{"id":13012,"date":"2024-08-27T19:43:46","date_gmt":"2024-08-27T19:43:46","guid":{"rendered":"https:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=13012"},"modified":"2024-08-27T19:44:33","modified_gmt":"2024-08-27T19:44:33","slug":"13012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=13012","title":{"rendered":"Zwischen Windhoek und Gaza &#8211; von Charlotte Wiedemann"},"content":{"rendered":"<p class=\"lead\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-11614\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2-450x300.jpg 450w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Deutschlands Erinnerungskultur ist auf Abwegen unterwegs. Das hat fatale Konsequenzen. Wenn Deutschland mit dem V\u00f6lkermord an Juden und J\u00fcdinnen die Unterst\u00fctzung einer Kriegsf\u00fchrung begr\u00fcnden kann, die gro\u00dfe Teile der Welt als Genozid betrachten, ist auf wenig mehr Verlass. Die humanistische Substanz der offiziellen Erinnerungskultur erweist sich als erschreckend d\u00fcnn \u2013 und damit ist auch die Annahme ersch\u00fcttert, das Gedenken an die NS-Verbrechen werde helfen, k\u00fcnftigem Faschismus und Autoritarismus vorzubeugen. Stattdessen sind wir mit einer repressiven Staatsraison konfrontiert, die das Autorit\u00e4re ethisch verkleidet.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Noch l\u00e4sst sich der Umfang der moralischen und intellektuellen Krise, die mit all dem einhergeht, kaum ermessen. In Deutschland durchziehen die Einwanderungsgesellschaft neue Gravuren von Spaltung und Entfremdung, seit aus Erinnerungsarbeit ein Bumerang zur Stigmatisierung von Minderheiten wird. In globaler Hinsicht formuliert der italienische Historiker Enzo Traverso das Ausma\u00df der Krise so: \u201eWie kann die Erinnerung an die Shoah \u00fcberhaupt noch verteidigt werden, nachdem mit ihr ein Genozid legitimiert wurde?\u201c Das Holocaust-Gedenken laufe Gefahr, blo\u00df noch als eine Waffe westlicher Dominanz zu gelten, so Traverso in seinem kommenden Buch \u201eGaza devant l\u2019histoire\u201c.<\/p>\n<div class=\"mb-6\">\n<div id=\"c73079\" class=\"frame frame-default frame-type-textpic frame-layout-0\">\n<div class=\"ce-textpic ce-center ce-above\">\n<div class=\"ce-bodytext\">\n<p>Gaza vor der Geschichte, das bedeutet neben allem anderen, dass der Kampf um ein gerechteres, inklusives Weltged\u00e4chtnis in eine neue schillernde Phase getreten ist, mit dystopischen und utopischen Anteilen. Wer das massenhafte T\u00f6ten in Gaza als Verteidigung westlicher Werte rechtfertigt, weist das Bem\u00fchen um mehr koloniales Erinnern nun mit auffallend schroffer Feindseligkeit zur\u00fcck. Postkoloniales Denken gilt als genuin antisemitisch; der D\u00e4monisierung folgt regelm\u00e4\u00dfig die Forderung nach S\u00e4uberung des akademischen und kulturellen Lebens.<\/p>\n<h3>Verh\u00e4ngnisvolle Verwandtschaft<\/h3>\n<p>Diesem diskursiven Irrsinn kann nur die Besinnung auf universelle Prinzipien menschlicher Gleichheit trotzen. Doch wie? \u201eVon Windhoek nach Gaza\u201c lautet ein Slogan auf Demonstrationen; er bringt die deutsche T\u00e4terschaft damals und die Komplizenschaft heute in eine genozidale Kontinuit\u00e4t. Sinnvoller scheint mir, von einer verh\u00e4ngnisvollen Verwandtschaft zu sprechen, n\u00e4mlich des abwertenden Blicks auf die Opfer, der sie zu Menschen einer minderen Kategorie macht, zu Wesen nachrangiger Bedeutung. Die wichtigste Lehre aus dem Holocaust, jedes Leben als gleichwertig zu betrachten, ist dem offiziellen Deutschland fremd. Und daraus folgt eine Hierarchisierung: Sie macht heutige Pal\u00e4stinenser und Pal\u00e4stinenserinnen kolonial-historischen Opfern \u00e4hnlich, aber degradiert auch nicht-j\u00fcdische Opfer der NS-Vernichtungspolitik.