{"id":13811,"date":"2024-12-23T08:22:46","date_gmt":"2024-12-23T08:22:46","guid":{"rendered":"https:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=13811"},"modified":"2024-12-23T08:22:46","modified_gmt":"2024-12-23T08:22:46","slug":"israel-ist-nicht-ueberlebensfaehig-ein-gespraech-mit-ilan-pappe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=13811","title":{"rendered":"\u00bbIsrael ist nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig\u00ab &#8211; ein Gespr\u00e4ch mit Ilan Pappe"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/24-11-05-ilan-pappe-wikimedia-commons.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-13415 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/24-11-05-ilan-pappe-wikimedia-commons-249x300.jpg\" alt=\"\" width=\"249\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/24-11-05-ilan-pappe-wikimedia-commons-249x300.jpg 249w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/24-11-05-ilan-pappe-wikimedia-commons-300x361.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/24-11-05-ilan-pappe-wikimedia-commons-768x924.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/24-11-05-ilan-pappe-wikimedia-commons.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 249px) 100vw, 249px\" \/><\/a>\u00dcber den 7. Oktober und die Zukunft des Zionismus. Ein Gespr\u00e4ch mit Ilan Pappe<\/em><br \/>\n<em>Interview: Karim Natour<\/em><br \/>\n<em>Ilan Pappe ist israelischer Historiker und Sozialist. Er ist Professor f\u00fcr Geschichte an&nbsp; der Universit\u00e4t von Exeter (Gro\u00dfbritannien) und Autor einer Reihe von B\u00fcchern \u00fcber Pal\u00e4stina, darunter \u00bbA History of Modern Palestine\u00ab (2004), \u00bbThe Ethnic Cleansing of Palestine\u00ab (2006) und \u00bbLobbying for Zionism on Both Sides of the Atlantic\u00ab (2024).<\/em><\/p>\n<p><strong>Was aktuell in Pal\u00e4stina-Israel passiert, wird h\u00e4ufig als \u00bbisraelische Selbstverteidigung\u00ab oder \u00bbKrieg gegen Terror\u00ab beschrieben. Bei Ihrer Arbeit als Historiker verwenden Sie stattdessen Begriffe wie \u00bbKolonialismus\u00ab und \u00bbDekolonialisierung\u00ab. Warum halten Sie diese Begriffe f\u00fcr geeignet, um die Realit\u00e4t vor Ort zu beschreiben?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Das sind die richtigen Begriffe, weil man die Entwicklung im Gebiet Pal\u00e4stina in den letzten 120 Jahren aus historischer Sicht betrachten muss. Was wir heute sehen, ist nicht etwas, das vom Himmel fiel. Es ist nichts, das gestern oder am 7. Oktober 2023 begann, sondern Teil einer langen Geschichte. Sie beginnt im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert, als eine Gruppe j\u00fcdischer Siedler mit Unterst\u00fctzung des Westens dem Antisemitismus in Europa entfloh und beschloss, dass die beste L\u00f6sung f\u00fcr das Problem darin bestehe, einen j\u00fcdischen Staat in Pal\u00e4stina zu errichten.<\/p>\n<p>Das Problem war jedoch, dass Pal\u00e4stina bereits die Heimat der Pal\u00e4stinenser war. Um das Problem des Antisemitismus zu l\u00f6sen, wollten sie eine j\u00fcdische Heimat an einem Ort errichten, an dem bereits Menschen lebten. Dabei wandten sie Methoden der Kolonisierung an. Und wie wir wissen, waren sie nicht die einzigen, die in dieser Zeit glaubten, dass Europ\u00e4er die Macht und das Recht h\u00e4tten, sich das Land anderer Menschen anzueignen. Das ist der Kern des zionistischen Projekts. Die Zionisten selbst haben das nicht immer so erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Sie sagten, sie w\u00fcrden in ihre alte Heimat zur\u00fcckkehren. Viele Jahre lang behaupteten sie gar, das Land sei unbewohnt gewesen, es habe gar keine Pal\u00e4stinenser gegeben. Heute ist der Forschungsstand eindeutig: Pal\u00e4stina war von Pal\u00e4stinensern bewohnt. Um einen j\u00fcdischen Staat zu schaffen, mussten also die Pal\u00e4stinenser enteignet werden. Das ist Kolonisierung.