{"id":15662,"date":"2025-10-16T13:32:58","date_gmt":"2025-10-16T13:32:58","guid":{"rendered":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=15662"},"modified":"2025-10-16T13:33:31","modified_gmt":"2025-10-16T13:33:31","slug":"hamas-befreiungsbewegung-oder-terroristische-organisation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=15662","title":{"rendered":"Hamas &#8211; Befreiungsbewegung oder terroristische Organisation?"},"content":{"rendered":"<h1><a href=\"https:\/\/www.andreas-wehr.eu\/artikel-reader\/befreiungsbewegungen-als-terroristen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Befreiungsbewegungen als Terroristen<\/a><br \/>\nvon Andreas Wehr<\/h1>\n<p>Im Jahr 2007 erschien in Italien das Buch \u201eIl linguaggio dell&#8216; Impero. Lessico dell&#8216; ideoleologia americana\u201c des marxistischen Historikers und Philosophen Domenico Losurdo, auf Deutsch wurde es 2011 unter dem Titel \u201eDie Sprache des Imperiums\u201c ver\u00f6ffentlicht.[1] Darin geht Losurdo unter anderem auf die Instrumentalisierung des Begriffs Terrorismus durch die Staaten des Westens und insbesondere der USA ein. <!--more-->Als Beispiele dienen ihm die seit 1967 andauernde israelische Besetzung des Westjordanlandes sowie des Gazastreifens, der Krieg Israels gegen die Hisbollah im Libanon und die Unterwerfung des Irak durch die USA. Seine Aussagen haben angesichts des Angriffs der pal\u00e4stinensischen Hamas auf Israel und des darauf folgenden Genozids Israels an der Bev\u00f6lkerung Gazas neue Aktualit\u00e4t erhalten. Die Hamas und die anderen am Angriff des 7. Oktober 2023 beteiligten pal\u00e4stinensischen Organisation werden in nahezu allen Medien als \u201eterroristisch\u201c bzw. \u201eTerrororganisationen\u201c gebrandmarkt. Das ist alles andere als neu. Der italienische Historiker und Philosoph beschrieb bereits 2007 die Absicht dahinter: \u201eDie beharrliche, obsessive Anprangerung des &#8218;Terrorismus&#8216; zielt nur darauf ab, jede Form des Widerstands gegen die milit\u00e4rische Okkupation zu kriminalisieren, nicht den Konflikt einzuschr\u00e4nken oder seine Verrohung zu verhindern.\u201c (50)<\/p>\n<p>Vor allem die USA haben die Praxis entwickelt, ihnen missliebige Personen, Organisationen, ja ganze Staaten als terroristisch zu kennzeichnen und sie damit dem Abschuss freizugeben. So wurde Nelson Mandelas Name von der \u201eUS terrorist lists\u201c erst wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag 2013, kurz vor seinem Tod, gestrichen. In den achtziger Jahren war er sowie der African National Congress (ANC), auf diese Liste gekommen. Dass in der Zwischenzeit durch den Kampf des ANC unter F\u00fchrung Mandelas die Apartheid abgeschafft und er zum ersten schwarzen Pr\u00e4sidenten S\u00fcdafrikas gew\u00e4hlt sowie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war, spielte keine Rolle. F\u00fcr Washington blieb er Terrorist! In seiner ersten Pr\u00e4sidentschaft setzte Trump sogar Kuba auf die Terrorliste. Auch der Iran, Nord-Korea und Syrien befinden sich dort. Joe Biden belie\u00df es dabei. Erst wenige Tage vor Ende seiner Pr\u00e4sidentschaft nahm er Kuba von der Liste in der Gewissheit, dass Trump es wieder draufsetzen w\u00fcrde. Und so kam es auch.<\/p>\n<p>Man kann inzwischen von einer wahren Terrorismusinflation sprechen: \u201eDer terroristische Gebrauch der Kategorie Terrorismus findet seinen H\u00f6hepunkt in Pal\u00e4stina. Wie ein Dozent der j\u00fcdischen Universit\u00e4t von Jerusalem anmerkt, schlie\u00dft die israelische Regierung in die Aufz\u00e4hlung der &#8218;feindlichen Terroranschl\u00e4ge&#8216; auch den &#8218;Steinwurf&#8216; mit ein. Aber wenn der pal\u00e4stinensische Junge, der Steine werfend gegen die Okkupation protestiert, &#8218;Terrorist&#8216; ist, sollen wir dann den israelischen Soldaten, der ihn erschie\u00dft, als Helden des Kampfes gegen den Terrorismus betrachten? Es handelt sich nicht um ein imagin\u00e4res Beispiel. Eine israelische Rechtsanw\u00e4ltin, die Pal\u00e4stinenser verteidigt, berichtet von einem zehnj\u00e4hrigen Kind, das bei einem check point an der Ausfahrt aus Jerusalem von einem Soldaten get\u00f6tet wurde, auf den es nur einen Stein geworfen hatte. Sogar in der einflussreichsten US-amerikanischen Presse k\u00f6nnen wir von &#8217;schrecklichen Todesszenen&#8216; lesen, &#8218;wenn ein israelischer Panzer oder Hubschrauber das Feuer auf eine Gruppe von pal\u00e4stinensischen Demonstranten, einschlie\u00dflich Kindern, im Fl\u00fcchtlingslager Rafah er\u00f6ffnet&#8216;. (51f.)