{"id":12809,"date":"2024-07-28T07:28:03","date_gmt":"2024-07-28T07:28:03","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=12809"},"modified":"2024-07-28T07:28:03","modified_gmt":"2024-07-28T07:28:03","slug":"zum-besonders-schuetzenswerten-weltkulturerbe-erklaert-das-st-hilarion-kloster-in-gaza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=12809","title":{"rendered":"Zum besonders sch\u00fctzenswerten Weltkulturerbe erkl\u00e4rt: das St. Hilarion Kloster in Gaza"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 584px;\" class=\"wp-video\"><video class=\"wp-video-shortcode\" id=\"video-12809-1\" width=\"584\" height=\"329\" preload=\"metadata\" controls=\"controls\"><source type=\"video\/mp4\" src=\"https:\/\/bremerfriedensforum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/hilarion-kloster.mp4?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/bremerfriedensforum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/hilarion-kloster.mp4\">https:\/\/bremerfriedensforum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/hilarion-kloster.mp4<\/a><\/video><\/div>\n<p>Am 26. Juli kam es in die Abendnachrichten und am n\u00e4chsten Morgen in allen Medien: das Weltkulturerbekomittee der UNESCO (Organisation f\u00fcr Bildung, Wissenschaft und Kommunikation) hat auf seiner Sitzung in Neu Delhi beschlossen, das St. Hilarion Kloster in Gaza unter besonderen Schutz zu stellen. <!--more-->Das ber\u00fchmte Kloster wird nicht nur in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen, sondern auch in die Liste des gef\u00e4hrdeten Welterbes. Die 195 Vertragsstaaten des Weltkulturerbekomittees verpflichten sich, &#8222;vors\u00e4tzliche Ma\u00dfnahmen zu vermeiden, die dieser nunmehr in die Liste des Weltkulturerbes eingetragenen St\u00e4tte direkt oder indirekt Schaden zuf\u00fcgen k\u00f6nnten, und zu ihrem Schutz beizutragen. Die Aufnahme in die Liste des gef\u00e4hrdeten Welterbes \u00f6ffnet automatisch die T\u00fcr f\u00fcr verst\u00e4rkte internationale Mechanismen technischer und finanzieller Hilfe, um den Schutz des Gutes zu gew\u00e4hrleisten und, falls n\u00f6tig, seine Sanierung zu erleichtern.&#8220; So die <a href=\"https:\/\/www.un.org\/unispal\/document\/unesco-26jul24\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mitteilung auf der Webseite der UNO<\/a>.<\/p>\n<p>Das Kloster des Heiligen Hilarion in Tell Umm Amer aus dem 4. Jahrhundert n.Chr. ist eine der \u00e4ltesten christlichen St\u00e4tten im Nahen Osten, wurde von dem Heiligen Hilarion gegr\u00fcndet und war die Heimat der ersten Klostergemeinschaft im Heiligen Land. Es liegt an der Kreuzung der wichtigsten Handels- und Austauschrouten zwischen Asien und Afrika und war \u00fcber Jahrhunderte ein Zentrum f\u00fcr religi\u00f6sen, kulturellen und wirtschaftlichen Austausch.<\/p>\n<p>Die Frage ist nat\u00fcrlich, inwieweit Israel diesen Verpflichtungen nachzukommen gewillt ist. Israel ist zwar 2017 aus der UNESCO ausgetreten, ist aber noch immer Mitglied der Welterbekonvention. Damit ergibt sich die paradoxe Situation, dass ein Staat, der in seinem Vernichtungskrieg gegen die Pal\u00e4stinenser in Gaza unz\u00e4hlige St\u00e4tten des Kulturerbes schon zerst\u00f6rt hat, sich verpflichtet, das neu in die Liste aufgenommene Weltkulturerbe &#8222;St. Hilarion Kloster&#8220; besonders zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die bisher in diesem Gaza-Krieg stattgefundenen Zerst\u00f6rungen von Kulturg\u00fctern sind nur als barbarisch zu bezeichnen. Sie \u00fcbersteigen eigentlich jedes Vorstellungsverm\u00f6gen.<\/p>\n<ul>\n<li>Vgl. hierzu den sehr informativen \u00dcberblick mit vielen Abbildungen im britischen <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2024\/feb\/04\/everything-beautiful-has-been-destroyed-palestinians-mourn-a-city-in-tatters?fbclid=IwAR1KA1D1DIDOE_-fljab6NQTW71Ao_vLEugDyOKqU-vWr4gPFO1Tjy3exXw\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Guardian&nbsp; v. 04.02.2024: &#8218;Everything beautiful has been destroyed&#8216;: Palestinians mourn a city in tatters.