<\/p>\n<p><strong>Und \u00bbDekolonisierung\u00ab?<\/strong><\/p>\n<p>Auf der anderen Seite waren die Pal\u00e4stinenser &#8211; und das ist v\u00f6llig verst\u00e4ndlich &#8211; mit diesem Projekt nicht einverstanden. Sie leisteten Widerstand. Dieser wird, wie an anderen Orten, die kolonisiert wurden, \u00bbDekolonisierung\u00ab genannt. Der grundlegende Kampf zwischen der einheimischen Bev\u00f6lkerung, die versucht, das Land zu dekolonisieren, und dem Staat, der sie kolonisiert, dauert bis heute an. So erkl\u00e4re ich das an meiner Universit\u00e4t, und so sollte es auch an Schulen unterrichtet werden. Und auch Politiker sollten das ber\u00fccksichtigen, wenn sie wirklich daran interessiert sind, der Gewalt ein Ende zu setzen und einen echten Vers\u00f6hnungsprozess einzuleiten.<\/p>\n<p><strong>Wie lassen sich der 7. Oktober 2023 und seine Folgen mit anderen Ereignissen in der Geschichte von Pal\u00e4stina-Israel vergleichen?<\/strong><\/p>\n<p>Der 7. Oktober ist Teil eines wichtigen Kapitels. Aber er geh\u00f6rt zu einem Kapitel, das die bisherige Geschichte fortf\u00fchrt. Auf der einen Seite sind da die Menschen aus Gaza, von denen 70 Prozent Gefl\u00fcchtete sind. Das hei\u00dft Menschen, die 1948 aus dem historischen Pal\u00e4stina in den Gazastreifen vertrieben wurden sowie deren Nachkommen. Der Gazastreifen wurde 1956 zum ersten Mal besetzt, dann 1967 zum zweiten Mal, und von 1967 bis 2006 lebten die Menschen dort unter einer ziemlich grausamen Milit\u00e4rbesatzung. Ihr Widerstand gegen die Besatzung veranlasste die Israelis zu beschlie\u00dfen, sie nicht von innen, sondern von au\u00dfen zu kontrollieren. Das f\u00fchrte dazu, dass diejenigen pal\u00e4stinensischen Fraktionen an Popularit\u00e4t gewannen, die nicht bereit waren, eine solche Realit\u00e4t zu akzeptieren. Damit meine ich Organisationen wie Hamas und Islamischer Dschihad, die 2006 einen bewaffneten Kampf mit Guerilla- und terroristischen Taktiken gegen die andauernde Belagerung begannen.<\/p>\n<p><strong>Sie meinen, es handelt sich um dieselbe historische Periode?<\/strong><\/p>\n<p>Korrekt. Aber das Ausma\u00df ist ein anderes. Der Versuch der Hamas und des Islamischen Dschihads, die Realit\u00e4t zu \u00e4ndern, hatte ein noch nie dagewesenen Ausma\u00df und war ziemlich drastisch. Das gilt f\u00fcr die Anzahl der israelischen Soldaten und Zivilisten, die bei dem Angriff am 7. Oktober ihr Leben verloren haben, sowie f\u00fcr den Schock, der dadurch in der israelischen Gesellschaft ausgel\u00f6st wurde. Das Ausma\u00df der israelischen Reaktion auf diesen Teil des antikolonialistischen Widerstands ist beispiellos. Bereits zuvor hatte Israel regelm\u00e4\u00dfig sehr hart auf jeden Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen reagiert, und auch davor, w\u00e4hrend der ersten und zweiten Intifada. Aber die v\u00f6lkerm\u00f6rderische Politik, die die israelische Regierung als Reaktion auf den Hamas-Angriff beschlossen hat, ist etwas, was wir so noch nie zuvor erlebt haben. Und ich denke, es ist ein beispielloses Kapitel, weil Israel den Angriff der Hamas nutzt, um das umzusetzen, was viele Politiker an der Spitze als \u00bbhistorische Gelegenheit\u00ab bezeichnen w\u00fcrden. Sie wollen mindestens die Bev\u00f6lkerung im Gazastreifen ausl\u00f6schen, wenn nicht gar mit dem gesamten \u00bbProblem\u00ab fertigwerden und Pal\u00e4stina von der Landkarte und aus der Geschichte tilgen.