{"id":1660,"date":"2015-01-02T15:01:15","date_gmt":"2015-01-02T14:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1660"},"modified":"2015-01-02T19:42:16","modified_gmt":"2015-01-02T18:42:16","slug":"hafen-im-sturm-die-nakba-im-april-1948-in-haifa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1660","title":{"rendered":"Hafen im Sturm. Die Nakba im April 1948 in Haifa"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/haifa-mit-british-soldier_ji.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" \" alt=\"\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/haifa-mit-british-soldier_ji.jpg\" width=\"200\" height=\"190\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Arab refugees crowding a British ship carrying them to Acre. Foto von der Website: PalestineRemembered.com<\/p><\/div>\n<p><b>Ein Artikel von Shay Fogelman<b> aus der israelischen Tageszeitung <i>Ha\u2019aretz<\/i> vom 3. Juni 2011<\/b><\/b><\/p>\n<p><b>Die Massenflucht von Haifas Arabern ist eines der umstrittensten Ereignisse des Krieges von 1948. Obwohl sehr viel f\u00fcr die arabische Darstellung spricht, halten israelische Historiker mit der Wahrheit hinter dem Berg. Hier ist die Geschichte, die sie der \u00d6ffentlichkeit vorenthalten wollen.<\/b><\/p>\n<p>Vor zwei Monaten hat die Knesset das Haushaltsgrundlagengesetz (\u00c4nderung 39) angenommen, das unter dem Namen <i>Nakba-Gesetz<\/i> in der \u00d6ffentlichkeit bekannt ist. Es soll Institutionen, die Staatsmittel erhalten, daran hindern, den Nakba-Tag (Tag der \u201eKatastrophe\u201c, wie die Araber sagen) zu begehen, bei dem die Araber sich auf den 15. Mai 1948 beziehen \u2013 das ist der Tag, an dem das britische Mandat in Pal\u00e4stina zu Ende ging. Paradoxerweise hat dieser entschlossene Versuch, diesen Tag aus dem israelisch-j\u00fcdischen Bewusstsein zu tilgen, das Interesse unter den Juden f\u00fcr die Nakba enorm anwachsen lassen.<!--more--> Den Google-Trendangaben zufolge, die die Suche von Begriffen im Internet angeben, war in den vergangenen Monaten ein deutliches Ansteigen bei Nachfragen im Netz nach dem Wort <i>Nakba<\/i> zu verzeichnen. Der Index gibt den normalen j\u00e4hrlichen Sprung an, den die Suche nach dem Begriff im Zeitraum vor dem Mai-Termin in Englisch und Arabisch macht, zeigt aber in diesem Jahr ein noch nie dagewesenes betr\u00e4chtliches Ansteigen in Hebr\u00e4isch an. Zum wachsenden \u00f6ffentlichem Interesse und zur Gef\u00fchlsaufladung des Termins hat sicherlich der ungew\u00f6hnlich gro\u00dfe Rahmen der Ereignisse am Nakba-Tag im vergangenen Monat beigetragen \u2013 solche Absurdit\u00e4ten geschehen zuweilen.<\/p>\n<p>Vor zwei Wochen zum Bespiel protestierte das Parlamentsmitglied Aryeh Eldad von der National Partei gegen die Entscheidung, in der Knesset ein Gem\u00e4lde mit dem Titel \u201eDer Zitronen-Anbauer\u201c aufzuh\u00e4ngen. Eldad behauptete, es handle sich dabei um ein \u201eNakba-Gem\u00e4lde\u201c. Das Bild stammt von Eliyahu Bokobza, als Vorlage diente eine idyllische Fotografie aus dem Jahr 1939. Es zeigt eine arabische Familie in traditioneller Kleidung, im Hintergrund sieht man Orangenb\u00e4ume. In seinem Protestbrief an die Knesset schrieb Eldad: \u201eWarum wollen Sie ein Kunstwerk von einem israelischen K\u00fcnstler aufh\u00e4ngen, der geistig verwirrt ist, unter j\u00fcdischem Selbsthass leidet und der die arabische L\u00fcge die Wahrheit nennt und unsere Wahrheit leugnet?\u201c<\/p>\n<p>In diesem Jahr forderte die Urangst vor der Nakba eine \u201eangemessene zionistische Antwort\u201c heraus. Deshalb verteilen Mitglieder der ultranationalen Gruppe <i>Im Tirtzu<\/i> eine Brosch\u00fcre mit dem Titel <i>Der Nakba-Unsinn. Ein Text, der f\u00fcr die Wahrheit k\u00e4mpft<\/i>. Auf 70 Seiten versuchen die Autoren, der Journalist Erel Segal und <i>Im-Tirtzu<\/i>-Mitbegr\u00fcnder Erez Tadmor, die Leser zu \u00fcberzeugen, dass die Araber, die sich selbst als Opfer des israelisch-arabischen Konflikts betrachten, in Wirklichkeit die Aggressoren sind. Daraus folgt nat\u00fcrlich, dass Israel, das immer als Aggressor angesehen wird, in Wirklichkeit das Opfer ist. Nach ihren Worten ist es die Absicht der Brosch\u00fcre, \u201edie L\u00fcgen zu bek\u00e4mpfen und einen Krieg gegen die furchtbare Unwahrheit zu f\u00fchren, in deren Namen unsere Feinde den gerechten Weg des Zionismus unterminieren und den Boden f\u00fcr die Zerst\u00f6rung des j\u00fcdischen Staates bereiten wollen.\u201c<\/p>\n<p>Die Autoren f\u00fchren eine Reihe von \u201eL\u00fcgen\u201c an, die sie als den \u201eMythos der Nakba\u201c zu widerlegen suchen. Im zweiten Kapitel der Brosch\u00fcre, das \u201eDie \u00dcbergabe \u2013 Haifa als treffendes Beispiel\u201c \u00fcberschrieben ist, sprechen die Autoren an, was sie die \u201eL\u00fcge der beabsichtigten Vertreibung\u201c nennen. Indem sie sich auf das Buch <i>Wie man israelische Geschichte schafft (Fabricating Israel history)<\/i> von Prof. Efraim Karsh beziehen, lassen sie sich auf die sogenannten \u201eneuen Historiker\u201c ein \u2013 eine Gruppe von Akademikern, die das konventionelle, \u00fcbliche arabisch-israelische Narrativ in Frage stellen. Wie die Autoren in ihrer Brosch\u00fcre schreiben, ist es das Anliegen dieser Akademiker, die verleumderische Behauptung zu verbreiten, dass die j\u00fcdischen milit\u00e4rischen Verb\u00e4nde im Rahmen ihrer absichtsvollen Politik der Vertreibung und ethnischen S\u00e4uberung eine Reihe von grausamen Massakern begangen h\u00e4tten. Die Autoren schlie\u00dfen dieses Kapitel [in ihrer Brosch\u00fcre] mit der Beschreibung der Eroberung Haifas im Unabh\u00e4ngigkeitskrieg ab und stellen sie als Beweis hin, dass die Israelis eine solche Politik nicht betrieben h\u00e4tten und \u201edass die arabische F\u00fchrung die Verantwortung f\u00fcr die Ergebnisse des Krieges und das Fl\u00fcchtlingsproblem tr\u00e4gt.