{"id":1439,"date":"2014-10-18T09:26:05","date_gmt":"2014-10-18T07:26:05","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1439"},"modified":"2014-10-18T09:37:24","modified_gmt":"2014-10-18T07:37:24","slug":"der-zionismus-vor-seinem-historischen-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1439","title":{"rendered":"Der Zionismus vor seinem historischen Ende?"},"content":{"rendered":"<p><b><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" alt=\"\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/14-10-18-zuckermann-buch-200px.jpg\" width=\"200\" height=\"282\" \/>Moshe Zuckermanns neues Buch zeigt auf, in welche politische Ausweglosigkeit Israel durch seine Staatsideologie geraten ist<\/b><\/p>\n<p>Der politische Wind hat sich gedreht \u2013 nicht zuletzt durch den Angriff Israels auf den Gaza-Streifen im Sommer -, der nicht, wie Israel ihn darstellt, ein \u201eKrieg gegen den Terrorismus\u201c war, sondern ein weiteres gro\u00dfes Massaker an den Pal\u00e4stinensern, wie der zionistische Siedlerkolonialismus schon viele andere \u2013 von Deir Jassin bis Sabra und Schatila \u2013 begangen hat. Israel hat diesen \u201eKrieg\u201c gegen den Gaza-Streifen milit\u00e4risch nat\u00fcrlich gewonnen, was bei seiner gewaltigen milit\u00e4rischen \u00dcbermacht nicht verwundert, aber politisch hat es ihn verloren, denn die Welt beginnt \u2013 endlich! \u2013 zu begreifen, was sich in Israel\/Pal\u00e4stina wirklich abspielt. Siehe die weltweiten Proteste gegen die Politik des zionistischen Staates, die Erfolge der BDS-Kampagne und die Ank\u00fcndigung mehrerer Staaten, Pal\u00e4stina v\u00f6lkerrechtlich anzuerkennen.<!--more--><\/p>\n<p>Aber der letzte Gaza-Krieg hat Israel nicht nur viel Prestige gekostet, er wirft viel tiefer gehende Fragen auf, die die Zukunft des zionistischen Projektes \u00fcberhaupt betreffen. Genau um diesen Problemkreis geht es in Moshe Zuckermanns neuem Buch \u201eIsraels Schicksal. Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt\u201c. Seine Analysen und Prognosen f\u00fcr den Fortbestand des j\u00fcdischen Staates fallen im Ergebnis \u00e4u\u00dferst d\u00fcster und pessimistisch aus. Gleich zu Beginn seiner Ausf\u00fchrungen stellt er die Frage, warum das politische Establishment Israels und auch seine mehrheitliche Bev\u00f6lkerung so verblendet sind, dass sie nicht sehen k\u00f6nnen oder wollen, dass die Zeit gegen das zionistische Projekt arbeitet und dass es nicht mehr viel Spielraum nach vorn gibt, es also weniger als f\u00fcnf vor Zw\u00f6lf ist, um das Ruder noch herumzuwerfen.<\/p>\n<p>Er schreibt: \u201eEs ist an der Zeit zu fragen, ob besagte Ersch\u00fctterungen und \u00c4ngste [er meint hier vor allem die Folgen des Holocaust] sich mittlerweile nicht derma\u00dfen gr\u00fcndlich verdinglicht haben, dass sie den Bezug zum historischen Ursprung v\u00f6llig verloren haben und einzig nur noch als Mittel einer tiefer liegenden Angst fungieren: des Entsetzens vor der Erkenntnis, das gesamte zionistische Projekt sei einen steilen Abhang hinunter gerollt, und gerade jene, die seine Fahnen in \u00fcberbordendem Pathos und ideologischem \u00dcberschwang schwenken, seine Totengr\u00e4ber seien, F\u00f6rderer seines historischen Endes.\u201c<\/p>\n<p>Aus dieser Feststellung ergeben sich f\u00fcr Zuckermann weitere Fragen \u2013 vor allem die, warum der Zionismus sein Versprechen, den Juden der Welt eine sichere Heimst\u00e4tte zu errichten, in der sie in Frieden leben k\u00f6nnten, nicht einl\u00f6sen konnte. Dass \u2013 ganz im Gegenteil \u2013 die Juden heute als Individuen nirgendwo so bedroht seien wie in Israel und dass die n\u00e4chste Kollektivkatastrophe des j\u00fcdischen Volkes sich gerade hier ereignen k\u00f6nnte. Denn der Autor schlie\u00dft nicht aus, dass die F\u00fchrer dieses Staates mit Hilfe einer emp\u00f6renden Instrumentalisierung des Holocaust ein milit\u00e4risches Abenteuer rechtfertigen w\u00fcrden \u2013 damit aber eine reale Katastrophe f\u00fcr die israelische Bev\u00f6lkerung heraufbeschw\u00f6ren w\u00fcrden. Gemeint ist nat\u00fcrlich ein Angriff auf den Iran, den Israels Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanjahu so oft und begierig eingefordert hat. Zuckermann sieht aber nicht nur das israelische Establishment in der Verantwortung, sondern auch die israelische Bev\u00f6lkerung, die ideologisch verblendet, passiv und in unpolitischer Apathie den politischen Weg unterst\u00fctze, der zwangsl\u00e4ufig in den Abgrund f\u00fchre.