{"id":1361,"date":"2014-09-16T08:01:46","date_gmt":"2014-09-16T06:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1361"},"modified":"2014-09-16T08:21:32","modified_gmt":"2014-09-16T06:21:32","slug":"die-beschwoerung-der-antisemitismus-gefahr-als-politische-waffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1361","title":{"rendered":"Die Beschw\u00f6rung der Antisemitismus-Gefahr als politische Waffe"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/strohmeyer-demo-14-07-23.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/strohmeyer-demo-14-07-23.jpg\" width=\"200\" height=\"134\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Arn Strohmeyer auf dem Marktplatz am 23. Juli 2014<\/p><\/div>\n<p><b>Ein Nachwort zu der Demonstration des Zentralrats am Sonntag in Berlin.<br \/>\n<\/b><em>von Arn Strohmeyer<\/em><\/p>\n<p>Dieter Graumann vom Zentralrat der Juden in Deutschland hatte gerufen und alle, alle kamen \u2013 die Bundeskanzlerin, der Bundespr\u00e4sident, Minister, die Spitzen der Kirchen und sogar der muslimischen Verb\u00e4nde, um Flagge zu zeigen und Solidarit\u00e4t auszudr\u00fccken. Wof\u00fcr und wogegen? F\u00fcr einen Staat, dessen \u201emoralischste Armee der Welt\u201c gerade \u00fcber 2000 Menschen umgebracht und Zehntausende verletzt und einen ganzen Landstrich in Schutt und Asche gelegt hat.<!--more--> Und gegen eine \u201eWelle des Antisemitismus\u201c, die angeblich \u00fcber das Land hinwegging, weil ein paar durchgeknallte und ausgeflippte Schreih\u00e4lse in der Tat judenfeindliche Parolen gebr\u00fcllt hatten. Selbst der renommierte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, sicher kein Freund der Schreih\u00e4lse, wollte von einem \u201eneuen Antisemitismus\u201c nichts wissen.<\/p>\n<p>Der Aufschrei vom \u201eneuen Antisemitismus\u201c kam nicht zuf\u00e4llig. Er hat Methode. Immer wenn Israel negativ in die Schlagzeilen kommt, gibt es diesen gut inszenierten laut vorgebrachten Protest. Der amerikanisch-j\u00fcdische Politologe und Historiker Norman Finkelstein hat schon 2005 diesen Sachverhalt so dargestellt: Jedes Mal wenn Israel durch internationalen Druck (wie jetzt beim \u00dcberfall auf den Gaza-Streifen) dazu gebracht werden soll, seine Kriegs- und Besatzungspolitik zu beenden, inszenieren diejenigen, die Israel blind gegen jede Kritik verteidigt sehen wollen, eine weitere bis ins kleinste Detail durchkomponierte Oper, die den Zuschauern medienwirksam die erschreckenden Ausma\u00dfe des weltweiten Antisemitismus vor Augen f\u00fchren soll.<\/p>\n<p>Diese propagandistische Aufbereitung einer angeblich bestehenden Antisemitismusgefahr\u00a0 \u2013 so Finkelstein weiter \u2013 soll erstens der Kritik an Israel die Berechtigung entziehen, zweitens die Juden und nicht die Pal\u00e4stinenser als Opfer darstellen und drittens der arabischen Welt den Schwarzen Peter zuschieben. Finkelstein nennt dieses Hochspielen eines \u201eneuen Antisemitismus\u201c eine \u201eideologische Waffe\u201c, die missbraucht werde, um Israel gegen berechtigte Kritik immun zu machen. Wie sch\u00e4ndlich eine solche Instrumentalisierung der Opfer des Holocaust f\u00fcr die Rechtfertigung von Israels menschenverachtender Politik ist, versteht sich von selbst.