\u201c<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass die Autoren das Beispiel von der Einnahme Haifas im April 1948 durch die Hagana (die j\u00fcdische Armee vor der Unabh\u00e4ngigkeit) gew\u00e4hlt haben, um ihre Beweisf\u00fchrung abzuschlie\u00dfen. Denn die Ereignisse in Haifa werden als das vielleicht t\u00fcckischste Minenfeld in der Geschichte der Nakba angesehen. So gut wie jeder Historiker, der diesen Geschichtsabschnitt oder den israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt untersucht hat, versucht, seinen Weg durch dieses Minenfeld zu finden. Wenige nur waren dabei erfolgreich, zu einem sicheren Abschluss zu kommen, ohne \u00fcber die Minen einer verfehlten Interpretation zu stolpern. Viele Gelehrte behaupteten, dass ihre Vorg\u00e4nger Fehler gemacht h\u00e4tten. Trotz einer F\u00fclle von Zeugnissen, Dokumenten und Studien ist die Kontroverse der Historiker noch nicht entschieden, und in der \u00f6ffentlichen Debatte greift jede Seite auf den Fall Haifas zur\u00fcck und frischt ihn damit wieder auf.<\/p>\n<p>Die Fakten, die Segal und Tadmor in ihrer Brosch\u00fcre zitieren, sind nicht neu, sie widersprechen auch nicht Fakten und Angaben, die in fr\u00fcheren Arbeiten \u00fcber das Thema aufgezeigt wurden. Aber in der besten Tradition des politischen Pamphlets werden die Fakten und Angaben selektiv und einseitig dargestellt, um so ein von vornherein schon feststehendes Narrativ zu best\u00e4tigen. Weder die Brosch\u00fcre noch viel weniger das Kapitel \u00fcber Haifa bieten einen wahrheitsgem\u00e4\u00dfen Diskurs oder eine ausgewogene Darstellung der wirklichen Geschehnisse.<\/p>\n<p>Segal und Tadmor beleuchten das Minenfeld der Nakba von Haifa sehr sprunghaft, indem sie davor zur\u00fcckschrecken, Fakten oder Zeugnisse hinzuzuziehen, die ihre Thesen und Darstellungen widerlegen k\u00f6nnten. In einer Zeit, die von \u201eNarrativen\u201c beherrscht wird, in denen \u201eWahrheit\u201c nur etwas Relatives ist, kann man die Methode der Autoren, ihre Quellen auszuw\u00e4hlen, gerade noch als legitim bezeichnen. Im Israel des Jahres 2011 ist sie sicher g\u00fcltig. \u201eObwohl die Brosch\u00fcre keine akademische Arbeit ist, habe ich w\u00e4hrend des Schreibens daran mit vielen Akademikern gesprochen\u201c, sagt Tadmor in einem Telefoninterview. \u201eIch habe mich an die Ergebnisse der Arbeit von Prof. Karsh und anderer Historiker gehalten \u2013 etwa die von Benny Morris, weil sie mir zuverl\u00e4ssig erschien.\u201c<\/p>\n<p>Segal r\u00e4umte auch ein, dass die Brosch\u00fcre \u201enicht den Anspruch erhebt, eine akademische Studie zu sein. Jede Seite muss auf die wissenschaftlichen Arbeiten zur\u00fcckgreifen, die ihr angemessen erscheinen. In derselben Weise, wie die pal\u00e4stinensische Propaganda bestimmte Sachverhalte zusammenstellt, die sie passend findet, haben wir die Auswahl getroffen, unsere Wahrheit zu erz\u00e4hlen. Ich akzeptiere Prof. Karshs Arbeit als wissenschaftlich wahrheitsgetreu.\u201c<\/p>\n<p><b>Die Flucht aus Haifa<\/b><\/p>\n<p>Geschichte wird im Alt-Herren-Club im Vadi Nisna Viertel von Haifa nicht als Propaganda betrachtet. Denn f\u00fcr die Dutzende von einheimischen Arabern hier ist die Nakba ein Kapitel ihrer pers\u00f6nlichen Biographie. Einer von ihnen erinnert sich daran, wie die j\u00fcdischen Truppen seine Nachbarn mit vorgehaltener Waffe vertrieben h\u00e4tten. Ein anderer erz\u00e4hlt, wie die Scharfsch\u00fctzen der Hagana auf seinen Vater geschossen h\u00e4tten, als er von der Arbeit nach Hause kam. Ein Dritter erw\u00e4hnt das kleine B\u00fcndel, das er auf der Flucht bei sich trug. Sie alle erinnern sich gut an die Angst, die sie als hilflose Zivilisten hatten \u2013 gefangen mitten im Sturm des Krieges. Die Geschichten, die sie erz\u00e4hlen, sind eher pers\u00f6nlicher Natur. Sie beschreiben kurze Momente: Blicke, denen sie ausgesetzt waren, Erfahrungen der Niederlage und Erniedrigung sowie der willk\u00fcrlichen Misshandlungen durch Hagana-Soldaten. Einige von ihnen w\u00fcrzen die Erz\u00e4hlung ihrer pers\u00f6nlichen Trag\u00f6die mit Humor, obwohl die Traurigkeit in ihren Augen nicht verschwindet. Die Jahre, die seitdem vergangen sind, haben ihre Erinnerungen abgestumpft. In einigen Erz\u00e4hlungen \u00fcberschneiden sich die Angaben und Einzelheiten aus sp\u00e4terer Zeit werden hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Nach allgemein akzeptierten Sch\u00e4tzungen hatte Haifa vor dem Unabh\u00e4ngigkeitskrieg 62 500 arabische Einwohner. Der Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947 sah vor, dass die Pal\u00e4stinenser nach dem Auslaufen des britischen Mandats in einer gemischten Stadt als B\u00fcrger des j\u00fcdischen Staates leben sollten. Doch die Spannungen zwischen beiden Seiten und eine Reihe von gewaltsamen Zwischenf\u00e4llen veranlassten viele Araber, die Stadt vor dem Abr\u00fccken der Briten zu verlassen. Die meisten dieser ersten Fl\u00fcchtlinge waren reich, viele von ihnen waren Christen, die Hilfe und Beistand von den Kirchen in Galilea erhielten. Bis Mitte April 1948 blieben weniger als 20 000 Araber in der Stadt. Wie die j\u00fcdischen Bewohner harrten sie aus und wollten sehen, wie sich die Dinge weiter entwickelten.