{"id":16841,"date":"2026-07-16T08:06:15","date_gmt":"2026-07-16T08:06:15","guid":{"rendered":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=16841"},"modified":"2026-07-16T08:06:15","modified_gmt":"2026-07-16T08:06:15","slug":"omer-bartov-israel-wird-zum-paria-staat-nur-sanktionen-koennen-veraenderung-erzwingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=16841","title":{"rendered":"Omer Bartov: \u201eIsrael wird zum Paria-Staat. Nur Sanktionen k\u00f6nnen Ver\u00e4nderung erzwingen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Historiker Omer Bartov untersucht, wie Zionismus sich von einer sozialistischen Bewegung zu einer militaristischen Staatsideologie entwickelte, und fordert internationale Sanktionen f\u00fcr einen Wandel. Ein Gespr\u00e4ch v<\/em><em>on Elias Feroz<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/omer-bartov-israel-ist-ein-paria-staat-nur-sanktionen-koennen-etwas-veraendern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dieses Interview erschien erstmals am 6. Juli 2026 im Freitag (Bezahlschranke)<\/a><!--more--><\/p>\n<p><em>Zu den bedeutendsten Experten f\u00fcr Genozid- und Holocaustforschung z\u00e4hlt Omer Bartov. An der Brown University in den USA lehrt er als Geschichtsprofessor und gilt schon seit vielen Jahren als ausgewiesener Kenner der Themen Gewalt, Erinnerung und Identit\u00e4t. Sein neues Buch Israel: What Went Wrong? widmet sich der Entwicklung des Zionismus: Aus einer Bewegung, die j\u00fcdische Selbstbestimmung mit universellen Anspr\u00fcchen verkn\u00fcpfte, sei nach Bartovs Verst\u00e4ndnis eine zunehmend militarisierte, expansionistische und auf Ausgrenzung ausgerichtete Staatsideologie geworden.<\/em><\/p>\n<p>Dabei vertritt Bartov die These, dass sich die aktuelle Krise Israels nicht allein aus j\u00fcngeren politischen Entwicklungen erkl\u00e4ren l\u00e4sst, sondern ihre Wurzeln auch in fundamentalen Weichenstellungen bei der Staatsgr\u00fcndung hat.<\/p>\n<p><strong>der Freitag: Herr Bartov, in \u201eIsrael: What Went Wrong\u201c beschreiben Sie Ihren Vater als \u201eden letzten Zionisten\u201c und Benjamin Netanjahu als den gro\u00dfen Zerst\u00f6rer jenes Zionismus, wie ihn Ihr Vater verstanden hatte. K\u00f6nnte der Zionismus Ihres Vaters im heutigen Israel existieren?<\/strong><\/p>\n<p>Omer Bartov: Ich glaube, dass diese Version der Vergangenheit angeh\u00f6rt, und ich glaube nicht, dass der Zionismus repariert oder wiederbelebt werden kann. Ich m\u00f6chte die Interpretation des Zionismus meines Vaters nicht idealisieren. Es war eine nationale und ethnonationale Bewegung, und wie alle solchen Bewegungen enthielt sie gewaltt\u00e4tige Elemente. Aber sie hatte auch starke sozialistische Komponenten und beruhte auf Appellen an Humanit\u00e4t, Menschenrechte und die Rechtsstaatlichkeit. Was daraus heute geworden ist, ist etwas anderes. Erstens wurde sie von einer Bewegung in die Ideologie eines Staates verwandelt. Sie ist zunehmend militaristisch, expansionistisch und rassistisch geworden. Nach dem 7. Oktober wurde sie au\u00dferdem dazu benutzt, einen V\u00f6lkermord zu rechtfertigen. Beginnend mit der Gush-Emunim-Bewegung (\u201eBlock der Getreuen\u201c) und dem Siedlungsprojekt im Westjordanland wurde der Zionismus im Laufe der Zeit schrittweise von einem bestimmten religi\u00f6sen Element \u00fcbernommen. Dies hat nicht nur den Zionismus, sondern auch das Judentum selbst in eine fanatische, messianische, rassistische und j\u00fcdisch-suprematistische Ideologie verwandelt, die jeder Form des Judentums fremd ist, die seit der R\u00f6merzeit existiert hat. Einige Elemente dieser Israel beherrschenden Ideologie \u00e4hneln der des iranischen Regimes und bestimmter Hamas-Ideologen Diese Verbindung aus dem Zionismus als einer zunehmend rassistischen und militaristischen Ideologie und einer neuen Art von Judentum &#8211; einer Art, die von meinen orthodoxen