{"id":1495,"date":"2014-11-05T09:14:23","date_gmt":"2014-11-05T08:14:23","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1495"},"modified":"2014-11-06T09:19:01","modified_gmt":"2014-11-06T08:19:01","slug":"warum-fuer-israel-frieden-unmoeglich-ist-der-zionismus-und-die-unfaehigkeit-zu-trauern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1495","title":{"rendered":"Warum f\u00fcr Israel Frieden unm\u00f6glich ist:  Der Zionismus und die Unf\u00e4higkeit zu trauern"},"content":{"rendered":"<p><b>Die Weigerung, das Unrecht an den Pal\u00e4stinensern aufzuarbeiten, f\u00fchrt zur totalen politischen Stagnation\/ Parallelen zur politischen Situation der Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren<\/b><\/p>\n<p><b>Arn Strohmeyer<\/b><\/p>\n<p>Israel ist krank, das hat k\u00fcrzlich sogar der Pr\u00e4sident dieses Staates, Reuven Riflin, im Zusammenhang mit der Gewalt konstatiert, die in der israelischen Gesellschaft immer mehr um sich greift. Er meine damit aber nicht nur die Gewalt gegen die Pal\u00e4stinenser, die halten er und die meisten Israelis wohl f\u00fcr \u201enormal\u201c, wenn man sie denn \u00fcberhaupt wahrnimmt. Nein, er meint die zunehmende Gewalt unter j\u00fcdischen Israelis, also Gewalt unter Juden, was eigentlich gar nicht sein darf.<!--more--> Sie sei inzwischen in alle Bereiche der israelischen Gesellschaft eingedrungen, sagt Rivlin. Kenner der israelischen Verh\u00e4ltnisse hatten das schon lange vorhergesagt. Denn die t\u00e4gliche Gewalt der Israelis in den besetzten Gebieten gegen die Pal\u00e4stinenser musste auch in der eigenen Gesellschaft ihre Folgen zeitigen: Wer in \u201eFeindesland\u201c sich st\u00e4ndig r\u00fccksichtslos und brutal auff\u00fchrt, wird diese Verhaltensweisen auch zu Hause nicht ablegen k\u00f6nnen und sich dort wie ein braves Lamm benehmen. Und die Siedler haben ohnehin Narrenfreiheit, \u201esie d\u00fcrfen alles\u201c \u2013 die Sicherheitskr\u00e4fte schauen ihrem Treiben tatenlos zu, wenn sie ihre Gewaltorgien gegen die Pal\u00e4stinenser feiern. Pr\u00e4sident Rivlin hat also Recht \u2013 die Zust\u00e4nde in Israel sind \u00e4u\u00dferst besorgniserregend.<\/p>\n<p>Der Staat, der vorgibt, das Erbe der Holocaust-Opfer zu vertreten, muss sich heute selbst den Vorwurf des Rassismus gefallen lassen. Der israelische Historiker Shlomo Sand schreibt: \u201eMir ist bewusst, dass ich in einer der rassistischsten Gesellschaften der westlichen Welt lebe. Rassismus ist bis zu einem gewissen Grad \u00fcberall vorhanden, aber in Israel existiert er bis tief in die Gesetze hinein. Er wird in den Schulen und Hochschulen gelehrt, in den Medien verbreitet und \u00fcber allem und am schrecklichsten: In Israel wissen die Rassisten nicht, was sie tun und deshalb f\u00fchlen sie sich auch nicht verpflichtet, sich zu entschuldigen. Diese Abwesenheit eines Bed\u00fcrfnisses f\u00fcr Selbstgerechtigkeit hat Israel zu einem besonders wertvollen Bezugspunkt f\u00fcr viele Bewegungen der politischen Rechten in der Welt gemacht, deren vergangene Geschichte und N\u00e4he zum Antisemitismus nur zu gut bekannt sind. (&#8230;) Das Wichtigste, falls man es momentan vergessen hat: Bevor wir Ideen vorbringen, die Israels Identit\u00e4tspolitik \u00e4ndern, m\u00fcssen wir zuerst uns selbst von der verhassten und endlosen Besatzung frei machen, die uns auf den Weg zur H\u00f6lle f\u00fchrt.\u201c Die Einsicht, dass der gegenw\u00e4rtige Zustand, in dem Israel die Pal\u00e4stinenser auf engstem Raum hinter Mauern einfach wegsperrt, unhaltbar ist, beginnt sich auch in den Staaten des Westens langsam durchzusetzen.<\/p>\n<p>Diese Tatsachen sind schlimm genug, aber noch schlimmer, ja unertr\u00e4glich ist es, dass Israel eine Regierung hat, die nicht nur nichts gegen diese unhaltbaren Zust\u00e4nde tut, sondern sie politisch aktiv bef\u00f6rdert \u2013 was auf eine politische Stagnation, ja einen v\u00f6lligen Immobilismus in der israelischen Politik verweist, der die ganze Gesellschaft l\u00e4hmt. Wie ernst und perspektivlos die Situation dabei f\u00fcr Israel und seine Staatsideologie, den Zionismus, ist, schildert der Sozialwissenschaftler und Philosoph Moshe Zuckermann in seinem neuen Buch <i>Israels Schicksal. Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt<\/i>. Danach steht Israel vor einer historischen Entscheidung, der wichtigsten und bedeutendsten seit der Gr\u00fcndung des Staates 1948. Israel kann sich f\u00fcr die Zwei-Staaten-L\u00f6sung entscheiden, d.h. die Pal\u00e4stinenser erhalten ihren souver\u00e4nen und lebensf\u00e4higen Staat. Diese Version w\u00fcrde aber bedeuten, dass Israel das Westjordanland r\u00e4umen muss, wozu aber die meisten Israelis sowie die orthodoxen und nationalreligi\u00f6sen Siedler unter gar keinen Umst\u00e4nden bereit sind. Zuckermann schlie\u00dft f\u00fcr diesen Fall einen B\u00fcrgerkrieg nicht aus.