{"id":1574,"date":"2014-12-03T10:14:41","date_gmt":"2014-12-03T09:14:41","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1574"},"modified":"2014-12-04T15:36:39","modified_gmt":"2014-12-04T14:36:39","slug":"die-legende-von-den-aus-den-arabischen-laendern-vertriebenen-juden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1574","title":{"rendered":"Die Legende von den \u201eaus den arabischen L\u00e4ndern vertriebenen Juden\u201c"},"content":{"rendered":"<p><b>Israel ehrt die angeblichen Fl\u00fcchtlinge erstmals mit einem Gedenktag \/ J\u00fcdische Historiker widersprechen<\/b><\/p>\n<p><em>Arn Strohmeyer<\/em><\/p>\n<p>Israel hat einen neuen Gedenktag. Am 1. Dezember wurde erstmals der \u201eFlucht und Vertreibung der Juden aus arabischen L\u00e4ndern und Iran\u201c gedacht. Staatspr\u00e4sident Reuven Rivlin hielt bei dieser Gelegenheit eine Rede, in der er die alten zionistischen Mythen und Legenden \u00fcber die \u201eTrag\u00f6die\u201c dieser Menschen wiederholte. Er forderte von den arabischen Staaten sogar Entsch\u00e4digungen und R\u00fcckzahlungen f\u00fcr das den j\u00fcdischen Fl\u00fcchtlingen angetane Unrecht, r\u00e4umte aber immerhin auch ein, dass man diese Neuank\u00f6mmlinge in Israel nicht gerade herzlich aufgenommen, ja sie an den \u00e4u\u00dfersten Rand der Gesellschaft gedr\u00e4ngt habe.<!--more--><\/p>\n<p>Der Hintergrund der Einf\u00fchrung des neuen Gedenktages und Argumentation Rivlins ist klar: Israel will die angeblich ein Million j\u00fcdischer Fl\u00fcchtlinge aus arabischen L\u00e4ndern mit den 1948 und 1967 vertriebenen Pal\u00e4stinensern verrechnen, um sagen zu k\u00f6nnen, dass die Rechnung ausgeglichen sei \u2013 dass die Pal\u00e4stinenser keine Anspr\u00fcche auf R\u00fcckkehr und Entsch\u00e4digung mehr anmelden k\u00f6nnen. Nur die Vertreibung der Juden aus den arabischen L\u00e4ndern ist eine Legende. Im Folgenden nehmen zwei j\u00fcdische Historiker dazu Stellung.<\/p>\n<p>Einmal davon abgesehen, dass man ein Unrecht nicht mit einem anderen aufrechnen kann, die historische Wahrheit sieht ganz anders aus. Zwei Historiker &#8211; der Israeli Tom Segev und sein \u00f6sterreichisch-j\u00fcdischer Kollege John Bunzl \u2013 haben intensiv \u00fcber dieses Thema gearbeitet und kommen zu ganz anderen Ergebnissen. Die Zionisten hatten im Krieg von 1948\/49 gro\u00dfe Gebiete erobert und die meisten der bis dahin dort lebenden pal\u00e4stinensischen Einwohner vertrieben. Dadurch waren gro\u00dfe \u201eent-arabisierte\u201c Gebiete in den Machtbereich Israels geraten. Israel fehlte es daher an Menschen, denn durch den V\u00f6lkermord an den Juden durch die Nazis blieben Millionen Menschen aus &#8211; vor allem osteurop\u00e4ische Juden &#8211; , die f\u00fcr die Besiedlung eigentlich vorgesehen waren. Juden aus anderen Teilen der Welt zeigten aber wenig Interesse, in den neuen Staat \u00fcberzusiedeln.<\/p>\n<p>Einwanderer aus den islamischen Staaten zu gewinnen, war also ein vorrangiges Projekt des jungen Staates Israel. Ministerpr\u00e4sident Ben Gurion formulierte das 1949 so: \u201eWir haben Gebiete erobert, aber ohne Besiedlung haben sie keinen entscheidenden Wert, weder im Negev noch in Galilea noch in Jerusalem. Besiedlung ist erst die wirkliche Eroberung. Tausende Jahre waren wir eine Nation ohne Staat. Jetzt besteht die Gefahr, dass wir ein Staat ohne Nation werden.