Gro\u00dfeltern nicht wiedererkannt worden w\u00e4re und die von den meisten au\u00dferhalb Israels lebenden Juden niemals angenommen werden k\u00f6nnte &#8211; hat daraus eine Ideologie gemacht, die sich \u00fcberhaupt nicht mehr unterst\u00fctzen l\u00e4sst. Ein Staat, der von einer solchen Ideologie beherrscht wird, wird zwangsl\u00e4ufig so handeln, wie Israel handelt, und befindet sich tats\u00e4chlich&nbsp;auf dem Weg, zu einem Paria-Staat zu werden. Ironischerweise \u00e4hneln einige Elemente Aspekten der Ideologie des iranischen Regimes und bestimmter Hamas-Ideologen. Es gibt eine seltsame Konvergenz zwischen dieser Transformation des Zionismus und Formen des islamischen Fundamentalismus. In jedem Fall glaube ich nicht, dass diese Ideologie repariert werden kann. Wenn eine Ideologie einen V\u00f6lkermord unterst\u00fctzt, glaube ich nicht, dass sie reparabel ist.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie argumentieren, dass der Zionismus vor 1948 zwei Gesichter hatte &#8211; eine Befreiungsbewegung und ein siedlerkoloniales, ethnonationales Projekt &#8211; und dass nach der Gr\u00fcndung des Staates Letzteres zunehmend die israelische Politik dominierte. Was erkl\u00e4rt diesen Wandel in der Dominanz?<\/strong><\/p>\n<p>1948 stand Israel vor einer Entscheidung. Es hatte durch Krieg und ethnische S\u00e4uberung einen Staat mit j\u00fcdischer Bev\u00f6lkerungsmehrheit geschaffen, damit hatte der Zionismus sein zentrales Ziel faktisch erreicht. Anschlie\u00dfend wurde es als anerkannter und legitimer Staat in der internationalen Gemeinschaft akzeptiert. Der n\u00e4chste Schritt h\u00e4tte darin bestehen k\u00f6nnen, einen Staat aufzubauen, der allen seinen B\u00fcrgern gleicherma\u00dfen dient. Ein Ausdruck davon w\u00e4re die Verabschiedung einer Verfassung gewesen, die die in der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung versprochene Grundrechtecharta verk\u00f6rpert. Doch es wurde niemals eine Verfassung verabschiedet.<\/p>\n<p>Nach der Ermordung Yitzhak Rabins und nach der Zweiten Intifada wurde der Zionismus zunehmend rassistisch und gewaltt\u00e4tig. Und wie wir nach dem 7. Oktober gesehen haben, auch genozidal Israel hat seine Grenzen ebenfalls nie formal definiert. Dadurch fehlten dem Staat sowohl ein verfassungsrechtlicher Rahmen als auch ein klar definierter territorialer Rahmen. Aus diesem Grund wurde der Zionismus zur dominierenden Staatsideologie. Wie andere Ideologien, die an die Macht gelangen, entwickelte er eine eigene Dynamik, sobald er in staatlichen Institutionen verankert war.<\/p>\n<p>Das war nicht unvermeidlich. Wir haben Versuche gesehen, sicherlich in den 1990er Jahren, sowohl Verfassungsgesetze zu verabschieden als auch einen gewissen Kompromiss \u00fcber die besetzten Gebiete zu erreichen, aber all diese sind gescheitert. Und danach, sicherlich nach der Ermordung Yitzhak Rabins und nach der Zweiten Intifada, wurde der Zionismus zunehmend rassistisch und gewaltt\u00e4tig. Und wie wir nach dem 7. Oktober gesehen haben, auch genozidal.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00e4re heute anders, h\u00e4tte Israel eine Verfassung?<\/strong><\/p>\n<p>Das k\u00f6nnen wir nicht mit Sicherheit sagen. Und wir wissen, dass L\u00e4nder Verfassungen hatten, die sie nicht unbedingt daran gehindert haben, schlechte Dinge zu tun &#8211; sowohl gegen\u00fcber ihren eigenen B\u00fcrgern als auch gegen\u00fcber anderen L\u00e4ndern. Israels Oberster Gerichtshof war mitschuldig an der Schaffung dessen, was im Westjordanland zu einer Apartheid geworden ist M\u00f6glicherweise w\u00e4re es, h\u00e4tte Israel eine Verfassung im Geiste seiner Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung gehabt, viel schwieriger gewesen, die Art von Politik zu verfolgen, die es unmittelbar zu implementieren begann. Am wichtigsten ist, dass es schwierig gewesen w\u00e4re, die Milit\u00e4rherrschaft \u00fcber die verbliebenen pal\u00e4stinensischen B\u00fcrger f\u00fcr zwanzig Jahre aufrechtzuerhalten, weil sie eindeutig verfassungswidrig gewesen w\u00e4re. Und der Oberste Gerichtshof, an eine solche Verfassung gebunden, h\u00e4tte es m\u00f6glicherweise viel schwieriger gehabt, dies zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte das Land m\u00f6glicherweise auch eher dazu gebracht, irgendeine Form von Wiedergutmachung oder teilweiser R\u00fcckkehr f\u00fcr die 1948 vertriebenen Pal\u00e4stinenser zu finden. Auch aus verfassungsrechtlichen Gr\u00fcnden w\u00e4re es f\u00fcr den Obersten Gerichtshof nach 1967 sehr viel schwieriger gewesen, den Status der j\u00fcdischen Siedler im Westjordanland zu billigen, was er de facto getan hat. Das Gericht war an der Entstehung dessen, was sich im Westjordanland zu einem Apartheidsystem entwickelt hat, mitbeteiligt.<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte auch Auswirkungen auf innere Angelegenheiten gehabt, etwa die Begrenzung der Macht der Ultraorthodoxen. Israel hat in vielerlei Hinsicht bereits theokratische Gesetze &#8211; Zivilehe etwa existiert nicht. All dies liegt nat\u00fcrlich im Bereich des M\u00f6glichen. Verfassungen k\u00f6nnen aufgehoben oder ge\u00e4ndert werden. Aber ich denke, es w\u00e4re schwieriger gewesen, dass sich der Zionismus und der Staat so entwickeln, wie sie es getan haben. Und der andere Punkt sind die Grenzen. Eine Verfassung h\u00e4tte m\u00f6glicherweise die Grenzen des Staates festgelegt, was David Ben-Gurion entschieden abgelehnt hat. Stattdessen hat Israel nur Waffenstillstandslinien gehabt, die de facto akzeptiert werden, aber keine wirklichen Grenzen im verfassungsrechtlichen Sinn sind.<\/p>\n<p><strong>Wenn man sich zum Beispiel die Vereinigten Staaten anschaut, wurden dort Gesetze verabschiedet, die eindeutig gegen die Verfassung verstie\u00dfen, aber irgendwann hat die Verfassung wieder \u201ezur\u00fcckgeschlagen\u201c. Sie schafft also einen rechtlichen Rahmen, den Israel nie gehabt hat. Itamar Ben-Gvir galt als Extremist und gewaltt\u00e4tiger Rechtsbrecher, der niemals ein \u00f6ffentliches Amt h\u00e4tte bekleiden d\u00fcrfen. Heute ist er f\u00fcr das Gef\u00e4ngnissystem und die Polizei zust\u00e4ndig.<\/strong><\/p>\n<p>Heute verbinden viele Menschen den Zionismus mit Figuren wie Itamar Ben-Gvir, Bezalel Smotrich oder Benjamin Netanjahu. K\u00fcrzlich hat Ben-Gvirs Verhalten gegen\u00fcber den Flotilla-Aktivisten international Emp\u00f6rung ausgel\u00f6st. Seine entmenschlichende Rhetorik gegen\u00fcber Pal\u00e4stinensern ist jedoch seit Jahren dokumentiert. Was bedeutet es, dass Figuren wie Ben-Gvir sich nicht nur als Vertreter des Zionismus verstehen, sondern zunehmend auch als Vertreter des Judentums selbst &#8211; und dabei die Unterscheidung zwischen beiden oft verwischen?<\/p>\n<p>Es hat zahlreiche Berichte gegeben &#8211; etwa den Artikel von Nicholas Kristof in der New York Times &#8211; \u00fcber Misshandlungen und sogar sexuelle Gewalt gegen pal\u00e4stinensische Gefangene, insbesondere seit dem 7. Oktober und in massivem Ausma\u00df. Aber europ\u00e4ische L\u00e4nder haben dazu fast nichts gesagt. Erst als europ\u00e4ische B\u00fcrger misshandelt wurden und Ben-Gvir, offen gesagt, so arrogant war, ein Video davon zu ver\u00f6ffentlichen, haben sie schlie\u00dflich reagiert. Und selbst hier sehe ich kaum Konsequenzen. Das sagt also auch etwas \u00fcber die europ\u00e4ischen<br \/>\nReaktionen auf das israelische Verhalten aus.