{"id":1583,"date":"2014-12-04T16:03:20","date_gmt":"2014-12-04T15:03:20","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1583"},"modified":"2014-12-04T16:20:10","modified_gmt":"2014-12-04T15:20:10","slug":"ein-staat-oder-zwei-staaten-loesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1583","title":{"rendered":"Ein-Staat- oder Zwei-Staaten-L\u00f6sung?"},"content":{"rendered":"<p>Innerhalb des <a href=\"http:\/\/www.kopi-online.de\/joomla\/\" target=\"_blank\">&#8222;Deutschen Koordinationskreises Pal\u00e4stina Israel (KOPI)&#8220;<\/a> wird &#8211; wie in israelischen linken Kreisen auch &#8211; \u00fcber die Frage Ein-Staat- oder Zwei-Staaten-L\u00f6sung diskutiert. Wir dokumentieren in diesem Zusammenhang (mit freundlicher Genehmigung des Verfassers) eine kurze Stellungnahme von Hermann Dierkes sowie ein l\u00e4ngeres Referat, das er auf der 2. Pal\u00e4stina-Konferenz (Stuttgart v. 10. &#8211;\u00a0 12.05.2013) gehalten hat.<!--more--><\/p>\n<p><em>Die Rede ist hier auch auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=d2kb3jpf7Hs\" target=\"_blank\">youtube<\/a> zu sehen.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Freundinnen und Freunde,<br \/>\nErhard hat wichtige Fragen aufgeworfen. Ich stimme ihm und allen zu, dass eine Debatte \u00fcber die pal\u00e4stinensische Staatlichkeit auf dem Hintergrund der laufend &#8211; von Israel und anderen &#8211; geschaffenen Fakten vor Ort sinnvoll und notwendig ist. Ich selbst habe gro\u00dfe Sympathien f\u00fcr eine sog. &#8222;Einstaaten-L\u00f6sung&#8220;, in der sich das Selbstbestimmungsrecht der Pal\u00e4stinenser verwirklichen k\u00f6nnte und die diametral der zionistischen &#8222;Einstaatigkeit&#8220; entgegensteht. Aber diese Debatte m\u00fcssen wir \u00fcberlegt f\u00fchren und in gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen sehen. Sie l\u00e4uft auch bereits in Pal\u00e4stina, unter den Pal\u00e4stinensern im Exil (z.B. auf electronic intifada) und in Teilen der israelischen Linken. Es gibt bereits seit L\u00e4ngerem wichtige Publikationen wie das Buch von Ali Abunimah (One Country). Auch Pers\u00f6nlichkeiten wie Ilan Pappe \u00e4u\u00dfern sich regelm\u00e4\u00dfig dazu.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen auch nicht die Augen davor verschliessen, dass sich erhebliche Teile des Establishments im Bereich der sog. Autonomiebeh\u00f6rde mit der Lage arrangiert haben und alles andere als konsequent k\u00e4mpfen. Sie werden leider kaum noch einen ernsthaften Kampf um das Selbstbestimmungsrecht mehr f\u00fchren. Solange ihre Vertreter allerdings de facto f\u00fcr gro\u00dfe Teile der Pal\u00e4stinenser sprechen und z.B. vor der UN-Vollversammlung auftreten und &#8211; wie bisher &#8211; f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht der Pal\u00e4stinenser eintreten, haben wir sie nicht zu delegitimieren. Eine Neuausrichtung des Kampfes um das pal\u00e4stinensische Selbstbestimmungsrecht und seine Intensivierung h\u00e4ngt von den innerpal\u00e4stinensischen politischen Auseinandersetzungen ab. Ich w\u00fcnsche mir, dass die unabh\u00e4ngige Linke wieder zusammenfindet und zusammen mit frischen und jungen Kr\u00e4ften wieder st\u00e4rker wird.<\/p>\n<p>Nun zum eigentlichen Punkt: F\u00fcr die Solidarit\u00e4tsbewegung in Deutschland, der EU oder in den USA kann aber die jeweilige Positionierung hinsichtlich der k\u00fcnftigen Staatsform nicht ein entscheidender Knackpunkt f\u00fcr die Zusammenarbeit sein. Sie ultimativ zu stellen oder gewisserma\u00dfen zur Mimimalgrundlage der Zusammenarbeit zu rechnen, w\u00e4re nicht nur spalterisch, sondern es ist nicht unsere Hauptaufgabe. Unsere Hauptaufgabe in einem Land, das durch seine erkl\u00e4rte politische und praktische Komplizenschaft mit der israelischen Staatsauffassung und seinen v\u00f6lkerrechtwidrigen Zielen eine enorme Verantwortung tr\u00e4gt, muss die \u00dcberwindung dieser Komplizenschaft sein. Das w\u00e4re ein entscheidender Beitrag, um \u00fcberhaupt erstmal Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Pal\u00e4stinenser ernsthaft debattieren k\u00f6nnen, wie sie k\u00fcnftig leben wollen, v.a. in welcher staatlichen Form sich ihr Selbstbestimmungsrecht verwirklichen soll und wie sie es erreichen wollen. Sie haben das letztlich zu entscheiden.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcge mein Referat von der letztj\u00e4hrigen Pal\u00e4stina-Konferenz in Stuttgart bei, wo ich diese Position ebenfalls vertreten habe (s. insbesondere S. 15 ff.).<br \/>\nBeste Gr\u00fc\u00dfe, Hermann Dierkes<\/p>\n<h1>2. Pal\u00e4stina-Konferenz, Stuttgart, 10. \u2013 12.05.2013<\/h1>\n<p>Podium 6 \u2013 Vortrag Hermann Dierkes, Ratsmitglied in Duisburg<\/p>\n<p>Liebe Freundinnen und Freunde,<\/p>\n<p>um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden, m\u00f6chte ich eingangs betonen, dass ich hier nur f\u00fcr mich selber spreche und nicht f\u00fcr die Partei DIE LINKE, in der ich aktiv bin.