<\/p>\n<p>Genau dies hat sich am Sonntag vor dem Brandenburger Tor in Berlin abgespielt. Da wurde immer wieder von den Rednern auf das \u2013 jetzt wieder bedrohte \u2013 Lebensrecht der Juden in Deutschland hingewiesen. Kanzlerin Merkel meinte, auf die selbstverst\u00e4ndliche Stellung des Judentums in Deutschland neben Christentum und Islam hinweisen zu m\u00fcssen. Wer hat das je bestritten? Muss man st\u00e4ndig Selbstverst\u00e4ndlichkeiten wiederholen, nur weil ein paar Schreih\u00e4lse Anderes gr\u00f6hlen? Im Grunde zeigt sich an solchen Bekundungen nur, auf wie schwachem Fundament das deutsch-israelische Verh\u00e4ltnis in Wirklichkeit steht, das nicht von echtem Vertrauen, sondern auf deutscher Seite ausschlie\u00dflich von einem h\u00f6chst irrationalen Philosemitismus getragen wird. Es bleibt festzustellen: Es gibt in Deutschland keinen von der Mehrheitsgesellschaft (und schon gar nicht vom Staat) getragenen Antisemitismus, der Juden gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. Was soll da die ganze Aufgeregtheit?<\/p>\n<p>Zumal die Frage, was Antisemitismus heute \u00fcberhaupt ist, nur sehr schwer zu beantworten ist. Der \u201eklassische Rassenantisemitismus\u201c, wie ihn die Nazis praktiziert haben, existiert Gottseidank nicht mehr. Es bleibt die Definition: Man hasst Juden, weil sie Juden sind. Solche Vorurteile gibt es sicher. Aber auch diese Version d\u00fcrfte nicht mehr sehr weit verbreitet sein, weil die \u201eJuden\u201c von heute die Moslems und andere Minderheiten sind. Der Hass hat sich auf sie verlagert. Was bleibt? Der Zorn, die Wut und die Verzweiflung \u00fcber die Politik Israels, die gerade \u2013 nach schon so vielen anderen \u2013 in Gaza ein riesiges Massaker angerichtet hat, das Resultat der brutalen israelischen Besatzungspolitik, die gegen jedes Menschen- und V\u00f6lkerrecht verst\u00f6\u00dft und Millionen Pal\u00e4stinensern Freiheit und Menschenw\u00fcrde nimmt. Kann man Menschen, die dagegen protestieren und sich vielleicht auch in der Wortwahl v\u00f6llig vergreifen, gleich als \u201eAntisemiten\u201c bezeichnen und mit Hitlers Schergen auf eine Stufe stellen?<\/p>\n<p>\u201eWer Hitler absch\u00fctteln will, muss heute die Pal\u00e4stinenser verteidigen\u201c, sagt der deutsch-franz\u00f6sische Publizist Alfred Grosser, der als Jude vor den Nazis fliehen musste. Er hat recht, heute sind die von den Israelis unterdr\u00fcckten Pal\u00e4stinenser die Opfer und Israelis die T\u00e4ter. Sie m\u00fcssen seit Jahrzehnten den Preis f\u00fcr den Holocaust zahlen \u2013 und nicht die Deutschen. Aber die deutsche Politik will diese Realit\u00e4t unter gar keinen Umst\u00e4nden sehen. Sie tut alles, dass es bei dieser Nicht-Wahrnehmung der Realit\u00e4t bleibt.<\/p>\n<p>Wenn Israels Verbrechen nicht offen beim Namen genannt werden d\u00fcrfen und nicht zwischen Judentum und Zionismus unterschieden wird, darf man sich nicht wundern, wenn auf den Stra\u00dfen die falschen Parolen geschrien werden. Und wer Israel jede Hilfe leistet (einschlie\u00dflich Waffen und atomar bewaffnete U-Boote), der tr\u00e4gt zur Aufrechterhaltung der unhaltbaren Zust\u00e4nde im Nahen Osten und zur Unterdr\u00fcckung der Pal\u00e4stinenser aktiv bei. Der l\u00e4dt aber so auch betr\u00e4chtliche Schuld auf sich. Die Proteste auf den Stra\u00dfen sind dann die logische Folge. Merkels Krokodilstr\u00e4nen \u00fcber solche unsch\u00f6nen Vorf\u00e4lle haben einen unehrlichen und heuchlerischen Charakter \u2013 wie die ganze deutsche Nahostpolitik. Man beklagt Vorf\u00e4lle, f\u00fcr die man selbst mit die Ursachen geliefert hat.