<\/p>\n<p><strong>Nach dem Angriff der Hamas im S\u00fcden Israels am 7. Oktober war die \u00f6ffentliche Meinung im Westen gegen\u00fcber Israel positiv gestimmt. Mit der Kriegf\u00fchrung der Israelis seither scheint sich das Blatt gewendet zu haben. War der Angriff nicht ein \u00bbR\u00fcckschritt\u00ab f\u00fcr die pal\u00e4stinensische Befreiungsbewegung?<\/strong><\/p>\n<p>Das sind zwei verschiedene Fragen. Verst\u00e4ndlicherweise zeigten die Menschen im Westen am 7. Oktober Sympathie f\u00fcr Israel &#8211; angesichts dessen, was vor Ort passiert ist. Aber in Israel verstand man diese Sympathie f\u00fcr Opfer des Angriffs als Carte blanche, einen V\u00f6lkermord zu begehen. In dem Moment, als das klar war, verstanden selbst diejenigen, die wegen der Ereignisse vom 7. Oktober mit Israel sympathisierten, dass es sich hier nicht um eine Selbstverteidigung gegen die Angriffe handelt. Jeder der hinschaut, versteht, dass es sich um etwas grunds\u00e4tzlich anderes handelt, n\u00e4mlich einen V\u00f6lkermordfeldzug. Wer auch nur Minimum an Anstand und Menschlichkeit besitzt, lehnt diese Politik ab &#8211; auch in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Lassen Sie uns \u00fcber die zweite Frage sprechen. Welche historische Bedeutung hat der 7. Oktober?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Historiker ist das nach nur einem Jahr sehr schwierig zu beurteilen. Ich brauche viel mehr Zeit, um \u00fcber \u00bbFortschritt\u00ab oder \u00bbR\u00fcckschritt\u00ab zu sprechen. Einerseits hat der 7. Oktober den israelischen Staat in vielen Bereichen so sehr ersch\u00fcttert und erheblich zu dem beigetragen, was ich als Zerfall Israels und m\u00f6glichen Beginn vom Ende des zionistischen Projekts in Pal\u00e4stina betrachte. Andererseits f\u00fchrte der Angriff zum Genozid und der Ermordung einer gro\u00dfen Anzahl von Pal\u00e4stinensern und zur vollst\u00e4ndigen Zerst\u00f6rung des Gazastreifens. Mit einem abschlie\u00dfenden Urteil muss ich mich also noch zur\u00fcckhalten.<\/p>\n<p><strong>Was wollte die Hamas damit bezwecken?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass der Hamas-Angriff geschah, weil irgendjemand eine sehr klare Strategie hatte. Die Aktionen der Pal\u00e4stinenser im Laufe der Jahre richten sich gegen die Besatzung, die Kolonialmacht &#8211; in der Hoffnung, dass sich dadurch die Realit\u00e4t \u00e4ndert. Bisher haben diese Aufst\u00e4nde oder was auch immer f\u00fcr \u00bbOperationen\u00ab nicht einen<br \/>\neinzelnen Quadratzentimeter Pal\u00e4stinas befreit. Was sie hingegen erreichen k\u00f6nnen, ist, wie auch mit dem 7. Oktober, die Aufmerksamkeit der Welt f\u00fcr eine Weile auf Pal\u00e4stina zu lenken. Eventuell h\u00e4lt die Aufmerksamkeit dieses Mal l\u00e4nger an und erm\u00f6glicht ein Ende der Besatzung und Kolonisierung.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen vom \u00bbZerfall Israels\u00ab und dem m\u00f6glichen Zusammenbruch des \u00bbzionistischen Projekts\u00ab. Dennoch scheint Israel seinen Feinden schwere Schl\u00e4ge zu versetzen, wie die T\u00f6tung von Ismail Hanija und Hassan Nasrallah oder der \u00bbPager-Angriff\u00ab zeigen.<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal bin ich mir nicht sicher, ob Israel milit\u00e4risch die Oberhand hat. Die Armee wird die Hamas nicht beseitigen. Ebenso wenig wird sie die Hisbollah besiegen. Die pal\u00e4stinensische Widerstandsbewegung wird nie durch milit\u00e4rische Macht beseitigt werden. Diese Bombardierungen l\u00f6sen das Problem nicht, das darin besteht, dass Israel Millionen von Menschen unterdr\u00fcckt &#8211; Menschen, die weiterhin Widerstand leisten werden. Das kann auf Dauer keine Zukunft f\u00fcr einen Staat sein. Ein Staat, der nur existieren kann, indem er st\u00e4ndig Menschen in der gesamten Region bombardiert und ermordet, ist meinem Verst\u00e4ndnis nach nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie das n\u00e4her erl\u00e4utern?