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Genozid an Roma und Sinti hat die Staatsraison keinen Platz. \u201eM\u00fcssen wir ein Land haben, in dessen Namen get\u00f6tet wird, um anerkannt zu werden?\u201c, fragte j\u00fcngst eine Romnja-Aktivistin sarkastisch. Zwei NS-V\u00f6lkermorde mit oft identischen St\u00e4tten der Vernichtung und doch so gegens\u00e4tzlichen erinnerungspolitischen Folgen. Den Begriff Holocaust auf beide Opfergruppen zu beziehen, wie etwa der Historiker Ari Joskovicz in seiner Studie \u201eRain of Ash. Roma, Jews, and the Holocaust\u201c, ist in Deutschland verp\u00f6nt. Das Klima von Aufteilung und Rangzuweisung ist so manifest, dass sich Menschen aus j\u00fcdischen, pal\u00e4stinensischen, Ovaherero- und Roma-Gemeinschaften j\u00fcngst, als sie \u00fcber Solidarit\u00e4t sprechen wollten, in einem diskreten Berliner Safe Space trafen.<\/p>\n<p>Dieses andere, solidarische Sprechen braucht Unterst\u00fctzung, um \u00f6ffentlich zu werden \u2013 ausgehend von der Gewissheit, dass Verbrechen nicht gleichgemacht werden, wenn ihre Opfer mit gleichem Respekt behandelt werden. In diesem Sinne ist eine postkoloniale Sicht auf Genozide mit der Besonderheit des Holocaust durchaus vereinbar. F\u00fcnf Jahrhunderte Kolonialismus sahen eine Kette von Vernichtungshandeln gegen\u00fcber Bev\u00f6lkerungen, die als \u00fcberfl\u00fcssig, st\u00f6rend oder bedrohlich erachtet wurden. Wer diese Geschichte von Massengewalt kennt, setzt \u201eGenozid\u201c gerade nicht mit dem Holocaust gleich und relativiert folglich auch nicht die Vernichtung von Juden und J\u00fcdinnen, wenn gegen Israel ein entsprechender Vorwurf erhoben wird. Weil postkoloniales Denken mehr Facetten von Gewalthandeln in den Blick nimmt, k\u00f6nnte es sogar zur Entsch\u00e4rfung der Diskurse beitragen.<\/p>\n<h3>Bin\u00e4re Logik<\/h3>\n<p>In Israel h\u00e4lt sich indes die Ansicht, ein V\u00f6lkermord m\u00fcsse, um den Begriff zu verdienen, wie der Holocaust aussehen, mit Gaskammern und unschuldigen Opfern, die bis zum letzten Glied vernichtet werden. Selbst der Genozid an den Armeniern, von denen sich manche nach Pal\u00e4stina retteten, ist in Israel nicht anerkannt. Auf der anderen Seite hat die internationale Bewegung gegen den Gaza-Krieg wenig Raum f\u00fcr eine Erinnerung an Edward Saids Pl\u00e4doyer, \u201edie j\u00fcdische Erfahrung mit allem, was sie an Schrecken und Angst zur Folge hat, (zu) akzeptieren\u201c. Die Kategorien zionistisch und genozidal werden manchmal leichtfertig nahe aneinanderger\u00fcckt, als sei bereits die Leitung eines J\u00fcdischen Museums ein Vergehen. Wer sich nicht distanziert, ist mitschuldig \u2013 dieses falsche bin\u00e4re Muster wurde zurecht kritisiert, als sich russische Musiker von Putin distanzieren mussten, um in Deutschland auftreten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Einen Genozid begehen, ihn durch Komplizenschaft unterst\u00fctzen und die Komplizenschaft nicht sehen wollen, sind drei verschiedene Sachverhalte. Die ersten beiden sind strafbar, w\u00e4hrend es sich im dritten Fall um eine moralische Verfehlung handelt, die reparierbar w\u00e4re. Wer dies vermischt, macht alle zu T\u00e4tern und sich selbst zum alleinigen Richter. Wenn es keine Grauzonen geben darf, kann ein Slogan wie \u201eZionisten haben kein Lebensrecht\u201c entstehen, in der Bewegung zwar minorit\u00e4r, aber nicht vernehmbar genug zur\u00fcckgewiesen. Und nachdem in Deutschland Politik und Medien die Verwendung des Worts Genozid als antisemitisch brandmarkten, schien es keine guten Gr\u00fcnde mehr zu geben, den Begriff zu vermeiden, obwohl eine Bewegung gegen Kriegsverbrechen mehr Breite h\u00e4tte gewinnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Malcom X meets Fritz Bauer<\/h3>\n<p>Seit Malcolm X 1964 nach Gaza reiste, haben sich Erniedrigte und Entrechtete im Schicksal der Pal\u00e4stinenser wiedererkannt; ihre Lage wurde zum Spiegel ungerechter Weltverh\u00e4ltnisse. Der Gaza-Krieg entbl\u00f6\u00dft nun im Extrem, wie der Westen mit zweierlei Ma\u00df misst, doch ist dieser dunkle H\u00f6hepunkt zugleich der Kipppunkt einer \u00c4ra. Die Causa Pal\u00e4stina hat eine solche Resonanz, weil sich die globalen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse wandeln, w\u00e4hrend zugleich Israels Verbrechen die bisherigen Schutzmechanismen des j\u00fcdischen Staats torpedieren. \u201eWir n\u00e4hern uns dem Moment, oder vielleicht ist er schon da, in dem die Erinnerung an den Holocaust die Welt nicht mehr davon abh\u00e4lt, Israel so zu sehen, wie es ist\u201c, schreibt der israelische Menschenrechtler Hagai El-Ad. Die Geschichte diene nicht mehr als \u201e<em>Iron Dome<\/em>, der uns davor sch\u00fctzt, zur Verantwortung gezogen zu werden.\u201c<\/p>\n<p>So ist multiple Ambivalenz das Kennzeichen einer Welt zwischen den Markern Windhoek und Gaza. Auf dem unsicheren Grund gilt es Allianzen zu schlie\u00dfen f\u00fcr einen unteilbaren Humanismus. Als die 81j\u00e4hrige vormalige Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul j\u00fcngst gefragt wurde, wie es kam, dass sie bereits vor 20 Jahren in Namibia um Vergebung f\u00fcr den Genozid bat, lautete ihre Antwort: Sie sei gepr\u00e4gt durch Fritz Bauer, Initiator des Frankfurter Auschwitzprozesses von 1963. \u201eSeine Grundhaltung war: Wer anderen das Menschsein abspricht, ist auf dem Weg in den Abgrund.\u201c<\/p>\n<p><em>Charlotte Wiedemann ver\u00f6ffentlichte im Jahr 2022 das vielbeachtete Buch \u201eDen Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltged\u00e4chtnis\u201c, \u00fcber das sie damals auch im&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.medico.de\/geschichte-und-weltgedaechtnis-18674\">medico-Podcast<\/a>&nbsp;sprach.<\/em><\/p>\n<p><strong>Charlotte Wiedemann&nbsp;<\/strong>ist freie Auslandsreporterin, ihre Beitr\u00e4ge erschienen u.a. in&nbsp;<em>Geo<\/em>,&nbsp;<em>Die Zeit, Neue Z\u00fcrcher Zeitung<\/em>,&nbsp;<em>Merian<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Le Monde Diplomatique<\/em>. Sie geh\u00f6rt dem Wissenschaftlichen Beirat des Zentrums Moderner Orient in Berlin an und h\u00e4lt Vortr\u00e4ge zu interkulturellen Themen und zur Erinnerungskultur. Sie ist Kolumnistin der&nbsp;<em>taz&nbsp;<\/em>und hat zahlreiche B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht, zuletzt erschien&nbsp;<em>Den Schmerz der Anderen begreifen&nbsp;<\/em>(2022). &nbsp;<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.medico.de\/blog\/zwischen-windhoek-und-gaza-19589?mtm_campaign=nl_19610#authors\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">medico international v. 21.08.2024<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"row align-items-center\">\n<div id=\"share-content\" class=\"col mb-4 mb-md-6\">\n<div class=\"socialshare-menu d-flex align-items-center mb-3\">\n<div class=\"pr-3\">&nbsp;<\/div>\n<div class=\"pr-3\">&nbsp;<\/div>\n<div class=\"pr-3\">&nbsp;<\/div>\n<div class=\"pr-3\">&nbsp;<\/div>\n<div class=\"pr-3\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"page-resources\" class=\"row\">&nbsp;<\/div>\n<div id=\"authors\">\n<div class=\"frame frame-default frame-space-after-small frame-type-contentelements_authorprofile\">\n<div class=\"row\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschlands Erinnerungskultur ist auf Abwegen unterwegs. 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