{"id":15885,"date":"2025-12-04T16:46:13","date_gmt":"2025-12-04T16:46:13","guid":{"rendered":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=15885"},"modified":"2025-12-04T16:49:13","modified_gmt":"2025-12-04T16:49:13","slug":"clemens-messerschmid-die-deutschen-wurzeln-des-zionismus-zur-entwicklung-des-siedlerkolonialismus-in-palaestina-buchbesprechung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=15885","title":{"rendered":"Clemens Messerschmid: Die deutschen Wurzeln des Zionismus. Zur Entwicklung des Siedlerkolonialismus in Pal\u00e4stina (Buchbesprechung)"},"content":{"rendered":"<p>Der Palmyra-Verlag in Heidelberg hat sehr interessante Texte des Nahost-Experten Clemens Messerschmid als Buch herausgegeben.<br \/>\n<em>von Arn Strohmeyer<\/em><\/p>\n<p>Clemens Messerschmid war eine Ausnahmeerscheinung in der Pal\u00e4stina-Szene: ein hoch qualifizierter Experte, der stets eine exakte wissenschaftliche Expertise in seinem Fach mit einer stets aktualisierten politischen Analyse verband. Dazu war er ein linker Aktivist, der sich unerm\u00fcdlich und unbeugsam f\u00fcr die Sache der Pal\u00e4stinenser einsetzte, was er kompetent mit der T\u00e4tigkeit als Journalist, Publizist und Vortragsredner verband. Er konnte mit sehr exaktem Wissen \u00fcber den Konflikt zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern informieren. Entsprechend aggressiv wurde er von zionistischer Seite und den Israel-Verteidigern angegriffen.<!--more--><\/p>\n<p>\u201eMein Thema ist das Wasser. Und das ist in Pal\u00e4stina von A bis Z ein Politikum\u201c, hat der studierte Hydrologe einmal geschrieben. In der Tat: Der Zugang zu Wasser ist ein unver\u00e4u\u00dferliches Menschenrecht, aber eben nicht in Pal\u00e4stina, wo die Besatzungsmacht die wichtigsten Wasserressourcen okkupiert und annektiert hat und bestimmt, wer wieviel bekommt: Juden im \u00dcberfluss und Pal\u00e4stinenser nur ein notwendiges Minimum. Oder auch gar nichts wie jetzt im Gazastreifen, wo Israel ganz bewusst und systematisch alle Wasser- und Abwassersysteme zerst\u00f6rt hat und auch nur wenig oder gar kein Wasser in den Streifen liefert. Das ist Teil der genozidalen Kriegsstrategie.<\/p>\n<p>Gegen diese v\u00f6lker- und menschenrechtswidrige Politik hat Clemens Messerschmid mit allen Mitteln, die ihm zur Verf\u00fcgung standen, gek\u00e4mpft. In einem Nachruf hei\u00dft es: \u201eEr gei\u00dfelte die gnadenlose hydropolitische Herrschaft in den besetzten Gebieten und die Etablierung eines Systems der \u201aHydroapartheid\u2018 als zwei Rechtssysteme \u00fcber ein und dieselbe Ressource und k\u00e4mpfte gegen die verlogenen israelischen \u201aWassermythen\u2018.\u201c Clemens Messerschmidt starb viel zu fr\u00fch im Alter von 58 Jahren am 8. Februar 2023 in Ramallah, der Stadt, die er nach langem Aufenthalt dort als seine Heimat bezeichnete.<\/p>\n<p>Aber nicht um das Wasser in Pal\u00e4stina geht es in dem Buch mit Texten von ihm und engen Weggef\u00e4hrten, sondern vorrangig um die deutsche Staatsr\u00e4son als eine Konstante der deutschen Politik im Zusammenhang mit Juden, Zionismus und sp\u00e4ter auch Israel. Und deutsche Staatsr\u00e4son in diesem Zusammenhang bedeutete stets \u2013 aus was f\u00fcr Motiven auch immer \u2013 Wohlwollen f\u00fcr den Zionismus. Diese Konstante reicht vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte 2008 im israelischen Parlament (der Knesset) als deutsche Staatr\u00e4son verk\u00fcndet, dass die deutsche Politik f\u00fcr die Sicherheit Israels verantwortlich sei. Und daran halten sich auch die nachfolgenden deutschen Regierungen. Messerschmid untersucht neben der Geschichte der deutschen Staatsr\u00e4son auch die ideologische N\u00e4he von deutsch-v\u00f6lkischem Nationalismus und Zionismus.<\/p>\n<p>Aus Staatsr\u00e4son hatte Kaiser Wilhelm II. schon Kriegsschiffe vor die K\u00fcste Pal\u00e4stinas geschickt, die dort die Ansiedlungen der deutschen Templer sch\u00fctzen sollten. Preu\u00dfen war Vorbild f\u00fcr den damals entstehenden Zionismus. Denn das preu\u00dfische Milit\u00e4r setzte nach den Richtlinien einer Ansiedlungskommission unter der Parole \u201egen Osten\u201c auf Expansion und Kolonisation, was nat\u00fcrlich ohne Krieg, Raub, Annexion und ethnische S\u00e4uberung gar nicht m\u00f6glich war. Im Osten sollte gewaltsam neuer \u201eLebensraum\u201c f\u00fcr die Deutschen geschaffen werden. Der Eroberung sollte die \u201eGermanisierung\u201c folgen. Als Beispiel dient die Provinz Posen, die in Etappen erobert und annektiert wurde.