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit versuchten sie, ihr Leben inmitten der Gewalt so normal wie m\u00f6glich zu gestalten. \u201eDas Leben war in dieser Zeit unertr\u00e4glich\u201c, erinnert sich der 90j\u00e4hrige Jamal Jaris im Club von Wadi Nisna, als er zu erkl\u00e4ren versucht, warum er wenige Tage bevor die j\u00fcdischen Truppen Haifa eroberten, aus der Stadt geflohen sei. \u201eDa wurde jeden Tag geschossen und gebombt. Es wurde kein Unterschied zwischen Zivilisten und bewaffneten Kombattanten gemacht. In einigen Teilen der Stadt, besonders in den arabischen Vierteln, stand jeder auf der Stra\u00dfe unter dem Beschuss von Scharfsch\u00fctzen und Maschinengewehrfeuer [der j\u00fcdischen Truppen].<\/p>\n<p>Am 21. April gab der Kommandeur der britischen Truppen beiden Seiten bekannt, dass seine Verb\u00e4nde die Stadt sofort r\u00e4umen w\u00fcrden, davon ausgenommen w\u00e4ren der Hafen und ein paar wichtige Stra\u00dfen, die die Armee f\u00fcr den geordneten R\u00fcckzug Mitte Mai brauchte. In derselben Nach unternahm die Hagana einen Angriff auf die arabischen Viertel. Die Carmeli-Brigade, die an der Spitze der Attacke stand, war zahlenm\u00e4\u00dfig und topographisch im Vorteil. Ihre Truppen waren au\u00dferdem besser ausgebildet und ausger\u00fcstet und k\u00e4mpften besser organisiert als die arabischen Verb\u00e4nde. In weniger als einem Tag eroberte die Hagana die Stadt Haifa.<\/p>\n<p><b>Unterschiedsloser Beschuss<\/b><\/p>\n<p>Es war ein kurzer Kampf und ein vernichtender Sieg, bei dem die j\u00fcdische Seite relativ wenig Verluste erlitt. Die Araber leisteten nur geringen Widerstand. Die Hagana-Soldaten durchk\u00e4mmten nach dem Sieg die arabischen Viertel und waren \u00fcberrascht, nur so wenige Waffen zu finden. Eine Woche sp\u00e4ter hie\u00df es in der <i>Hagana-Ma\u2019arak-hot<\/i> (Campaigns): \u201eDer Kampf um Haifa wird vermutlich nicht zu den gro\u00dfen Stadt-Schlachten in der Milit\u00e4rgeschichte z\u00e4hlen.\u201c Der Sieg der Juden l\u00f6ste die panikartige Flucht der noch zur\u00fcckgebliebenen [arabischen] Bewohner aus. Die <i>New York Herald Tribune<\/i> schrieb: \u201eHaifa, die drittgr\u00f6\u00dfte Stadt Pal\u00e4stinas und zugleich der Abzugshafen der britischen Armee, wurde nach einer Serie von grausamen Angriffen der Hagana \u00fcber Nacht eine j\u00fcdische Festung. Die j\u00fcdische Armee gewann die Kontrolle \u00fcber die meisten arabischen Teile der Stadt und erzwang eine Massenflucht der Araber \u00fcber See.\u201c<\/p>\n<p>Am 23. April hie\u00df es in der <i>New York Times<\/i>: \u201eZehntausende von arabischen M\u00e4nnern, Frauen und Kindern fl\u00fcchteten \u00fcber die \u00f6stlichen Au\u00dfenbezirke der Stadt in Autos, Lastwagen, Karren und zu Fu\u00df \u2013 vereint in dem verzweifelten Versuch, arabisches Territorium zu erreichen, bevor die Juden die Rushmiya-Br\u00fccke nach Samaria und Nord-Pal\u00e4stina einnehmen und sie so vom Hinterland abschneiden w\u00fcrden. Tausende st\u00fcrzten sich im Hafen auf jedes verf\u00fcgbare Schiff, sogar auf Ruderboote, um \u00fcber See nach Akra zu entkommen.\u201c In der israelischen Tageszeitung <i>Maariv<\/i> hie\u00df es: \u201eBritische Beamte im Hafen sch\u00e4tzen, dass zwischen 12 000 und 14 000 Araber aus der Stadt \u00fcber See und zwischen 2000 und 4000 \u00fcber Land gefl\u00fcchtet sind. Die j\u00fcdischen und die arabischen Zahlenangaben widersprechen einander. Die Juden sind bestrebt, die Fluchtzahlen m\u00f6glichst niedrig anzugeben. Ein j\u00fcdischer Sprecher gab an, dass nicht mehr als 5 000 Araber gefl\u00fcchtet seien. Arabische F\u00fchrer sprechen aber von mindestens 20 000 Fl\u00fcchtlingen.<\/p>\n<p>\u201eWir machten uns gro\u00dfe Sorge um unsere Landsleute, die aus der Stadt flohen\u201c, erkl\u00e4rt der 85j\u00e4hrige Chana Mur im Alt-Herren-Club in Haifa. An dem Tag, als die Stadt fiel, sei er wie immer zur Arbeit im Hafenzollamt gegangen: \u201eStundenlang h\u00f6rten wir aus der Richtung der arabischen Viertel Explosionen und Gewehrfeuer. Die Juden schossen auf die H\u00e4user und zielten auf Leute in den Stra\u00dfen. Es gab eine gro\u00dfe Panik. Ich erinner mich, dass Leute sagten, sie h\u00e4tten das Gef\u00fchl, die Welt werde auf den Kopf gestellt. Der Hafen war der einzig sichere Ort f\u00fcr die Araber. Dort wurden sie von den britischen Soldaten gesch\u00fctzt. Wer es konnte, verstaute ein paar Sachen in einer Decke oder in einer Tasche und fl\u00fcchtete zum Hafen. Wir hatten das Gef\u00fchl, dass wir um unser Leben rannten.