{"id":15752,"date":"2025-11-07T07:55:13","date_gmt":"2025-11-07T07:55:13","guid":{"rendered":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=15752"},"modified":"2025-11-07T07:55:13","modified_gmt":"2025-11-07T07:55:13","slug":"abed-schokry-newsletter-ueber-gaza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=15752","title":{"rendered":"Abed Schokry: Newsletter \u00fcber Gaza"},"content":{"rendered":"<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/25-04-29-abed-schokry_ji.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-14459 size-medium\" src=\"http:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/25-04-29-abed-schokry_ji-300x276.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"276\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/25-04-29-abed-schokry_ji-300x276.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/25-04-29-abed-schokry_ji-768x706.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/25-04-29-abed-schokry_ji-326x300.jpg 326w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/25-04-29-abed-schokry_ji.jpg 1017w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Bonn, 06.11.2025<br \/>\nSehr geehrte Damen und Herren, liebe Freudinnen und liebe Freunde!<\/p>\n<p>Es ist geschafft und die andauernden Angriffe wurden endlich eingestellt und das t\u00e4gliche Morden wurde fast eingestellt. Das ist ein gutes Zeichen.<\/li>\n<li>Die br\u00fcchige Waffenruhe<\/li>\n<li>Doppelmoral<\/li>\n<li>Die UNRWA und die Versorgung der Bev\u00f6lkerung<\/li>\n<li>Medizinische Versorgung<\/li>\n<li>Schule und Studium<\/li>\n<li>Einkommen und Geh\u00e4lter<\/li>\n<li>Das t\u00e4gliche Leben und Grenze nach \u00c4gypten<\/li>\n<li>Einreise von Journalist:innen in den Gazastreifen<\/li>\n<\/ul>\n<p><!--more--><\/p>\n<h1>Die br\u00fcchige Waffenruhe<\/h1>\n<p>Die seit dem 10. Oktober in Kraft getretene Waffenruhe ist eher br\u00fcchig als stabil zu betrachten, aber immerhin wurden die st\u00e4ndigen Bombardements eingestellt und etwas mehr humanit\u00e4re Hilfe gelangt in den Gaza-Streifen. Das ist erst einmal ein wichtiger Schritt, und es wird hoffentlich zu einer v\u00f6lligen Waffenruhe kommen. Au\u00dferdem werden mehr Hilfslieferungen eingef\u00fchrt, wenn auch die notwendige Menge noch lange nicht erreicht ist.<\/p>\n<p>Einige hundert pal\u00e4stinensische H\u00e4ftlinge wurden aus den israelischen Gef\u00e4ngnissen entlassen. Viele von ihnen waren ohne Anklage festgehalten worden. Alle lebenden israelischen Geiseln wurden freigelassen. Israelische Truppen wurden teilweise aus dem Gazastreifen abgezogen. In fast 50% des kleinen K\u00fcstenstreifens ist das israelische Milit\u00e4r allerdings nach wie vor mit Panzern pr\u00e4sent. Den Menschen aus Gaza ist die \u00dcberschreitung der sogenannten gelben Linie verboten, durch die die Menschen eingekreist werden und hinter der sich die Menschen jetzt in einem halb so gro\u00dfen Territorium als fr\u00fcher zusammendr\u00e4ngen m\u00fcssen. Diese gelbe Linie ist keineswegs deutlich erkennbar. Auch bei einem nicht beabsichtigten \u00dcbertritt dieser Linie wird gezielt geschossen. Mehrere Pal\u00e4stinenser sind bereits an dieser neuen \u201eGrenze\u201c get\u00f6tet worden.<\/p>\n<p>H\u00e4lt der Deal? Und ist er ein Schritt in Richtung Frieden? Einsch\u00e4tzungen von Friedensforscherin Claudia Baumgart-Ochse: \u201eVor einem positiven Frieden sind wir weit entfernt\u201c, denn ein \u201epositiver Frieden\u201c hingegen umfasse weit mehr: gesellschaftliche Gerechtigkeit, politische Freiheit und stabile Lebensbedingungen. \u201eVon so einem Frieden sind wir \u2013 vor allem f\u00fcr die Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinenser \u2013 nat\u00fcrlich noch weit entfernt.\u201c Der CDU-Au\u00dfenpolitiker Norbert R\u00f6ttgen zeigt sich \u00fcberzeugt, dass die erste Phase des Trump-Plans vollst\u00e4ndig umgesetzt wird. Der vereinbarte Waffenstillstand ist ein Hoffnungsschimmer. Nach Jahren ohne Fortschritt sieht er erstmals eine reale Chance auf Ver\u00e4nderung. \u201eIch glaube, wir sind jetzt an einem Punkt, wo es vielleicht nicht mehr zur\u00fcckgeht\u201c, sagt er. \u201eAber es ist noch wirklich alles mit gro\u00dfer Vorsicht zu genie\u00dfen, und die eigentlichen Fragen liegen weiterhin noch auf dem Tisch.