{"id":14179,"date":"2025-03-10T14:40:40","date_gmt":"2025-03-10T14:40:40","guid":{"rendered":"https:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=14179"},"modified":"2025-03-10T14:45:30","modified_gmt":"2025-03-10T14:45:30","slug":"charlotte-wiedemann-gaza-eine-chiffre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=14179","title":{"rendered":"Charlotte Wiedemann: &#8222;Gaza \u2013 eine Chiffre&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-11614 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2-450x300.jpg 450w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/wiedemann-2.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Charlotte Wiedemann bespricht hier vier B\u00fccher von vier international bekannten Intellektuellen. Gaza sei zu einem &#8222;globalen Zeichen&#8220; geworden. Weil seine Zerst\u00f6rung von westlichen Regierungen toleriert, geduldet und unterst\u00fctzt w\u00fcrde. Der Artikel von Wiedemann ist sehr lesens- und bedenkenswert. Erfreulich, dass er in der <a href=\"https:\/\/taz.de\/Staatsraeson-und-Trumpismus\/!6070301\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">taz vom 05.03.2025<\/a> erschien.&nbsp;<\/em><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Internationales Recht gilt in Gaza wie in der Ukraine. Wer das ignoriert, darf sich nicht als Verteidiger einer wertebasierten Ordnung aufspielen. Wenn US-Pr\u00e4sident Donald Trump den Gazastreifen als Immobilie behandelt, ist dies der extremste Ausdruck dessen, was bereits vorher geschehen ist: die Menschen dort und ihr Lebensrecht wie eine Sache zu behandeln. Eine Sache f\u00fcr Deals; bei den Deutschen sind es erinnerungspolitische Deals. Gaza ist zur Chiffre geworden, anders als einst Vietnam, doch in manchem \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Gleich vier international bekannte Intellektuelle \u2013 es sind s\u00e4mtlich M\u00e4nner \u2013 umkreisen in ihren neuen B\u00fcchern, was den Gazastreifen zu diesem globalen Zeichen gemacht hat: Dass seine Zerst\u00f6rung von westlichen Regierungen toleriert, geduldet, unterst\u00fctzt wurde und was daraus folgt: ethisch, politisch, philosophisch. Keiner der Autoren macht es sich leicht; nat\u00fcrlich leugnet keiner die Hamas-Verbrechen, und die Ans\u00e4tze von Pankaj Mishra, Peter Beinhart, Didier Fassin und Enzo Traverso sind so unterschiedlich wie die jeweiligen Pr\u00e4gungen der Verfasser.<\/p>\n<p>Der indische Essayist <em>Pankaj Mishra<\/em> unternimmt, was im dekolonialen Lager oft vernachl\u00e4ssigt wird: Er schreitet das historische Tal der j\u00fcdischen Erfahrung ab, verkn\u00fcpft sie mit der Geschichte anderer Unterdr\u00fcckter und auf Befreiung Hoffender, blendet Martin Buber und Rabindranath Tagore zusammen. Mishra f\u00fchlt sich j\u00fcdischen Denkern verpflichtet und er sah die Shoah als universellen moralischen Referenzpunkt. Ob Gaza diese Referenz dauerhaft zerst\u00f6rt hat, treibt Mishra ebenso um wie den j\u00fcdisch-italienischen Historiker Enzo Traverso.<\/p>\n<p>Mishras Res\u00fcmee ist d\u00fcster: Israels Politik sei Vorbote einer neuen Welt, die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas kaum aufzuhalten. Die weltweite Solidarit\u00e4t habe \u201edie gro\u00dfe Einsamkeit der Pal\u00e4stinenser\u201c gelindert, dies berge immerhin Hoffnung. <em>Peter Beinhart<\/em>, US-amerikanischer Kolumnist, Journalismusprofessor und Ex-Zionist, sieht wie Mishra in der Zerst\u00f6rung Gazas \u201eein Symbol unserer Zeit\u201c.<\/p>\n<p>Doch ist sein Buch \u201eBeing Jewish after the Destruction of Gaza\u201c ein leidenschaftliches Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine neue j\u00fcdische Erz\u00e4hlung, in der Selbstschutz nicht mehr bedeute, andere zu unterwerfen, die Ohren vor ihren Schmerzensschreien zu verschlie\u00dfen und sich ein Unschuldszeugnis auszustellen. \u201eWir m\u00fcssen eine neue Geschichte erz\u00e4hlen, um auf den Horror zu antworten, den ein j\u00fcdischer Staat begangen hat, mit der Unterst\u00fctzung vieler Juden auf der Welt.