<\/p>\n<p>Diese Zwei-Staaten-L\u00f6sung hat also so gut wie keine Chancen realisiert zu werden \u2013 nicht zuletzt auch wegen der immensen Summen, die der Staat Israel in die Infrastruktur und den Siedlungsbau im Westjordanland investiert hat. Es bleibt die bi-nationale L\u00f6sung, die automatisch eintritt, wenn Israel das Westjordanland nicht freigibt. Es w\u00fcrde dann dieses Gebiet annektieren samt seiner pal\u00e4stinensischen Einwohner. In einem solchen Staat m\u00fcssten Juden und Pal\u00e4stinenser als gleichwertige und gleichberechtigte B\u00fcrger gemeinsam leben. Da es v\u00f6llig undenkbar ist, dass Israel einer solchen Option zustimmt, w\u00fcrde Israel zwangsl\u00e4ufig zu einem Staat, in dem eine j\u00fcdische Minorit\u00e4t \u00fcber eine pal\u00e4stinensische Mehrheit herrscht. Das w\u00fcrde aber bedeuten: Israel w\u00fcrde zu einem Apartheidsstaat im vollen Sinne des Wortes. Weder der Westen noch die Pal\u00e4stinenser w\u00fcrden diese M\u00f6glichkeit akzeptieren \u2013 Israel w\u00e4re vollst\u00e4ndig isoliert. Das ist die Sackgasse oder das Dilemma, in dem sich der zionistische Staat befindet und aus dem es keinen Ausweg gibt. Zuckermann folgert daraus: \u201eDie Verweigerung der Zwei-Staaten-L\u00f6sung bedeutet, so besehen, die Beschleunigung des historischen Endes des zionistischen Projekts. Nichts f\u00fchrt an dieser Schlussfolgerung vorbei.\u201c<\/p>\n<p>An diese Feststellung schlie\u00dft sich automatisch die entscheidende Frage an: Warum beschreitet die israelische Politik einen Weg, der zwangsl\u00e4ufig zum Ende des Zionismus und damit auch des Staates Israel f\u00fchren muss? Oder anders gesagt: Warum erweist sich die israelische Politik als v\u00f6llig unf\u00e4hig, einer wirklichen Friedensoption zuzustimmen, um so die weitere Existenz des Staates zu sichern? Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst das Faktum, dass die Gewalt von Anfang an ein ganz wesentliches Merkmal der zionistischen Ideologie und des Staates Israel ist. Der Zionismus, also die Staatsideologie des heutigen Staates Israel, entstand als eine Reaktion auf den europ\u00e4ischen Nationalismus, Kolonialismus und Antisemitismus, die im 19. Jahrhundert eine bedeutende Rolle spielten. Der Zionismus kreierte am Ende des 19. Jahrhunderts die Idee, einen Staat der Juden in Pal\u00e4stina zu schaffen.<\/p>\n<p>Am Anfang stand also eine Idee, ohne dass es bereits ein Territorium f\u00fcr die Realisierung der Idee gab, das musste erst noch erobert werden, denn Pal\u00e4stina war ein von Arabern voll bewohntes Land, das damals zum Osmanischen Reich geh\u00f6rte. Die Zionisten erhielten f\u00fcr ihr Vorhaben die Unterst\u00fctzung der Kolonialmacht England. Frankreich und England hatten ja nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches den Nahen Osten unter sich aufgeteilt. Und England war bestrebt, mit Hilfe der Zionisten in den Region einen Vorpostenstaat zu schaffen und erhielt auch 1920 das Mandat des V\u00f6lkerbundes f\u00fcr das Land.<\/p>\n<p>Als Rechtfertigung, sich dieses Land anzueignen, beriefen sich die Zionisten, obwohl selbst s\u00e4kular, auf die j\u00fcdische Religion, genau auf das Alte Testament, in dem es ja hei\u00dft, dass Gott den Juden das Land geschenkt habe. Zum anderen kreierten sie die Losung: \u201eDas Volk ohne Land kommt in das Land ohne Volk.\u201c Diese Parole entsprach nat\u00fcrlich nicht der Wirklichkeit, das Land war ja bereits seit Jahrhunderten von einem Volk bewohnt. Ab 1880 siedelten in Pal\u00e4stina eingewanderte Zionisten. Sie betrachteten die indigenen Bewohner aber aus ihrer kolonialistischen Sicht heraus gar nicht als Menschen, sie existierten f\u00fcr sie gar nicht, insofern konnten sie das Land auch als \u201eleer\u201c bezeichnen. Das erinnert stark an den Umgang der Wei\u00dfen mit den Ureinwohnern in Amerika und Australien.<\/p>\n<p>Die israelische Gesellschaft ist bis heute eine siedlerkolonialistische Bewegung. Was hei\u00dft das? \u201eDer reine Siedlerkolonialismus, f\u00fcr den Israel ein Beispiel ist, strebt danach, die einheimische Bev\u00f6lkerung durch eine eingewanderte Siedlerbev\u00f6lkerung vollst\u00e4ndig zu ersetzen. Die Grenzen werden dabei stets weiter vorgeschoben und die einheimische Bev\u00f6lkerung auf stets kleiner werdenden Fl\u00e4chen zusammengedr\u00e4ngt, um ihr Land und ihre Ressourcen f\u00fcr die Siedlerbev\u00f6lkerung freizumachen. Charakteristisch f\u00fcr siedlerkolonialistische Gebilde sind neben territorialer Expansion ein ausgepr\u00e4gter Rassismus in der Siedlerbev\u00f6lkerung und die Behauptung, das Land sei menschenleer gewesen, als die Siedler kamen.