\u201c Mur f\u00e4hrt fort: \u201eIch erinnere mich an ein junges Paar, das in der panischen Flucht seine kleine Tochter zu Hause verga\u00df. Wahrscheinlich hatten sie in der Eile, anstatt sie mitzunehmen, zu anderen B\u00fcndeln gegriffen. Ein Nachbar, der auch auf der Flucht war, h\u00f6rte das M\u00e4dchen im zweiten Stock des Hauses weinen und nahm es samt seiner eigenen Familie mit. Die Eltern des Kindes kamen in einem Fl\u00fcchtlingslager im Libanon unter. Das M\u00e4dchen wuchs im Haus des Nachbarn in Akra auf. Sp\u00e4ter habe ich es getroffen. Die Frau lebt jetzt im Stadtteil Kababir in Haifa.\u201c<\/p>\n<p>In Israel sind in den letzten Jahren mehrere historische Sachb\u00fccher, die die Flucht der Tausende von Arabern am Tag der Eroberung der Stadt zum Hafen und dann die Flucht \u00fcber See nach Akra oder in den Libanon zum Thema haben. Dem Ereignis wurde in den Zeitungen der Zeit und in verschiedenen Archiven gro\u00dfe Bedeutung zugemessen. Segal und Tadmor schreiben: \u201eAm 22. April, als die Hagana-Verb\u00e4nde zum Marktplatz vordrangen, wurde eine Massenflucht von Tausenden registriert.\u201c Sie schreiben nicht, was sich auf dem Marktplatz selbst ereignet hat. Sie ziehen es vor, sich auf die These von Prof. Karsh zu beziehen: \u201eDie arabische F\u00fchrung\u201c, hei\u00dft es bei ihnen, \u201edr\u00e4ngte ihre Landsleute, ihre H\u00e4user zu verlassen \u2013 mit der Absicht, das Gebiet f\u00fcr die arabischen Milit\u00e4rverb\u00e4nde freizumachen oder aus Propagandagr\u00fcnden, die darauf abzielten, die Legitimit\u00e4t des j\u00fcdischen Staates zu leugnen.\u201c<\/p>\n<p>Eine andere Quelle, die die Autoren f\u00fcr die Schlussfolgerungen in ihrem Kapitel heranziehen, ist das Buch des Historikers Benny Morris <i>1948<\/i> (zuerst 2008 in Englisch und zwei Jahre sp\u00e4ter in Hebr\u00e4isch erschienen). Sie schreiben, dass Morris, \u201ebis er widerrief\u201c, zu den \u201eneuen Historikern\u201c geh\u00f6rte, und f\u00fcgen hinzu, dass er ein sehr respektiertes und seri\u00f6ses Mitglied der Gruppe sei. Morris hat \u00fcber die Eroberung von Haifa geschrieben und erw\u00e4hnt die Flucht der Araber zum Hafen in mehreren seiner Arbeiten. In <i>1948<\/i> beschreibt er die Ereignisse des 22. April wie folgt: \u201e Der andauernde M\u00f6rserbeschuss und das st\u00e4ndige Maschinengewehrfeuer sowie der Zusammenbruch der [arabischen] Milizen und der lokalen Verwaltung sowie der Vormarsch der Hagana beschleunigten die Massenflucht zum Hafen, der noch in der Hand der Briten war. Zwischen 1000 und 6000 Menschen haben nach den Berichten den Hafen passiert und sind an Bord von Booten gegangen, die sie nach Akra und anderen n\u00f6rdlichen Orten bringen sollten.\u201c Morris fasst die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Flucht so zusammen: \u201eDie Mehrheit hatte verschiedene Motive. Der Hauptgrund war der Schock des Angriffs (besonders der M\u00f6rserbeschuss der Hagana auf die Unterstadt) sowie der j\u00fcdische Vormarsch und schlie\u00dflich die Aussicht, als Minderheit unter j\u00fcdischer Herrschaft leben zu m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Doch in seinem ersten Buch <i>Die Entstehung des pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlingsproblems<\/i> (zuerst in Englisch 1987), das vor seinem \u201eWiderruf\u201c verfasst wurde, beschrieb Morris den Ablauf der Ereignisse mehr im Detail und auch differenzierter, wobei er aus dem Buch eines israelischen Historikers zitierte: \u201eDie Drei-Inch-M\u00f6rser, die inmitten einer gro\u00dfen Menge auf dem Marktplatz explodierten (&#8230;) eine gro\u00dfe Panik brach aus. Die Menge fl\u00fcchtete [im englischen Original: burst] in den Hafen, stie\u00df die Polizisten zur Seite, st\u00fcrmte die Boote und fl\u00fcchtete so aus der Stadt.\u201c Aber auch dies ist nur eine partielle Beschreibung der Vorg\u00e4nge. Morris zitierte tats\u00e4chlich aus dem Buch <i>Die Hagana-K\u00e4mpfe in Haifa<\/i> von Zadok Eshel, das 1978 (in Hebr\u00e4isch) vom Verteidigungsministerium herausgegeben wurde. Eshel war Mitglied der Hagana und lieferte aus erster Hand Schilderungen von vielen Ereignissen in Haifa.<\/p>\n<p>Hier ist seine Zusammenfassung der Ereignisse am 22. April, (dabei muss man auf die Worte achten, die Morris durch Worteinsparungen [im Original: ellipsis] weglie\u00df und ersetzte): \u201eFr\u00fch am Morgen informierte Maxy Cohen das Hauptquartier der Brigade, dass die Araber ihre Leute \u00fcber Lautsprecher aufriefen, sich auf dem Marktplatz zu versammeln, weil die Juden die Stanton Stra\u00dfe erobert h\u00e4tten und ihren Vormarsch auf die Unterstadt fortsetzten. Auf diesen Bericht hin wurde dem Kommandeur der Waffennachschubkompanie, Ehud Almog, der Befehl gegeben, die Drei-Inch-M\u00f6rser einzusetzen, die in der N\u00e4he des Rothschild-Hospitals standen, und sie explodierten in der gro\u00dfen Menge auf dem Marktplatz. Als der Beschuss begann und die Granaten in die Menge fielen, brach eine gro\u00dfe Panik aus. Die Menge floh [im Original: burst] zum Hafen, stie\u00df die Polizei zur Seite, st\u00fcrmte die Boote und begann fluchtartig die Stadt zu verlassen. Den ganzen Tag \u00fcber dauerte der M\u00f6rserbeschuss an, und die Panik, die den Feind ergriff, wurde zur wilden Flucht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist falsch!