{"id":1526,"date":"2014-11-21T09:58:17","date_gmt":"2014-11-21T08:58:17","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1526"},"modified":"2014-11-21T10:03:51","modified_gmt":"2014-11-21T09:03:51","slug":"terror-ohne-ende-im-heiligen-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1526","title":{"rendered":"Terror ohne Ende im heiligen Land?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Angriff auf eine Synagoge in Ost-Jerusalem ist keineswegs die einzige Attacke auf ein Gotteshaus. Der erste Terrorist dieser Art war der Siedler Baruch Goldstein<\/strong><\/p>\n<p>Am 25.Februar 1994 ver\u00fcbte der in Brooklyn geborene, in der israelischen Siedlung Kyriat Arbaa wohnende Jude Baruch Goldstein im Grab der Patriarchen in Hebron (das zum Teil auch eine Moschee ist) ein Attentat auf betende Muslime und\u00a0 erscho\u00df\u00a0 29 von ihnen, 150 wurden verletzt. Goldstein selbst wurde von \u00dcberlebenden des Massakers get\u00f6tet. <!--more--><\/p>\n<h2>M\u00f6rder als M\u00e4rtyrer \u2013 auf beiden Seiten<\/h2>\n<p>Nach dem Attentat bauten die Bewohner der Siedlung Kyriat Arbaa bei Hebron\u00a0 ihrem Mitbewohner ein Denkmal.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnliches Muster ist nun in Jerusalem zu verzeichnen: zwei Pal\u00e4stinenser gehen, fast nach Art des \u201eIslamischen Staates\u201c (IS) mit \u00c4xten, Messern und Pistolen in eine Synagoge ein und ermorden dort\u00a0\u00a0 vier\u00a0 betende Juden. Anschlie\u00dfend feiern Pal\u00e4stinenser in Gaza die Tat und erheben ihre beiden Landsleute zu \u201eM\u00e4rtyrern\u201c.<\/p>\n<p>Israels Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanjahu schw\u00f6rt Rache und k\u00fcndigt an, die H\u00e4user der Attent\u00e4ter \u2013\u00a0 in denen noch ihre Familien wohnen \u2013 zu zerst\u00f6ren. Sippenhaft nennt man das \u2013 ein Vorgehen, das in keinem einzigen Rechtssystem auf dieser Welt erlaubt ist. Auch das Zerst\u00f6ren von H\u00e4usern, in denen Angeh\u00f6rige von Straft\u00e4tern wohnen, geh\u00f6rt nicht in den international anerkannten Strafkodex.<\/p>\n<h2>Aussagen des Shin Bet-Chefs<\/h2>\n<p>Die Spirale der Gewalt, die sich in Jerusalem und in Teilen der besetzten Territorien\u00a0 immer weiter hoch\u00a0 schraubt, sollte niemanden \u00fcberraschen. Besatzung ist in sich ein Akt der Gewalt.\u00a0 Kontrollposten, an den Pal\u00e4stinenser aufgehalten werden, n\u00e4chtliche Razzien der Israelis auch in den von der pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rte regierten Gebieten, Chancenlosigkeit einer ganzen pal\u00e4stinensischen jungen Generation, die Abriegelung von 1,8 Millionen Pal\u00e4stinensern in dem schmalem K\u00fcstenstreifen von Gaza \u2013 all das ist t\u00e4gliche Gewalt, unter der ein ganzes Volk zu leiden hat.<\/p>\n<p>In dem Dokumentarfilm \u201eT\u00f6te zuerst\u201c, der k\u00fcrzlich wieder im TV-Sender ARTE ausgestrahlt wunde, berichten israelische Geheimdienstchefs, dass der Shin Bet nach dem Krieg von 1967 pal\u00e4stinensische F\u00fchrer befragt habe, ob sie mit einer Zweistaatenl\u00f6sung einverstanden sein. Einhelliges Ergebnis der Recherchen: damals w\u00e4re die Gr\u00fcndung eines pal\u00e4stinensisches Staates durchaus m\u00f6glich gewesen. Shin Bet-Mitarbeiter haben diese M\u00f6glichkeit an die f\u00fchrenden israelischen Politiker der Epoche herangetragen und diesen Vorschlag bef\u00fcrwortet.<\/p>\n<h2>Rabins Meinungs\u00e4nderung und seine Ermordung<\/h2>\n<p>Doch das politische Establishment Israels hat anders entschieden \u2013 nicht zuletzt unter dem wachsenden Einfluss der religi\u00f6s ausgerichteten Siederbewegung, welche die besetzten Gebiete f\u00fcr Israel reklamierte \u2013 mit dem Argument, der Gott Israels Yahwe\u00a0 habe dieses Land seinem auserw\u00e4hlten Volk, den Juden zugewiesen.