\u201c (Petra Wild) Nach dieser Definition versteht man, warum Israel der einzige Staat auf der Welt ist, der keine festen Grenzen hat.<\/p>\n<p>Siedlerkolonialistischen Bewegungen wie dem Zionismus wohnt also notgedrungen das Element der Gewalt inne. Diese Einstellung macht allein den Frieden mit den Kolonisierten, Besetzten und Unterdr\u00fcckten unm\u00f6glich. Dazu kommt bei Israel die Selbstviktimierung, also die Ideologie des Selbst-Opfer-Seins. In Bezug auf den Holocaust hei\u00dft das in der Formulierung von Moshe Zuckermann: Die Israelis gedenken in ihrer Erinnerungskultur der Opfer gar nicht mehr im Stande ihres Opfer-Seins, sondern ma\u00dfen sich selbst den Opferstatus an, um ihn instrumentalisieren und aus ihm politisches Kapital schlagen zu k\u00f6nnen. Zuckermann schreibt: \u201eDer Begriff des Opfer-T\u00e4ter-Verh\u00e4ltnisses wird so auf das Sch\u00e4ndlichste entleert und nachgerade verkehrt.\u201c An anderer Stelle schreibt er, dass die wirklichen Opfer auf diese Weise \u201everraten\u201c w\u00fcrden. Eine solche Haltung macht eine Gesellschaft aber friedensunf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Denn diese Opfer-Mentalit\u00e4t und -Ideologie f\u00fchrt automatisch zu der Unm\u00f6glichkeit, andere als Opfer anzuerkennen. Und so muss die israelische Politik verdr\u00e4ngen, was sie in Jahrzehnten den Pal\u00e4stinensern an furchtbarem Unrecht angetan hat. Die Leiden der Pal\u00e4stinenser werden also vollst\u00e4ndig ausgeblendet. Die israelische Politik braucht ein Feindbild, um ihr eigenes ideologisches Selbstbild aufrecht erhalten zu k\u00f6nnen. W\u00fcrde sie es aufgeben und die Pal\u00e4stinenser (auch die Hamas) entd\u00e4monisieren, m\u00fcsste man sich mit der eigenen Schuld auseinandersetzen \u2013 und das geht nicht, daf\u00fcr sind die psychischen und ideologischen H\u00fcrden viel zu hoch. Das Selbstbildnis des Zionismus muss intakt bleiben, er darf sich nicht durch historische T\u00e4terschaft besudelt haben.<\/p>\n<p>Zwischen Expansionismus und der Opferideologie besteht ein enger Zusammenhang.\u00a0 Zuckermann beschreibt ihn so: \u201eJe mehr sich Israel in der Gewaltaus\u00fcbung der Okkupation verfing, desto intensiver steigerte sich die Emphase der Selbstviktimierung, mithin die Apostrophierung aller Kritik an Israels Politik als Antisemitismus. Es geht dabei um bewusste ideologische Manipulation, was nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen sollte, dass in der Manipulation auch eine Schuldabwehr angelegt ist.\u201c Israel kann und darf die Schuld an den Pal\u00e4stinensern nicht zugeben, will es mit sich im Reinen leben. Genau dieser Sachverhalt der Aktivierung des Antisemitismus-Vorwurfes trat w\u00e4hrend des Gaza-Krieges im Sommer deutlich zu Tag: je brutaler Israel dort Gewalt aus\u00fcbte, desto lauter t\u00f6nte dieser Vorwurf, der vor allem die Funktion hat, jede Diskussion \u00fcber Israels Vorgehen zu ersticken.<\/p>\n<p>Was bedeutet das f\u00fcr die Schaffung eines gerechten Friedens zwischen Israel und den Pal\u00e4stinensern? 1. Auf Grund der v\u00f6llig asymmetrischen Machtverh\u00e4ltnisse zwischen Kolonisten und Kolonisierten, Besatzern und Besetzten kann eine L\u00f6sung nur von Israel kommen. Die Pal\u00e4stinenser sind in diesem Prozess nur Objekt, kein Subjekt. 2. Israel ist gegen jede Friedensl\u00f6sung. Moshe Zuckermann schreibt dazu: \u201eIsrael will den Frieden nicht. Es kann ihn nicht wollen, weil ein realer Frieden den Abschied von einem tief eingefr\u00e4sten Muster des Selbstverst\u00e4ndnisses, die Aufl\u00f6sung seines ideologischen Selbstbildes bedeuten w\u00fcrde. Die israelische politische Kultur kennt nur \u201aSicherheit\u2018 als begreifbare Substanz ihres Selbstverst\u00e4ndnisses\u201c, Verzicht und Kompromissbereitschaft kennt der Zionismus nicht.<\/p>\n<p>All dies \u2013 das israelische Verst\u00e4ndnis des Holocaust samt der Ideologie, selbst Opfer zu sein, und der Instrumentalisierung der wirklichen Opfer, die daraus folgende Unf\u00e4higkeit, die eigene Schuld gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern anzuerkennen und die sich daraus wiederum ergebende Unf\u00e4higkeit zum Frieden sowie die Fortsetzung der gewaltsamen siedlerkolonialistischen Politik auf pal\u00e4stinensischem Land \u2013 all dies macht deutlich, was Alfred Grosser mit seinem Satz gemeint hat: \u201eWer Hitler absch\u00fctteln will, muss heute die Pal\u00e4stinenser verteidigen.