<\/strong><\/p>\n<p>Machen Sie sich Folgendes einmal klar: Israel macht das nicht erst seit einem Jahr. Die meisten L\u00e4nder auf der Welt k\u00f6nnen sich an einer kurzen Milit\u00e4raktion beteiligen, um ihre nationalen Interessen zu sch\u00fctzen. Aus israelischer Sicht wird das aber noch Jahrzehnte lang so weitergehen. Die israelischen Politiker glauben nicht wirklich, dass sie den pal\u00e4stinensischen Widerstand stoppen k\u00f6nnen. Sie haben keine Alternative, als permanent Krieg zu f\u00fchren. Der einzige Plan, den Politiker wie die neozionistischen, messianistischen Minister haben, ist, das gesamte Gebiet des historischen Pal\u00e4stinas vollst\u00e4ndig von Arabern zu s\u00e4ubern. Sie sagen sich: \u00bbWir werden einen regionalen Krieg anzetteln, und dann wird uns die ganze Region respektieren und Pal\u00e4stina als Idee, Volk und Land ausgel\u00f6scht werden.\u00ab Doch damit werden sie nicht erfolgreich sein. Aber bei dem Versuch, ihr Ziel zu erreichen, werden sie viel Zerst\u00f6rung anrichten. Historisch gesehen ist das einfach keine nachhaltige Strategie, insbesondere nicht f\u00fcr ein Land, das seinen B\u00fcrgern versprochen hat, Teil Westeuropas zu sein und an der europ\u00e4ischen Kultur, Lebensweise und am europ\u00e4ischen Lebensstandard teilzuhaben. All diese Versprechen sind nicht einl\u00f6sbar, wenn man st\u00e4ndig gegen die Pal\u00e4stinenser, die Libanesen, die Jemeniten, die Iraker und die arabische Welt insgesamt k\u00e4mpft.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie, dass Politiker in den USA und Europa sich bewusst sind, dass es vermutlich mit Israel nicht ewig so weitergehen wird?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass sie irgendetwas sehen, das nicht in ihrem eigenen Interesse liegt. Westliche Politiker haben schon vor langer Zeit aufgeh\u00f6rt, sich mit den Sorgen der Menschen zu befassen. Sie k\u00fcmmern sich um ihre eigenen Belange. Ihr Anliegen ist es, an der Macht zu bleiben. Und solange das Verhalten der Israelis nicht ihre Position und Legitimit\u00e4t in ihrer eigenen Gesellschaft gef\u00e4hrdet, sind sie blind f\u00fcr alles andere. Wenn ihre W\u00e4hlerschaft dies jedoch erkennen w\u00fcrde, und sagen w\u00fcrde: \u00bbMoment mal, ihr unterst\u00fctzt etwas, das nicht nur f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser schlecht ist, sondern auch f\u00fcr die Juden\u00ab, dann w\u00fcrden Politiker vielleicht anfangen, die richtige Analyse zu nutzen und vielleicht sogar einen positiven Beitrag zur Ver\u00e4nderung der Realit\u00e4t leisten. Aber im Moment sind westliche Politiker noch \u00fcberzeugt, dass Israel das Pferd ist, auf das sie weiterhin setzen wollen &#8211; und nicht die Pal\u00e4stinenser. Das ist kurzsichtig.<\/p>\n<p><strong>Wird man diese Entscheidung sp\u00e4ter bereuen? <\/strong><\/p>\n<p>Ich denke ja. Weil es die Beziehungen zur arabischen Welt, zur muslimischen Welt und zu der eigenen arabischen und muslimischen Bev\u00f6lkerung weiter verkompliziert. Politiker im Westen gehen ein gro\u00dfes Risiko ein, indem sie das Israel unterst\u00fctzen, das im Jahr 2024 existiert. Dieses Israel, das von den internationalen Gerichtsh\u00f6fen als Apartheidstaat definiert wird, der V\u00f6lkermord und ethnische S\u00e4uberungen betreibt.<\/p>\n<p><strong>Gro\u00dfbritannien und die USA sind traditionelle Verb\u00fcndete Israels. Sie haben k\u00fcrzlich ein Buch \u00fcber die proisraelische Lobbyarbeit auf \u00bbbeiden Seiten des Atlantiks\u00ab ver\u00f6ffentlicht. K\u00f6nnen Sie erkl\u00e4ren, wie der Zionismus, der urspr\u00fcnglich von einer Mehrheit der Juden abgelehnt wurde, zu einer so einflussreichen Idee wurde?