{"id":16639,"date":"2026-04-28T14:37:07","date_gmt":"2026-04-28T14:37:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=16639"},"modified":"2026-04-28T14:47:22","modified_gmt":"2026-04-28T14:47:22","slug":"wenn-der-antisemitismus-vorwurf-vor-allem-israels-politik-vor-kritik-schuetzen-soll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=16639","title":{"rendered":"Wenn der Antisemitismus-Vorwurf vor allem Israels Politik vor Kritik sch\u00fctzen soll\u2026"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland herrscht zweifellos so etwas wie eine Antisemitismus-Hysterie. Im Mittelpunkt steht dabei Israel. Wer diesen Staat und seine Politik kritisiert, setzt sich dem Verdacht aus, ein Antisemit zu sein. Denn unbedingte Solidarit\u00e4t mit diesem Staat ist Staatsr\u00e4son. Widerspruch bzw. Zuwiderhandlungen k\u00f6nnen schlimme Folgen haben: ein \u00f6ffentliches An-den-Pranger-Stellen kann da noch die harmloseste Sanktion sein.<!--more--> Die Folgen k\u00f6nnen bis zur Zerst\u00f6rung der beruflichen und damit der b\u00fcrgerlichen Existenz gehen.<\/p>\n<hr>\n<p><em>Wenn der Antisemitismus-Vorwurf vor allem Israels Politik vor Kritik sch\u00fctzen soll\u2026<\/em><br \/>\n<em>Georg Hanloser hat ein wichtiges Buch zur Kritik an dem Kampfbegriff \u201eisraelbezogener Antisemitismus\u201c geschrieben<\/em><br \/>\n<em>Arn Strohmeyer<\/em><\/p>\n<hr>\n<p>Staatliche Aufseher \u2013 die Antisemitismusbeauftragten \u2013 wachen \u00fcber die Einhaltung des Anti-Antisemitismus-Dogmas. Der Historiker Dirk A. Moses nennt dieses deutsche Dogma frei nach Martin Luther einen \u201eKatechismus\u201c. Dass eine solche repressive Atmosph\u00e4re, bei der ein offener Diskurs \u00fcber den Nahost-Konflikt und die Pal\u00e4stina-Frage unterdr\u00fcckt und als Folge dieser Repression die im Grundgesetz garantierte Informations-, Meinungs- und Kunstfreiheit eingeschr\u00e4nkt bzw. auch au\u00dfer Kraft gesetzt wird, versteht sich von selbst. Der deutsch-j\u00fcdische Publizist Micha Brumlik sprach deshalb von einem \u201eneuen McCarthyismus\u201c, der in Deutschland herrsche.<br \/>\nDas Denkw\u00fcrdige an diesem h\u00f6chstbedeutsamen Politikum ist, dass es nicht einmal einen eindeutigen, realit\u00e4tsbezogenen und deshalb verbindlichen Antisemitismus-Begriff gibt, an dem Politik, Justiz und auch die Gesellschaft sich ausrichten k\u00f6nnten. Die verschiedenen Definitionen, die es gibt, richten sich je nach der politischen Interessenlage. Die ma\u00dfgeblichen politischen Kr\u00e4fte in diesem Land haben neben dem \u201ealten\u201c Antisemitismus, der noch in rechtsradikalen und Neonazikreisen herrscht, einen \u201elinken\u201c oder \u201eisrael-bezogenen Antisemitismus\u201c ausgemacht (oder auch erfunden). Er stellt so gut wie jede Kritik an Israel und seiner Politik unter den Antisemitismus-Vorwurf.<\/p>\n<p>Dieser Begriff hat aber nicht f\u00fcr Klarheit gesorgt, er hat das Problem nur ideologisch vereinseitigt und eben einen repressiven Druck auf seine Kritiker geschaffen, weil er in seiner Unsch\u00e4rfe mehr andeutet, behauptet und unterstellt als mit klarer Begrifflichkeit zu arbeiten. Um Licht in diese vorrangig von ideologischem Nebel beherrschte Polemik zu bringen, hat jetzt der Freiburger Publizist Gerhard Hanloser ein Buch mit dem Titel Linker Antisemitismus. Kritik eines Kampfbegriffs vorgelegt.