{"id":1339,"date":"2014-09-13T07:40:32","date_gmt":"2014-09-13T05:40:32","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1339"},"modified":"2014-09-13T07:41:49","modified_gmt":"2014-09-13T05:41:49","slug":"hannibal-ad-portas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1339","title":{"rendered":"Hannibal ad Portas"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/GushShalom\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" alt=\"\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/14-09-13-gush-shalom-anzeige.jpg\" width=\"200\" \/><\/a>von <em>Uri Avnery<\/em><\/p>\n<p><b>DER LETZTE Krieg ist\u00a0 beendet worden, der n\u00e4chste hat noch nicht angefangen, n\u00fctzen wir also die Zeit, um \u00fcber andere Dinge zu sprechen.<\/b><\/p>\n<p>Von Hannibal zum Beispiel.\u00a0 Hannibal? Der Mann mit den Elefanten?<\/p>\n<p>Ja , genau der.<\/p>\n<p>HANNIBAL, DER karthagensische Kommandeur, der als einer der milit\u00e4rischen Genies aller Zeiten angesehen wird, war ein Held in meiner Jugend.<\/p>\n<p>Damals brauchten wir dringend\u00a0 Nationalhelden. Antisemiten in der ganzen westlichen Welt\u00a0 behaupteten, die Juden seien\u00a0 von Natur aus Feiglinge\u00a0 und Dr\u00fcckeberger, unf\u00e4hig und unwillig wie M\u00e4nner zu k\u00e4mpfen.\u00a0 Sie z\u00e4hlten ihren Profit, w\u00e4hrend andere f\u00fcr sie starben.<!--more--><\/p>\n<p>Als wir nach Helden suchten, fanden wir Hannibal. Karthago wurde von Fl\u00fcchtlingen aus Tyros im S\u00fcdlibanon gegr\u00fcndet, dessen Bewohner Kanaaniter waren und die einen Dialekt sprachen, der dem Hebr\u00e4ischen sehr nahe ist. Der Name Karthago kommt vom\u00a0 hebr\u00e4ischen Keret Hadasha (Neue Stadt) und der Name Hani-Baal bedeutet Ba\u2019al, der kanaanitische Gott hat ihn gegeben \u2013 das ist mehr oder weniger derselbe Name wie Netanjahu \u2013 Jahu, kurz f\u00fcr Jahwe . so wie auf Griechisch\u00a0 Theodor, der Vorname von Herzl.<\/p>\n<p>Wer k\u00f6nnte unserm Herzen n\u00e4her sein, als dieser gro\u00dfe K\u00e4mpfer, der seine Armee mit seinen\u00a0 Dutzenden\u00a0 Elefanten \u00fcber die Alpen nach Norditalien f\u00fchrte, der seine Befehle auf Hebr\u00e4isch gab?\u00a0 Sogar die m\u00e4chtigen R\u00f6mer\u00a0 wurden blass, als sie den Ruf h\u00f6rten \u201eHannibal ad portas!\u201c (Hannibal nahe den Stadttoren; oft wird dies falsch zitiert \u201eante portas\u201c).<\/p>\n<p>Einer der gr\u00f6\u00dften zionistischen Dichter, Shaul Tschernichovsky, der \u00dcbersetzer von Homers Odyssee, best\u00e4tigte\u00a0 unsere ethnische N\u00e4he zu den Karthagern und erz\u00e4hlte uns, sie w\u00e4ren die gr\u00f6\u00dfte maritime Macht im Mittelmeerraum noch vor den Griechen\u00a0 gewesen. Wir waren stolz auf sie.<\/p>\n<p>IN EINER seltsamen Weise kam Hannibal\u00a0 im letzten Gaza-Krieg vor. Nicht, dass einer unserer Kommandeure ein modernes Genie w\u00e4re. Weit\u00a0 entfernt davon. Aber irgendetwas, das die \u201eHannibal-Prozedur\u201c genannt wurde, war eines seiner schrecklichsten Ph\u00e4nomene.<\/p>\n<p>Wer pr\u00e4gte den Terminus? Irgendein Offizier, mit einer Neigung f\u00fcr alte Geschichte? Oder nur ein gef\u00fchlloser Computer, derselbe, der diesen Krieg\u00a0 \u201e festen Felsen\u201c nannte \u2013 w\u00e4hrend ein menschlicher Roboter ihm den englischen Namen\u00a0\u00a0 \u201eProtective Edge\u201c\u00a0 \u201eFels in der Brandung\u201c gab?