\u201c erwiderte Ehud Almog, der damals die Waffennachschubeinheit des 22. Bataillons der Carmeli-Brigade befehligte. \u201eEs handelt sich nicht um einen Drei-Inch-M\u00f6rser, sondern um <i>Davidka<\/i>-Granaten\u201c \u2013 er meinte damit die in Eigenproduktion hergestellten Granaten, die wegen ihres L\u00e4rms ger\u00fchmt wurden, den sie machten. Zu den anderen Einzelheiten sagte er: \u201eDie historische Beschreibung ist korrekt, sie entspricht absolut der Wahrheit. Ich erinnere mich sehr lebhaft an die Ereignisse. Wir hatten den Befehl, den Marktplatz dann anzugreifen, wenn sich dort eine gro\u00dfe Menge versammelte. Der L\u00e4rm der Explosionen war so schrecklich, dass man sie noch in 200 Metern Entfernung h\u00f6rte.\u201c Almog f\u00fcgt hinzu, dass der Beschuss, der am fr\u00fchen Nachmittag stattfand, kurz, \u201eaber sehr effektiv\u201c gewesen sei. Wie Eshel sagt auch Almog, dass die von seiner Einheit abgefeuerten Granaten die Flucht der Leute zum Hafen angetrieben h\u00e4tten. Obwohl sie keine Augenzeugen der Flucht waren, gaben Shai-Offiziere (die Geheimdiensteinheit der Hagana), die in der N\u00e4he der Hafentore stationiert waren, ihm [Almog) einen genauen Bericht des Zeitablaufs der Ereingnisse.<\/p>\n<p>Ein anderer Bericht, den Morris in seinem Buch <i>Die Entstehung des pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlingsproblems<\/i> zitiert, stammt von einem britischen Soldaten, der im Hafen stationiert war. Er sagte aus: \u201eDen ganzen Morgen \u00fcber haben sie [die Hagana-Verb\u00e4nde] permanent auf die Araber geschossen, die im Wadi Visnas-Viertel oder in der Altstadt unterwegs waren. Dazu geh\u00f6rte auch das v\u00f6llig unterschiedslose und widerliche Maschinengewehrfeuer und Scharfschie\u00dfen auf Frauen und Kinder, die versuchten, durch die Tore zu den Docks und so aus Haifa herauszukommen. Da kam es vor dem Ost-Tor [des Hafens] zu einem Massenandrang von hysterisch [schreienden] und erschreckten arabischen Frauen, Kindern und alten Menschen, auf die die Juden erbarmungslos feuerten.\u201c (Eine verk\u00fcrzte Version dieses Zitats erschien auch in <i>1948<\/i> \u2013 reduziert auf \u201edas v\u00f6llig unterschiedslose und widerliche (&#8230;) Feuern\u201c, das Wort \u201eMaschinengewehrfeuer\u201c ist weggelassen [ellipsis].<\/p>\n<p>Neben dem moralischen Problem, das darin bestand, einfach in eine Menschenmenge auf dem Marktplatz zu schie\u00dfen, zeigt der Bericht von Zadok Eshel, der durch die Aussage von Ehud Almog gest\u00fctzt wird, dass der Angriff auf Befehl von h\u00f6heren Hagana-Offizieren ausgef\u00fchrt wurde. Welchen Dienstgrad sie hatten, ist nicht bekannt. Die gesamten Unterlagen des Archivmaterials der Armee (IDF) \u00fcber diesen Zeitabschnitt sind der \u00d6ffentlichkeit nicht zug\u00e4nglich. Man kann deshalb nicht genau sagen, ober der Beschluss Teil einer allgemein akzeptierten Politik war, die darauf abzielte, die Araber zu vertreiben oder ob es sich dabei nur um eins von mehreren Beispielen handelte, die w\u00e4hrend des Krieges bezeugt sind.<\/p>\n<p><b>Leichen auf der Stra\u00dfe<\/b><\/p>\n<p>Der Granaten-Beschuss fand genau zu dem Zeitpunkt statt, als die arabischen Vertreter mit den j\u00fcdischen Vertretern Haifas die Bedingungen f\u00fcr den Waffenstillstand aushandelten. Die meisten Berichte von Zeitzeugen behaupten, dass der B\u00fcrgermeister der Stadt, Shabtai Levy, an die M\u00f6glichkeit einer Koexistenz glaubte. In vielen Arbeiten zum Thema hei\u00dft es, dass er die Araber dazu dr\u00e4ngte, einer Kapitulation zuzustimmen und in der Stadt zu bleiben. Zu bestimmten Zeitpunkten schien dies tats\u00e4chlich m\u00f6glich zu sein. Ein Korrespondent der <i>United Press Association<\/i> (UP) berichtete, dass \u2013 obwohl keine offiziellen Stellungnahmen dazu vorl\u00e4gen \u2013 es den Anschein habe, die Araber h\u00e4tten den von den Juden gestellten Bedingungen zumindest in den wichtigsten Punkten zugestimmt. Danach h\u00e4tten die Arabische Legion und die irakischen Freiwilligen schon begonnen, die Stadt zu verlassen.<\/p>\n<p>Das Hagana-Hauptquartier operierte aber v\u00f6llig unabh\u00e4ngig. Obwohl h\u00f6here Offiziere von den Fortschritten bei den Waffenstillstandsverhandlungen wussten, feuerten ihre Einheiten weiter auf die arabischen Viertel.<\/p>\n<p>Ein Telegramm der Carmeli-Brigade an das Hagana-Hauptquartier, das am Tag der Schlacht um 14,30 Uhr aufgegeben wurde, stellte fest: \u201eDie Araber haben sich an den B\u00fcrgermeister mit dem Anliegen gewandt, einen Vermittler zwischen ihnen und der Hagana zu suchen. Es geht um die Annahme der Bedingungen f\u00fcr einen Waffenstillstand.\u201c Eine Kopie der \u00dcbereinkunft in englischer Sprache, verfasst von der Hagana, war dem Telegramm beigef\u00fcgt. In dem Telegramm hei\u00dft es zum Schluss: \u201ePanik, Flucht unter den Arabern. Die Gegenwehr ist sehr schwach.\u201c<\/p>\n<p>Die Hagana-M\u00f6rser griffen die fliehenden Araber st\u00e4ndig weiter an. Dem t\u00e4glich erscheinenden Nachrichtendienst der Hagana zufolge meldete der diensthabende Offizier um 14,40 Uhr an: \u201eDrei Granaten sind in der N\u00e4he des Hafentors Nr. 3 niedergegangen. Sie kamen aus der Richtung des Hadar Carmel Abschnitts der Stadt [von der H\u00f6he des Carmel Berges]. \u00c4hnliches ereignete sich am Morgen und die britische Armee droht damit, Hadar mit Artillerie anzugreifen, wenn der Beschuss nicht aufh\u00f6rt.