<br \/>\nDer Autor beginnt mit einer Antisemitismus-Definition, die ganz allgemein gehalten ist und deshalb sicher kaum auf Widerstand st\u00f6\u00dft: \u201eAntisemitismus ist Feindschaft oder Ablehnung von Juden, weil sie Juden sind oder daf\u00fcr gehalten werden. Die Feindschaft, die auch als spezifisch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bezeichnet werden kann, beruht auf einem Ressentiment, das unzul\u00e4ssig verallgemeinerte Realbez\u00fcge (zum Beispiel Juden als Geldverleiher = Wucherer = \u201eFinanzkapitalist\u201c) haben kann, aber auch ganz ohne diese auskommt und sich zu Wahnvorstellungen und irrationalen Verschw\u00f6rungstheorien verdichtet und mittels bestimmter Stereotype tradiert und aktiviert werden kann.\u201c Und an anderer Stelle schreibt Hanloser: \u201eDer Jude des modernen Antisemiten war eine Fiktion, eine Konstruktion des \u201aAnderen\u2018, die der Antisemit f\u00fcr seine eigene Identit\u00e4tsbehauptung ben\u00f6tigt. Der moderne Antisemitismus stellt deshalb in erster Linie ein Projektionsverh\u00e4ltnis dar. Es ist der Antisemit, der den Juden erschafft.\u201c So hatte auch Jean-Paul Sartre argumentiert.<\/p>\n<p>In Deutschland dominiert aber ein anderer Antisemitismus-Begriff \u2013 eben der \u201eisrael-bezogene\u201c. Ein aktuelles Beispiel: Hanloser zitiert aus einem Kommentar der Tageszeitung Die Welt \u2013 geschrieben nach dem 7. Oktober 2023, also dem Tag des Angriffs der Hamas auf Israel. Da hei\u00dft es: \u201eDie sogenannten pro-pal\u00e4stinensischen Proteste waren von Anfang an vor allem: israelfeindlich, oft mit flie\u00dfendem \u00dcbergang zum Antisemitismus.\u201c Der Kommentator unterstellt den Demonstranten, das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen. Diese D\u00e4monisierung eines Staates habe nichts mit der Kritik an einer Regierung zu tun. Er unterstellt den Demonstranten blanken Hass.<\/p>\n<p>Dieser Kommentar enth\u00e4lt eigentlich nur Unterstellungen. Hanloser antwortet darauf mit stichhaltigen Argumenten: Kritik an einem Staat und seiner Politik, ja sogar Hass muss nicht antisemitisch motiviert sein. Angesichts der eskalierenden Gewalt des Gaza-Krieges, die selbst israelisch Holocaust-Historiker als Genozid bezeichnet haben, kann der Hass auf das israelische Vorgehen ganz andere Gr\u00fcnde haben als Antisemitismus. Auch die schon Jahrzehnte andauernde Unterdr\u00fcckung, der Landraub und die permanente Vertreibung der Pal\u00e4stinenser haben Hass erzeugt. Zudem: Israel ist in erster Linie ein Staat und verk\u00f6rpert aufgrund seiner Souver\u00e4nit\u00e4t entscheidende Eigenschaften, die sich antisemitischen Projektionen entziehen: Israel will sich als Ergebnis eines notwendigen und alle Juden verbindenden Nationalismus sehen.<br \/>\nDer Autor argumentiert weiter: Es besteht einerseits ein entscheidender Unterschied zwischen der Kritik (ob falsch oder richtig sei dahingestellt) an dem Handeln eines konkreten Staates und dem \u201eJuden\u201c der Antisemiten auf der anderen Seite. Ein Staat wie Israel kann also aufgrund seiner Politik Zustimmung, Ablehnung und Aggression auf sich ziehen. Wenn der \u201eJude\u201c aber vornehmlich eine Erfindung bzw. Projektion des Antisemiten ist, ist hier gar kein Objekt f\u00fcr Hass, also Antisemitismus auszumachen. Kritik an Israel muss aber nicht zwingend antisemitisch sein, sie ist es nur dann, wenn diese Kritik an Israel auf sein J\u00fcdisch-Sein abzielt, also Israel oder seine Politik mit typischen antisemitischen Stereotypen kritisiert. Hanloser folgert aus diesen Darlegungen, dass das Gleichsetzen von \u201eIsrael\u201c und \u201eJude\u201c das Hauptanliegen derer ist, die als Parteig\u00e4nger oder Anh\u00e4nger des zionistischen Staates Israel vor der Folie der \u201eantisemitischen Erregung\u201c bedingungslos verteidigen und ins Kritiktabu setzen wollen.