<\/strong><\/p>\n<p>Der Zionismus als Ideologie wurde in zwei Phasen einflussreich. In der ersten, von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, war er bei den meisten Juden nicht sonderlich beliebt, weil er nichtj\u00fcdischen Interessen diente &#8211; in erster Linie dem britischen Imperialismus. Der Aufbau eines j\u00fcdischen Staates in Pal\u00e4stina entsprach den britischen Interessen im Nahen Osten. Weil also die wichtigste Macht zu dieser Zeit den Zionismus unterst\u00fctze, wurde er von einer Randposition im Judentum zu einer wichtigen internationalen Bewegung. Dann, nach dem Holocaust, begannen viele Juden zu glauben, dass der Zionismus wegen des V\u00f6lkermords an den Juden in Europa vielleicht doch einen Sinn haben k\u00f6nnte. Und auch die Tatsache, dass viele westliche L\u00e4nder keine j\u00fcdischen Gefl\u00fcchteten aufnahmen, die es nicht unbedingt nach Pal\u00e4stina zog, sondern die schlicht ein Leben fern von den Nazis f\u00fchren wollten, hat dazu beigetragen. Es gab also diese beiden Prozesse, die dem Zionismus meiner Meinung nach einerseits moralische G\u00fcltigkeit und andererseits internationale Unterst\u00fctzung verliehen.<\/p>\n<p><strong>Warum braucht es dann \u00fcberhaupt proisraelische Lobbygruppen? <\/strong><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter erkannten immer mehr Menschen, dass Zionismus nur durch die Enteignung der Pal\u00e4stinenser existieren kann. Und dann geht es darum, wie sehr man sich f\u00fcr den Preis interessiert, den die Pal\u00e4stinenser f\u00fcr die L\u00f6sung eines europ\u00e4ischen Problems zahlen mussten und m\u00fcssen. Hier k\u00f6nnen Lobbygruppen Einfluss nehmen.<\/p>\n<p><strong>Auch die deutsche Unterst\u00fctzung f\u00fcr die israelische Politik bleibt eisern. \u00bbWir haben Waffen geliefert, und wir werden Waffen liefern\u00ab, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz im Bundestag. Die Au\u00dfenministerin verteidigte, dass zivile Ziele ihren \u00bbSchutzstatus\u00ab verl\u00f6ren, wenn \u00bbTerroristen sie missbrauchen\u00ab. Wie erkl\u00e4ren Sie, dass Deutschland ein solch verl\u00e4sslicher Verb\u00fcndeter Israels ist? Gibt es in Deutschland \u00e4hnlich einflussreiche Lobbygruppen wie in den USA und in Gro\u00dfbritannien?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass man nach dem Holocaust eine starke Lobby in Deutschland gebraucht hat, um den Zionismus zu popularisieren. Der Grund daf\u00fcr ist, dass das \u00bbalte Deutschland\u00ab, insbesondere Westdeutschland, nach dem Holocaust und nach dem Zweiten Weltkrieg als Staat neu legitimiert werden musste. Die Vereinigten Staaten und Gro\u00dfbritannien wollten unter allen Umst\u00e4nden, dass Westdeutschland als das \u00bbneue Deutschland\u00ab definiert wird, als das entnazifizierte Deutschland &#8211; selbst bevor Deutschland \u00fcberhaupt entnazifiziert wurde. Aus diesem Grund war es f\u00fcr die westdeutsche F\u00fchrung zusammen mit den F\u00fchrern der restlichen westlichen Welt sehr einfach, die zionistische Idee zu akzeptieren, dass Israel alle Juden in der Welt repr\u00e4sentiert, einschlie\u00dflich aller Opfer des Holocaust. Im Gegenzug f\u00fcr eine israelische Legitimierung des \u00bbneuen Deutschlands\u00ab war dieses zur bedingungslosen und unanfechtbaren Unterst\u00fctzung verpflichtet &#8211; mit materieller, moralischer und diplomatischer Unterst\u00fctzung. Das war eine strategische Entscheidung. Und dieses Selbstverst\u00e4ndnis ist Teil der DNA der Bundesrepublik geworden, auch nach der Wiedervereinigung.