<\/a><\/li>\n<li>Den <a href=\"https:\/\/www.unesco.org\/en\/gaza\/assessment\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">UNESCO-Bericht: Gaza Strip: Damage assessment v. 11.06.2024.<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/projekte\/artikel\/kultur\/gaza-hamas-israel-kultur-e876639\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">S\u00fcddeutsche Zeitung v. 25.04.2024 &#8222;Kulturzerst\u00f6rung. Es war einmal in Gaza&#8220;<\/a><\/li>\n<li>und vor allem: die Klage S\u00fcdafrikas vor dem IGH gegen den Staat Israel. Im M\u00e4rz 2024 herausgegeben von Abraham Melzer. Das Buch dokumentiert auf 476 Seiten die Anklageschrift mit allen Pl\u00e4doyers und Gutachten des Prozesses. Mit einer Einleitung von Norman Paech<\/li>\n<\/ul>\n<p>In der Anklageschrift der Republik S\u00fcdafrika vor dem Internationalen Gerichtshof werden die Zerst\u00f6rungen aufgelistet. Besch\u00e4digt oder zerst\u00f6rt wurden:<\/p>\n<ul>\n<li>Das Zentralarchiv der Stadt Gaza mit tausenden von historischen Dokumenten<\/li>\n<li>Das Zentrum f\u00fcr Manuskripte und antike Dokumente<\/li>\n<li>das orthodoxe Kulturzentrum<\/li>\n<li>das Al-Quarara-Kulturmuseum<\/li>\n<li>das Rafah-Museum<\/li>\n<li>das sogenannte neue Museum mit hunderten von kulturellen und arch\u00e4ologischen Artefakten<\/li>\n<li>acht arch\u00e4ologische Ausgrabungsst\u00e4tten<\/li>\n<li>die wichtigste Bibliothek<\/li>\n<li>Alle vier Universit\u00e4ten wurden angegriffen.<\/li>\n<li>Alle Schulen wurden angegriffen.<\/li>\n<li>Insgesamt wurden sch\u00e4tzungsweise 318 muslimische und christliche religi\u00f6se St\u00e4tten angegriffen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Aufz\u00e4hlung ist nat\u00fcrlich nicht vollst\u00e4ndig. Die Zerst\u00f6rungen dauern an.<\/p>\n<p><strong>Hamdan Taha<\/strong>, der ehemalige Generaldirektor der pal\u00e4stinensischen Antikenbeh\u00f6rde und zuletzt stellvertretender Minister f\u00fcr Tourismus und Altert\u00fcmer in Gaza, war auf der Jahrestagung der Deutsch-Pal\u00e4stinensischen Gesellschaft (DPG) am 15. Juni 2024 in H\u00f6xter direkt aus Gaza per Zoom zugeschaltet. Sein Bericht war ersch\u00fctternd. Auf der Grundlage von Zeugenaussagen, Berichten vor Ort und von Satellitenaufnahmen stellte er fest: &#8222;Nach den vorliegenden Informationen wurden mehr als 100 arch\u00e4ologische und historische St\u00e4tten besch\u00e4digt, darunter Moscheen, Kirchen, religi\u00f6se Gedenkst\u00e4tten, Musee, Bibliotheken, Handschriftenzentren, Kultur- und Kunstzentren, Universit\u00e4ten und akademische Einrichtungen besch\u00e4digt. Der Bericht ist ver\u00f6ffentlicht im <a href=\"https:\/\/dpg-netz.de\/palaestina-journal\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pal\u00e4stina Journal (Ausgabe 21, Juni 2024)<\/a><\/p>\n<p>Die Frage ist, ob diese Zerst\u00f6rungen zuf\u00e4llige Kriegsereignisse, sozusagen Kollateralsch\u00e4den, sind oder ob sie systematisch erfolgten und erfolgen. Das Urteil von Hamdan Taha ist eindeutig: &#8222;Die aktuellen Bilder der arch\u00e4ologischen St\u00e4tten und historischen Geb\u00e4ude im Gazastreifen lassen auf die systematische Zerst\u00f6rung eines kulturellen Erbes schlie\u00dfen, das sich \u00fcber einen Zeitraum von f\u00fcnftausen Jahren gebildet hat und heute nur ein Haufen Schutt ist.&#8220; Die Anklageschrift der Republik S\u00fcdafrika best\u00e4tigt diesen Befund: &#8222;Das kulturelle Erbe wurde systematisch zerst\u00f6rt und ausgel\u00f6scht, mit dem Ziel, die physische und geistig\/spirituelle Welt des pal\u00e4stinensischen Volkes unter dem Vorwand der Selbstverteidigung zu zerst\u00f6ren.