<\/p>\n<p>Der zionistische Funktion\u00e4r Arthur Ruppin sah in diesem Vorgang ein nachahmenswertes Vorbild f\u00fcr den Zionismus, denn er schrieb: \u201eIch betrachte die Arbeit des J\u00fcdischen Nationalfonds (JNF) als \u00e4hnlich wie die der Kolonisierungskommission in Posen und Westpreu\u00dfen. Der JNF wird Land kaufen, wenn es von Nichtjuden angeboten wird, und es entweder ganz oder teilweise an Juden weiterverkaufen.\u201c Und der zionistische Raumplaner Otto Warburg f\u00fcgte \u00fcber die Vorhaben des Zionismus in Pal\u00e4stina hinzu: \u201eWir gehen von der preu\u00dfischen Kolonisationsmethode aus, wie sie in den letzten zehn Jahren von der Ansiedlungskommission praktiziert wurde.\u201c Und dazu geh\u00f6rt dann entsprechend der deutschen \u201eGermanisierung\u201c im Osten die zionistische \u201eJudaisierung\u201c in Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p>Der Zionismus hat aus der Quelle des deutsch-v\u00f6lkischen Nationalismus sehr intensiv gesch\u00f6pft. Dieser setzte auf eine homogene Nation im Sinne eines ethnisch-kulturellen Volksk\u00f6rpers. Die Zionisten nahmen sich diese nationalistische Ideologie genauso zum Vorbild wie die \u201eGermanisierung\u201c der Ostgebiete, um nicht nur das Land Pal\u00e4stina zu erobern, sondern dort in bewusster Abgrenzung zu der indigenen Bev\u00f6lkerung eine ethnisch \u201ereine\u201c, homogene j\u00fcdische Heimst\u00e4tte \u2013 und sp\u00e4ter einen j\u00fcdischen Staat \u2013 zu schaffen. Wobei nat\u00fcrlich auch der Antisemitismus in Deutschland und Europa eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Zionismus spielte, der ja Teil des deutsch-v\u00f6lkischen Nationalismus war.<\/p>\n<p>Messerschmid beschreibt die Beziehung zwischen deutschem Nationalismus und Zionismus so: \u201eDer Zionismus war demnach eine Reaktion auf den v\u00f6lkischen und zunehmend auch rabiat antisemitischen deutschen Nationalismus \u2013 jedoch in Form einer Spiegelung, nicht einer Negation oder Aufhebung dessen v\u00f6lkischen Charakters; in ihm erblickt der deutsche Chauvinismus und Nationalismus sein Spiegelbild. An die Stelle der ethnisch homogenen deutschen Volksgemeinschaft setzte er eine eigene j\u00fcdische Volksgemeinschaft. Er \u201aerfand\u2018 \u2013 wie Shlomo Sand ausdr\u00fcckt \u2013 das j\u00fcdische Volk und behauptete dessen Existenz als Nation, in scharfer Abkehr vom modernen demokratischen Nationenbegriff. Wie der deutsche, v\u00f6lkische Nationalismus beinhaltet der Zionismus als sein grundlegendes Element die Eigenschaft, sich \u00fcber eine aggressive Abgrenzung nach au\u00dfen, gegen\u00fcber anderen V\u00f6lkern, Nationen und Ethnien zu definieren. Dieser prinzipiell negative Nationenbegriff findet bis heute seine aggressive Anwendung gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern, deren schiere Existenz und Anwesenheit als st\u00f6rend, ja als Bedrohung begriffen wird. Ein Gedanke, der der deutschen Staatsr\u00e4son alles andere als fremd ist.\u201c<\/p>\n<p>Die deutsche Staatsr\u00e4son in einer positiven Verbindung mit dem Zionismus ist eine Konstante der deutschen Politik vom Kaiserreich bis heute. Denn Deutschland stand von Anfang an auf der Seite des Zionismus, und das Motiv war auch \u2013 zumindest in der Weimarer Republik und in Hitlers \u201eDrittem Reich\u201c \u2013 dasselbe: ein latenter oder offener Antisemitismus. Man \u00e4u\u00dferte \u00f6ffentlich seine Sympathien f\u00fcr die zionistische Bewegung und ihr Projekt in Pal\u00e4stina, meinte aber in Wirklichkeit, mit der \u201eAusschaffung\u201c der Juden aus dem Land das \u201ej\u00fcdische Problem\u201c l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Ein konstanter Faktor in der ideologischen und politischen N\u00e4he zum Zionismus war bis zu Angela Merkel, dass die Pal\u00e4stinenser und ihre Rechte schlicht ignoriert wurden, als g\u00e4be es sie gar nicht.