<\/p>\n<p>So verstanden wird der Antisemitismus dann zur politischen Waffe. Hanloser hat den Gebrauch dieser \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlichen ideologischen Keule in den verschiedensten Institutionen (auch den Medien) und bei Personen untersucht. Ein markantes Beispiel, wie in Deutschland mit \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdigen Methoden \u201eJagd\u201c auf Antisemiten gemacht wird, ist die Organisation Recherche und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS), die sich sogar staatlicher finanzieller F\u00f6rderung erfreuen kann, weil sie genau die Ideologie vertritt, die in Deutschland staatstragend ist.<\/p>\n<p>RIAS versteht sich als zivilgesellschaftliche Monitoring-Instanz, die vor allem den Formen des \u201eisrael-bezogenen Antisemitismus\u201c nachsp\u00fcrt. Die zweifelhaften Untersuchungsmethoden der Organisation beschreibt Hanloser so: \u201eRIAS z\u00e4hlt, wer \u201aisraelbezogenen Antisemitismus\u2018 \u00e4u\u00dfert. Doch der Begriff ist so dehnbar, dass fast jede grundlegende Kritik an Israels Politik unter Verdacht ger\u00e4t. Das Ergebnis: Eine Kategorie, die angeblich Hass gegen Juden misst, umfasst pl\u00f6tzlich auch Friedensdemonstrationen. Eine Parole gegen Bombardements in Gaza wird neben einem \u00dcbergriff auf einen Mann mit Kippa aufgelistet. Eine Formel wie \u201aIsrael begeht V\u00f6lkermord\u2018 wird registriert, ohne dass jemand fragt: Ist das eine antisemitische D\u00e4monisierung oder schlicht politische \u00dcbertreibung oder gar eine erschreckend realit\u00e4tstaugliche Aussage?\u201c<\/p>\n<p>Kriterien f\u00fcr die Arbeit von RIAS sind nicht wissenschaftlich ermittelte Daten, sondern Meldungen und Aussagen von Betroffenen und Zeugen, also oft eher gef\u00fchlte Wahrheiten. Das Ergebnis ist dann eine verzerrte Realit\u00e4t: \u201eDas System der Antisemitismus-Erfassung [von RIAS] produziert selbst eine verzerrte Realit\u00e4t \u2013 ein Zerrbild, das mehr \u00fcber deutsche Befindlichkeiten erz\u00e4hlt als \u00fcber den realen Hass, dem J\u00fcdinnen und Juden begegnen.\u201c<\/p>\n<p>Auch der renommierte Antisemitismusforscher Peter Ullrich, den Hanloser zitiert, sieht die Organisation sehr kritisch. Er spricht von einem \u201eautorit\u00e4ren Anti-Antisemitismus\u201c, dessen Funktion es sei, Antisemitismus-Vorw\u00fcrfe als Instrumente der Kontrolle und Disziplinierung zu verwenden. Die Schwelle zur Klassifizierung antisemitischer Vorf\u00e4lle sei bewusst niedrig angesetzt und kollidiere so mit Grundrechten wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Menschen oder Gruppen w\u00fcrden durch die breite Erfassungspraxis vorverurteilt, ehe eine differenzierte Pr\u00fcfung erfolgt sei.<\/p>\n<p>Dazu kommt: RIAS muss, um seine Existenz und seine \u00f6ffentliche F\u00f6rderung zu rechtfertigen, m\u00f6glichst hohe Fallzahlen oder medienwirksame Ereignisse liefern. Wie verfehlt Meldungen von RIAS sein k\u00f6nnen, belegt der Bericht \u00fcber einen Vortrag des israelischen Historikers Moshe Zimmermann in Magdeburg. Er hatte \u00fcber den Aufstieg der Nationalsozialisten referiert und mit dem Appell geendet, dass das \u201eNie wieder!\u201c universell verstanden werden m\u00fcsse, also nicht nur auf Deutschland begrenzt sei, sondern nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Israel gelte. RIAS registrierte diese Rede in seinem Jahresbericht f\u00fcr 2020 unter der Rubrik \u201eErinnerungsabwehr und Antisemitismus\u201c.<br \/>\nHanloser wirft der Organisation mit Recht denunziatorische Praktiken vor, weil sie jenseits von Faktenchecks diskursive Wahrheiten \u00fcber \u201eexplodierenden Antisemitismus\u201c produziere. Sie bek\u00e4mpfe mit solchen Methoden nicht Antisemitismus, sondern schaffe vor allem Effekte, die politisch opportun seien.