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Mounir Anastas<\/strong>, der Botschafter Pal\u00e4stinas bei der UNESCO, begr\u00fc\u00dfte enthusiastisch die Entscheidungen des Weltkulturerbekomittee in Neu Delhi: \u201eSie sind eine Botschaft der Hoffnung f\u00fcr unsere Menschen in Gaza, die vor Bomben fliehen und kein Dach \u00fcber dem Kopf, kein Wasser und keine Nahrung haben. Dennoch sind sie entschlossen, ihr Erbe zu sch\u00fctzen, da dieses Erbe Teil des Ged\u00e4chtnisses und der Geschichte unseres Volkes ist. Und dies ist auch eine weitere starke Botschaft der internationalen Gemeinschaft an unsere Leute in Gaza, dass die internationale Gemeinschaft euch nicht vergessen hat.\u201c (<a href=\"https:\/\/www.arabnews.com\/node\/2557176\/world\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vgl. Arabnews v. 26.07.2024<\/a>)<\/p>\n<p>Trotz der verst\u00e4ndlichen Genugtuung und Freude der Pal\u00e4stinenser \u00fcber diese Entscheidung bleibt ein tiefes Unbehagen. Von den Zerst\u00f6rungen und dem notwendigen Schutz vor diesen Zerst\u00f6rungen ist immer nur in einer merkw\u00fcrdig passiven Sprache die Rede. So hei\u00dft es in der Entscheidung des Welterbekomittees: Das St. Hilarion Kloster in Gaza ist &#8222;unter besonderen Schutz zu stellen.&#8220; Und: &#8222;Mit dieser Entscheidung wird sowohl der Wert der St\u00e4tte als auch die Notwendigkeit anerkannt, sie vor Gefahren zu sch\u00fctzen.&#8220; (vgl. die <a href=\"https:\/\/www.un.org\/unispal\/document\/unesco-26jul24\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mitteilung auf der Webseite der UNO<\/a>)&nbsp;Dass das Kulturerbe vor den Bomben und Granaten der israelischen Armee gesch\u00fctzt werden muss, dass Israel vor dem Internationalen Gerichtshof angeklagt wird, einen systematischen V\u00f6lkermord zu begehen, und dass der &#8222;cultural genocide&#8220; ein Teil davon ist &#8211; davon wird in den Beschl\u00fcssen nicht gesprochen. Dar\u00fcber schweigt die UNESCO.<\/p>\n<p>Dabei ist die UNESCO nicht immer so zur\u00fcckhaltend.&nbsp;Es gibt einen Pr\u00e4zedenzfall, wo der T\u00e4ter deutlich benannt wird. Nach den russischen Luftangriffen auf die ukrainische Stadt Odessa, bei denen auch mehrere Kulturst\u00e4tten besch\u00e4digt wurden, darunter die 1794 erbaute Verkl\u00e4rungskathedrale, ver\u00f6ffentlichte die UNESCO umgehend am 23. Juli 2023 eine sehr scharf formulierte Erkl\u00e4rung. Die UNESCO zeige sich zutiefst best\u00fcrzt und verurteile den dreisten Angriff der russischen Streitkr\u00e4fte. In einer weiteren Erkl\u00e4rung sagte Audrey Azoulay, Generaldirektorin der UNESCO: &#8222;Ich verurteile diesen Angriff auf die Kultur aufs sch\u00e4rfste und fordere die Russische F\u00f6deration auf, sinnvolle Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um ihren Verpflichtungen nach internationalem Recht nachzukommen, darunter der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten von 1954 und der Welterbekonvention von 1972.&#8220; (Vgl. den <a href=\"https:\/\/www.palestine-studies.org\/en\/node\/1655264\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bericht in den Palestine Studies v. 28.02.2024<\/a>, dem auch die Zitate entnommen sind.)<\/p>\n<p>Zu Israel nimmt die UNESCO eine \u00e4hnlich entschiedene Haltung nicht ein. &#8222;Das ist kaum \u00fcberraschend; eine solche Heuchelei und Doppelmoral kennzeichnen auch andere internationale Organisationen und westliche Regierungen in Bezug auf den sich entfaltenden V\u00f6lkermordkrieg gegen das pal\u00e4stinensische Volk im Gazastreifen. [&#8230;] Tats\u00e4chlich ist es dieser kulturelle und historische Reichtum, den das israelische Regime auszul\u00f6schen versucht.&#8220; So lautet der bittere Befund von Mahmoud Hawari. Er war der ehemalige Direktor des Pal\u00e4stinensischen Museums Birzeit und ist Professer f\u00fcr Arch\u00e4ologie an den Universit\u00e4ten Behtlehem, Birzeit und al-Quds. Die Zitate sind seinem ausf\u00fchrlichen Bericht &#8222;Israel Destroys Palestinian Cultural Heritage Sites in Gaza&#8220;. (<a href=\"https:\/\/www.palestine-studies.org\/en\/node\/1655264\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Palestine Studies v. 28.02.2024<\/a>) entnommen.<br \/>\n<em>S\u00f6nke Hundt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 26. 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