<\/p>\n<p>Als Gr\u00fcnde f\u00fcr diese d\u00fcstere Prognose f\u00fchrt der Autor zuerst eine sozusagen mit objektiver Notwendigkeit sich vollziehende Entwicklung an: Wenn Israel die Beendigung des Konflikts mit den Pal\u00e4stinensern durch die Zwei-Staaten-L\u00f6sung ablehnt und auch die Errichtung eines bi-nationalen Staates verwirft, in dem Juden und Pal\u00e4stinenser als gleichwertige und gleichberechtigte B\u00fcrger gemeinsam leben w\u00fcrden, bleibt nur die dritte Option: und die w\u00e4re \u2013 infolge des gr\u00f6\u00dferen Zuwachses der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung \u2013 ein Apartheidsstaat, in dem die israelischen Juden eine Minderheit bilden w\u00fcrden. Dass diese Minderheit die Macht freiwillig abgibt, ist aber ausgeschlossen. Eine solche \u201eL\u00f6sung\u201c w\u00e4re aber keine, weil sie weder von den Pal\u00e4stinensern noch von den Staaten des Westens akzeptiert w\u00fcrde. Israel w\u00fcrde in diesem Fall die Herrschaft \u00fcber die Pal\u00e4stinenser noch brutaler aus\u00fcben, als es das jetzt schon tut. Das w\u00e4re dann vermutlich nur in einer Diktatur m\u00f6glich. Jede dieser Optionen w\u00fcrde aber das Ende des Zionismus bedeuten.<\/p>\n<p>Israel hat sich hat sich durch seine Okkupationspolitik, die auf den \u201etriumphalen Sieg\u201c im Krieg von 1967 zur\u00fcckgeht, also selbst in die politische Sackgasse man\u00f6vriert, aus der es nun keinen Ausweg mehr gibt. Und da die israelische Politik hin- und hergerissen ist zwischen der Einsicht, dass der R\u00fcckzug aus den besetzten Gebieten \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes \u2013 <i>notwendig<\/i> ist, um die Zukunft des Staates zu sichern, und der Angst vor dem Frieden und dem Preis den man daf\u00fcr zahlen muss, passiert gar nichts, was eine apolitische Stagnation zur Folge hat, die den Druck des Dilemmas aber nur stetig vergr\u00f6\u00dfert.<\/p>\n<p>Zuckermann sagt auch ganz deutlich \u2013 und das ist der Kern des Dilemmas: \u201eIsrael will den Frieden nicht. Es kann ihn nicht wollen, weil ein realer Frieden den Abschied von einem tief eingefr\u00e4sten Muster seines Selbstverst\u00e4ndnisses, die Aufl\u00f6sung der Matrix seines ideologischen Selbstbildes abfordern w\u00fcrde. Die israelische politische Kultur kennt nur \u201aSicherheit\u2018 als begreifbare Substanz ihres Selbstverst\u00e4ndnisses.\u201c Damit hat er die beiden Grundz\u00fcge des Zionismus angesprochen: Expansionismus (die Eroberung von Boden) und Selbstviktimierung (die Ideologie, dass nur die Israelis \u201aOpfer\u2018 sind). Die expansive gewaltsame Landnahme war von Anfang an <i>der<\/i> Grundantrieb des Zionismus \u2013 sowohl des urspr\u00fcnglich s\u00e4kularen und des heute vorherrschenden religi\u00f6sen. Denn das Konzept eines j\u00fcdischen Staates war zun\u00e4chst nur als Idee da. Um ihn realisieren zu k\u00f6nnen, musste das Territorium (eben Pal\u00e4stina) gewaltsam in Besitz genommen werden \u2013 St\u00fcck um St\u00fcck. Die Rechtfertigung hierf\u00fcr lieferten die Religion (\u201eGott hat den Juden das Land gegeben\u201c) und die zionistische Ideologie (\u201edas Volk ohne Land kommt in das Land ohne Volk\u201c). Dass das Land voll bewohnt und vergeben war, wussten die Zionisten sehr wohl, aber dieses Argument z\u00e4hlte f\u00fcr sie nicht, weil die Pal\u00e4stinenser f\u00fcr sie gar nicht als vollwertige Menschen galten. An dieser Einstellung hat sich nichts ge\u00e4ndert. Heute hat der Zionismus das ganze Land im Griff und will nichts davon abgeben, das w\u00e4re \u201eVerzicht\u201c und der ist undenkbar. Es sei an Jitzhak Rabin erinnert, der dazu bereit war und diese Kompromissbereitschaft mit dem Leben bezahlen musste. Ein R\u00fcckzug aus den besetzten Gebieten k\u00f6nnte B\u00fcrgerkrieg unter Juden bedeuten.