\u00a0 Der jetzt, nach dem Anschlag auf dien Synagoge in Jerusalem von manchen Kommentatoren so bezeichnete \u201eReligionskrieg\u201c hat also schon viel fr\u00fcher, etwa mit dem Attentat Baruch Goldsteins in Hebron 1994, begonnen.<\/p>\n<p>Aus der Siedlerbewegung kam auch der Attent\u00e4ter Jigal Amir, der am 4.November 1995 den israelischen Premier Yitzhak Rabin ermordet hat.\u00a0 Jigal Amir war ein gl\u00fchender Gegner der Friedensabkommen von Oslo (1993 und 1995).\u00a0 W\u00e4hrend er ersten Intifada (1987-1993) wurde Rabin, damals Verteidigungsminister und zun\u00e4chst unvers\u00f6hnlicher Falke ,\u00a0 mit dem Spruch bekannt\u00a0 \u201eWir sollten ihre H\u00e4nde und Beine brechen\u201c.\u00a0 Gemeint waren die aufs\u00e4ssigen Pal\u00e4stinenser. Unter denen wurde Rabin dann \u201eKnochenbrecher\u201c genannt.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter realisierte Rabin, da\u00df man mit den Pal\u00e4stinensern zu einer \u00dcbereinkunft kommen m\u00fcsse \u2013 andernfalls der islamitische Terrorismus, wie er f\u00fcrchtete, Israel mehr und mehr bedrohen werde \u2013 eine Prophezeiung, die sich jetzt auf grausame Weise best\u00e4tigt hat. Am 13.September 1993 unterzeichnete Rabin zusammen mit Bill Clinton und\u00a0 Jassir Arafat im Wei\u00dfen Haus das erste Friedensabkommen von Oslo.<\/p>\n<h2>Zu wenig Geh\u00f6r f\u00fcr kritische israelische Stimmen?<\/h2>\n<p>In den fast zwanzig Jahren seit der Ermordung Yitzhak Rabins hat sich Israel stetig nach rechts, ja sogar in eine teilweise rassistische Richtung entwickelt. K\u00fcrzlich wurde bei einer Veranstaltung in Berlin ein Film gezeigt, der auf schreckliche Weise zeigte, wie Israel pal\u00e4stinensischen Bauern das f\u00fcr die Bewirtschaftung\u00a0 ihrer Felder notwendige Wasser vorenth\u00e4lt. In der anschliessenden Diskussion erkl\u00e4rte eine israelische J\u00fcdin, man m\u00fcsse Israel \u201ejetzt helfen\u201c. Was sie damit meinte: Ihre israelische Gesellschaft habe inzwischen rechtsextrem-rassistische Z\u00fcge angenommen, sagte die Diskussionsteilnehmerin aus Israel. Israelis, wie etwa der \u201eHaaretz\u201c-Journalist Gideon Levy, k\u00f6nnten sich zuweilen nur noch mit pers\u00f6nlichen Leibw\u00e4chtern in Tel Aviv auf die Strasse wagen. Anderen Kritikern werde zugerufen, man solle sie in die \u201e\u201eGaskammern\u201c schicken.<\/p>\n<p>In der Presse der Bundesrepublik finden solche Entwicklungen sowie kritische Stimmen israelischer Juden wie etwa die von Avraham Burg, Gideon Levy, Shlomo Sand, Ilan Pappe und Amira Hass kaum Geh\u00f6r. W\u00fcrde man sich mit diesen israelischen B\u00fcrgern in Deutschland und anderswo in Europa n\u00e4her auseinandersetzen, w\u00fcrde wohl auch die Kritik an der Besatzungspolitik\u00a0 aller israelischen Regierungen, die nach dem Junikrieg von 1967 begann, die nach den\u00a0 Friedensabkommen von Oslo sogar intensiviert wurde, wesentlich deutlicher ge\u00e4u\u00dfert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Besatzungsmacht seit 47 Jahren<\/h2>\n<p>Bis jetzt ist es dagegen so, da\u00df einmal ge\u00e4usserte Kritik unter dem Druck der j\u00fcdischen Interessenverb\u00e4nde sogleich zur\u00fcck genommen wird. So geschehen mit\u00a0 Martin Schulz, dem Pr\u00e4sidenten des europ\u00e4ischen Parlamentes, der vor der Knesset in Jerusalem die ungleiche Wasserverteilung zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern beklagte. So geschehen auch mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, der einst bei einem Besuch in Hebron via Twitter beklagte, da\u00df in Hebron einige hundert israelische Siedler einen ganzen pal\u00e4stinensischen Stadtteil terrorisierten. Beide SPD-Politiker relativierten nach ihrer R\u00fcckkehr unter dem Druck j\u00fcdischer Gruppen ihre Aussagen \u2013 und wiederholten sie bis jetzt nicht wieder.