<\/p>\n<p>Liebe Freundinnen und Freunde,<\/p>\n<p>kritischen Beobachtern f\u00e4llt immer wieder auf, dass der Mainstream-Diskurs hierzulande bis hinein ins linksliberale Lager, wenn es um Nahost, Israel, Pal\u00e4stina und die Rolle der deutschen Politik geht, sich um die schlichte Benennung von nachpr\u00fcfbaren und offenkundigen Tatsachen entweder herumdr\u00fcckt oder nur widerstrebend einr\u00e4umt. Ursache und Wirkung werden regelm\u00e4\u00dfig vertuscht oder verdreht. Ganz schnell wird die \u201eVerantwortung aus unserer Geschichte\u201c aufgeboten, was in bestimmter Weise richtig ist \u2013 ich komme noch darauf zur\u00fcck &#8211; , aber \u00fcberwiegend als Totschlag-Argument missbraucht wird, um ganz andere Interessen zu bedienen. Einige der schlimmsten Ausw\u00fcchse des israelischen staatlichen Handelns werden inzwischen bestenfalls als \u201eFehler\u201c dargestellt, \u201ebedauert\u201c oder als unerkl\u00e4rlicher Irrationalismus \u201eauf beiden Seiten\u201c verkauft. Es werden aber nie die systembedingten Hintergr\u00fcnde und ihre Logik aufgedeckt, was nat\u00fcrlich sofort Konsequenzen nahelegen w\u00fcrde, die man scheut. Aber genau dar\u00fcber ist zu reden.<\/p>\n<p>Und noch eins m\u00f6chte ich eingangs klarzustellen: Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass uns eine besondere Verpflichtung daraus erw\u00e4chst, dass in deutschem Namen mit dem V\u00f6lkermord an den europ\u00e4ischen Juden eine Menschheitstrag\u00f6die angerichtet wurde. Die Shoah oder auch nur \u00e4hnliche rassistische Ausgrenzung, Gewalt und Vernichtung darf sich nicht wiederholen. Nirgendwo und gegen niemanden. Wehren wir den Anf\u00e4ngen, bevor es wieder zu sp\u00e4t ist. Diese Verpflichtung muss allerdings universell wahrgenommen werden durch Strafverfolgung, soweit sie durch die fortgeschrittene Zeit \u00fcberhaupt noch m\u00f6glich ist, durch Wiedergutmachung der k\u00f6rperlichen und materiellen Sch\u00e4den, soweit dies \u00fcberhaupt noch machbar ist,\u00a0 durch umfassende Erinnerungsarbeit (in Bildung, Museen, Gedenkst\u00e4tten, im \u00f6ffentlichen Leben usw. Ich darf Euch in diesem Zusammenhang mitteilen, dass wir in Duisburg \u2013 der Stadt in der ich kommunalpolitisch aktiv bin &#8211; die l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Errichtung eines Dokumentationszentrums \u201eDuisburg in der Nazizeit\u201c mitinitiiert haben); des weiteren durch konsequenten Kampf gegen Rassismus jeder Art sowie besondere F\u00f6rderung j\u00fcdischen Kulturlebens usw. Die strikte Einhaltung von Menschen- und V\u00f6lkerrecht, demokratischen Prinzipien, soziale Gerechtigkeit und der z\u00fcgige Abbau von ausbeuterischen Beziehungen, konsequente Friedenspolitik und Antikolonialismus m\u00fcssen die Markenzeichen jeder Politik nach Auschwitz sein.<\/p>\n<p>Diese Aufz\u00e4hlung und ein Vergleich mit der tristen Wirklichkeit weltweit reichen aber bereits, um beurteilen zu k\u00f6nnen, dass es mit den Lehren aus der Geschichte leider noch nicht so weit her ist. Ich will aktuell nur erw\u00e4hnen, welche\u00a0 uns\u00e4glichen Debatten und Zerrei\u00dfproben uns noch bevorstehen durch die Armutswanderung in der EU, wo sich bereits tausende Roma aus Rum\u00e4nien und Bulgarien auf den Weg nach Westen machen, um ein besseres Leben zu suchen. Dass neben den Juden rd. eine halbe Million Sinti und Roma von den Nazis umgebracht worden sind, und dass auch daraus eine besondere Verpflichtung erw\u00e4chst, ist dem deutschen Mainstream weitgehend fremd. Ich will schlie\u00dflich nur die verbreitete Islamophobie erw\u00e4hnen oder das Erstarken ausgesprochen judenfeindlicher Parteien wie im EU-Mitgliedsland Ungarn.<\/p>\n<p>Die Berufung auf historische Verpflichtungen wird aber unredlich, ja zur Farce, wenn man sich den praktischen Konsequenzen systematisch verweigert oder \u2013 wie im Falle Deutschland und Israel, \u2013 im Namen der historischen Verantwortung eine Unterst\u00fctzung einfordert, die vor allem auf eigene Vorteile f\u00fcr Wenige aus ist, koloniale Unterdr\u00fcckung und Expansion unterst\u00fctzt und zu neuem schwerem Unrecht schweigen soll.<\/p>\n<p>Liebe Freundinnen und Freunde,<\/p>\n<p>weniger als 40 Prozent der Menschen, die sich in unterschiedlicher Weise als j\u00fcdisch definieren (religi\u00f6s, ethnisch), leben heute in Israel. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrzahl von ihnen hat den Holocaust nicht erlebt bzw. \u00fcberlebt. \u00dcber 60 Prozent der Menschen, die sich religi\u00f6s oder ethnisch als Juden definieren, leben nicht in Israel. Im Unterschied zu der israelischen (hebr\u00e4ischen) Siedlernation leben diese also nicht auf einem gemeinsamen Staatsgebiet, sprechen keine gemeinsame Sprache im Alltagsleben, haben keine vollst\u00e4ndige Klassenstruktur und keine s\u00e4kulare \u201eHoch\u201c- und Volkskultur. Sie bilden damit keine Nation im heutigen modernen Sinne des Begriffs. Aber nach zionistischer Ideologie bilden alle Juden auf der Welt eine einzige Nation. Ihr wahres Heimatland ist nicht ihr Geburtsland, in dem sie vielleicht seit Generationen leben. Das Heimatland dieser angeblichen Nation ist das biblische Land Israel, auf das sie einen unver\u00e4u\u00dferlichen, gottgegebenen nationalen Anspruch habe. Nichtjuden in der j\u00fcdischen Heimstatt \u2013 vor allem Araber bzw. Pal\u00e4stinenser &#8211; sind danach lediglich ausl\u00e4ndische Eindringlinge. Israel in seiner zionistischen Pr\u00e4gung beansprucht f\u00fcr alle Juden in der Welt zu reden. Es sieht sich lediglich als Vorhut eines Sammlungsprozesses.<\/p>\n<p>Indessen begreift sich die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Juden nicht als Teil der israelisch-hebr\u00e4ischen Nation und schon gar nicht als Zionisten. Ein relativ hoher Prozentsatz unter ihnen ist friedenspolitisch aktiv, kritisiert die israelische Politik und unterst\u00fctzt sogar die Kampagne BDS. Ein Freund von mir aus der N\u00e4he von Haifa \u2013 er ist geb\u00fcrtiger Schweizer, aber vor Jahrzehnten nach Israel ausgewandert &#8211; schilderte mir das anhand seiner pers\u00f6nlichen Situation bzw. der seiner Herkunftsfamilie: Seine Schwester \u2013 ebenfalls J\u00fcdin wie er &#8211; ist Schweizerin. Er wie sie h\u00e4tten aber trotz ihrer gemeinsamen J\u00fcdischkeit eine viel gr\u00f6\u00dfere N\u00e4he zu ihrem jeweiligen Land und ihrer Umgebung.<\/p>\n<p>Diese Differenzierung ist sehr wichtig, weil wir sonst einer v\u00f6llig falschen \u2013 und im Ansatz eigentlich rassistischen Sichtweise aufsitzen \u2013 die die J\u00fcdischkeit als das zentrale und verbindende Element zwischen Menschen verschiedenster Nationen, Ethnien und Staatsb\u00fcrgerschaften behauptet. Sie ist wichtig, um nicht den schweren Fehler zu machen und Judentum schlechthin mit Israel gleichzusetzen, wie es der Mainstream-Zionismus verlangt.<\/p>\n<p>Insoweit ist es auch falsch, davon auszugehen, \u201edie Juden\u201c h\u00e4tten sich entschieden, einen eigenen Staat zu bilden, in dem sie unter sich sind oder wenigstens die Mehrheit haben. Es handelt sich um eine \u2013 wenn auch gro\u00dfe \u2013 Minderheit der Juden.<\/p>\n<p>Die Grundlagen staatlichen Handelns in Israel finden sich in der Doktrin des Zionismus. Sie reicht in ihren Urspr\u00fcngen bis ins 19. Jahrhundert \u2013 also weit vor die Zeit der Shoah zur\u00fcck &#8211; und hat sich von Anfang an kolonialistischer und rassistischer Versatzst\u00fccke der europ\u00e4ischen Nationalideologien bedient. Ich erw\u00e4hne nur die Schriften Herzls, Jabotinskys oder Sharetts. Diese Doktrin umfasst folgende, wesentliche Bestandteile:<\/p>\n<ul>\n<li>gewaltf\u00f6rmige koloniale Eroberung und fortlaufende Ausdehnung des eigenen Staatsgebiets<\/li>\n<li>Vertreibung und ethnische S\u00e4uberung insbesondere der arabischen bzw. pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung &#8211; das ist der gro\u00dfe Unterschied zu der s\u00fcdafrikanischen Apartheid &#8211; um Raum f\u00fcr die eigene\u00a0 Bev\u00f6lkerung zu schaffen, die demografische Mehrheit zu sichern und jeden Versuch der Eigenstaatlichkeit des kolonisierten und entrechteten Volkes zu unterdr\u00fccken.<\/li>\n<li>Ausgepr\u00e4gte strukturelle Ungleichheit bei den Grund- und Zivilrechten bis hin zu sozialr\u00e4umlicher Apartheid von Ethnien und\/oder Glaubensgemeinschaften, die als fremd und minderwertig stigmatisiert werden, hier insbesondere der Islam, aber nicht nur.<\/li>\n<li>Selbstdefinition als Schutzwall des Westens gegen die arabisch-muslimische Welt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Anteil religi\u00f6ser Rechtfertigungen und die national-religi\u00f6sen politischen Formationen haben dabei in den letzten drei Jahrzehnten enorm zugenommen, obwohl in Israel schon immer galt: \u201eDu brauchst nicht an Gott zu glauben, Du musst nur daran glauben, dass ER Pal\u00e4stina den Juden versprochen hat\u201c.<\/p>\n<p>Das heutige Israel ist nicht nur ein Ergebnis des zionistischen Kolonialprojekts, sondern auch ein Instrument zu seiner weiteren Ausdehnung (1). Seine bisherigen Regierungen mit unterschiedlicher Zusammensetzung und fast s\u00e4mtliche politischen Parteien stehen dazu. Sie machten daraus nie ein Geheimnis und es ist \u00fcberhaupt nicht nur der erstarkende rechte Rand (Nationalreligi\u00f6se, rechtsradikale Siedlerverb\u00e4nde usw.), der diese Positionen vertritt.