\u201c Als Begr\u00fcndung zu diesem Satz muss man erg\u00e4nzen: Weil Pal\u00e4stinenser inzwischen die Opfer sind, die Opfer der Opfer. Damit habe ist das Verh\u00e4ltnis von Israel zu den Pal\u00e4stinensern skizziert.<\/p>\n<p>Aus dem Gesagten ergeben sich die Grundmaximen der heutigen israelisch-zionistischen Politik. Sie lauten:<\/p>\n<ol>\n<li>\u201eIsrael ist das Opfer unvers\u00f6hnlichen Hasses von Seiten der friedensunwilligen Araber und k\u00e4mpft deshalb um seine Existenz. Da sie \u2013 und die Pal\u00e4stinenser im Besonderen \u2013 unsere ewigen Feinde sind, ist der Konflikt eine Alles- oder Nichts-Situation: entweder \u201awir\u2018 gewinnen oder \u201asie\u2018.<\/li>\n<li>Der Kern des Konflikts ist der pal\u00e4stinensische Terrorismus. Als friedensliebende Demokratie und Opfer von Aggressionen tr\u00e4gt Israel keine Verantwortung f\u00fcr Entstehen oder Andauern des Konflikts. Da die Bedrohung Israels existentiell ist und Israels Politik ausschlie\u00dflich der Sorge um seine Sicherheit gehorcht, ist es jeder Verantwortlichkeit f\u00fcr seine Handlungen gem\u00e4\u00df den Konventionen von Menschen- und V\u00f6lkerrecht oder UNO-Resolutionen enthoben. Die Israelis behaupten also, nicht dem V\u00f6lkerrecht zu unterliegen und ein Sonderrecht zu genie\u00dfen.<\/li>\n<li>Es gibt keine Besatzung.<\/li>\n<li>Da eine politische L\u00f6sung nicht m\u00f6glich ist, muss bei jeder zuk\u00fcnftigen Regelung die Kontrolle \u00fcber das gesamte Land, einschlie\u00dflich der Pal\u00e4stinenser, Israel vorbehalten bleiben. Dennoch, um ein j\u00fcdischer Staat zu bleiben, muss Israel einen pal\u00e4stinensischen Staat etablieren, damit es sich demographisch von dieser Bev\u00f6lkerung \u201abefreit\u2018. Dieser Staat muss allerdings aus Sicherheitsgr\u00fcnden zurechtgestutzt und von Israel eingekreist werden; er darf nicht lebensf\u00e4hig und darf nur semi-souver\u00e4n sein.\u201c (Jeff Halper)<\/li>\n<\/ol>\n<p>Dieses Politikkonzept ist bereits gescheitert und hat keine Zukunft, es musste scheitern, weil es eine v\u00f6llig falsche \u2013 rein ideologische \u2013 Interpretation der wirklichen Situation im Nahen Osten ist. Dass Israel seine Politik dennoch nach ihm ausrichten kann, ist nur auf seine milit\u00e4rische \u00dcbermacht zur\u00fcckzuf\u00fchren, hinter der noch die Schutzmacht USA steht. Israel ist ein Staat, der sein Existenzrecht aus h\u00f6chst fragw\u00fcrdigen und l\u00e4ngst wiederlegten biblischen Mythen und aus der Berufung auf das Verbrechen des Holocaust herleitet. Seine staatliche und v\u00f6lkerrechtlich abgesicherte Existenz verdankt es einzig und allein dem UNO-Teilungsbeschluss von 1947 \u2013 Israel hat es der UNO wenig gedankt, weil es so gut wie keine der Vorgaben (Resolutionen) der Weltorganisation erf\u00fcllt hat.<\/p>\n<p>Es gibt einen weiteren Grund, warum das offizielle Israel in politischer Stagnation und im Immobilismus verharrt und zu einer friedlichen L\u00f6sung des Konflikts mit den Pal\u00e4stinensern nicht in der Lage ist: Die Unf\u00e4higkeit sich zu erinnern. Moshe Zuckermann hat diesen Tatbestand im oben Gesagten schon angedeutet. Dieser politisch-psychologische Befund hat viel \u00c4hnlichkeit mit dem Zustand der Bundesrepublik Deutschland in der Adenauer-Zeit, also den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren bis zur Regierungs\u00fcbernahme der sozialliberalen Koalition unter dem Bundeskanzler Willy Brandt. Diese Jahre nach dem Zusammenbruch des Hitler-Staates waren gepr\u00e4gt von der Nicht-Breitschaft, das schwere, ja furchtbare Erbe der NS-Zeit und seiner Verbrechen aufzuarbeiten. Der Holocaust war kein Thema. Weder die Mehrheit der deutschen Nachkriegsgesellschaft noch die f\u00fchrenden Politiker waren bereit, sich der Vergangenheit zu stellen<\/p>\n<p>Die deutsche Schuld wurde verharmlost, verdr\u00e4ngt oder auf den \u201esatanischen F\u00fchrer\u201c und seine Clique abgew\u00e4lzt. Ein unerkl\u00e4rlicher Einbruch des Irrationalen, eine Heimsuchung oder ein Verh\u00e4ngnis wurden f\u00fcr das Hochkommen der Nazis und ihre Verbrechen verantwortlich gemacht. Die Deutschen seien von dem Demagogen Hitler \u201everf\u00fchrt\u201c worden und deshalb sahen sie sich als Opfer und nicht als T\u00e4ter. Als nach dem Krieg Einzelheiten \u00fcber das Grauen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern bekannt wurden, hat es keinen Aufschrei des Entsetzens gegeben, sondern das gro\u00dfe Schweigen. Ja, sogar der Antisemitismus lebte fort. Es gab kein Verantwortungs- und Schuldbewusstsein, man wollte von nichts gewusst haben.