\u201c In anderen F\u00e4llen er\u00f6ffnete die britische Armee das Feuer und meldete Treffer auf Hagana-Soldaten, die arabische B\u00fcrger beschossen hatten.<\/p>\n<p>Um 15 Uhr wurde der Text des \u00dcbereinkunft mit einigen eingef\u00fcgten Korrekturen des englischen Generals zur\u00fcckgeschickt. Der Brigadekommandeur Moshe Carmel informierte das Hagana-Hauptquartier: \u201eEin gemeinsames Treffen von Juden, Briten und Arabern\u00a0 wird [heute] um 16 Uhr stattfinden, bei dem \u00fcber die Bedingungen [des Waffenstillstandes] gesprochen werden soll. Wir gehen davon aus, dass die Araber sie nicht akzeptieren werden, weil rein technisch keine M\u00f6glichkeit zu einer wohl geordneten \u00dcbergabe besteht.\u201c Das Hagana-Hauptquartier antwortete: \u201eSolange es nicht feststeht, dass die Bedingungen angenommen werden, m\u00fcssen die Angriffe fortgesetzt werden.\u201c Die Message schloss: \u201eBegebt Euch nicht in eine Falle, falls die Verhandlungen darauf ausgerichtet sind, Zeit zu gewinnen.\u201c<\/p>\n<p>Um 16 Uhr begannen beide Seiten unter der Vermittlung von britischen Offizieren, \u00fcber die \u00dcbergabe [der Stadt] und die Bedingungen des Waffenstillstandes zu verhandeln. Die Araber verlangten mehr Zeit f\u00fcr R\u00fccksprachen. Beide Seiten trafen sich um 17,15 Uhr wieder. Der Bericht der Hagana stellte fest: \u201eDie Araber geben an, dass sie die Bedingungen nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Da die Araber sie nicht erf\u00fcllen wollen [im Original steht <i>obey<\/i> \u2013 gehorchen!], ziehen sie es vor, Haifa vollst\u00e4ndig mit allen arabischen Bewohnern zu r\u00e4umen.\u201c<\/p>\n<p>In einem Geheimdienstbericht der Hagana vom selben Tag hei\u00dft es: \u201eEs gibt Anzeichen, dass sich die arabische Kommandozentrale in der Stadt aufl\u00f6st. Die arabischen Hauptquartiere sind schon aufgegeben worden. Niemand geht dort ans Telefon. Und es gibt Berichte, dass die Befehlshaber und ihre St\u00e4be Haifa verlassen haben. Es gibt keine genauen Angaben \u00fcber die Verluste des Feindes. Es ist aber bekannt, dass die arabischen Hospit\u00e4ler mit Toten und Verwundeten \u00fcberf\u00fcllt sind. Leichen liegen in den Stra\u00dfen neben den Verwundeten, und sie werden nicht eingesammelt, weil es an der n\u00f6tigen Organisation und hygienischen Mitteln fehlt. Unter den Arabern herrscht gro\u00dfe Panik. Sie warten darauf, dass der Waffenstillstand abgeschlossen wird und dass die Juden die Macht in der Stadt \u00fcbernehmen \u2013 sie sehen darin eine gute Entwicklung, die ihre Rettung sein wird. In der Zwischenzeit haben wir eine Nachricht von einer arabischen Quelle bekommen, in der es hei\u00dft, dass sie unsere Waffenstillstandsbedingungen angenommen haben.\u201c<\/p>\n<p><b>Das Schweigen der Historiker<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b>Im pal\u00e4stinensischen Bewusstsein nimmt der Beschuss des \u00fcberf\u00fcllten Marktplatzes in Haifa einen wichtigen Platz in der Geschichte der Nakba in dieser Stadt ein. Der 87j\u00e4hrige Awda al-Shebab, der im Altherren-Club in Wadi Nisnas sitzt, sagt, dass der Granatenbeschuss \u201eein wichtiger Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Flucht zum Hafen war. Die Leute hatten sich auf dem Marktplatz getroffen, um \u00fcber die Lage und die vorgeschlagenen Bedingungen f\u00fcr den Waffenstillstand zu diskutieren. Historiker erz\u00e4hlen uns jetzt, der [j\u00fcdische] B\u00fcrgermeister habe gewollt, dass die Araber bleiben sollten und dass die Hagana nach dem Krieg alles getan habe, um den Auszug [der Araber] zu verhindern, aber Taten z\u00e4hlen mehr als Worte. Als die M\u00f6rsergranaten mitten auf dem Marktplatz runterkamen, nahmen die Araber das als die Antwort der Juden auf den Waffenstillstandsvorschlag.\u201c<\/p>\n<p>\u00c4hnliches wurde schon vor 63 Jahren behauptet. Laut einem UP-Bericht, der in der Histadrut-Gewerkschaftszeitung <i>Davar<\/i> erschien, haben die Araber behauptet, dass die Juden \u201eden Waffenstillstand in Haifa gebrochen\u201c und \u201eeine neue Panikwelle unter tausenden von Arabern\u201c ausgel\u00f6st h\u00e4tten, die zur Flucht aus der Stadt gef\u00fchrt habe. In dem Bericht hei\u00dft es weiter, Juden h\u00e4tten einger\u00e4umt, dass die Menschen w\u00e4hrend der K\u00e4mpfe und f\u00fcr einige Zeit danach kopflos geworden seien und dass es Pl\u00fcnderungen und Beschuss auf Zivilisten gegeben habe.<\/p>\n<p>Mit den Jahren versuchten einige israelische Historiker, die Bedeutung des Beschusses des Marktplatzes herunterzuspielen. In seinem 2006 erschienen Buch <i>Pal\u00e4stina 1948. Krieg, Flucht und Entstehung des pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlingsproblems<\/i> schreibt Prof. Joav Gelber: \u201eNachdem einige M\u00f6rsergranaten in der N\u00e4he des Marktes niedergegangen waren, auf dem sich eine gro\u00dfe Anzahl von Arabern versammelt hatte, st\u00fcrmten Massen von Menschen den Hafen \u2013 angetrieben von der Angst vor Gewehr- und Granatenbeschuss.