<\/p>\n<p>Israel ist jetzt 66 Jahre alt. Seit 47 Jahren h\u00e4lt\u00a0 es die im Junikrieg von 1967 eroberten Gebiete besetzt.\u00a0 Weit mehr als zwei Drittel seines Bestehens ist Israel also eine Besatzungsmacht.\u00a0\u00a0 Mit dieser tragischen Geschichte Israels\u00a0 hat sich auch immer wieder Abraham Melzer,\u00a0 ein deutscher Staatsb\u00fcrger j\u00fcdischer Herkunft, befa\u00dft.\u00a0 Bis 2012 f\u00fchrte er in Deutschland einen eigenen Verlag, der sich auf Judaica spezialisierte und kritischen Stimmen Israels ein Forum bot.\u00a0 Im Melzer Verlag erschien etwa der Goldstone-Bericht,\u00a0 der Israels Kriegf\u00fchrung im Gazakrieg von\u00a0 2008\/2009\u00a0 analysierte und dem Land Kriegsverbrechen vorwarf.<\/p>\n<h2>Ein Krieg um Land<\/h2>\n<p>In dem Vorwort f\u00fcr das Buch\u00a0 \u201eSchrei geliebtes Land &#8211;\u00a0 Leben und Tod unter israelischer Besatzung\u201c,\u00a0 in welchem der Zambon-Verlag in Frankfurt a.M\u00a0 jetzt gesammelte Aufsetzte von Gideon Levy ver\u00f6ffentlicht, schreibt Abraham Melzer: \u201eIsrael aber w\u00fcnscht keinen Frieden.\u00a0 Das ist Gideon Levys Einsicht nach so vielen Jahren\u00a0 der Berichterstattung aus\u00a0 den pal\u00e4stinensischen Gebieten.\u00a0 F\u00fcr ihn steht fest, da\u00df Israel der T\u00e4ter ist und die Pal\u00e4stinenser das Opfer\u201c. Soweit Abraham Melzer.<\/p>\n<p>In Hebron wurden einst Muslime beim Beten ermordet. In Jerusalem traf der Tod Juden beim Beten.\u00a0 Ein religi\u00f6ser Krieg ?\u00a0 Vor allem ist es ein Krieg um Land.\u00a0 Die in der ersten H\u00e4lfte des 20.Jahrhunderts nach Pal\u00e4stina einwandernden, in Europa diskriminierten und verfolgten Juden meist durchaus s\u00e4kularer, laizistischer Ausrichtung\u00a0 suchten in Pal\u00e4stina Schutz.<\/p>\n<p>Die j\u00fcdische Philosophin Hannah Arendt hat nach 1945 eindringlich vor den Konflikt mit den\u00a0 in Pal\u00e4stina ans\u00e4ssigen Arabern gewarnt.\u00a0 Man m\u00fcsse, schrieb sie,\u00a0 mit den einheimischen Arabern zu einem friedlichen Zusammenleben kommen \u2013 wozu manche von ihnen bereit waren.\u00a0 Ihre Warnungen f\u00fchrten nicht zu den erhofften Kompromissl\u00f6sungen. Deshalb dauert die Trag\u00f6die bis heute an \u2013 ohne Aussicht auf ein friedliches Ende.<\/p>\n<p><em>Heiko Flottau<\/em><\/p>\n<p><em>Heiko Flottau war Auslandskorrespondent der S\u00fcddeutschen Zeitung f\u00fcr <\/em><br \/>\n<em>S\u00fcdosteuropa mit Sitz in Belgrad, f\u00fcr Osteuropa mit Sitz in Warschau. F\u00fcnfzehn Jahre berichtete er aus Kairo \u00fcber die nah\u00f6stlichen Krisengebiete. Heute lebt er in Berlin. Buchver\u00f6ffentlichungen: \u201eVom Nil bis an den Hindukusch \u2013 Der Nahe Osten und die neue Weltordnung\u201c (2004, arabische Ausgabe 2006); \u201eDie Eiserne Mauer \u2013 Pal\u00e4stinenser und Israelis in einem zerrissenen Land\u201c (2009, arabische Ausgabe 2011)<\/em><\/p>\n<p>Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Journal21 v. 20.11.4<br \/>\nhttp:\/\/www.journal21.ch\/terror-ohne-ende-im-heiligen-land<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Angriff auf eine Synagoge in Ost-Jerusalem ist keineswegs die einzige Attacke auf ein Gotteshaus. 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