\u00a0 Die staatspolitischen Ziele werden in Israel mehr oder weniger offen, sehr oft brutal offen, diskutiert und programmatisch festgelegt &#8211; von Ben Gurion \u00fcber Sharon bis hin zu Netanjahu, von Ministern \u00fcber regierungsnahe \u201ethink tanks\u201c wie das Reut-Institut, \u00fcber die gro\u00dfen Medien bis hin zu den wichtigsten Rabbinern. \u201eZiel und Pr\u00fcfstein des Zionismus ist die vollst\u00e4ndige Umsetzung der Kolonisierung aller Gebiete des Landes Israel durch die Juden\u201c, so der sp\u00e4tere erste Staatspr\u00e4sident Ben Gurion im Jahr 1937 (2). Die Kolonisierung von Pal\u00e4stinensergebiet schreitet bis heute unabl\u00e4ssig fort. Ein rassistischer Diskurs gegen\u00fcber \u201eden Arabern\u201c ist allgegenw\u00e4rtig. \u201eJede Teilung Pal\u00e4stinas, jede \u201eGr\u00fcne Linie\u201c, jedes Abkommen und jeder Vertrag, die ein St\u00fcck des \u201eLandes Israel\u201c gegen\u00fcber der j\u00fcdischen Kolonisierung verschlie\u00dfen, ist aus Sicht des Zionismus h\u00f6chstens eine Durchgangsetappe, darf aber niemals f\u00fcr immer gelten.\u201c (3)<\/p>\n<p>Aber diese traurigen und emp\u00f6renden Tatsachen finden sich in aller Regel nicht in den deutschen Mainstream-Medien. Sie z\u00e4hlen nicht zur Beurteilungsgrundlage in der Mainstream-Politik. Nein, uns wird die M\u00e4r von der \u201eeinzigen Demokratie im Nahen Osten\u201c vorgegaukelt, die so verletzlich sei, deren Existenzrecht infrage gestellt und die von den b\u00f6sen Nachbarn nicht in Frieden gelassen werde und die st\u00e4ndig zur \u201eSelbstverteidigung\u201c mit milit\u00e4rischen Mitteln gezwungen sei.<\/p>\n<p>Eine solche Staatsdoktrin ist auf Unrecht, Lebensl\u00fcgen, Erpressung, Unterdr\u00fcckung und Feindschaft programmiert. Kein moderner Staat der Welt kann praktisch ethnisch oder religi\u00f6s homogen sein. Es kann nicht hingenommen werden, dass ein Staat seine Grenzen nicht definiert, weil er auf Ausdehnung angelegt ist, dass er jahrzehntelang besetzte Gebiete offen oder de facto annektiert. Dass Israel sich bis heute keine Verfassung gegeben hat, kommt hinzu. Die immer st\u00e4rker geforderte Anerkennung Israels als \u201ej\u00fcdischer Staat\u201c, und nicht als eines Staates f\u00fcr Juden, was noch etwas anderes w\u00e4re, und schon gar nicht eines Staates f\u00fcr alle seine B\u00fcrger \u2013 ist, so der Jerusalemer Prof. Sari Nusseibeh, logisch und moralisch sehr problematisch \u201ewegen der rechtlichen, religi\u00f6sen, historischen und sozialen Auswirkungen.\u201c (\u2026)\u00a0 Sie \u201eimpliziert, dass Israel entweder eine Theokratie ist (oder sein sollte) oder ein Apartheidstaat\u201c (4). Die strukturelle Diskriminierung von Nichtjuden in Israel ist massiv, was B\u00fcrgerrechte betrifft und den Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt. Das Eherecht liegt in der Hand des Rabbinats. Die Staatsziele laufen auf eine Ethnokratie hinaus. Damit sind Gleichheit und Demokratie f\u00fcr alle seine B\u00fcrger definitiv unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Verfechter der israelischen Staatsdoktrin wollen alles, nur keine Anerkennung des Gleichheitsprinzips gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern, auch nicht im Kernland Israels in den Grenzen von vor 1967, keine Vers\u00f6hnung, keinen historischen Kompromiss, der gerechten Frieden und souver\u00e4ne pal\u00e4stinensische Staatlichkeit bringt. Das alles wird st\u00e4ndig durch Wort und Tat bezeugt. Es ist also wie so oft genau das Gegenteil von dem, was uns die israelische Regierungspropaganda und ihre Nachbeter weismachen wollen. Es sind in Wahrheit die Pal\u00e4stinenser, die keinen ernsthaften \u201eVerhandlungspartner\u201c haben.<\/p>\n<p>Zeev Maoz, ein bedeutender israelischer Milit\u00e4ranalytiker, schreibt: \u201eIsrael hat eine stark entwickelte Sicherheitsdoktrin, (aber) es hat keine Friedenspolitik. (\u2026) Israels Geschichte vom Frieden schaffen ist von Reaktion gepr\u00e4gt, sie zeigt ein Muster von Z\u00f6gerlichkeit, Vermeiden von Risiken, St\u00fcckwerk, das in starkem Kontrast steht zu seiner provokativen, wagemutigen und schie\u00dffreudigen strategischen Doktrin. (\u2026) Im Wesentlichen ist das Milit\u00e4r die einzige Regierungsorganisation, die in Krisenzeiten politische Optionen bietet \u2013 typischerweise milit\u00e4rische Pl\u00e4ne. Israels Au\u00dfenministerium und diplomatisches Korps sind auf die Funktion einer Werbeagentur reduziert, die erkl\u00e4rt, warum Israel in Krisensituationen mit Gewalt statt mit Diplomatie vorgeht\u201c (5).