<\/p>\n<p>Auf dem H\u00f6hepunkt des Kampfes in der N\u00e4he der Stadt Rafah (Rafiah auf Hebr\u00e4isch) an der \u00e4gyptischen Grenze stie\u00df ein Trupp israelischer Soldaten auf Hamas-Soldaten\u00a0 und die meisten von ihnen wurden get\u00f6tet. Ein Israeli wurde von den Pal\u00e4stinensern in einen Tunnel gezogen. Der erste Eindruck war, dass er lebend gefangen wurde, vielleicht verletzt.<\/p>\n<p>Die Prozedur Hannibal\u00a0 ging in Aktion.<\/p>\n<p>DIE PROZEDUR HANNIBAL ist\u00a0 genau f\u00fcr solch eine Eventualit\u00e4t entworfen worden. Von all den Alptr\u00e4umen\u00a0 der israelischen Armee ist dieser einer der schlimmsten.<\/p>\n<p>Hier ist eine Erkl\u00e4rung n\u00f6tig. Im Krieg\u00a0 kommen Soldaten in Gefangenschaft. Oft kann dies nicht vermieden werden. In Kampf-Situationen, in denen weiterer Widerstand sinnloser Selbstmord\u00a0 w\u00e4re, heben Soldaten ihre H\u00e4nde.<\/p>\n<p>Im Mittelalter wurden Gefangene oft f\u00fcr L\u00f6segeld frei gegeben. F\u00fcr Offiziere und politische F\u00fchrer war das eine willkommene Einkommensquelle, ein guter Grund, um lebende und intakte Gefangene zu machen.\u00a0 In moderneren Zeiten, nachdem die Kriegsgesetze in Kraft traten, werden Gefangene nach dem Krieg ausgetauscht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des 2. Weltkrieges fielen viele j\u00fcdische Soldaten aus Pal\u00e4stina, die sich freiwillig f\u00fcr die britische Armee gemeldet hatten, in deutsche Gefangenschaft. \u00dcberraschenderweise wurden sie wie alle anderen britischen Kriegsgefangenen behandelt, und als alles vorbei war, sicher nach Hause entlassen.<\/p>\n<p>Es gibt nichts Unehrenhaftes, gefangen genommen zu werden.\u00a0 Es stimmt, dass Stalin eine\u00a0 Menge von zur\u00fcckkehrenden Sowjetsoldaten in Straflager nach Sibirien steckte, aber nicht, weil sie unehrenhaft waren, sondern weil er Angst hatte, sie\u00a0 seien\u00a0 von kapitalistischen Ideen angesteckt worden.<\/p>\n<p>WARUM\u00a0 ALSO sind wir anders?<\/p>\n<p>Das j\u00fcdische Ethos ist ganz\u00a0 eindeutig in dieser Sache. Die \u201eErl\u00f6sung Gefangener\u201c ist ein Hauptgebot der j\u00fcdischen Religion.<\/p>\n<p>An der Wurzel\u00a0 dieser moralischen Order steht die alte Phrase \u201e(die Leute von) Israel\u00a0 sind f\u00fcreinander verantwortlich.\u201c Jeder Jude ist f\u00fcr das \u00dcberleben jedes anderen Juden verantwortlich.<\/p>\n<p>Das musste\u00a0 buchst\u00e4blich genommen werden. Wenn ein Jude aus Alexandria\u00a0 von t\u00fcrkischen Piraten gefangen genommen wurde, dann waren j\u00fcdische Kaufleute &#8211; sagen wir mal \u2013 aus Amsterdam &#8211; verpflichtet, das L\u00f6segeld zu zahlen, damit er entlassen werde. Dies ist tief im j\u00fcdischen Bewusstsein verwurzelt, sogar im Israel unserer Zeit.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Kriege von 1948, 1956, 1967 und 1973, als die israelische Armee\u00a0 gegen regul\u00e4re arabische Armeen k\u00e4mpften, die von Europ\u00e4ern trainiert waren, wurden auf beiden Seiten Gefangene gemacht,\u00a0 vern\u00fcnftig und gut behandelt und nach dem\u00a0 Krieg ausgetauscht. Aber als der israelisch-pal\u00e4stinensische Konflikt\u00a0 \u201easymmetrisch\u201c\u00a0 wurde, wurden die Dinge komplizierter. Auf\u00a0 der einen Seite eine regul\u00e4re Armee, auf der andern Seite bewaffnete Militante (alias Freiheitsk\u00e4mpfer\u00a0 bzw. Terroristen).