\u201c<\/p>\n<p>Der Historiker Halevi schreibt dazu: \u201eVor diesem Hintergrund beschlie\u00dfen die F\u00fchrer der Arbeiterzionisten des Jischuw, mit allen Mitteln die Juden der mohammedanischen L\u00e4nder Nordafrikas und des Mittleren Ostens kommen zu lassen. (&#8230;) Aus Marokko, Algerien, Tunesien, Lybien, \u00c4gypten, dem Jemen, Irak Syrien und dem Libanon (&#8230;) trafen zwischen 1948 und 1967 eine Million \u201aarabischer\u2019 Juden in Pal\u00e4stina ein, wo sie (&#8230;) den leeren arabischen Raum bev\u00f6lkerten. Als Minderheit unter den Juden der ganzen Welt wurden die Juden \u201aAfrikas und Asiens\u2018, wie sie der offizielle israelische Sprachgebrauch bezeichnet, zur Mehrheit im Staat Israel.\u201c<\/p>\n<p>Es gab aber auch direkte politische Gr\u00fcnde, die Einwanderung orientalischer Juden zu bef\u00f6rdern: Ben Gurion wollte sie im Lande haben, um die Armee zu st\u00e4rken. Und Menachem Begin w\u00fcnschte ihre Einwanderung, weil er glaubte, dass \u201ediese unwissenden und primitiven\u201c Massen ihn und seine rechte Herut-Partei schneller an die Macht bringen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Um Juden in den islamischen Staaten zur Einwanderung nach Israel zu \u00fcberreden, sandte Israel Agenten aus, die bei den jeweiligen Regierungen Ausreisegenehmigungen f\u00fcr die Juden erreichen sollten. Die Methoden, mit denen diese Agenten arbeiteten, waren nicht immer legal. So wurden an Beamte und Mitglieder der Regierungen hohe Summen gezahlt &#8211; Nuri Said, der Schah des Iran und die Sultane des Jemen kamen auf die Gehaltsliste des Mossad. Wenn Geld nicht die gew\u00fcnschte Wirkung erzielte, entwickelten zionistische Stellen das Interesse, die Lebensbedingungen der j\u00fcdischen Minderheiten in diesen Staaten zu verschlechtern.<\/p>\n<p>Jitzak Ben-Menahem, eine Agent, der in arabischen L\u00e4ndern viele Operationen ausgef\u00fchrt hatte, schrieb: \u201eMassenauswanderung wird nur als Folge von Bedr\u00e4ngnis eintreten. Das ist die bittere Wahrheit, ob es uns passt oder nicht. Wir m\u00fcssen daran denken, die Bedr\u00e4ngnis zu initiieren, sie in der Diaspora herbeizuf\u00fchren.\u201c Und Ben Gurion bemerkte: \u201eSelbst Juden, die [ihre Wohnorte] nicht verlassen wollen, m\u00fcssen gezwungen werden zu kommen.\u201c<\/p>\n<p>Dabei war man sich in Israel sehr wohl bewusst, dass die Einwanderung der Juden aus den islamischen L\u00e4ndern viele Probleme schaffen w\u00fcrde, denn der Bildungsstandard dieser Menschen war sehr niedrig. In einem israelischen Zeitungsartikel hie\u00df es 1949: \u201eDie Primitivit\u00e4t dieser Leute ist un\u00fcbertreffbar. Sie haben fast \u00fcberhaupt keine Erziehung, schlimmer noch ist ihre Unf\u00e4higkeit, irgendetwas Intellektuelles zu verstehen. In der Regel sind sie nur etwas weiter als Araber, Neger und Berber. Das Niveau liegt bestimmt unter jenem der vormaligen pal\u00e4stinensischen Araber.\u201c Aber man brauchte diese Menschen als Landarbeiter, die die pal\u00e4stinensischen Araber ersetzen sollten. Diese Einwanderer wurden wegen ihrer Fremdartigkeit in Israel auch mit Best\u00fcrzung und Feindseligkeit empfangen. Ben Gurion verteidigte die Notwendigkeit ihres Kommens aber, er verglich sie mit den Schwarzen, die als Sklaven nach Amerika geholt wurden.