<\/p>\n<p>Die zionistische Doktrin, die darauf aufbauende Staatsform und das staatliche Handeln ziehen die gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Verletzung und Missachtung von Menschen- und V\u00f6lkerrecht nach sich, die Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens, das enge B\u00fcndnis mit der Supermacht USA und den rechtesten Teilen des US-Establishments, den rechtesten Regimes der Welt (z.B. den ehem. Milit\u00e4rdiktaturen Lateinamerikas, dem damaligen Apartheid-Regime S\u00fcdafrikas), eine unerh\u00f6rte Ressourcenvergeudung f\u00fcr R\u00fcstung, einschlie\u00dflich unerkl\u00e4rter atomarer Bewaffnung, f\u00fcr \u201eSicherheit\u201c und Geheimdienste. Im Verbund mit der inzwischen vorherrschenden harten neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik haben wir bereits eine unerh\u00f6rte soziale Spaltung und Verarmung. Sie d\u00fcrfte inzwischen auf rd. 25 % der Bev\u00f6lkerung hinauslaufen. Die gro\u00dfe Sozialbewegung vom Sommer 2011 war ein erster wichtiger Vorbote kommender innerer Auseinandersetzungen. Ich bin optimistisch \u2013 sie war nicht die erste und nicht die letzte angesichts des Kurses auch der neuen Regierung. Sie kann in Kombination mit weiteren Faktoren: Ver\u00e4nderung in der arabischen Welt und internationalem Druck eine \u00d6ffnung f\u00fcr eine fortschrittliche historische L\u00f6sung schaffen.<\/p>\n<p>Um einen gerechten Frieden f\u00fcr Nahost zu erreichen, muss der koloniale und rassistische Zionismus \u00fcberwunden werden. Er ist das Haupthindernis.<\/p>\n<p>Israels Politik und seine heutige staatliche Verfasstheit k\u00f6nnen nicht im Namen der \u201edeutschen Verantwortung vor der Geschichte\u201c kritiklos hingenommen, sch\u00f6ngeredet und systematisch unterst\u00fctzt werden, wie es der deutsche Mainstream bisher macht. Das ist nicht geschichtsbewusst, das ist nicht nur feige und unverantwortlich, nein, das ist Komplizenschaft bei neuem, schwerem Unrecht. Es ist ein Hohn auf den Holocaust.<\/p>\n<p>Die Mainstream-Politik bei uns und in der EU, ihre Analytiker und Apparate wissen das alles. Sie kennen die Verh\u00e4ltnisse vor Ort. Die zahlreichen UN-Entschlie\u00dfungen, EU-Positionspapiere wie das von 2009, die Stellungnahme des Haager Gerichtshofs gegen die Mauer auf pal\u00e4stinensischem Gebiet, der Goldstone-Report, Memoranden, wie das von 22 NGOs vom letzten Oktober, der Brief der 26 Elder Statesmen an den Europarat von 2010, unter ihnen Altkanzler Helmut Schmidt (die meisten unter ihnen haben die bedingungslose Unterst\u00fctzung Israels \u00fcbrigens in ihrer aktiven Zeit mitgemacht), die Ergebnisse des letzten Russell-Tribunals, die Berichte von Gefangenenhilfsorganisationen, eine unerh\u00f6rte F\u00fclle von Stellungnahmen, Literatur und Reportagen \u2013 vielfach auch von kritischen Stimmen aus Israel selbst! &#8211; bezeugen die Unrechtspolitik, das Leid der unterdr\u00fcckten Pal\u00e4stinenser und fordern Konsequenzen. Gro\u00dfe Teile der Welt\u00f6ffentlichkeit sind inzwischen nicht mehr bereit, diese Politik widerspruchslos hinzunehmen. Aber die deutsche Bundesregierung beh\u00e4lt ihren Kurs der bedingungslosen Unterst\u00fctzung Israels bis heute bei. Noch. Kanzlerin Merkel hat vor nun 5 Jahren in der Knesset \u2013 auf dem Hintergrund des Atomstreits mit dem Iran \u2013 erkl\u00e4rt, die Sicherheit Israels sei auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte Teil der deutschen Staatsr\u00e4son und nicht verhandelbar.<\/p>\n<p>Zeichen der Zeit: Wenn man alle guten Argumente, alle erdr\u00fcckenden Fakten in den Wind schl\u00e4gt, dann bleibt nur noch der R\u00fcckgriff auf politiktheoretische Konstrukte aus der Zeit des aufgekl\u00e4rten Absolutismus. Schon der R\u00fcckgriff von Merkel auf diese vordemokratische Idee von der Staatsr\u00e4son ist aufschlussreich und verr\u00e4terisch. Diese steht f\u00fcr ein Konzept der Beziehung zwischen Macht und Moral, in dem die ethischen Werte bei Bedarf einem h\u00f6heren Staatsziel \u2013 dem Fortbestehen des Staates bzw. einer bestimmten Staatsform &#8211; zu weichen haben. Gerhard Fulda, ein fr\u00fcherer deutscher Botschafter in verschiedenen arabischen L\u00e4ndern, zuletzt in Indonesien: \u201eInzwischen ist die Staatsr\u00e4son als Rechtfertigungsgrund f\u00fcr ein Primat der Machterhaltung im politischen Sprachgebrauch weit ausgedehnt worden \u2013 als Bestandteil einer so genannten Realpolitik. Nicht nur zur Bewahrung der Existenz eines Staates k\u00f6nnen Moral und Ethik zur\u00fcckgestellt werden, sondern schon zum Machterhalt einer Regierung und zur Befriedigung selbstdefinierter staatlicher Grundbed\u00fcrfnisse. In einem demokratischen Rechtsstaat kann dieser Begriff eigentlich schon deshalb keinen Platz haben, weil er die Diskussion unterschiedlicher Staatsziele abschneidet\u201c (6).<\/p>\n<p>Die deutsche Verfassung kennt keine Staatsr\u00e4son. Sie legt Grunds\u00e4tze fest, nach denen sich die Innen- und Au\u00dfenpolitik zu richten hat, darunter der Grundrechtekatalog (Menschenrechte) sowie die Artikel 25 und 26, die von zentraler au\u00dfenpolitischer Bedeutung sind.\u00a0 Das V\u00f6lkerrecht ist laut Verfassung unmittelbar geltendes Recht. \u201eHandlungen\u201c, so das Grundgesetz, \u201edie geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker zu st\u00f6ren, insbesondere die F\u00fchrung eines Angriffskriegs vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.