<\/p>\n<p>Israel h\u00e4lt eine gro\u00dfe Zahl pal\u00e4stinensischer Gefangener, einige\u00a0 verurteilt,\u00a0 andere in \u201eAdministrativhaft\u201c (d.h. nur unter Verdacht). Ihre Zahl variiert zwischen 5000 und 12 000. Einige sind politische Gefangene, einige aktive Mitglieder k\u00e4mpfender Organisationen (\u201eTerroristen\u201c). Einige\u00a0 haben \u201eBlut an ihren H\u00e4nden\u201c, was bedeutet, dass sie entweder selbst get\u00f6tet haben oder den T\u00e4tern beim Verstecken geholfen oder sie mit Geld oder Waffen versorgt haben.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Pal\u00e4stinenser ist es eine heilige Pflicht, f\u00fcr sie die Entlassung zu bekommen. F\u00fcr viele Israelis ist dies ein Verbrechen. Das Ergebnis: st\u00e4ndige Bem\u00fchungen der Pal\u00e4stinenser, einen lebenden Israeli zu fangen, um sie f\u00fcr diese Gefangenen auszutauschen.<\/p>\n<p>Der Tarif geht st\u00e4ndig nach oben. Wenn Pal\u00e4stinenser ein Tausend ihrer Gefangenen f\u00fcr\u00a0 einen Israeli zur\u00fcck haben wollen, sind die Israelis w\u00fctend, aber auch geschmeichelt. Viele glauben, dass dieser Tarif fair ist, aber sie sind trotzdem\u00a0 w\u00fctend. 1985 wurden drei israelische Soldaten von einer pro-syrisch-pal\u00e4stinensischen Organisation festgehalten und gegen 1150 pal\u00e4stinensische Gefangene ausgetauscht.<\/p>\n<p>Bei\u00a0 jedem solchen Vorfall sind Israelis zerrissen zwischen der Verpflichtung, \u201edie Gefangenen zu \u201eerl\u00f6sen\u201c, und der Entschlossenheit, \u201enicht mit Terroristen\u201c zu\u00a0 verhandeln, und sich nicht erpressen zu lassen, besonders was Gefangene\u00a0 \u201emit Blut an ihren H\u00e4nden\u201c betrifft.<\/p>\n<p>Die erste Wahl ist immer, israelische Gefangene mit Gewalt zu befreien. Dies ist ein sehr riskantes Unternehmen. Bei der folgenden Schie\u00dferei ist das Leben des Gefangenen in\u00a0 Gefahr. Oft ist es unsicher, ob er vom F\u00e4nger oder den Befreiern get\u00f6tet wurde.<\/p>\n<p>Die israelischen Sportler, die 1973 w\u00e4hrend der M\u00fcnchner Olympiade get\u00f6tet wurden, wurden wahrscheinlich von der untrainierten bayrischen Polizei get\u00f6tet.\u00a0 Die Autopsie-Ergebnisse sind noch immer geheim. Dasselbe geschah einer israelischen Schulklasse in Ma\u2019alot in Nordgalil\u00e4a, die von einer pal\u00e4stinensischen Guerillagrupe gefangen genommen wurde und bei einem Schusswechsel umkamen.<\/p>\n<p>Bei der ber\u00fchmten Entebbe-Operation war Ministerpr\u00e4sident Jitzhak Rabin f\u00fcr einen Gefangenenaustausch, bis er von der Armee \u00fcberzeugt wurde,\u00a0 die Rettungsoperation habe eine sehr gro\u00dfe Erfolgschance.<\/p>\n<p>Das Dilemma erreichte seinen H\u00f6hepunkt mit der Gil\u2018ad Shalit-Aff\u00e4re. Der Soldat wurde von Pal\u00e4stinensern gefangen genommen (gekidnapped in hebr\u00e4ischer Umgangssprache), die aus einem Grenztunnel auftauchten. (Unsere Armee zog aus dem Vorfall keine Schl\u00fcsse \u2013 bis zum letzten Krieg).<\/p>\n<p>Shalit wurde f\u00fcnf Jahre in Gefangenschaft gehalten. Die Armee, die verzweifelte Anstrengungen machte, sein\u00a0 Gefangenenversteck zu entdecken, kam zu keinem Ergebnis, (gl\u00fccklicherweise f\u00fcr Gilad, muss ich hinzuf\u00fcgen). Von Woche zu Woche wuchs der \u00f6ffentliche Druck f\u00fcr einen Austausch, bis es politisch unertr\u00e4glich wurde und Shalit gegen 2011 pal\u00e4stinensische Gefangene ausgetauscht wurde. Die Armee war w\u00fctend und verhaftete bei der erstbesten Gelegenheit all jene wieder, die entlassen worden waren.