\u201c<\/p>\n<p>Am 28. Oktober konnten wir sehr klar wahrnehmen, wie instabil der erzielte Waffenstillstand ist. Trotz des angeblichen Waffenstillstands bombardierte Israel wieder, und es wurden \u00fcber 100 Menschen in Gaza get\u00f6tet, wieder die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Der amerikanische Pr\u00e4sident bezeichnete u.a. diese gezielte Bombardierung als \u201eScharm\u00fctzel\u201c, sozusagen als eine Kleinigkeit. W\u00fcrde er diese Wortwahl auch anwenden, ginge es um \u00fcber 100 Tote auf der anderen Seite?<\/p>\n<p>Ein dauerhafter und stabiler Waffenstillstand ist wichtiger denn je. Ohne Druck von au\u00dfen &#8211; auf alle Seiten &#8211; wird es sehr schwer sein, dass der Waffenstillstand halten wird. Ob die angeblich am Waffenstillstand interessierten Staaten es schaffen, wei\u00df ich nicht. \u00c4gypten warnt st\u00e4ndig, dass die israelische Seite die Waffenruhe verletze.<\/p>\n<h1>Doppelmoral<\/h1>\n<p>Der Gipfel der Ungerechtigkeit und Doppelmoral besteht darin, dass schweres Ger\u00e4t bereitgestellt wird, um die Leichen von Gefangenen der israelischen Besatzungsarmee zu bergen, und zwar in Anwesenheit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz mit hochrangiger Vertretung. W\u00e4hrend die Leichen von mehr als 10.000 Pal\u00e4stinenser\/innen seit zwei Jahren unter den Tr\u00fcmmern liegen und darauf warten, dass das Rote Kreuz eingreift und bei ihrer Bergung hilft. Mit dem Blick auf Gaza wird deutlich, dass Menschlichkeit leider nicht universell ist, Schmerz wird nach politischen Ma\u00dfst\u00e4ben gemessen. Sogar die Toten werden nicht gleichbehandelt. Die UNRWA und die Versorgung der Bev\u00f6lkerung Bis heute durfte die UNRWA ihre Arbeit nicht wiederaufnehmen. Seit Mitte M\u00e4rz hat die UN- Organisation keine Hilfsg\u00fcter verteilen d\u00fcrfen. Es gab k\u00fcrzlich einen Beschluss des Internationalen Gerichtshofs, dass die UNRWA als die kompetenteste und erfahrenste Hilfsorganisation ihre Arbeit in Gaza fortf\u00fchren soll. Israel ignoriert die Aufforderung der UN und l\u00e4sst die UNRWA ihre Arbeit im Gazastreifen nicht fortsetzen. Knapp Zweidrittel der Bev\u00f6lkerung im Gazastreifen sind registrierte und von der UNRWA anerkannte Fl\u00fcchtlinge. Sie sind auf diese Hilfe sehr angewiesen.<\/p>\n<p>Dementsprechend ist die Versorgung eher schlecht als gut zu betrachten. Es ist allerdings so, dass mehr Waren f\u00fcr die H\u00e4ndler in den Gazastreifen eingef\u00fchrt werden als w\u00e4hrend der weitgehenden Blockade der Hilfsg\u00fcter durch Israel. Allerdings fehlt den Menschen das Geld, um etwas kaufen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h1>Medizinische Versorgung,<\/h1>\n<p>Mehr als die H\u00e4lfte der Krankenh\u00e4user wurde zerst\u00f6rt und die restlichen sind \u00fcberbelegt und haben sehr wenige Ressourcen. Daher arbeiten sie unter sehr widrigen Umst\u00e4nden. Es sieht eher schlecht aus, denn es werden sehr wenige medizinische Materialien eingef\u00fchrt. Nach pal\u00e4stinensischen Angaben wurde nur 10% des tats\u00e4chlichen Bedarfs geliefert. Es fehlen sehr viele medizinische Ger\u00e4te. Im ganzen Gazastreifen gibt es kein einziges MRT-Ger\u00e4t. Ebenso mangelt es an Medikamenten f\u00fcr chronisch kranke Patienten.<\/p>\n<p>Es ist auch bekannt, dass es sehr viele Patienten gibt, vor allem Kinder, die sehr dringend im Ausland operiert bzw. behandelt werden m\u00fcssen. Einige europ\u00e4ische L\u00e4nder haben schon verletzte pal\u00e4stinensische Kinder f\u00fcr die medizinische Behandlung aufgenommen. Gro\u00dfbritannien, Frankreich, Norwegen, Italien und Spanien. Ob die Bundesregierung das auch tut, das ist noch nicht klar, zumal es seitens vieler St\u00e4dte die Bereitschaft signalisiert wurde, verletzte pal\u00e4stinensische Kinder auch in Deutschland zu behandeln.