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrte dazu, dass die Adenauer-Republik gefangen war zwischen der Verdr\u00e4ngung der NS-Zeit, dem ideologischen Dogma des Antikommunismus und den politischen Fesseln, die der Kalte Krieg auferlegte. Die Folge war eine v\u00f6llige Erstarrung und Unbeweglichkeit in der Innen- und Au\u00dfenpolitik \u2013 der Immobilismus wurde sozusagen tragender Teil des Systems. Die Bundesrepublik sah sich vom m\u00e4chtigen kommunistischen Feind bedroht, r\u00fcstete kr\u00e4ftig auf und war unf\u00e4hig, ihre Grenzprobleme mit den Nachbarn im Osten zu regeln. Heimlich hoffte man immer noch, die durch Hitlers Hybris verlorenen Ost-Gebiete wiederzubekommen. Es bedurfte der couragierten intellektuellen Tat zweier Psychoanalytiker, Alexander und Margarete Mitscherlich, der westdeutschen Gesellschaft mit ihrem Buch <i>Die Unf\u00e4higkeit zu trauern<\/i> den Spiegel vorzuhalten und ihr die Gr\u00fcnde f\u00fcr die politische Sackgasse aufzuzeigen, in die sie geraten war.<\/p>\n<p>Formal \u2013 das sei ausdr\u00fccklich betont \u2013 spielt sich in der israelischen Gesellschaft etwas \u00c4hnliches ab wie in der Bundesrepublik in jenen Jahren, wenn auch die Dimensionen des Unrechts und der Verbrechen, deren Aufarbeitung verweigert wurde und wird, ganz andere und nicht vergleichbar sind. Das deutlich zu unterstreichen, ist unbedingt n\u00f6tig, um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen. Es bleibt als Parallele aber die Unf\u00e4higkeit einer Gesellschaft, die eigene Unrechts-Vergangenheit aufzuarbeiten \u2013 mit der Folge der politischen Stagnation und Immobilit\u00e4t, die inzwischen bei Israel zur Existenzbedrohung gef\u00fchrt hat. Moshe Zuckermann spricht in Bezug auf die Mehrheit der israelischen Gesellschaft von der \u201edumpfen Hinnahme einer immerw\u00e4hrenden politischen Stagnation und einer ihr anverwandten historischen Perspektive der Aussichtslosigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Die auch heute noch g\u00fcltigen Kernaussagen der Mitscherlichs sind: Unrecht in der Vergangenheit muss durch Erinnerung aufgearbeitet werden. Die Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber es verwirklicht sich in ihr ein Wiederholungszwang, zu durchbrechen ist er nur durch eine Bewusstseins\u00e4nderung. Das hei\u00dft, es muss gelingen, bisher unkontrollierbar Wirksames in seiner Motivation vollkommener und treffender zu verstehen. Trauer und Erinnerung sind dabei eng miteinander verbunden: Trauer ist ein seelischer Vorgang, in dem ein Individuum oder ein Kollektiv einen Verlust mit Hilfe eines wiederholten, schmerzlichen Erinnerungsprozesses langsam zu ertragen und durchzuarbeiten lernt, um dadurch zu einer Wiederaufnahme lebendiger Beziehungen zu den Menschen und Dingen seiner Umgebung f\u00e4hig zu werden. Findet diese gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Erinnerungs- und Trauerarbeit nicht statt, werden die Emotionen also von der Erinnerung an die Vergangenheit abgespalten, kommt es zum sozialen, geistigen und politischen Immobilismus.<\/p>\n<p>Erinnerung ist also eine Folge von Erkenntnisschritten, die durch gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfiges Wiederholen und Durcharbeiten der Vergangenheit Aufkl\u00e4rung dar\u00fcber schafft, wie aus dem Gestern das Heute entstanden ist. Anders gesagt: Ohne Wiederholung der damaligen Erlebnisweisen und ohne erneutes Durcharbeiten des damaligen Verhaltens gibt es keine F\u00e4higkeit zu trauern \u2013 Trauer um den Verlust von Menschen und Idealen. Misslingen die Erinnerung und die Trauerarbeit oder findet sie gar nicht statt, m\u00fcssen die eigenen Schuldvorw\u00fcrfe abgewehrt werden, die Schuld wird auf die \u201eanderen\u201c verschoben (sie werden d\u00e4monisiert und entmenschlicht), Selbstviktimierung wird aktiv betrieben (man selbst ist das Opfer durch die st\u00e4ndige Bedrohung durch die \u201eanderen\u201c ), jede Verantwortung f\u00fcr das eigene Tun wird abgelehnt; Isolation, Stagnation und Immobilismus in jeder Hinsicht sind die Folge. Das war die Situation der deutschen Nachkriegsgesellschaft in der Adenauer-Zeit.<\/p>\n<p>Die Kriterien, die die Mitscherlichs \u00fcber die Nicht-Bew\u00e4ltigung von Unrecht in der Vergangenheit erarbeitet haben, treffen nicht nur f\u00fcr die Deutschen zu, sie k\u00f6nnen auch auf das Beispiel Israel angewendet werden. Die Mitscherlichs schrieben ausdr\u00fccklich: \u201eNat\u00fcrlich beherrschen solche Abwehrvorg\u00e4nge nicht nur die deutsche Szene, sie sind allgemein menschliche Reaktionsformen. Trotzdem bleibt es entscheidend, wie jeder einzelne und jedes Kollektiv der spezifisch gehegten Selbstt\u00e4uschungen innezuwerden und sie zu \u00fcberwinden verstehen.