\u201c<\/p>\n<p>Beinhart bekommt in den USA Morddrohungen rechtsradikaler Juden; dennoch h\u00e4lt er an einer Utopie fest, zu der ihn nicht zuletzt seine Jugend in S\u00fcdafrika inspirierte. So wie dort die Apartheid \u00fcberwunden wurde, k\u00f6nne auch Israel-Pal\u00e4stina ein humanistisches Fanal f\u00fcr die Menschheit setzen: \u201eWenn wir uns selbst von Suprematie befreien, k\u00f6nnen wir als Partner der Pal\u00e4stinenser helfen, die Welt zu befreien.\u201c Gaza, so Beinharts Hoffnung, m\u00f6ge zum Wendepunkt j\u00fcdischer Geschichte werden.<\/p>\n<p>Der Franzose <em>Didier Fassin<\/em>, Anthropologe und Arzt, war in seiner Forschung wie in der Leitung von M\u00e9decins Sans Fronti\u00e8res oft mit der Ungleichwertigkeit von Leben befasst \u2013 eine Kategorie, die nun im Zentrum seiner Schrift \u201eMoral Abdication\u201c steht, das moralische Abdanken der westlichen Regierungen. Die Zerst\u00f6rung Gazas geduldet oder unterst\u00fctzt zu haben, werde als ethisches Versagen eine unausl\u00f6schliche Spur im Gewissen der beteiligten Gesellschaften hinterlassen.<\/p>\n<p>\u201eWas das Ged\u00e4chtnis zweifellos am l\u00e4ngsten heimsuchen wird, ist die Ungleichheit von Leben, die auf der B\u00fchne von Gaza zur Schau gestellt wurde.\u201c Pankaj Mishra spricht im selben Zusammenhang von einer \u201einneren Wunde\u201c, von der Last der Trauer \u00fcber eine Schuld aus Verstrickung. Gibt es in Deutschland ein Bewusstsein dieser Selbstbesch\u00e4digung?<br \/>\n[&#8230;]<\/p>\n<p>Eine politische Freundschaft mit Israels Regierungs- und Staatspolitik ist f\u00fcr ein demokratisches Deutschland heute genauso wenig m\u00f6glich wie mit Trump. Die Staatsraison ist so ausgeh\u00f6hlt wie der Transatlantismus alter Art. Belege? In den Vereinten Nationen hat Israel beim Thema Ukraine die Gesellschaft von Nordkorea und Belarus gesucht. Trumps Vorschlag, den Gazastreifen ethnischen zu s\u00e4ubern, l\u00f6ste Jubel aus.<\/p>\n<p>Und k\u00fcnftig verwehrt Israel per Gesetz all jenen die Einreise, die eine v\u00f6lkerrechtliche Strafverfolgung von Vergehen seiner Sicherheitsorgane \u00f6ffentlich guthei\u00dfen. Parlamentarier, Medien und Menschenrechtsorganisationen, die internationalem Recht verpflichtet sind, gelten in Israel nun als feindliche Organe. Wer diesem verwegenen Autoritarismus schmeichelt, sollte auch von Trump schweigen. In der Welt nach Gaza ist Trumpismus nicht \u201edas ruchlose Andere\u201c, sondern l\u00e4ngst mitten unter uns, in Europa und in diesem verwirrten, driftenden Deutschland.&#8220;<\/p>\n<p>Der vollst\u00e4ndige Artikel in der <a href=\"https:\/\/taz.de\/Staatsraeson-und-Trumpismus\/!6070301\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">taz v. 05.03.2025<\/a>.&nbsp;<br \/>\nVgl. auch die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=129938#h07\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hinweise des Tages der NachDenkSeiten v. 10.03.2025<\/a><\/p>\n<p>Charlotte Wiedemann spricht a 19. M\u00e4rz 2025 im Tivolisaal des DGB-Hauses \u00fcber &#8222;Den Schmerz der anderen begreifen&#8220;. <a href=\"https:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?ai1ec_event=charlotte-wiedemann-den-schmerz-der-anderen-begreifen&amp;instance_id=678\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mehr Infos hier.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Charlotte Wiedemann bespricht hier vier B\u00fccher von vier international bekannten Intellektuellen. Gaza sei zu einem &#8222;globalen Zeichen&#8220; geworden. Weil seine Zerst\u00f6rung von westlichen Regierungen toleriert, geduldet und unterst\u00fctzt w\u00fcrde. Der Artikel von Wiedemann ist sehr lesens- und bedenkenswert. 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