<\/p>\n<h1>Schule und Studium<\/h1>\n<p>Bei Schulen und Universit\u00e4ten sieht es sehr \u00e4hnlich aus. Ca. 90% der Schulen und Universit\u00e4ten wurden zerst\u00f6rt, daher wird es nicht ohne weiteres m\u00f6glich sein, dass der Unterricht wieder aufgenommen werden kann. Auch wird es nicht einfach sein, in Zelten zu unterrichten. Es fehlen Zelte, Wasser- und Stromversorgung, und es ist gerade Winter und auch nass-kalt. Das erschwert die ohnehin sehr schwierige Situation. Die Universit\u00e4ten versuchen den Unterricht online fortzuf\u00fchren. Professoren in Gaza und Professoren aus Gaza unterrichten ihre Studenten online und haben es sogar w\u00e4hrend der zwei Jahre gemacht &#8211; so gut es ging. Auch ich habe online unterrichtet und versuche meine Studenten weiter zu unterst\u00fctzen, damit sie ihr Studium fortsetzen k\u00f6nnen. Das akademische Leben in Gaza ist mehr als zerst\u00f6rt, es ist fast ausgel\u00f6scht. Doch inmitten der Ruinen bleiben Stimmen, die auf Bildung als Akt des Widerstands bestehen.<\/p>\n<p>Der Wiederaufbau der Universit\u00e4ten ist daher mehr als eine infrastrukturelle Aufgabe. Er ist ein moralisches Gebot. Denn jede wiederaufgebaute Schule, jede neu er\u00f6ffnete Bibliothek bedeutet, dass die Idee von Wissen, Freiheit und Menschlichkeit \u00fcberlebt hat.<br \/>\nDas t\u00e4gliche Leben und Grenze nach \u00c4gypten Die Versorgung mit Lebensmitteln liegt bei 25-30% des Notwendigen und das bedeutet, dass es immer noch Hungersnot gibt.<\/p>\n<p>Allerdings ist es f\u00fcr Menschen in bestimmten Regionen jetzt m\u00f6glich, zweimal am Tag zu essen. Sehr viele m\u00fcssen sich immer noch mit einer Mahlzeit begn\u00fcgen. Die Grenze zu \u00c4gypten ist immer noch geschlossen, was dazu f\u00fchren wird, dass noch mehr Verletzte infolge mangelnder bzw. fehlender medizinischer Versorgung sterben werden. Darunter sind tausende Kinder, die dringend behandelt werden m\u00fcssen. Mehr als 1.5 Millionen Menschen haben im Gazastreifen ihre Wohnungen bzw. H\u00e4user verloren und haben kein Dach \u00fcber dem Kopf. Es fehlen sowohl Zelte als auch Wohn-Container und es wird Winter, daher ben\u00f6tigen die Menschen sehr dringend Schutz. Ein anderes sehr gro\u00dfes Problem, das es zu bew\u00e4ltigen gilt, ist die M\u00fcllabfuhr. Ca. 270.000 Tonnen M\u00fcll liegen auf den Stra\u00dfen des Gazastreifens. Welche gesundheitlichen Folgen daraus resultieren k\u00f6nnen, ist bekannt.<\/p>\n<h1>Einkommen und Geh\u00e4lter<\/h1>\n<p>Es gab in Gaza einige kleine Familienbetriebe und kleine Gesch\u00e4fte, Landwirtschaft, Bauernh\u00f6fe, H\u00fchner-Zucht-Farmen, Schulen, Universit\u00e4ten, Bibliotheken usw. Alles wurde zerst\u00f6rt und damit das Einkommen der Familien. Die Bev\u00f6lkerung ist auf Hilfe angewiesen. Nicht ausreichend f\u00fcr das eigene Leben und \u00dcberleben sorgen zu k\u00f6nnen, hat Einfluss auf das Selbstwertgef\u00fchl der Menschen und im Grunde einer ganzen Gesellschaft. Der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung ist universell und sollte allen Menschen gew\u00e4hrt werden.<\/p>\n<h1>Einreise von Journalist\/innen in den Gazastreifen?<\/h1>\n<p>Obwohl es nun seit dem 10. Oktober 2025 einen Waffenstillstand gibt, verwehrt Israel Journalist\/innen die Einreise in den Gazastreifen. Warum? Am Ende stelle ich diese Frage in den Raum, wird es je f\u00fcr uns Pal\u00e4stinenser:innen Gerechtigkeit geben? Ich denke und hoffe, dass der Frieden kommen wird aber ob dieser Frieden ein gerechter sein wird!!!!<\/p>\n<p>In der Hoffnung, dass die Situation in Gaza besser wird, verbleibe ich f\u00fcr heute<br \/>\nmit solidarischen Gr\u00fc\u00dfen<br \/>\nIhr<br \/>\nAbed Schokry<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bonn, 06.11.2025 Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freudinnen und liebe Freunde! Es ist geschafft und die andauernden Angriffe wurden endlich eingestellt und das t\u00e4gliche Morden wurde fast eingestellt. Das ist ein gutes Zeichen. 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