\u201c<\/p>\n<p>So entspringt die Analyse der israelischen Friedensunf\u00e4higkeit auch nicht deutschem Hochmut oder Abw\u00e4lzung von eigener Verantwortung und Schuld, sondern muss bei einem milit\u00e4risch so hoch ger\u00fcsteten und aggressiven Staat wie Israel, der permanent das V\u00f6lkerrecht und die Menschenrechte verletzt, eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein. Die psychologischen Erkenntnisse, die die Mitscherlichs auf die deutsche Nachkriegsgesellschaft anwendeten, haben zudem israelische Analytiker unabh\u00e4ngig von dem deutschen Vorbild aus eigenem Erkennen l\u00e4ngst auch auf Israel \u00fcbertragen. Sie konstatieren \u00fcbereinstimmend die Abwehr und Verdr\u00e4ngung jeder Erinnerung an das Unrecht, das den Pal\u00e4stinensern seit Jahrzehnten angetan wird: die ethnische S\u00e4uberung von 1947\/48 (Nakba) mit der Vertreibung von fast 800 000 Menschen, der Raub ihres Landes und Eigentums, die Wiederholung dieses Vorganges im Krieg von 1967 (Vertreibung von 300 000 Menschen), die Besetzung und Besiedlung des Westjordanlandes und des Gazastreifens mit der einhergehenden Abriegelung und Unterdr\u00fcckung der dort lebenden Menschen, die Zerst\u00f6rung ihrer Gesellschaft und Kultur \u2013 Prozesse, die mit der Aufrechterhaltung eines brutalen Okkupationsregimes bis heute andauern und von der israelischen Regierung mit einer rigiden \u201eJudaisierungs\u201c-Politik aktiv betrieben werden.<\/p>\n<p>Einer, der die unbequeme Wahrheit ausspricht, ist der israelische Psychoanalytiker Ofer Grosbard. In seinem auch in Deutschland erschienen Buch <i>Israel auf der Couch. Zur Psychologie des Nahost-Konfliktes<\/i> schreibt er: \u201eDie Tatsache, dass die Gr\u00fcndung des Staates Israel auf der Vertreibung von Hunderttausenden von Pal\u00e4stinensern und auf der Aneignung ihrer H\u00e4user und ihres Landes beruht, wurde in der Geschichte des modernen Israel vollst\u00e4ndig unterdr\u00fcckt und geleugnet. Es wurde weder in der Schule noch in den Medien dar\u00fcber diskutiert, und das ist kein Zufall. Unsere Schuldgef\u00fchle sind so gro\u00df, dass sie es uns nicht erlauben, \u00fcber das Thema zu reden.\u201c<\/p>\n<p>Weiter schreibt Grosbard: \u201eWir haben alle die Plicht, uns Gedanken dar\u00fcber zu machen, was den Pal\u00e4stinensern zugesto\u00dfen ist, die von hier geflohen sind. Es ist eine Reise zu den Wurzeln. Denn nur wenn wir uns mit dem Schicksal der Pal\u00e4stinenser befassen, die einst hier gelebt haben, werden wir in der Lage sein, unser Trauma zu verarbeiten, was wir ihnen angetan haben. (&#8230;) Es ist eine Trauerarbeit, bei der wir schrittweise unsere bequeme Haltung der Selbstgerechtigkeit aufgeben werden m\u00fcssen. (&#8230;) Es ist ein emotionaler Prozess, bei dem wir damit in Kontakt kommen, was wir anderen angetan haben. Das ist ein sehr wichtiger Prozess, ohne den wir keine Auss\u00f6hnung erreichen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen daran arbeiten, den ungeheuren emotionalen Kr\u00e4ften entgegenzuwirken, die das verdr\u00e4ngt haben, was hier jahrelang geschehen ist. Es ist an der Zeit, dass wir mit dem Prozess beginnen, denn es ist vor allem in unserem eigenen Interesse. Die L\u00f6sung des Problems liegt in der Umwandlung unserer Gef\u00fchle von Bedrohtsein und Hass gegen die Pal\u00e4stinenser zu einer Haltung des Verst\u00e4ndnisses und der Zuneigung. Das kann nur geschehen, wenn wir mit der Verdr\u00e4ngung aufh\u00f6ren und uns zu fragen beginnen, was hier geschehen ist. Wir sind tats\u00e4chlich in S\u00fcnde geboren worden.\u201c<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnlich sieht der israelische Historiker Ilan Pappe diesen Verdr\u00e4ngungsprozess. Er schreibt: \u201eHinter den drakonischen Ma\u00dfnahmen der israelischen Regierung, jedes Gespr\u00e4ch \u00fcber das R\u00fcckkehrrecht [der vertriebenen Pal\u00e4stinenser] zu verhindern, steht eine tief sitzende Angst vor einer Debatte \u00fcber die Ereignisse von 1948, dass Israels \u201aBehandlung\u2018 der Pal\u00e4stinenser in jener Zeit zwangsl\u00e4ufig beunruhigende Fragen nach der moralischen Legitimit\u00e4t des gesamten zionistischen Projekts aufwerfen w\u00fcrde. F\u00fcr Israelis ist es daher von entscheidender Bedeutung, einen starken Verleugnungsmechanismus aufrechtzuerhalten, der ihnen nicht nur hilft, die von den Pal\u00e4stinensern in den Friedensverhandlungen gestellten Forderungen abzuwehren, sondern auch \u2013 und vor allem \u2013 jede eingehende Debatte \u00fcber den Charakter und die moralischen Grundlagen des Zionismus zu vereiteln.