<\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrden Sie die Antikriegsproteste in Deutschland in diesem Zusammenhang einordnen?<\/strong><\/p>\n<p>Wegen der Antikriegsproteste wird momentan in Deutschland das Gesetz als Repressionsmittel gebraucht. Die neue Generation in Deutschland f\u00fchlt sich nicht an die \u00dcbereinkunft zwischen Israel und dem \u00bbneuen Deutschland\u00ab gebunden. Und sie sehen sich nicht in Verantwortung f\u00fcr die Vergangenheit, weil sie viel sp\u00e4ter geboren sind. Diese neue Generation ist selbstbewusst &#8211; eine junge, demokratische, gewissenhafte Bewegung. Die jungen Menschen, die aktuell trotz Repression auf die Stra\u00dfe gehen, wissen genug \u00fcber Pal\u00e4stina und Israel, um zu erkennen, dass, egal wie sehr sie das verabscheuen, was Deutschland den Juden angetan hat, dies nicht rechtfertigt, was Israel den Pal\u00e4stinensern antut. Und hier braucht man dann eine Lobby, um Druck zu erzeugen.<\/p>\n<p>Die Politiker wollen sich immer noch an den Pakt aus den 1950er Jahren halten. Aber sie haben ein wachsendes Problem mit der Zivilgesellschaft. Einige Historiker meinen, dass Deutschland selbst ein siedlerkoloniales Projekt in Namibia hatte, und dass das zur Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Siedlerkolonialismus in Pal\u00e4stina beigetragen habe. Aber ich denke, der wichtigste Faktor ist die Manipulation der Erinnerung an den Holocaust durch Israel und Deutschland, womit die Entrechtung und Enteignung der Pal\u00e4stinenser gerechtfertigt wird.<\/p>\n<p><strong>Und selbst \u00fcber 70 Jahre nach dem \u00bbWiedergutmachungsabkommen\u00ab zwischen Israel und der Bundesrepublik sind Sie der Meinung, dass dies der entscheidende Faktor f\u00fcr die Haltung hiesiger Politiker zu dem Thema ist?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, das ist auch heute noch die treibende Kraft, ja. Wenn ein deutscher Mainstreampolitiker gegen diesen \u00bbDeal\u00ab ist, wird er sofort auf Lobbygruppen treffen, die behaupten, er sei Antisemit. Ich habe bereits betont: Politiker heute sind egozentrisch. Sie wollen gew\u00e4hlt werden und keine Kopfschmerzen haben. Selbst wenn deutsche Politiker hinter vorgehaltener Hand Kritik an Israel haben oder vielleicht sogar mit den Demonstranten sympathisieren, denken sie: \u00bbDas ist im Moment nicht gut f\u00fcr meine Karriere.\u00ab W\u00e4ren sie \u00fcberzeugt, dass das ihrem Fortkommen dient, w\u00fcrden sie wohl eine andere Politik machen.<\/p>\n<p><em>Quelle: \u00bbIsrael ist nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig\u00ab, Tageszeitung junge Welt, 23.11.2024<br \/>\nund: Rundbrief der Deutsch-Pal\u00e4stinensischen Gesellschaft e.V. v. 23.12.2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den 7. Oktober und die Zukunft des Zionismus. Ein Gespr\u00e4ch mit Ilan Pappe Interview: Karim Natour Ilan Pappe ist israelischer Historiker und Sozialist. Er ist Professor f\u00fcr Geschichte an&nbsp; der Universit\u00e4t von Exeter (Gro\u00dfbritannien) und Autor einer Reihe von &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=13811\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-13811","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13811","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13811"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13811\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13814,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13811\/revisions\/13814"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13811"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13811"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13811"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}