<\/p>\n<p>Der israelische Historiker Tom Segev spricht in seinem Buch \u201eDie ersten Israelis\u201c nur von \u201eEinwanderung\u201c der orientalischen Juden. Das Wort \u201eVertreibung\u201c benutzt er nur ein einziges Mal &#8211; im Zusammenhang mit dem Irak. Aber dort war die Situation sehr kompliziert und Segev belegt, dass die zionistischen Agenten bei der \u201eVertreibung\u201c der irakischen Juden kr\u00e4ftig nachgeholfen haben. Auf jeden Fall ist die These der zionistischen Geschichtsschreibung, dass die Sehnsucht dieser Menschen nach dem Heiligen Land und die grausame Verfolgung dort sie zum Verlassen des Landes bewogen h\u00e4tten, nicht haltbar. Segev beschreibt eine sehr aktive T\u00e4tigkeit von Mossad-Agenten im Irak, ja spricht sogar von einem \u201ezionistischen Untergrund\u201c. Es seien nur Juden im Irak verfolgt worden, die mit diesen Untergrundt\u00e4tigkeiten zu tun gehabt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>1950 beschloss das irakische Parlament ein Gesetz, alle Juden auswandern zu lassen. Segev bringt diesen Beschluss mit \u201eVertreibung\u201c in Verbindung, f\u00fcgt aber hinzu, dass das Gesetz, das die Juden zwang, das Land zu verlassen, eine Folge der subversiven Arbeit des Mossad war. Bei einem Bombenanschlag in Bagdad kamen im Januar 1951 vier Juden ums Leben. Die T\u00e4ter wurden nie ermittelt, aber Ger\u00fcchte gaben dem Mossad die Schuld. Der Anschlag sollte die Juden in Panik versetzen und zur Auswanderung bewegen.<\/p>\n<p>Mit dem Jemen schloss Israel ein Abkommen \u00fcber die Auswanderung der Juden. Sie wurden zum Exodus \u00fcberredet, indem man in diesen sehr ungebildeten Menschen messianische Hoffnungen weckte. So glaubten viele, dass es sich bei Israel um ein neues K\u00f6nigreich Davids handele, weil der Regierungschef David Ben Gurion hei\u00dfe. Die jemenitischen Juden wurden mit einer Luftbr\u00fccke nach Israel gebracht, wobei sie die wei\u00dfen Flugzeuge f\u00fcr die \u201efliegenden wei\u00dfen Esel des Messias\u201c hielten.<\/p>\n<p>In \u00c4gypten herrschte eine ganz andere Situation. Hier hatten islamistische und nationalistische Str\u00f6mungen seit den vierziger Jahren das Leben von nicht-\u00e4gyptischen Minderheiten erschwert &#8211; nicht nur von Juden, sondern auch von Europ\u00e4ern, koptischen Christen und Griechen. Ab Juli 1954 belastete ein von einem israelischen Spionagering begangener Anschlag in Kairo die Beziehungen zwischen der \u00e4gyptischen Regierung und den Juden schwer. Die israelischen Agenten hatten Bomben in britischen und amerikanischen Informationszentren, britischen Kinos und \u00e4gyptischen \u00f6ffentlichen Einrichtungen hochgehen lassen. Ziel des Anschlages war es, \u201edas Vertrauen des Westens in das derzeitige \u00e4gyptische Regime zu untergraben.\u201c<\/p>\n<p>Die Briten verhandelten damals mit \u00c4gypten \u00fcber die Evakuierung der Kanalzone. Die Amerikaner wollten \u00c4gypten Waffen liefern. Es war sogar ein amerikanisch-\u00e4gyptisches B\u00fcndnis im Gespr\u00e4ch. Israel f\u00fchrte zun\u00e4chst eine Kampagne, um den \u00c4gyptern die Anschl\u00e4ge \u201eals ein anti-j\u00fcdisches abgekartetes Spiel\u201c in die Schuhe zu schieben. Schlie\u00dflich kam aber auch in Israel die Wahrheit heraus, dass eine Gruppe im Sicherheitsestablishment die Anschl\u00e4ge ausgeheckt hatte.