\u201c<\/p>\n<p>Merkel ist \u00fcbrigens nicht die Erfinderin der Idee von der Sicherheit Israels als Teil der deutschen Staatsr\u00e4son. Vor ihr haben bereits viele deutsche Politiker und alle Regierungen praktisch diese Position bezogen. Mit der sogenannten Staatsr\u00e4son deckt praktisch bisher eine Bundesregierung nach der anderen die Komplizenschaft mit der Unrechtspolitik israelischer Regierungen ab. Gleichzeitig wird das \u201ebesondere Verh\u00e4ltnis zu Israel\u201c als Tarnung f\u00fcr ganz eigene Interessen im Spiel von Power und Money benutzt. So haben bereits Adenauer und Strau\u00df seinerzeit die weitreichenden R\u00fcstungsbeziehungen angekurbelt. Adenauer vertrat damals \u2013 sinngem\u00e4\u00df \u2013 die Ansicht: Der Jude in Amerika hat Macht und Geld und deswegen m\u00fcssen wir uns mit Israel gut stellen (7). Parallel mit der immer bedingungsloseren Unterst\u00fctzung Israels wurde die Aufarbeitung und Verfolgung der Naziverbrechen weitgehend beendet. Der Kommentator der N\u00fcrnberger Rassegesetze, Globke, wurde Leiter des Kanzleramts. Kohl hielt diese Linie durch, Schr\u00f6ders Position war es, dass (Zitat) \u201eIsrael das bekommt, was es zur Aufrechterhaltung seiner Sicherheit braucht, und es bekommt es dann, wenn es gebraucht wird\u201c (8). Israels Haupthandelspartner ist die EU. Das Land ist de facto Mitglied der EU und genie\u00dft dadurch enorme Steuervorteile, Mittelzufl\u00fcsse und Informationen, insbesondere bei Forschung und Entwicklung. Im Sinne des weiteren \u201eupgrading\u201c wurde es in die OECD aufgenommen, obwohl die Einhaltung der Menschenrechte Vertragsbedingung ist. Ich bin unserer Bundestagsabgeordneten Annette Groth sehr denkbar daf\u00fcr, dass sie das Thema bereits angesprochen hat. Dieses Abkommen muss ausgesetzt werden!<\/p>\n<p>Die bedingungslose deutsche Politik gilt einem\u00a0 kolonialen, auf weitere Expansion angelegten Siedlerstaat, der sich \u00fcber dem V\u00f6lkerrecht w\u00e4hnt. Wenn das nicht verfassungswidrig ist \u2013 was denn dann? Sie ist mit den eigenen Regierungsrichtlinien unvereinbar, die den Export von R\u00fcstung in Spannungsgebiete verbieten. Angesichts der engen und bis heute vielfach geheim gehaltenen deutsch-israelischen R\u00fcstungs- und \u201eSicherheits\u201cbeziehungen seit Mitte der 50er Jahre \u2013 also schon weit vor der diplomatischen Anerkennung Israels durch die damalige Bundesrepublik im Jahre 1965 \u2013 war diese Position de facto die Generalabsolution f\u00fcr die Unterst\u00fctzung Israels und seiner gewohnheitsm\u00e4\u00dfigen Missachtung von Menschen- und V\u00f6lkerrecht.<\/p>\n<p>Die Merkel-Position bereitet inzwischen \u2013 vor allem auf dem Hintergrund der ver\u00e4nderten Lage in der arabischen Welt &#8211; einem wachsenden Teil unserer politischen Klasse arges Kopfzerbrechen. Selbst Bundespr\u00e4sident Gauck hat bei seinem Israel-Besuch zur Jahreswende 2012\/13 eine Teildistanzierung gewagt. Diplomaten und V\u00f6lkerrechtler weisen zu Recht darauf hin, dass die Position von der Staatsr\u00e4son in der Konsequenz bedeutet, sich vollkommen in die H\u00e4nde eines anderen Staates bzw. der dortigen politischen Entscheider zu begeben, deren Definition von Sicherheit bzw. gef\u00e4hrdeter Sicherheit. Und ich f\u00fcge hinzu: deren R\u00fcstungsw\u00fcnschen (atomwaffenf\u00e4hige U-Boote, modernste Panzerkanonen, Elektronik usw.) sowie den Profitinteressen der \u201eeigenen\u201c R\u00fcstungskonzerne. Es bedeutet schlussendlich, sich in die H\u00e4nde von Entscheidern zu begeben, die die vielbeschworene Sicherheit f\u00fcr die eigene Bev\u00f6lkerung eben nicht erh\u00f6hen, sondern immer weiter gef\u00e4hrden. Das ist eine &#8211; angesichts der kolonialistischen und militaristischen Pr\u00e4gung der israelischen Politik \u2013 unerh\u00f6rte, selbst gestellte Falle. Wir k\u00f6nnen die Analyse aber auch zuspitzen: Diese Art besonderes Verh\u00e4ltnis zu Israel wird auf zynische Weise vor allem dazu instrumentalisiert, um eigene geostrategische, r\u00fcstungspolitische und wirtschaftliche Interessen voranzutreiben. Soll uns doch einmal jemand erkl\u00e4ren, was die milliardenschweren R\u00fcstungsgesch\u00e4fte deutscher Konzerne wie Rheinmetall, HDW, DASA und MTU, der EU- und US-Konzerne oder der israelischen R\u00fcstungsproduzenten Rafael, IAI oder Elbit mit der Verpflichtung aus den Naziverbrechen zu tun haben. Was hat der Ressourcenraub von Pal\u00e4stina durch israelische Agrarkonzerne wie Agrexco mit der Verpflichtung aus der Shoah zu tun, dass man ihn gew\u00e4hren l\u00e4sst? Hier geht es um eiskalte Profitmacherei.