\u201c<\/p>\n<p>Und weiter schreibt er: \u201eWas die Pal\u00e4stinenser verlangen und was f\u00fcr viele von ihnen zu einer Conditio sine qua non wurde, ist, dass man sie als Opfer eines fortdauernden Unrechts anerkennt, das Israel bewusst an ihnen begangen hat. Das zu akzeptieren, w\u00fcrde nat\u00fcrlich f\u00fcr israelische Juden ihren eigenen Opferstatus besch\u00e4digen. Es h\u00e4tte politische Auswirkungen auf internationaler Ebene, w\u00fcrde aber auch \u2013 was vielleicht weitaus entscheidender w\u00e4re \u2013 moralische und existentielle Auswirkungen auf die Psyche israelischer Juden zeitigen: Sie m\u00fcssten sich eingestehen, dass sie zum Spiegelbild ihres schlimmsten Alptraumes geworden sind.\u201c<\/p>\n<p>Moshe Zuckermann registriert eine zweifache und letztlich unbew\u00e4ltigte Schuld Israels: zum einen das Gef\u00fchl einer mit der auf dem R\u00fccken der Pal\u00e4stinenser ausgetragenen Staatsgr\u00fcndung einhergehenden Schuld. Zum anderen das Gef\u00fchl einer unbewussten Schuld, die mit der kulturellen bzw. psychologischen Negation (man kann auch sagen Verachtung) des Diasporajudentums im Allgemeinen und der Holocaust-\u00dcberlebenden im Besonderen zusammenh\u00e4ngt. Letztere wurden abgelehnt, weil man ihnen vorwarf, sich wie L\u00e4mmer zur Schlachtbank h\u00e4tten f\u00fchren lassen. Beiden Gruppen \u2013 der Diaspora-Juden wie auch den \u00dcberlebenden des Holocaust \u2013 wurde das Ideal des \u201eNeuen Juden\u201c, eines dynamischen Tatmenschen gegen\u00fcbergestellt.<\/p>\n<p>Zur Verdr\u00e4ngung der Leiden der Pal\u00e4stinenser schreibt Zuckermann: \u201eTrotz des im 1948er Krieg an den Pal\u00e4stinensern z.T. systematisch verbrochenen Unrechts (wie von neuerer Forschung deutlich zu Tage gef\u00f6rdert); trotz des seit den 1970er Jahren\u00a0 zunehmend in die israelische \u00f6ffentliche Sph\u00e4re eindringenden Wissens um die schlimme Leiderfahrung des pal\u00e4stinensischen Exils, und trotz des in der Westbank und im Gazastreifen \u00fcber Jahrzehnte betriebenen, z. T. h\u00f6chst brutalen Okkupationsregimes, wurde die pal\u00e4stinensische Leidensgeschichte (von marginalen Ausnahmen abgesehen) nahezu vollst\u00e4ndig aus der g\u00e4ngigen israelischen Alltagserfahrung, mehr noch aus der der Sph\u00e4re des offiziellen \u00f6ffentlichen Diskurses ausgeblendet.\u201c<\/p>\n<p>Wie sehr die Verdr\u00e4ngung der pal\u00e4stinensischen Leiderfahrung selbst den israelischen Alltag bestimmt, beschreibt die israelische Psychoanalytikerin Ruachama Morton am Beispiel der Mauer, die die Israelis (auf pal\u00e4stinensischem Gebiet) zur Trennung von den Pal\u00e4stinensern gebaut haben. Die Funktion und der Sinn dieses monstr\u00f6sen Bauwerkes sei es, die Existenz des pal\u00e4stinensischen Volkes insgesamt auszublenden. Von einem psychologischen Standpunkt aus gesehen erm\u00f6gliche diese \u201emetaphorische Blende\u201c es den Israelis, das Leid und die Menschlichkeit der Bewohner auf der anderen Seite zu vergessen. Die Mauer \u2013 so Marton \u2013 sei das Symbol f\u00fcr die Spaltung der israelischen Psyche. Der Abwehrmechanismus der seelischen Spaltung gestatte es, die Welt in \u201egut\u201c und \u201eb\u00f6se\u201c einzutelen: hier die fortschrittlichen, zivilisierten und demokratischen Israelis, dort die r\u00fcckst\u00e4ndigen, schmutzigen, barbarischen und gewaltsamen Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Sie schreibt: \u201eIndem man sowohl die \u00e4u\u00dferen wie die inneren Aspekte des guten Selbst vom b\u00f6sen Selbst abspaltet, ist es [den Israelis] psychologisch m\u00f6glich, die ungeliebten Teile des eigenen Selbst auf den \u201aAnderen\u201c, d.h. die Pal\u00e4stinenser, zu \u00fcbertragen. Dann kann man die projizierten Teile und Eigenschaften verachten, die ja nun den \u201aAnderen\u2018 angeh\u00f6ren. Die Mauer wird so ausschlie\u00dflich als Akt des Selbstschutzes wahrgenommen, als Schutz vor der wilden Aggression, die man mit den Pal\u00e4stinensern assoziiert. Die Mauer erlaubt es dem israelischen Kollektiv-Selbst, sich nicht als aggressiv, gewaltt\u00e4tig, grausam Besitz ergreifend, als Verletzter von Menschenrechten zu sehen, indem alle diese Z\u00fcge auf die Pal\u00e4stinenser jenseits der Mauer projiziert werden.\u201c Aber die Israelis tun sich damit keinen Gefallen. Die Folgen f\u00fcr ihre Gesellschaft sind sehr gef\u00e4hrlich: \u201eDurch diesen Abschottung und Verweigerung des Blicks auf die anderen Seite stumpfen die Israelis aber auch selbst ab, denn sie spalten ja einen Teil ihrer eigenen Psyche ab, die sie nicht mehr wahrnehmen. Das Ghetto kommt so wieder und mauert auch die Israelis ein.