zweite Intervention im Jahr 1948 war die Erkenntnis, dass ohne sauberes Wasser und angemessene sanit\u00e4re Bedingungen durch Wasser und Insekten \u00fcbertragene Epidemien f\u00fcr alle Menschen in der Region t\u00f6dlich sein w\u00fcrden. Aus diesem Grund bem\u00fchten sich die Organisationen um die Bereitstellung von Trinkwasser und Impfstoffen, verh\u00e4ngten Quarant\u00e4nen bei Krankheitsausbr\u00fcchen und verspr\u00fchten h\u00e4ufig Pestizide. Letzteres erwies sich auf lange Sicht als giftig, bewahrte aber kurzfristig die Fl\u00fcchtlingslager vor t\u00f6dlichen Epidemien.<\/p>\n<p>Heute jedoch ist sauberes Wasser f\u00fcr die meisten BewohnerInnen des Gazastreifens praktisch nicht mehr verf\u00fcgbar. Hilfsorganisationen sch\u00e4tzen, dass alle durch Wasser \u00fcbertragenen Krankheiten in Gaza bereits weit verbreitet sind. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation k\u00f6nnte die Zahl der Menschen, die an vermeidbaren Krankheiten erkranken, bald die Zahl derer \u00fcbersteigen, die den milit\u00e4rischen Angriffen zum Opfer fallen. Der Mangel an sauberem Wasser und medizinischer Versorgung kann zum Ausbruch von t\u00f6dlichen, durch Wasser \u00fcbertragenen Krankheiten, sogar Cholera, f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die WHO-Sprecherin Margaret Harris erkl\u00e4rte gegen\u00fcber The Guardian, dass bereits Anfang November die Durchfallrate bei Kindern in den Lagern im Gazastreifen mehr als das Hundertfache des normalen Wertes betrug. Ohne verf\u00fcgbare Behandlung kann dies zu Dehydrierung und sogar zum Tod f\u00fchren; schwerer Durchfall ist weltweit die zweith\u00e4ufigste Todesursache bei Kindern unter 5 Jahren. Auch Infektionen der oberen Atemwege, Windpocken und schmerzhafte Hautkrankheiten sind auf dem Vormarsch.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sind Gebiete mit einer gro\u00dfen Anzahl von Leichen und verstreuten K\u00f6rperteilen ein ideales Umfeld f\u00fcr Bakterien und den Ausbruch von Krankheiten \u00fcber Luft, Wasser, Lebensmittel und Tiere. Bei einer hohen Bev\u00f6lkerungsdichte ist es praktisch unm\u00f6glich, Quarant\u00e4ne zu verh\u00e4ngen oder Pestizide zu verspr\u00fchen, und ohne eine angemessene sanit\u00e4re Infrastruktur ist es auch unm\u00f6glich, durch Wasser \u00fcbertragene Krankheiten zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Eine dritte Ma\u00dfnahme im Jahr 1948 war die Einrichtung von Kliniken und Krankenh\u00e4usern. Die Hilfsorganisationen erweiterten bestehende Krankenh\u00e4user, errichteten neue und er\u00f6ffneten Kliniken in Lagern und Fl\u00fcchtlingszentren. Nichts von alledem findet heute statt. Der Beschuss und die lange Belagerung haben das Gesundheitssystem des Gazastreifens v\u00f6llig zerst\u00f6rt. In den Krankenh\u00e4usern, die noch teilweise funktionsf\u00e4hig sind, herrscht ein gro\u00dfer Mangel an medizinischer Ausr\u00fcstung und Medikamenten.<\/p>\n<p>Bereits vor einem halben Jahr wurde \u00fcber Kaiserschnitte und Amputationen ohne Bet\u00e4ubung berichtet. Das Gesundheitssystem ist nicht nur unf\u00e4hig, Routinebehandlungen und Pr\u00e4ventivma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren, sondern auch Notf\u00e4lle zu behandeln. Das anhaltende Fehlen dieser drei Behandlungsarten &#8211; Routine-, Pr\u00e4ventiv- und Notfallbehandlung &#8211; kann zu einem exponentiellen Anstieg der Sterberaten, Krankheiten und sogar Epidemien f\u00fchren. Chronische Krankheiten &#8211; wie Herz- und Nierenerkrankungen, Krebs und Diabetes &#8211; werden nicht behandelt, und es ist sehr zu bezweifeln, ob chronische Patienten den Krieg \u00fcberleben k\u00f6nnen bzw. \u00fcberlebt haben; nur wenige Gl\u00fcckliche haben es aus dem Gazastreifen geschafft, um in \u00c4gypten medizinisch versorgt zu werden.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund kostet das Schweigen der israelischen Bev\u00f6lkerung Menschenleben. Selbst diejenigen, die vor einer \u201ezweiten Nakba\u201c warnen, m\u00fcssen anerkennen, dass die Sch\u00e4den des gegenw\u00e4rtigen Krieges die der ersten Nakba bereits weit \u00fcbertroffen haben. Und jeder Tag, der vergeht &#8211; mit dem Mangel an Nahrungsmitteln, angemessenen sanit\u00e4ren Bedingungen und medizinischer Versorgung &#8211; erh\u00f6ht die Opferzahlen weiter. Jede Debatte \u00fcber den Krieg muss seine weitreichenden, langfristigen Folgen f\u00fcr alle, die in diesem Land leben, mit einbeziehen.<\/p>\n<p><em>&nbsp; <\/em><em>Liat Kozma ist Historikerin und Wiessam Abu Ahmad ist Biostatistiker an der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t von Jerusalem.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ausma\u00df des T\u00f6tens sowie das Auftreten von Krankheiten und Todesf\u00e4llen aufgrund des Mangels an grundlegenden sanit\u00e4ren Bedingungen, Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung erfordern eine dringende \u00f6ffentliche Debatte in Israel Von Liat Kozma und Wiessam Abu Ahmad\/ Haaretz, 28. 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