<\/p>\n<p>Nach Losurdo \u201eist es kein konkretes Verhalten (die Miteinbeziehung oder die Aussparung der Zivilbev\u00f6lkerung), das die Grenzlinie zwischen Terrorismus und Gegenterrorismus bestimmt. Sie f\u00e4llt vielmehr mit der Grenzlinie zwischen Kultur und Barbarei, zwischen Orient und Okzident zusammen. Die Machthaber, die souver\u00e4n dar\u00fcber entscheiden, wer die Barbaren sind, entscheiden genauso souver\u00e4n dar\u00fcber, wer die Terroristen sind. Anl\u00e4sslich der Nahostkrise vom Sommer 2006 sind, nach der gro\u00dfen Tagespresse zu schlie\u00dfen, die von der libanesischen Hisbollah in einer milit\u00e4rischen Operation gefangen genommenen israelischen Soldaten &#8218;Entf\u00fchrte&#8216;, von den &#8218;Terroristen&#8216; &#8218;Verschleppte&#8216;, die zu ihren &#8218;Geiseln&#8216; geworden sind. Die demokratisch gew\u00e4hlten pal\u00e4stinensischen Abgeordneten und Minister, die vom israelischen Heer manchmal mitten in der Nacht und noch im Schlafanzug, ohne Widerstand zu leisten, in ihren Wohnungen abgeholt wurden, sind dagegen &#8218;verhaftet&#8216; worden. Von Israel und von den Vereinigten Staaten (aber nicht von Russland und China) wird die Hisbollah als terroristisch abgestempelt (die EU hat 2013 ihren milit\u00e4rischen Arm als terroristisch eingestuft, A.W.): sie hat sich im Verlauf des Kampfes gegen die israelische Besetzung des S\u00fcdens des Landes formiert, die sich, zusammen mit der wiederholten Verletzung des Luftraums und der Hoheitsgew\u00e4sser, von 1982 an \u00fcber achtzehn Jahre und mehr hingezogen hat; weil sie im Volk verwurzelt ist und wegen ihrer F\u00e4higkeit, milit\u00e4rische und politische Aktion miteinander zu verbinden, ist diese Gruppe oft mit den vietnamesischen Guerillak\u00e4mpfern verglichen worden. Sollen wir eine der gr\u00f6\u00dften Befreiungsbewegungen der Zeitgeschichte als terroristisch und als Protagonistin eines gegenterroristischen Kampfes die Supermacht betrachten, die ein ganzes Volk mit Bomben und Dioxin \u00fcbers\u00e4t hat? Diese Argumentationsweise h\u00e4tte Schmitt (gemeint ist der NS-Jurist Carl Schmitt, A.W.) nicht missfallen, dem gro\u00dfen Theoretiker des kolonialen &#8218;Gegenterrors&#8216;, der seinerzeit auf diese Weise auch die Feldz\u00fcge Mussolinis in \u00c4thiopien und Hitlers in Osteuropa gerechtfertigt hatte.\u201c (53\/54)<\/p>\n<p>Losurdos schlie\u00dft daraus: \u201eZur Erkl\u00e4rung ihres einzigen Ber\u00fchrungspunktes (die &#8218;M\u00f6rder&#8216; bzw. die &#8218;Terroristen&#8216; sind jedenfalls bei den Kolonialv\u00f6lkern zu suchen, und es ist gerechtfertigt oder zumindest verst\u00e4ndlich, gegen sie zu jeder Art von Waffen zu greifen) kann eine Betrachtung Lenins dienen: f\u00fcr die Gro\u00dfm\u00e4chte sind ihre Kolonialexpeditionen keine Kriege und das nicht nur wegen des enormen Missverh\u00e4ltnisses der Kr\u00e4fte zwischen den beiden Lagern, sondern auch, weil die Opfer &#8217;nicht einmal als V\u00f6lker angesehen werden (irgendwelche Asiaten, Afrikaner \u2013 sind das etwa V\u00f6lker?)&#8216;. Die Weigerung also, diejenigen als Frontk\u00e4mpfer zu betrachten, die dem Westen Widerstand leisten, ist Ausdruck der mehr oder weniger ausgepr\u00e4gten Tendenz zu ihrer Entmenschlichung. In diesem Sinn k\u00f6nnen wir die Stellungnahme des damaligen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld verstehen, wonach sich im Irak nur &#8218;Kriminelle, Verbrecherbanden und Terroristen&#8216; (thugs, gangs and terrorists) gegen die von Washington geschickten Truppen auflehnten. So dr\u00fcckt sich der Hauptverantwortliche f\u00fcr das Inferno von Guant\u00e1namo und Abu Ghraib aus: zwischen der hier in die Tat umgesetzten Entmenschlichung und den zornigen &#8218;Gegenterror&#8216;-Erkl\u00e4rungen besteht vollkommene Folgerichtigkeit.\u201c (55)<\/p>\n<p>[1] Die Sprache des Imperiums. Ein historisch-philosophischer Leitfaden, K\u00f6ln 2011. Die in Klammern gesetzten Zahlen bezeichnen die Seiten, auf denen sich die angef\u00fchrten Zitate befinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Befreiungsbewegungen als Terroristen von Andreas Wehr Im Jahr 2007 erschien in Italien das Buch \u201eIl linguaggio dell&#8216; Impero. 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