\u201c Zadok Eshel sagt jedoch ausdr\u00fccklich, dass die Granaten mitten in der Menge runtergekommen seien. Gelber erkl\u00e4rt nicht, wie er zu der Behauptung kommt, dass die Granaten nur \u201edie N\u00e4he des Marktes\u201c getroffen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Gelber ignoriert auch die Aussagen Dutzender verwundeter Araber, die nach der Massenflucht auf dem Markt zur\u00fcckblieben. Die meisten pal\u00e4stinensischen Historiker sch\u00e4tzen, dass dabei \u201eeinige Dutzend [Menschen] get\u00f6tet wurden.\u201c Die Zeitung <i>Haaretz<\/i> berichtete nach den K\u00e4mpfen, ein Mitglied des Arabischen Nationalkomitees habe gesagt, dass die Juden eine gro\u00dfe Anzahl von Frauen und Kindern auf der Flucht zur Altstadt und zur britischen Sicherheitszone im Hafen get\u00f6tet h\u00e4tten. Obwohl die j\u00fcdische Seite die Berichte \u00fcber angeblich gro\u00dfe Verluste an arabischen Zivilisten bestreitet, sagte ein Hagana-Sprecher: \u201eSelbst wenn es sich so ereignet hat, haben wir uns nichts vorzuwerfen, da wir 48 Stunden vor unserem Angriff \u00fcber Radio und Lautsprecher eine Warnung in arabischer Sprache verbreitet haben. Wir haben die Warnung auch mit Flugbl\u00e4ttern verbreitet und haben die Araber aufgerufen, Frauen und Kinder zu evakuieren und jeden, der nicht aus Haifa kommt, aus der Stadt zu schicken. Wir haben wiederholt, dass dies die letzte Warnung ist.\u201c<\/p>\n<p>Ein erschreckender und zugleich fantastischer Anblick\u201c, schrieb David Ben Gurion in seinem Tagebuch am 1. Mai, nachdem er die verlassenen arabischen Viertel der Stadt besucht hatte. \u201eEine tote Stadt, eine Leichenstadt (&#8230;) ohne eine lebende Seele, abgesehen von ein paar streunenden Katzen.\u201c Die leeren Stra\u00dfen waren bedeckt mit den Leichen Dutzender von arabischen Zivilisten. Rote Kreuz-Teams hatten sie eingesammelt und ihre Zahl anfangs auf mehr als 150 gesch\u00e4tzt, drei Tage sp\u00e4ter revidierten sie ihre Sch\u00e4tzung nach unten auf 80 Araber, die bei den K\u00e4mpfen get\u00f6tet worden seien, und einige hundert Verwundete. Den Angaben des Roten Kreuzes zufolge waren nur sechs von den Toten K\u00e4mpfer [Kombattanten], bei der Mehrheit der Leichen handelte es sich um Frauen und Kinder.<\/p>\n<p>Viele Leichen blieben auf dem beschossenen Marktplatz zur\u00fcck. In einem Geheimdienst-Bericht der Hagana hei\u00dft es, dass mindestens zehn Leichen im Ajamai-Caf\u00e9 gefunden worden seien. Sie wurden erst entfernt, nachdem die nicht explodierten Granaten entsch\u00e4rft worden seien. In dem Bericht hei\u00dft es weiter: \u201eEs ist schwer, die Zahl der Toten anzugeben, die bei der Explosion im Haus von Abu Madi in der Nazareth-Stra\u00dfe umgekommen sind, da noch nicht alle Leichen aus dem Schutt geborgen werden konnten. Das Haus war \u00fcberf\u00fcllt mit Familien, die von den Au\u00dfenbezirken dorthin gekommen waren.\u201c Ein paar Dutzend arabische Fl\u00fcchtlinge blieben im Hafen und warteten bei den Docks auf Boote, die sie retten w\u00fcrden. Sie hatten Angst, in ihre H\u00e4user zur\u00fcckzukehren. \u201eDie Szenen im Hafen waren schrecklich anzusehen,\u201c berichtete <i>Davar<\/i>. \u201eFrauen und Kinder hatten schon seit zwei Tagen nichts mehr zu essen und zu trinken bekommen. Die Briten sagen, sie k\u00f6nnten nicht helfen. Die Araber behaupteten dagegen, dass dies ein absichtsvoller Schritt der Briten sei, um die Araber zur R\u00fcckkehr in ihre H\u00e4user zu zwingen.\u201c<\/p>\n<p>Bei unserem Gespr\u00e4ch im Wadi Nisnas-Club erw\u00e4hnen die arabischen alten Herren oft die Worte \u201eKoexistenz\u201c und \u201eein Staat f\u00fcr zwei Nationen\u201c. Sie sind sehr stolz auf die tiefen und freundlichen Beziehungen, die sie mit ihren j\u00fcdischen Nachbarn unterhalten; einige von ihnen erz\u00e4hlen, dass sie \u00fcber die Jahre an Versuchen teilgenommen haben, Juden und Araber n\u00e4her zusammenzubringen. In ihrer Sicht ist die Nakba ein historische Tatsache, die keine Best\u00e4tigung oder Gesetzgebung brauche. Sie sehen die Anwesenheit der Juden im Land auch nicht als Schrecken oder Bedrohung an. Awda al-Shebab sagt: \u201eNur wenn wir die Leiden, die beide V\u00f6lker durchgemacht haben, gegenseitig anerkennen, werden wir in der Lage sein, eine gemeinsame Zukunft zu gestalten. Das ist der wahre Schl\u00fcssel zur Koexistenz. Wenn wir das nicht tun, wird jede Seite weiter in der Vergangenheit leben.\u201c<\/p>\n<p><b>Als Golda weinte<\/b><\/p>\n<p>Der Hagana-Kommandeur in Haifa, Yaakov Lubliani, berichtete \u00fcber einen Besuch von Golda Meir in der Stadt, die damals eine hochrangige Mitarbeiterin in der politischen Abteilung der <i>Jewish Agency<\/i> war. Er erz\u00e4hlte: \u201eIch schlug ihr vor, die Altstadt zu besuchen. Sie erwiderte, dass sie die Ruinen und Verw\u00fcstung nicht sehen m\u00f6chte. Sie wollte einen Stadtteil aufsuchen, wo noch Araber lebten. Ich brachte sie zum Wadi Nisnas-Viertel. Wir kamen auch zur Muchlis-Stra\u00dfe. In einem Haus gingen wir einige Stufen hinauf. Die Wohnungen im ersten Stock waren verlassen. Als wir im dritten Stock ankamen, kam uns eine alte arabische Frau entgegen. Sie trug einige B\u00fcndel mit sich. Als sie Golda sah, blieb sie stehen und brach in Tr\u00e4nen aus. Auch Golda blieb stehen, sah sie an, und Tr\u00e4nen liefen ihr \u00fcber das Gesicht. Die beiden Frauen standen da und weinten. Ich blickte auf die weinende Golda und wurde \u00e4rgerlich. Obwohl ich nicht wagte, sie zurechtzuweisen, dachte ich: Wir sind begeistert und gl\u00fccklich \u00fcber unseren Sieg, wir haben die Araber ausgerottet [im Original: eradicated], Du kannst jetzt in der Stadt herumgehen, ohne an Gewehrfeuer und Angriffe zu denken, und sie steht da und weint.