{"id":15690,"date":"2025-10-23T10:05:18","date_gmt":"2025-10-23T10:05:18","guid":{"rendered":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=15690"},"modified":"2025-10-23T10:05:18","modified_gmt":"2025-10-23T10:05:18","slug":"tamar-amar-dahl-der-zionismus-und-israels-vernichtungskrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=15690","title":{"rendered":"Tamar Amar-Dahl: Der Zionismus und Israels Vernichtungskrieg"},"content":{"rendered":"<p>Die deutsch-israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl hat aus aktuellem Anlass diesen Beitrag geschrieben, der zuvor in der hebr\u00e4ischen Ausgabe von Haaretz erschienen war. Tamar Amar-Dahl war am 25.04.2023 im <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=11636\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gemeindezentrum Bremen zu einer Vortragsveranstaltung.&nbsp;<\/a>Der folgende Beitrag ist erschienen in <a href=\"https:\/\/www.ossietzky.net\/artikel\/der-zionismus-und-israels-vernichtungskrieg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nr. 20\/2025 vom Ossietzky<\/a>. Wir bringen einige Ausz\u00fcge.<!--more--><\/p>\n<p>Der M\u00fcnchener Historiker Michael Brenner schreibt in der S\u00fcddeutschen Zeitung (\u00bbDie Zerst\u00f6rung des Zionismus\u00ab, 1.9.2025), die Regierung Benjamin Netanjahu zerst\u00f6re den Zionismus &#8211; wie ihn die Vordenker Theodor Herzl, Vladimir Zeev Jabotinsky sowie der Staatsgr\u00fcnder David Ben-Gurion im Sinn hatten. Doch ist Israels gegenw\u00e4rtige Pal\u00e4stina-Politik tats\u00e4chlich anti-zionistisch?<\/p>\n<p>Der Zionismus hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts als die ultimative Antwort auf die \u00bbj\u00fcdische Frage\u00ab etabliert, wie sie vor allem in Europa gestellt wurde. Doch je deutlicher wird, wie sehr die messianische Rechte das demokratisch-offene Israel immer mehr erdr\u00fcckt, desto mehr stellt sich die Frage, welches Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen den beiden zionistischen Lagern zur gegenw\u00e4rtigen Katastrophe Israels gef\u00fchrt hat. Ist der Linkszionismus des liberalen Israels ein Gegenmodell zum Zionismus der Rechten bzw. der Siedlerbewegung, oder hat er dessen Erstarken sogar beschleunigt?<\/p>\n<p>Anders gefragt: Ist die messianische Rechte etwa antizionistisch, wie viele liberale Israelis glauben? Oder ist der Rechts- oder Neozionismus mit Premierminister Netanjahu, Polizeiminister Itamar Ben-Gvir und Finanzminister Bezalel Smotrich nur eine Umsetzung des Zionismus in seiner radikalen Form, die sich nicht grunds\u00e4tzlich vom Zionismus der Arbeitspartei in den ersten Jahrzehnten des israelischen Staates unterscheidet?<\/p>\n<p>Von Beginn an dominierte die zionistische Politik der Eroberung, Besetzung und Besiedlung des Landes. Erst Anfang der 1990er Jahre sah sich die israelische F\u00fchrung angesichts der Ersten Intifada (\u00bbKrieg der Steine\u00ab) und des internationalen Drucks gezwungen, Verhandlungen mit den Pal\u00e4stinensern aufzunehmen. Die erzielten Oslo-Abkommen f\u00fchrten zwar zur Anerkennung der PLO als alleiniger Vertretung des pal\u00e4stinensischen Volkes und zum Dialog mit ihrer politischen F\u00fchrung, doch die f\u00fcr die Umsetzung der Abkommen verantwortlichen politischen Kr\u00e4fte in Israel erwiesen sich im Moment der Wahrheit als viel zu schwach und vor allem als sehr unentschlossen.