<\/p>\n<p>Der deutsche Diskurs \u00fcber Israel und Antisemitismus leidet vor allem darunter, dass nicht zwischen Judentum, Zionismus und Israel unterschieden wird. Denn Judentum ist eine ethnische Kultur im weitesten Sinne, die nicht nur religi\u00f6s zu verstehen ist \u2013 es gibt auch atheistische Juden; Zionismus ist die Staatsideologie Israels, die das Ziel verfolgt ein Gro\u00df-Israel in Pal\u00e4stina bzw. im Nahen Osten zu schaffen \u2013 diesem Vorhaben stimmen keineswegs alle Juden der Welt zu; Israel ist zudem eben kein rein \u201ej\u00fcdischer Staat\u201c, wie behauptet, denn etwa 20 Prozent der Bewohner im Kernland (in den Grenzen bis zum Krieg von 1967) sind Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Wer diese Unterscheidung nicht trifft, kommt automatisch zu falschen politischen Schl\u00fcssen. Darunter leidet das deutsch-israelische Verh\u00e4ltnis, das selbst von israelischen Politologen und Historikern als \u201eneurotisch\u201c bezeichnet wird, weil es \u2013 vor allem auf deutscher Seite \u2013 nicht von den bestehenden politischen Realit\u00e4ten ausgeht, sondern von falschen Projektionen und Befindlichkeiten \u2013 festgelegt in dem Dogma der Staatsr\u00e4son.<\/p>\n<p>So gesehen geh\u00f6rt auch der Vorwurf des \u201eisraelbezogenen Antisemitismus\u201c gegen die Linke (wobei mit diesem Begriff nicht nur die Partei gleichen Namens gemeint ist, sondern die ganze linke Bewegung) in den Bereich einer v\u00f6lligen die Realit\u00e4t verzerrenden Ideologie. Die Linke war immer universalistisch und auf die Verwirklichung von sozialer Gleichheit, Emanzipation und Menschenrechten ausgerichtet, wobei es nat\u00fcrlich auch Abweichungen und Verfehlungen gegeben hat. Nicht zu vergessen: die bedeutendsten K\u00f6pfe der Linken waren Juden von Karl Marx und Ferdinand Lassalle bis zu den Vertretern der Frankfurter Schule.<\/p>\n<p>Die geballte Wucht der Antisemitismus-Vorw\u00fcrfe richtet sich deswegen gegen die Linke, weil ihre Vertreter die Gewaltpolitik des Zionismus am radikalsten aufdecken und kritisieren. Der sogenannte \u201eisraelbezogene Antisemitismus\u201c hat deshalb vorrangig die Funktion, Israel vor Kritik zu sch\u00fctzen und seine Politik zu rechtfertigen. Mit wirklichem Antisemitismus hat das in der Regel nichts zu tun. Die Aufkl\u00e4rung \u2013 und die Linke war ein Kind der Aufkl\u00e4rung \u2013 war schon immer der schlimmste Feind von sozialem Unrecht und milit\u00e4rischer Gewalt.<\/p>\n<p>Diese ganze Problematik hat Gerhard Hanloser sehr treffend herausgearbeitet. Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag zu der Auseinandersetzung mit dem aus der deutschen Schuld an den Naziverbrechen geborenen hysterisch vorgebrachten Antisemitismus, der mit seinen Attacken und Kampagnen das Gegenteil von dem erreicht, was eigentlich das Ziel sein sollte: das universalistische Verm\u00e4chtnis des Holocaust zu erf\u00fcllen: eben das \u201eNie wieder!\u201c in die politische Tat umzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Hanloser: \u201eLinker Antisemitismus\u201c. Zur Kritik eines Kampfbegriffes, Mandelbaum Verlag Wien, ISBN 978-3-99136-525-9, 18 Euro<\/strong><b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland herrscht zweifellos so etwas wie eine Antisemitismus-Hysterie. Im Mittelpunkt steht dabei Israel. Wer diesen Staat und seine Politik kritisiert, setzt sich dem Verdacht aus, ein Antisemit zu sein. Denn unbedingte Solidarit\u00e4t mit diesem Staat ist Staatsr\u00e4son. 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