<\/p>\n<p>Man braucht kein Prophet zu sein:\u00a0 Die offizielle bundesdeutsche Position ist ein Auslaufmodell. Sie wird angesichts der weitreichenden Ver\u00e4nderungen in der arabischen Welt und dem weltweiten Umschwung der \u00f6ffentlichen Meinung ge\u00e4ndert werden m\u00fcssen. Ich stimme Ilan Pappe ausdr\u00fccklich zu: Wiedergutmachung heute hei\u00dft vor allem Unterst\u00fctzung der Pal\u00e4stinenser bei der Durchsetzung ihres Rechts auf Selbstbestimmung.<\/p>\n<p>Aber machen wir uns nichts vor: Ohne den massiven \u00f6ffentlichen Druck, ohne Sanktionen gegen die israelische Politik und alle Profiteure von Besatzung und Mauer, Land- und Ressourcenraub wird es nur auf eine Neujustierung im Verh\u00e4ltnis Deutschland \u2013 Israel hinauslaufen. Das Establishment wird versuchen, nur so viel zu \u00e4ndern wie n\u00f6tig und so viel beizubehalten wie m\u00f6glich. Denn die eigentlichen Gr\u00fcnde der bisherigen bundesdeutschen und US-amerikanischen \u201eTreue\u201c zur israelischen Politik \u2013 die vielmehr eine Treue zu ihren eigenen Interessen ist &#8211; haben sehr viel weniger mit der Wahrnehmung von historischer Verantwortung zu tun, aber sehr viel mehr mit geostrategischen Interessen, R\u00fcstungs- und Wirtschaftsbeziehungen. Die Milit\u00e4r- und Wirtschaftsmacht Israel ist ein wichtiger Teil der imperialen globalisierten Beziehungen. Seine Laboratoriumsfunktion f\u00fcr neue Waffen und Sicherheitseinrichtungen und seine Wachhundfunktion f\u00fcr den Westen sind offenkundig.<\/p>\n<p>Umso wichtiger ist es, dass wir laut und deutlich Position beziehen. Wir m\u00fcssen den repressiven Konsens der bedingungslosen Solidarit\u00e4t mit Israel brechen, der Kritik an Israel als \u201eAntisemitismus\u201c verunglimpft und vor Rufmord nicht zur\u00fcckschreckt. Wir m\u00fcssen uns mit neuen Ideen einmischen, die fortschrittliche Ver\u00e4nderung in Nahost f\u00f6rdern.\u00a0 Die weltweite Solidarit\u00e4ts- und Friedensbewegung muss noch viel st\u00e4rker mit den Pal\u00e4stinensern, der israelischen Opposition und den progressiven Str\u00f6mungen in der arabischen Welt zusammen arbeiten. Noch ein Wort zu der h\u00e4ufigen Entgegnung von pro-zionistischer Seite: Die Solidarit\u00e4tsbewegung propagiert nicht ein neues Israel\/Pal\u00e4stina &#8211; gewisserma\u00dfen als Insel der Gl\u00fcckseligen, weil wir sie bei uns und anderswo nicht durchsetzen k\u00f6nnen. Der Kampf um ein anderes Israel ist vor allem Sache der Israelis selbst und k\u00fcnftiger neuer politischer Mehrheiten. Wir wollen dazu beitragen, dass sich die internationalen Rahmenbedingungen \u00e4ndern, dass Israel insbesondere von der deutschen Regierung und von der EU endlich wie ein normaler Staat behandelt wird, sich an Menschen- und V\u00f6lkerrecht h\u00e4lt und f\u00fcr seine st\u00e4ndigen Rechtsbr\u00fcche und Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen wird. Wir mischen uns ein, weil f\u00fcr uns Gerechtigkeit und Menschenrechte universelle Werte sind und weil die bundesdeutsche Politik ein wesentlicher Faktor f\u00fcr die Aufrechterhaltung des Unrechts in Nahost ist. Unsere Hauptforderungen lauten: Schluss mit der israelischen Besatzung, mit der bedingungslosen Solidarit\u00e4t der deutschen Politik mit dem israelischen Mainstream. Schluss mit den R\u00fcstungsgesch\u00e4ften und \u2013geschenken, handele es sich um atomwaffenf\u00e4hige U-Boote, Panzerkanonen, Elektronik oder Drohnen. Wir wollen Fair-Play f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser. Nur das bringt Frieden und Sicherheit auch f\u00fcr die israelische Bev\u00f6lkerung. Nur das er\u00f6ffnet die Chance f\u00fcr einen echten Friedensprozess in der gesamten Region.<\/p>\n<p>Unsere Solidarit\u00e4t mit den unterdr\u00fcckten Pal\u00e4stinensern muss auch thematisieren, wie sich das nationale Selbstbestimmungsrecht der Pal\u00e4stinenser in seiner Staatlichkeit ausdr\u00fcckt. Die sog. Zweistaatenl\u00f6sung \u2013 wie sie vom politischen Mainstream bis in die Linke hinein in unterschiedlichen Modellen propagiert wird &#8211; w\u00fcrde den Pal\u00e4stinensern unter den heutigen Verh\u00e4ltnissen keine Souver\u00e4nit\u00e4t bringen, w\u00fcrde sie auf zerst\u00fcckelte Reste des historischen Pal\u00e4stina zur\u00fcckwerfen, \u00e4hnlich den ehemaligen Bantustans oder den Indianerreservaten \u2013 obwohl die nordamerikanischen Indianer immerhin volle B\u00fcrgerrechte haben.\u00a0 Auch angesichts der Fakten, die Israel mit westlicher Unterst\u00fctzung vor Ort geschaffen hat, ist offenbar nur noch die Karikatur eines pal\u00e4stinensischen Staates m\u00f6glich. Es handelt sich um ein Placebo, das den Pal\u00e4stinensern vom politischen Mainstream hingehalten wird, um sie zum definitiven Verzicht auf ihre Rechte zu bewegen.