<\/p>\n<p>Die zionistische Linke betrachtet die Ermordung des Premierministers Jitzhak Rabin im November 1995 durch einen j\u00fcdischen Extremisten als Wendepunkt, vergisst aber die Kriegspolitik seines Nachfolgers, Shimon Peres. Nur kurz nach Rabins Tod lie\u00df der am 5.1.1996 den pal\u00e4stinensischen Hamas-Drahtzieher Yahya Ayash in Gaza t\u00f6ten. Diese extralegale Hinrichtung f\u00fchrte zu einer t\u00f6dlichen Welle von Selbstmordattentaten der Hamas in den israelischen St\u00e4dten. Diese wiederum diente dem neuen Likud-Oppositionsf\u00fchrer Netanjahu dazu, sich als \u00bbMann, der den Terror bek\u00e4mpfen wird\u00ab, zu pr\u00e4sentieren. W\u00e4hrend diese Krise mitten im Friedensprozess seine Wahlchancen zunichtemachte, f\u00fchrte Peres die israelischen Streitkr\u00e4fte im April 1996 auch noch in eine weitere Milit\u00e4roperation im Libanon. \u00bbFr\u00fcchte des Zorns\u00ab, so der Name dieser Operation, sollte Peres\u203a militaristisches Image bei den bevorstehenden Wahlen st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Peres scheiterte, weil die pal\u00e4stinensisch-israelischen W\u00e4hler die Arbeitspartei f\u00fcr den Krieg im Libanon abstraften und nicht zur Wahl gingen. Netanjahus Wahl f\u00fcr die erste Amtszeit (1996-1999), die mit einem Vorsprung von lediglich mehreren tausend Stimmen erfolgte, h\u00e4tte daher sehr wahrscheinlich vermieden werden k\u00f6nnen, wenn Peres zu diesem Zeitpunkt auf das milit\u00e4rische Vorgehen verzichtet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Doch Peres, der sich selbst als Mann des Friedens vermarktete, konnte in diesem kritischen Moment Ende 1995 einfach nicht das tun, was er h\u00e4tte tun m\u00fcssen. Es waren Abkommen mit der PLO unterzeichnet, es gab einen vereinbarten und akzeptierten pal\u00e4stinensischen Partner, die Europ\u00e4er und Amerikaner hatten ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Friedensprozess zugesichert, die israelische Rechte und die j\u00fcdischen Siedler waren durch das Attentat auf Rabin, also die Ermordung eines Juden durch einen Juden, \u00e4u\u00dferst geschw\u00e4cht. Netanjahu dachte sogar an einen R\u00fcckzug aus der Politik. Und das Wichtigste: Der Zeitgeist verlangte eine politische L\u00f6sung f\u00fcr die Pal\u00e4stina-Frage. Peres musste den begonnenen Prozess nur zu Ende bringen, wenn er wirklich an die Teilung des Landes zwischen den beiden V\u00f6lkern geglaubt und sie wirklich gewollt h\u00e4tte. Doch aus Angst vor einem pal\u00e4stinensischen Staat neben Israel &#8211; der so nicht in den Oslo-Vertr\u00e4gen festgelegt war, der aber am Ende des Prozesses h\u00e4tte stehen m\u00fcssen &#8211; machte Peres s\u00e4mtliche Fehler. Er tappte in die Falle der von ihm selbst gepr\u00e4gten politischen Ordnung, die immer wieder Kriege anzettelt, um politische Krisen zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Wenn also Peres 1995 und Barak 2000 unter den damaligen, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig g\u00fcnstigen historischen Bedingungen so kl\u00e4glich scheiterten, stellt sich die Frage: F\u00fchrt der israelische Zionismus in seiner Kompromissunf\u00e4higkeit und damit in seiner inneren Logik des Siedler-Kolonialismus auch zum V\u00f6lkermord?