<\/p>\n<p>J\u00fcdische Kreise und der Zentralrat haben kritisiert, dass die Demonstration in Berlin eine rein j\u00fcdische Angelegenheit gewesen sei und nicht aus der Mitte der deutschen Gesellschaft heraus organisiert worden ist. \u201eAlle Anst\u00e4ndigen\u201c h\u00e4tten daran teilnehmen m\u00fcssen, hie\u00df es. Die Mehrheit der Deutschen hat offenbar \u2013 wie Umfragen zeigen \u2013 ein sehr gutes Gesp\u00fcr daf\u00fcr, dass man bei einer Bedrohung durch Antisemitismus, wenn sie denn wirklich best\u00e4nde, auf die Stra\u00dfe gehen m\u00fcsste \u2013 nicht aber f\u00fcr die Kriegs- und Eroberungspolitik eines Staates wie Israel, der im 21. Jahrhundert noch einen klassischen, aber v\u00f6llig anachronistischen grausamen Siedlerkolonialismus praktiziert. Was Anstand ist, dar\u00fcber l\u00e4sst sich also in der Tat streiten. Man geht aber nicht fehl, wenn man sich an die Devise des antiken j\u00fcdischen Philosophen Hillel h\u00e4lt, der lehrte: \u201eTue Deinem Nachbarn nicht das an, was Du nicht willst, dass man es Dir antut.\u201c Wenn der j\u00fcdische Staat Israel sich daran halten w\u00fcrde und mit den Pal\u00e4stinensern einen wirklich gerechten Frieden schlie\u00dfen w\u00fcrde, dann g\u00e4be es auch kein \u201eantisemitisches\u201c Geschrei auf den Stra\u00dfen und Juden k\u00f6nnten sich \u00fcberall in der Welt sehr viel sicherer f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Aber so sieht die Zukunft wohl eher nicht aus. Israels F\u00fchrung\u00a0 denkt gar nicht daran, Kompromisse zu schlie\u00dfen. Wie die Diskussion wirklich l\u00e4uft, hat gerade der stellvertretende Sprecher des israelischen Parlaments (Knesset) Moshe Feiglin von Regierungschef Netanjahus Likud-Partei demonstriert. Er schlug jetzt ganz ernsthaft vor, die Stadt Gaza zu vernichten und die Bewohner des Gazastreifens zu vertreiben. Die israelische Armee solle an der Grenze zum Sinai KZ\u2019s errichten, in denen die vertriebenen Pal\u00e4stinenser so lange untergebracht w\u00fcrden, bis man Auswanderungsziele f\u00fcr sie gefunden habe. Nun ist das noch keine offizielle israelische Politik, aber es ist immerhin interessant, in welche Richtung man denkt. Die Knesset-Abgeordnete Ayelet Shared forderte k\u00fcrzlich, alle pal\u00e4stinensischen M\u00fctter zu t\u00f6ten, damit sie keine S\u00f6hne mehr zur Welt bringen k\u00f6nnten. Das passt zu Spr\u00fcchen an Mauern und W\u00e4nden in Israel und den Pal\u00e4stinensergebieten : \u201eTod den Arabern!\u201c und \u201eAraber ins Gas!\u201c<\/p>\n<p>Auf der Demonstration in Berlin waren von den Leiden der Pal\u00e4stinenser und solchen rassistischen Ausw\u00fcchsen in Israel nicht die Rede. Stattdessen k\u00fcndigte Graumann an, in Zukunft \u2013 wohl mit Hilfe des Gesetzgebers \u2013 scharf gegen jede Kritik an Israel (wo ist da genau die Grenze zum wirklichen Antisemitismus?) vorgehen zu wollen. Das w\u00e4re ein Angriff auf die im Grundgesetz verb\u00fcrgte Pressefreiheit. In Bundestag in Berlin wird sich f\u00fcr ein solches Vorhaben sicher eine Mehrheit finden lassen, aber da ist Gottseidank noch das Verfassungsgericht in Karlsruhe davor.<\/p>\n<p>15.09.2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Nachwort zu der Demonstration des Zentralrats am Sonntag in Berlin. von Arn Strohmeyer Dieter Graumann vom Zentralrat der Juden in Deutschland hatte gerufen und alle, alle kamen \u2013 die Bundeskanzlerin, der Bundespr\u00e4sident, Minister, die Spitzen der Kirchen und sogar &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1361\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-1361","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1361","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1361"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1361\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1367,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1361\/revisions\/1367"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1361"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1361"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1361"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}