<\/p>\n<p>Die letzte Runde von Verhandlungen, von John Kerry geleitet, brach zusammen, weil Netanjahu sich weigerte, die Pal\u00e4stinenser, die er vorher sich verpflichtet hat, zu entlassen.<\/p>\n<p>Irgendwo auf dem Weg wurde die \u201eHannibal Prozedur\u201c\u00a0 eingerichtet.<\/p>\n<p>DIESE ORDER gr\u00fcndet sich auf der \u00dcberzeugung, dass Gefangenenaustausch\u00a0 &#8211; buchst\u00e4blich &#8211;\u00a0 mit allen Mitteln verhindert werden muss.<\/p>\n<p>In solchen F\u00e4llen sind die ersten paar Minuten entscheidend. Deshalb\u00a0 legt \u201eHannibal\u201c die ganze Verantwortung auf den\u00a0 Kommandeur vor Ort, auch wenn er nur ein Leutnant ist und keine Zeit hat, um nach Befehlen zu fragen.<\/p>\n<p>Wenn Soldaten sehen, wie einer ihrer Kameraden weggezogen wird, m\u00fcssen sie schie\u00dfen und t\u00f6ten \u2013 selbst dann, wenn es fast sicher ist, dass ihr Kamerad auch getroffen wird. Der Befehl sagt nicht klar: \u201e Besser ein toter Soldat als ein gefangener Soldat\u201c \u2013 aber dies wird auf diese Weise\u00a0 angedeutet und weithin so verstanden.<\/p>\n<p>Falls die feindlichen K\u00e4mpfer\u00a0 mit dem Gefangenen verschwinden, soll der ganze\u00a0 Stadtteil\u00a0 flach\u00a0 gemacht werden, in der Hoffnung, dass diejenigen, die gefangen nahmen, sich in einem der Geb\u00e4ude versteckt halten.<\/p>\n<p>Auf dem H\u00f6hepunkt des Gazakrieges geschah genau dies. Eine israelische\u00a0 Mannschaft fiel in einen Hinterhalt der Hamas. Alle Soldaten wurden get\u00f6tet au\u00dfer einem, der\u00a0 wie\u00a0 gesehen wurde, in einen Tunnel gezogen wurde. Mit der Annahme\u00a0\u00a0 er w\u00e4re gefangen worden, wurde die Armee wild, riss\u00a0 eine Menge\u00a0 Geb\u00e4ude in Rafah\u00a0 ohne Warnung zu Boden und schoss auf alles, was sich bewegte.<\/p>\n<p>Am Ende war alles umsonst. Die Armee entschied, dass der Soldat schon tot war, als sein K\u00f6rper gefangen genommen wurde. Jetzt verlangte man die R\u00fcckgabe\u00a0 des Leichnams, um eine andere j\u00fcdische Pflicht zu erf\u00fcllen: den j\u00fcdischen Toten in ein j\u00fcdisches Grab zu legen.<\/p>\n<p>W\u00c4HREND UND nach dem Krieg hat dieser Vorfall zu einer wilden Debatte gef\u00fchrt. Warum \u2013 um Himmels willen \u2013 soll ein Soldat nicht in Gefangenschaft geraten? Ist ein lebendiger gefangener Soldat nicht besser als ein toter? Wenn f\u00fcr seine R\u00fcckkehr eine Anzahl von pal\u00e4stinensischen Gefangenen frei gelassen werden m\u00fcssen? Na, und?<\/p>\n<p>Dies ist eine ernste moralische Debatte, die an die Wurzeln des israelischen Ethos reicht.<\/p>\n<p>David Ben Gurion schrieb einmal: \u201eLasst jede hebr\u00e4ische Mutter\u00a0 wissen\u201c, dass\u00a0 sie ihren Sohn verantwortlichen Offizieren\u00a0 \u00fcbergibt.<\/p>\n<p>Dank\u00a0 Hannibal, m\u00f6gen jetzt einige hebr\u00e4ische M\u00fctter ernste Zweifel haben.<\/p>\n<p>Was Hannibal selbst betrifft, frage ich mich, was er wohl dar\u00fcber gedacht haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>(Dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.uri-avnery.de\/news\/302\/17\/Hannibal-ad-Portas\" target=\"_blank\">http:\/\/www.uri-avnery.de\/news\/302\/17\/Hannibal-ad-Portas<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Uri Avnery DER LETZTE Krieg ist\u00a0 beendet worden, der n\u00e4chste hat noch nicht angefangen, n\u00fctzen wir also die Zeit, um \u00fcber andere Dinge zu sprechen. Von Hannibal zum Beispiel.\u00a0 Hannibal? 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