<\/p>\n<p>Vor genau achtzig Jahren diskutierte Hannah Arendt in ihrem Artikel \u00bbZionism Reconsidered\u00ab das zerst\u00f6rerische Potenzial der Bestrebungen, die die zionistische Bewegung f\u00fcr sich selbst zu formulieren begann. Sie untersuchte das Konzept des j\u00fcdischen Nationalismus mit Begriffen des deutschen Nationalismus, der die verheerende Geschichte einer \u00bbsp\u00e4ten Nation\u00ab manifestierte. Arendt bef\u00fcrchtete, dass der Jischuv &#8211; die organisierte j\u00fcdische Gemeinde in Pal\u00e4stina &#8211; mit seinen diversen zionistischen Str\u00f6mungen zunehmend auf Gewalt setzt, um dem Konflikt mit den Pal\u00e4stinensern zu begegnen. Sie sah 1945 voraus, was heute bef\u00fcrchtet wird: Eine gewaltsame L\u00f6sung der Pal\u00e4stinafrage durch die Zionisten w\u00fcrde zwangsl\u00e4ufig zu weltweitem Judenhass f\u00fchren.<\/p>\n<p>Mit dem Scheitern der Oslo-Abkommen im Jahr 2000 wurde immer deutlicher, dass der Zionismus, in dem sich Israel geradezu verschanzt hat, Neue Rechte hervorbringen werde: eine extremistische Siedlerbewegung, die an der Ideologie festh\u00e4lt, das Land gewaltsam zu erobern und zu besiedeln mit dem Ziel, einen j\u00fcdischen Halacha-Staat nach religi\u00f6sem Gesetz zu etablieren. F\u00fcr den alten s\u00e4kularen Zionismus ist das ein Alptraum.<\/p>\n<p>Dieser \u00e4u\u00dferste rechte Fl\u00fcgel versteht sich selbst als zionistisch und wird in der Forschung als neozionistisch bezeichnet. Tats\u00e4chlich entstand der im heutigen Israel herrschende national-religi\u00f6se Neozionismus aus der Identit\u00e4tskrise des zionistischen Israel. Seit Beginn der Zweiten Intifada im Jahr 2000 hat sich die israelische Gesellschaft weitgehend in sich selbst zur\u00fcckgezogen, ist unpolitisch geworden und hat sich mit Hilfe ihres neozionistischen Langzeit-Premiers Netanjahu von ihrer Geschichte abgekoppelt.<\/p>\n<p>Der 7. Oktober 2023 war ein verheerender Weckruf, der jedoch in eine weitere Katastrophe m\u00fcndete, denn die Mehrheit der Israelis weigerte sich stur &#8211; und tut es noch immer -, den \u00dcberraschungsangriff der Hamas in den Kontext der israelisch-pal\u00e4stinensischen Konfliktgeschichte einzuordnen. Von hier aus war der Weg zur D\u00e4monisierung der Pal\u00e4stinenser nicht mehr weit &#8211; eine notwendige Voraussetzung f\u00fcr die dann erfolgte massenhafte T\u00f6tung in Gaza. Das Inferno im Gazastreifen wird in Israel jedoch weitestgehend ausgeblendet.<\/p>\n<p>Israels Vernichtungskrieg gegen die Pal\u00e4stinenser ruft Hannah Arendts Warnung von 1945 wach: Ein auf brutaler St\u00e4rke basierender j\u00fcdischer Nationalismus &#8211; der mithilfe der Gro\u00dfmacht USA versucht, die Pal\u00e4stinenser aus dem Land zu verdr\u00e4ngen &#8211; sei nicht nur selbst zum Aussterben verurteilt. Dieser Zionismus w\u00fcrde auch den Hass gegen Juden weltweit befl\u00fcgeln.<\/p>\n<p>Die Geschichte arbeitet heimt\u00fcckisch: W\u00e4hrend der Neozionismus mit seiner Vernichtungskriegspolitik den fruchtbaren Boden f\u00fcr den alten Antisemitismus bereitet, kehrt die vom zionistischen Israel immer wieder verdr\u00e4ngte Pal\u00e4stinafrage als neues j\u00fcdisches Problem auf die B\u00fchne der Geschichte zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dr. Tamar Amar-Dahl, j\u00fcdisch-israelisch-deutsche Historikerin, Berlin, ist Autorin des Buches \u00bbDer Siegeszug des Neozionismus. Israel im neuen Millennium, Wien 2023. Weitere Ver\u00f6ffentlichungen siehe: <a href=\"https:\/\/orcid.org\/0009-0000-7360-4743.\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/orcid.org\/0009-0000-7360-4743.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsch-israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl hat aus aktuellem Anlass diesen Beitrag geschrieben, der zuvor in der hebr\u00e4ischen Ausgabe von Haaretz erschienen war. 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