<\/p>\n<p>Als Israel dann im Oktober 1956 im Suezkrieg zusammen mit Gro\u00dfbritannien und Frankreich \u00c4gypten angriff, verf\u00fcgte die \u00e4gyptische Regierung Massenausweisungen. Rund 100 000 Juden verlie\u00dfen das Land. Aber auch Angeh\u00f6rige anderer Staaten &#8211; Griechen, Italiener, Franzosen und Briten &#8211; mussten \u00c4gypten verlassen. Die Juden hatten aber auch unter den Folgen der panarabisch-islamischen \u00c4gyptisierung von Wirtschaft und Verwaltung und den Auswirkungen des Pal\u00e4stina-Konfliktes zu leiden. Bunzl betont ausdr\u00fccklich: \u201eDie antij\u00fcdischen Ma\u00dfnahmen lagen weder in einer \u201aewigen\u2018 muslimischen Feindschaft antisemitischen Typs noch in der Haltung der Mehrheit der \u00e4gyptischen Bev\u00f6lkerung begr\u00fcndet &#8211; diese war bis in die Mitte das 20. Jahrhunderts durchaus \u201atolerant\u2018.<\/p>\n<p>Segev notiert denn auch, dass es f\u00fcr die orientalischen Einwanderer in Israel viele Motive gab, ihre alte Heimat zu verlassen. Es gab pers\u00f6nliche, politische und religi\u00f6se Gr\u00fcnde. Er schreibt: \u201eEinige Juden wanderten spontan aus. Sie weil sie schikaniert und verfolgt wurden, sei es wegen ihrer zionistischen oder religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen. Andere kamen wegen der Propaganda nach Israel, die von Vertretern des Zionismus in ihren L\u00e4ndern verbreitet wurde. Einige schlossen sich einfach den emigrierenden Massen an, und manche verschlug es tats\u00e4chlich gegen ihren Willen nach Israel.\u201c Aber eins kann man mit Sicherheit sagen: Eine der ethnischen S\u00e4uberung, also der Nakba der Pal\u00e4stinenser 1948\/49 entsprechende Vertreibung der Juden aus den islamischen L\u00e4ndern hat es nicht gegeben.<\/p>\n<p><strong>Literatur zum Thema:<\/strong><\/p>\n<div><strong>Bunzl, John: Juden im Orient. J\u00fcdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel, Wien 1989<\/strong><\/div>\n<div><strong>Segev, Tom: Die ersten Israelis. Die Anf\u00e4nge des j\u00fcdischen Staates, M\u00fcnchen 2008 <\/strong><\/div>\n<p>2.12.2014<\/p>\n<p><strong>Nachtrag<\/strong><\/p>\n<p>Kritische Juden aus Israel und Deutschland haben vor einiger Zeit einen Offenen Brief an die Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung geschrieben, weil diese eine Veranstaltung durchf\u00fchren wollte, das dem Thema der angeblichen Vertreibung der Juden aus den arabischen L\u00e4ndern in den 50er Jahren gewidmet war. Die Verfasser des Briefes werfen den Veranstaltern von der Stiftung vor, ungepr\u00fcft von den Israelis verbreitete historische Legenden zu \u00fcbernehmen, die einen klaren politischen Zweck verfolgten.<\/p>\n<p>hier: <a href=\"http:\/\/schmok.blogsport.eu\/2011\/01\/12\/offener-brief-an-die-heinrich-boll-stiftung\/\" target=\"_blank\">http:\/\/schmok.blogsport.eu\/2011\/01\/12\/offener-brief-an-die-heinrich-boll-stiftung\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Israel ehrt die angeblichen Fl\u00fcchtlinge erstmals mit einem Gedenktag \/ J\u00fcdische Historiker widersprechen Arn Strohmeyer Israel hat einen neuen Gedenktag. Am 1. Dezember wurde erstmals der \u201eFlucht und Vertreibung der Juden aus arabischen L\u00e4ndern und Iran\u201c gedacht. 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