\u201c(zitiert nach Zadok Eshel: <i>Hagana K\u00e4mpfe in Haifa<\/i>, 1978)<\/p>\n<p><b>Die Bedeutung von Haifa<\/b><\/p>\n<p>Am Tag der Eroberung Haifas ver\u00f6ffentlichte der Herausgeber der Zeitung <i>Maariv<\/i>, Dr. Ezriel Carlebach, einen Artikel, in dem er die Bedeutung der Stadt erl\u00e4uterte: \u201eIn diesem Augenblick k\u00e4mpfen wir um Haifa, das bedeutet: Wir k\u00e4mpfen um den Staat. Mit der Kontrolle Tel Avivs und der St\u00e4dte in der K\u00fcstenebene werden wir nur ein Kanton sein, ein autonomes Gebiet, ein Ghetto. Wenn Haifa uns geh\u00f6rt, werden wir ein Staat sein. Jeder wei\u00df das. Der jordanische K\u00f6nig Abdullah wei\u00df, dass wenn Haifa in unserem Besitz ist, haben er und der Irak keinen Zugang zum Meer. Und alles, was er vom Westen des Landes erobern will, ist nur ein Anh\u00e4ngsel der W\u00fcste, nicht ein Tor zur Welt. Die Briten wissen auch, wenn Haifa in unseren H\u00e4nden ist, dann m\u00fcssen die \u00d6l-Magnaten und die See-Strategen, Whitehall und Wall-Street und auch Washington mit uns rechnen \u2013 und nicht nur die arabischen \u00d6l-Scheichs. Wenn Haifa uns geh\u00f6rt, wird sich die ganze politische und milit\u00e4rische Situation ver\u00e4ndern. Das ganze Schicksal unseres Staates ist nun im Gleichgewicht.\u201c (zitiert nach <i>Maariv<\/i>, 22. April 1948)<\/p>\n<p><b>Ein positives Nebenprodukt<\/b><\/p>\n<p>Ein Artikel, der nach den K\u00e4mpfen in Haifa erschien, trug die \u00dcberschrift: \u201eDie Bedeutung des Sieges in Haifa\u201c. Es hie\u00df da: \u201eWir m\u00fcssen auch ein Nebenprodukt erw\u00e4hnen. Die Tausende von arabischen Fl\u00fcchtlingen, die in panischer Flucht arabische St\u00e4dte und D\u00f6rfer erreichen, sind auch ein positives milit\u00e4risches Element f\u00fcr uns. Wir m\u00fcssen uns an die Millionen Fl\u00fcchtlinge in Frankreich und Polen w\u00e4hrend des deutschen Blitzkrieges erinnern, die den Vormarsch der [deutschen] Armee aufhielten und die Samen des Def\u00e4tismus und Panik unter ihren Menschen s\u00e4ten und so zu ihrer dauernden Niederlage beitrugen.\u201c (Artikel in <i>Davar<\/i>, 25. April 1948)<\/p>\n<p><b>Das arabische Dilemma<\/b><\/p>\n<p>Zwei Geheimdienstberichte der Hagana \u00fcber die Situation in Haifas arabischen Vierteln sind eine Woche nach der Eroberung der Stadt verfasst worden. In einem Auszug des ersten Berichts hei\u00dft es: \u201eSprach heute mit mehreren Muslims und Christen, die in der Stadt geblieben sind. Sie waren sehr ver\u00e4rgert \u00fcber den 15. Mai [die Ank\u00fcndigung des Einmarsches arabischer Armeen]. Auf der einen Seite glauben sie nicht an die M\u00f6glichkeit einer Invasion der arabischen Armeen; auf der anderen Seite sind sie besorgt, im Falle einer Invasion in schreckliche Not zu geraten, da man sie informiert habe, dass jeder, der Haifa nicht verlasse, als Verr\u00e4ter angesehen werde, der Verbindungen zu Juden unterhalte. Die Situation ist so angespannt, dass viele, die bleiben wollten, nun planen, die Stadt noch in dieser Woche zu verlassen.\u201c<\/p>\n<p>Der zweite berichtete: \u201eMr. Taharuna, der Generaldirektor der Spinni-Company sagte, dass alle arabischen Arbeiter Haifa verlassen h\u00e4tten. Sie h\u00e4tten gar nicht weggehen wollen, aber sie h\u00e4tten offensichtlich einen Befehl von oben bekommen. Die Arbeiter h\u00e4tten gesagt, sie w\u00fcrden in sechs bis acht Wochen zur\u00fccksein.\u201c Wie auch immer, der Bericht stellt fest: \u201eDie Araber in Haifa sind verzweifelt und wissen nicht, was sie tun sollen \u2013 wegehen oder bleiben? Die meisten, die noch hier sind, warten darauf, ihren Lohn von der [britischen] Verwaltung zu bekommen, und wollen dann die Stadt verlassen, da jeder Araber, der in Haifa bleibt, in der \u00d6ffentlichkeit als Verr\u00e4ter an seinem Volk angesehen wird.\u201c<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Arn Strohmeyer, Bremen<\/em><\/p>\n<p><i>Zu dem Text ist eine Anmerkung zu machen: Er geht \u00fcberhaupt nicht auf die Gesamtsituation der ethnischen S\u00e4uberung (Nakba) ein, die ab Ende des Jahres 1947 auf Anordnung der zionistischen F\u00fchrung in vollem Gange war. Auch fehlen viele wichtige Details der Eroberung von Haifa. Hierzu sind zwei B\u00fccher von israelischen Historikern zu empfehlen, die der Verfasser des hier wiedergegeben<\/i> <i>Textes nicht ber\u00fccksichtig hat, die aber heute Standardwerke sind:<\/i><\/p>\n<p><b>Flapan, Simcha: Die Geburt Israels. Mythos und Wirklichkeit, Neu Isenburg 2006<\/b><\/p>\n<p><b>Pappe, Ilan: Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas, Frankfurt\/Main 2007; Neuauflage 2014<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Artikel von Shay Fogelman aus der israelischen Tageszeitung Ha\u2019aretz vom 3. Juni 2011 Die Massenflucht von Haifas Arabern ist eines der umstrittensten Ereignisse des Krieges von 1948. 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