<\/p>\n<p>Zum Wesen der zionistischen Ideologie geh\u00f6rt aber auch die Selbstviktimierung, also die Ideologisierung der j\u00fcdischen Leidenserfahrung , besonders des Holocaust. Soll hei\u00dfen \u2013 so Zuckermann &#8211; , die Israelis gedenken der Opfer gar nicht mehr im Stande ihres Opfer-Seins, sondern ma\u00dfen sich selbst den Opferstatus an, um ihn instrumentalisieren zu k\u00f6nnen und politisches Kapital daraus zu schlagen: \u201eDer Begriff des Opfer-T\u00e4terverh\u00e4ltnisses wird so auf das Sch\u00e4ndlichste entleert und nachgerade verkehrt.\u201c An anderer Stelle schreibt er, dass die wirklichen Opfer auf diese Weise \u201everraten\u201c w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Diese Opfer-Mentalit\u00e4t und \u2013Ideologie f\u00fchrt aber automatisch zu der Unm\u00f6glichkeit, andere als Opfer anzuerkennen. Und so muss die israelische Politik verdr\u00e4ngen, was sie in Jahrzehnten den Pal\u00e4stinensern an furchtbaren Unrecht angetan hat. Die Leiden der Pal\u00e4stinenser werden also vollst\u00e4ndig ausgeblendet. Die israelische Politik braucht ein Feindbild, um ihr eigenes ideologisches Selbstbild aufrecht erhalten zu k\u00f6nnen. W\u00fcrde sie es aufgeben und die Pal\u00e4stinenser (auch die Hamas) entd\u00e4monisieren, m\u00fcsste man sich mit der eigenen Schuld auseinandersetzen \u2013 und das geht nicht, daf\u00fcr sind die psychischen und ideologischen H\u00fcrden viel zu hoch. Das Selbstbildnis des Zionismus muss intakt bleiben, er darf sich nicht durch historische T\u00e4terschaft besudelt haben.<\/p>\n<p>Zwischen Expansionismus und der Opferideologie besteht ein enger Zusammenhang.\u00a0 Zuckermann beschreibt ihn so: \u201eJe mehr sich Israel in der Gewaltaus\u00fcbung der Okkupation verfing, desto intensiver steigerte sich die Emphase der Selbstviktimierung, mithin die Apostrophierung aller Kritik an Israels Politik als Antisemitismus. Es geht dabei um bewusste ideologische Manipulation, was nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen sollte, dass in der Manipulation auch eine Schuldabwehr angelegt ist.\u201c Israel kann und darf die Schuld an den Pal\u00e4stinensern nicht zugeben, will es mit sich im Reinen leben. Genau dieser Sachverhalt der Aktivierung des Antisemitismus-Vorwurfes trat w\u00e4hrend des Gaza-Krieges im Sommer deutlich zu Tag: je brutaler Israel dort Gewalt aus\u00fcbte, desto lauter t\u00f6nte dieser Vorwurf.<\/p>\n<p>Moshe Zuckermann hat in seinem neuen Buch eine gl\u00e4nzende und tabulose Analyse der zionistischen Ideologie \u2013 ihrer Grundannahmen, Paradoxien und Widerspr\u00fcche \u2013 vorgelegt. Man versteht nach der Lekt\u00fcre, warum der Frieden im Nahen Osten unm\u00f6glich ist. Eine gerechte L\u00f6sung der v\u00f6llig verfahrenen Situation kann auf Grund der v\u00f6llig asymmetrischen Machtverh\u00e4ltnisse nur von Israel kommen, aber Verzicht und Kompromissbreitschaft schlie\u00dft der Zionismus aus. Die ganze perspektivlose Aporie kann Zuckermann nat\u00fcrlich auch nicht aufl\u00f6sen, aber er hat einen bedeutenden Beitrag zum Verst\u00e4ndnis dazu geleistet, warum die Lage in Israel\/Pal\u00e4stina so hoffnungs- und aussichtslos ist. Das ist schon eine ganze Menge.<\/p>\n<p><em>Arn Strohmeyer<\/em><\/p>\n<p><b>Moshe Zuckermann: Israels Schicksal. Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt, Promedia Verlag Wien, 17,90 Euro<\/b><\/p>\n<p>17.10.2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moshe Zuckermanns neues Buch zeigt auf, in welche politische Ausweglosigkeit Israel durch seine Staatsideologie geraten ist Der politische Wind hat sich gedreht \u2013 nicht zuletzt durch den Angriff Israels auf den Gaza-Streifen im Sommer -, der nicht, wie Israel ihn &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1439\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3,7],"tags":[],"class_list":["post-1439","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-buchtipps"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1439","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1439"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1439\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1443,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1439\/revisions\/1443"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1439"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1439"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}