<\/p>\n<p>Ziel sollte ein gemeinsamer bi-nationaler, demokratischer Staat sein mit weitreichenden Verfassungsgarantien f\u00fcr alle seine BewohnerInnen. Alles spricht daf\u00fcr. Aber Voraussetzung ist, wie gesagt, die \u00dcberwindung des Zionismus in Israel. Die Debatte um die Einstaatigkeit und ihre Regularien wird immer wichtiger. Dabei wollen wir uns mit guten Argumenten einbringen, ohne den Eindruck zu erwecken, wir wollten belehren und h\u00e4tten sowieso die besseren Ideen als die Betroffenen. Die Idee der demokratischen Einstaatigkeit sollte auch nicht die Vorbedingung f\u00fcr die praktische Solidarit\u00e4ts- und Kampagnenarbeit sein. Wir m\u00fcssen, wie gesagt, vor allem mithelfen, die Rahmenbedingungen so zu ver\u00e4ndern, dass diese Debatten in Israel und Pal\u00e4stina \u00fcberhaupt ernsthaft gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen und dass ernsthafte Realisierungschancen entstehen. Die Betroffenen vor Ort m\u00fcssen letztlich selber entscheiden k\u00f6nnen. Ich m\u00f6chte schlie\u00dfen mit einem Zitat aus einem gemeinsamen offenen Brief von \u00fcber 100 namhaften israelischen und j\u00fcdischen Linken und Friedensaktivisten vom Fr\u00fchjahr 2010 an die Partei DIE LINKE. Es handelt sich um einen Appell, der in seiner Bedeutung weit \u00fcber die LINKE als Partei hinausgeht und Solidarit\u00e4t hierzulande insgesamt einfordert:<\/p>\n<p>\u201eDie intensiven diplomatischen und milit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten der Bundesrepublik in der Region und die aktive Unterst\u00fctzung der israelischen Besatzungspolitik reichen uns, um in der BRD einen der Akteure zu sehen, die f\u00fcr die durch die israelische Regierung begangenen Verst\u00f6\u00dfe gegen das V\u00f6lkerrecht und f\u00fcr die israelischen Kriegsverbrechen mitverantwortlich sind. Aus diesem Grund denken wir, dass es unser Recht ist, von Euch als AktivistInnen f\u00fcr soziale Ver\u00e4nderung in Deutschland (\u2026) Verantwortung f\u00fcr das Vorgehen Eures Staates in Bezug auf unser Land zu \u00fcbernehmen. Die andauernde Besatzung und Entrechtung sind keine inner-israelischen Angelegenheiten. Die anti-demokratische Herrschaft des Staates Israel\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00fcber mehr als drei Millionen Pal\u00e4stinenserInnen, die kein Wahlrecht haben und die Kriegsverbrechen, die in den besetzten Gebieten stattfinden, sind die Angelegenheit von allen, denen die Menschenrechte ein Anliegen sind. Vor allem aber tragen die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger Europas wegen ihrer \u2013 auch in der Gegenwart weiterhin stattfindenden \u2013 kolonialistischen Interventionen im Nahen Osten eine besondere Verantwortung f\u00fcr den Konflikt. Angesichts dessen ist eine Scheu davor, Israel zur Verantwortung zu ziehen, unangebracht. Die \u00f6konomische, milit\u00e4rische und politische Unterst\u00fctzung, die Israel von der EU und besonders von Deutschland erf\u00e4hrt (\u2026) f\u00f6rdern einen Friedensprozess nicht, sondern tragen zur Aufrechterhaltung der Besatzung und zur umfassenden Repression gegen\u00fcber der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung bei. Au\u00dferdem verst\u00e4rkt diese Unterst\u00fctzung Militarisierungsprozesse und die Erziehung zu Rassismus und Intoleranz in unserer Gesellschaft\u201c (9).<\/p>\n<p>Ich danke f\u00fcr die Aufmerksamkeit!<\/p>\n<p>Zitate:<\/p>\n<p><b>(1) <\/b>Moshe Machover, Mathematiker und Mitbegr\u00fcnder der israelischen Linksorganisation Mazpen\u00a0 in einem Vortrag vor dem Barry Amiel&amp;Norman Melburn Trust am 30.11.2006<\/p>\n<p><b>(2) <\/b>a.a.O.<\/p>\n<p><b>(3) <\/b>a.a.O.<\/p>\n<p><b>(4) <\/b>Sari Nusseibeh, Prof. f\u00fcr Philosophie an der Al Quds-Universit\u00e4t Jerusalem, Al Jazeera, 30.09.2011<\/p>\n<p><b>(5) <\/b>Zeev Maoz, zitiert nach Arn Strohmeyer, Wer rettet Israel\/Ein Staat am Scheideweg, 2012, S. 99<\/p>\n<p><b>(6) <\/b>Gerhard Fulda, Zenithonline.de 16.10.2012, Vorsicht Staatsr\u00e4son! Sowie ders. Atomstreit mit dem Iran Zenithonline.de 27.02.2012<\/p>\n<p><b>(7) <\/b>Bundeskanzler Konrad Adenauer, Rede zum Wiedergutmachungsabkommen mit Israel von 1953, zitiert nach Volkhard Mosler in Deeg\/Dierkes Hg.) Bedingungslos f\u00fcr Israel?, 2010, <a href=\"http:\/\/www.neuerispverlag.de\/\">www.neuerispverlag.de<\/a><\/p>\n<p><b>(8) <\/b>Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der 2002 anl\u00e4sslich der Irak-Krise, zitiert nach Otfried Nassauer in Deeg\/Dierkes Bedingungslos f\u00fcr Israel?, S. 108<\/p>\n<p><b>(9) <\/b>Ver\u00f6ffentlicht u.a. in <a href=\"http:\/\/www.steinbergrecherche.com\/\">www.steinbergrecherche.com<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Innerhalb des &#8222;Deutschen Koordinationskreises Pal\u00e4stina Israel (KOPI)&#8220; wird &#8211; wie in israelischen linken Kreisen auch &#8211; \u00fcber die Frage Ein-Staat- oder Zwei-Staaten-L\u00f6sung diskutiert. 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