\u201c<\/p>\n<p>Es gibt nicht wenige Juden bzw. Israelis, die als Reaktion auf die israelische Politik ihr Judentum in Frage stellen. So schrieb die franz\u00f6sisch-j\u00fcdische Historikerin f\u00fcr moderne und zeitgen\u00f6ssische Geschichte der Juden an der Sorbonne in Paris, Esther Benbassa, unter Berufung auf den Universalismus der j\u00fcdischen Ethik nach dem Gaza-Krieg 2008\/09: \u201eWie k\u00f6nnen Juden, deren Vorfahren Verfolgung und Leiden, Exil und Ablehnung erdulden mussten, akzeptieren, dass ein anderes Volk, ganz in ihrer N\u00e4he und in ihrem Einflussbereich, ein \u00e4hnliches Schicksal erleidet? Wurden diese Juden denn, als sie Israelis wurden, mit Ged\u00e4chtnisverlust geschlagen, sodass sie sogar die elementarsten Grunds\u00e4tze der Ethik, auf die sich das Judentum seinem Wesen nach gr\u00fcndet, verga\u00dfen?\u201c Und: \u201eNoch immer stellt sich die Frage: Wie kann man an der Seite Israels stehen, wie kann man seine j\u00fcdische Identit\u00e4t im Schatten eines Israel leben, das sich im ewigen Besitz der \u201aMoral\u2018 d\u00fcnkt und das st\u00e4ndig eine massive Gef\u00e4hrdung der Juden beschw\u00f6rt, damit ihm niemand vorwirft, was es den Pal\u00e4stinensern antut?\u201c<\/p>\n<p>Und Shlomo Sand erkl\u00e4rte in seinem Buch <i>Warum ich aufh\u00f6re, Jude zu sein. Ein israelischer Standpunkt<\/i> seinen Abschied vom Judentum und begr\u00fcndet das so: \u201eWie kann ein Mensch, der nicht religi\u00f6s ist, sondern einfach Humanist, Demokrat und Liberaler, und nur einen Funken Rechtschaffenheit besitzt, sich unter diesen Umst\u00e4nden weiter als Jude bezeichnen? Kann sich ein Nachkomme von Verfolgten unter diesen Bedingungen zum Stamm der neuen s\u00e4kularen Juden z\u00e4hlen, die Israel als ihren alleinigen Besitz betrachten? Schlie\u00dft man sich durch die Selbstdefinition als Jude im Staat Israel denn nicht eigentlich einer privilegierten Kaste an, die unertr\u00e4gliche Ungerechtigkeiten begeht?\u201c<\/p>\n<p>Nach dem hier Gesagten kann man ermessen, wie gro\u00df das politische und moralische Dilemma ist, in das sich der israelische Staat durch eigenes Verschulden begeben hat. Es sollen hier keine L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten angeboten werden, sie ergeben sich aus den hier beschrieben Fakten von selbst: Nur ein Mentalit\u00e4ts- oder Bewusstseinswandel in der israelischen Gesellschaft kann diesen Staat aus der schwierigen, ja fast aussichtslosen Lage befreien, in die er sich gebracht hat. Aber darauf deutet wenig oder nichts hin, auch wenn es dort viele humane und von Vernunft beseelte Menschen gibt, aber ihr Einfluss bleibt marginal. Am Ende bleibt die Frage, die Moshe Zuckermann immer wieder stellt: Warum betreibt ein Staat eine Politik, die keine Zukunft hat und ihn in allerh\u00f6chste Existenznot, ja in die Gefahr seines Unterganges bringt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b><span style=\"text-decoration: underline;\">Literatur:<\/span><\/b><\/p>\n<p>Benbassa; Esther: Jude sein nach Gaza, Hamburg 2010<\/p>\n<p>Grosbard, Ofer: Israel auf der Couch. Zur Psychologie des Nahostkonflikts, D\u00fcsseldorf 2001<\/p>\n<p>Halper, Jeff: Ein Israeli in Pal\u00e4stina. Widerstand gegen Vertreibung und Enteignung. Israel vom Kolonialismus erl\u00f6sen, Berlin 2010<\/p>\n<p>Lohmann, Hans-Martin: Psychoanalyse und Nationalsozialismus. Beitr\u00e4ge zur Bearbeitung eines unbew\u00e4ltigten Traumas, Frankfurt\/ Main 1984<\/p>\n<p>Mitscherlich, Alexander und Margarete: Die Unf\u00e4higkeit zu trauern, M\u00fcnchen\/ Z\u00fcrich 1985<\/p>\n<p>Pappe. Ilan: Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas, Frankfurt\/ Main 2007 (Neuauflage 2014)<\/p>\n<p>Sand, Shlomo: Warum ich aufh\u00f6re, Jude zu sein, Ein israelischer Standpunkt, Berlin 2013<\/p>\n<p>Wild, Petra: Apartheid und ethnische S\u00e4uberung in Pal\u00e4stina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat, Wien 2013<\/p>\n<p>Zuckermann, Moshe: Israels Schicksal. Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt, Wien 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Weigerung, das Unrecht an den Pal\u00e4stinensern aufzuarbeiten, f\u00fchrt zur totalen politischen Stagnation\/ Parallelen zur politischen Situation der Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren Arn Strohmeyer Israel ist krank, das hat k\u00fcrzlich sogar der Pr\u00e4sident dieses Staates, Reuven Riflin, &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1495\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-1495","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1495","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1495"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1495\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1499,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1495\/revisions\/1499"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}