<\/p>\n<p>Die Nazis betrieben zun\u00e4chst eine ambivalente Politik gegen\u00fcber den Juden: Entrechtung und Verfolgung auf der einen Seite und auch \u201eAusschaffung\u201c aus Deutschland auf der anderen Seite. Deshalb schlossen sie 1933 mit den Zionisten das Haavara-Abkommen, das Juden die Auswanderung mit ihrem Verm\u00f6gen nach Pal\u00e4stina erlaubte. Auch das war eine Konstante der deutschen Staatsr\u00e4son, die erst endete, als die Nazis sich zum Holocaust entschlossen.<\/p>\n<p>Clemens Messerschmid zieht die Bilanz: \u201eDie pal\u00e4stinensische Trag\u00f6die ist also erneut zumindest zu einem wichtigen Teil im Zusammenhang mit der deutschen Staatsr\u00e4son zu sehen. Zun\u00e4chst im 19. Jahrhundert, bei der urspr\u00fcnglichen Entstehung des Zionismus als Reaktion auf den deutschen v\u00f6lkischen Antisemitismus. Dann als \u00dcbernahme des preu\u00dfischen Modells der Ansiedlungskommission durch die Zionisten. Und schlie\u00dflich, in den 30er Jahren, als eine alte, nun aber durch die von den Nazis forcierte Massenauswanderung als eine weitere Konstante der deutschen Staatsr\u00e4son.\u201c<\/p>\n<p>Es sei hier angemerkt, darauf geht Clemens Messerschmid nicht ein, dass man Angela Merkels Bekenntnis zur Staatsr\u00e4son sicher keine antisemitischen Motive unterstellen kann. Ihr Motiv war eher von der deutschen Schuld am Holocaust bestimmt, aber die Bef\u00fcrwortung des zionistischen Projekts mit v\u00f6lliger Ignorierung der Pal\u00e4stinenser blieb auch bei ihr konstant \u2013 mit allen verwerflichen Folgen, die diese deutsche Nahost-Politik bis heute zeitigt: \u201edie bedingungslose Verteidigung des Staates Israel und seiner v\u00f6lkischen und rassistischen Politik gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern, die sogar das Fundament der bundesdeutschen Politik ist\u201c, so schlie\u00dft der Text von Clemens Messerschmid.<\/p>\n<p>Die Darstellung der engen Beziehung zwischen der deutsch-v\u00f6lkischen Ideologie und dem Zionismus sowie die konstant von deutschen Regierungen gegen\u00fcber dem Zionismus durchgehaltene Staatsr\u00e4son, die man in dieser Form so noch nicht kannte, macht Messerschmids Buch \u00e4u\u00dferst lesenswert. Wobei die \u00fcbrigen Texte des Bandes nicht vernachl\u00e4ssigt werden sollen: Hannes Wandts (ein Freund Messerschmids) Ausf\u00fchrungen \u00fcber Israels Strategie, ein Gro\u00df-Israel zu schaffen; Helga Baumgartens Darstellung des zionistischen Siedlerkolonialismus mit seiner immanenten Gewalt, die zum V\u00f6lkermord in Gaza f\u00fchrten sowie Kerstin Cademartoris sehr pers\u00f6nlicher Blick auf den Menschen Clemens Messerschmid. Das Buch ist nicht nur eine Erinnerung an die au\u00dfergew\u00f6hnliche Pers\u00f6nlichkeit dieses Mannes, sondern vermittelt wichtige Erkenntnisse zum Verst\u00e4ndnis dessen, was seit Jahrzehnten im Nahen Osten geschieht und was die deutsche Politik damit zu tun hat.<\/p>\n<p><b>Clemens Messerschmid: Die deutschen Wurzeln des Zionismus. Zur Entwicklung des Siedlerkolonialismus in Pal\u00e4stina. Mit einem Beitrag von Helga Baumgarten, Palmyra Verlag Heidelberg, ISBN 978-3-9303378-95-1, 18 Euro<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Palmyra-Verlag in Heidelberg hat sehr interessante Texte des Nahost-Experten Clemens Messerschmid als Buch herausgegeben. von Arn Strohmeyer Clemens Messerschmid war eine Ausnahmeerscheinung in der Pal\u00e4stina-Szene: ein hoch qualifizierter Experte, der stets eine exakte wissenschaftliche Expertise in seinem Fach mit &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=15885\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3,7],"tags":[],"class_list":["post-15885","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-buchtipps"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15885","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15885"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15885\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15889,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15885\/revisions\/15889"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15885"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15885"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15885"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}