<\/p>\n<p>Was Ben-Gvir betrifft, so verk\u00f6rpert er genau diese Dynamik. Vor zehn Jahren wurde er von den israelischen Sicherheitsdiensten untersucht, es gab Verfahren gegen ihn. Er galt als Extremist und gewaltt\u00e4tiger Rechtsbrecher, der niemals ein \u00f6ffentliches Amt h\u00e4tte bekleiden d\u00fcrfen. Heute ist er f\u00fcr das Gef\u00e4ngnissystem und die Polizei zust\u00e4ndig. Und er ist beliebt. Es ist nicht nur er. Vielleicht stimmen etwa 30 Prozent der Bev\u00f6lkerung ihm offen zu, andere m\u00f6gen sich f\u00fcr ihn sch\u00e4men, aber sie widersprechen dem, was geschieht, nicht entschieden &#8211; insbesondere, wenn es um das Unrecht gegen\u00fcber Pal\u00e4stinensern geht. Sie m\u00f6gen seinen Extremismus vielleicht nicht, aber sie akzeptieren seine Linie.<\/p>\n<p>Und was schon vor dem 7. Oktober begonnen hat, ist, dass Methoden, die zuvor gegen Pal\u00e4stinenser eingesetzt wurden, zunehmend auch gegen Juden innerhalb Israels angewandt werden. J\u00fcdische B\u00fcrger &#8211; insbesondere liberale oder s\u00e4kulare Juden &#8211; beginnen dadurch ein St\u00fcck weit zu erfahren, was es in diesem System bedeutet, Pal\u00e4stinenser zu sein. Und die meisten haben sich dem angepasst, teilweise aus Angst.<\/p>\n<p><strong>W\u00fcrde es Ihrer Meinung nach einen Unterschied machen, wenn statt Benjamin Netanjahu jemand anderes gew\u00e4hlt w\u00fcrde?<\/strong><\/p>\n<p>Jede Koalition, die die Opposition bilden k\u00f6nnte, m\u00fcsste arabische Parteien einschlie\u00dfen. Sie sagen jetzt, dass sie nicht mit arabischen Parteien zusammengehen werden, aber ohne sie k\u00f6nnen sie keine Koalition bilden. Sie m\u00fcssten eine Entscheidung treffen: Entweder sie schlie\u00dfen sie ein, oder sie tun es nicht &#8211; in diesem Fall k\u00f6nnten sie keine Regierung bilden. Sie wollen das teilweise nicht, weil sie rassistisch sind, und teilweise, weil sie Angst vor ihren W\u00e4hlern haben, die ebenfalls rassistisch sind. Aber sie m\u00fcssten es tun, und ich denke, irgendwann w\u00fcrden sie es auch tun.&nbsp;Sollte Netanjahu gewinnen, w\u00fcrden viele Israelis wohl das Land verlassen und ich k\u00f6nnte Israel m\u00f6glicherweise nie wieder besuchen.<\/p>\n<p><strong>Welchen Unterschied w\u00fcrde das machen?<\/strong><\/p>\n<p>In Bezug auf die besetzten Pal\u00e4stinenser w\u00e4ren die Ver\u00e4nderungen, wenn \u00fcberhaupt, sehr gering. In Bezug auf die pal\u00e4stinensischen B\u00fcrger Israels k\u00f6nnte es meiner Ansicht nach einen Unterschied geben. Ich denke, ein anderer Polizeiminister &#8211; wie es fr\u00fcher hie\u00df, statt \u201enationale Sicherheit\u201c, was eine Erfindung Ben-Gvirs ist &#8211; k\u00f6nnte einen Unterschied machen. Unter der fr\u00fcheren kurzlebigen Regierung von Naftali Bennett gab es Versuche, die Polizei einzusetzen, um die Bandenkriminalit\u00e4t in den arabischen Gemeinden innerhalb Israels zu bek\u00e4mpfen, die sehr stark zugenommen hat. Das k\u00f6nnte sich wieder \u00e4ndern. Es k\u00f6nnte zu einer gewissen Verlangsamung der Erosion der Rechtsstaatlichkeit kommen und zu Versuchen, eine Polizei wieder st\u00e4rker unter Kontrolle zu bringen, die derzeit au\u00dfer Kontrolle ist. Sie k\u00f6nnten auch etwas st\u00e4rker auf \u00e4u\u00dferen Druck reagieren, weil Netanjahu um sein politisches \u00dcberleben k\u00e4mpft. Er stellt seine eigenen Interessen an erste Stelle. Eine andere F\u00fchrung, selbst jemand aus dem rechten Lager wie Bennett, w\u00e4re m\u00f6glicherweise offener f\u00fcr \u00e4u\u00dferen Druck, weil er nicht um sein unmittelbares \u00dcberleben k\u00e4mpfen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Aber auf lange Sicht w\u00fcrde all das nicht ausreichen. Die israelische Politik wird sich nur durch \u00e4u\u00dferen Druck \u00e4ndern, und der m\u00fcsste in Form von Sanktionen erfolgen.<\/p>\n<p>Ich kannte in meiner Jugend keine Pal\u00e4stinenser. Meine erste wirkliche Begegnung war als Besatzungssoldat. Ich war im Westjordanland und im Gazastreifen eingesetzt F\u00fcr mich pers\u00f6nlich k\u00f6nnte ein Regierungswechsel es m\u00f6glich machen, wieder dar\u00fcber nachzudenken, dorthin zu Besuch zu fahren. Umgekehrt denke ich, dass viele Israelis das Land verlassen w\u00fcrden, sollte Netanjahu gewinnen, und, dass ich Israel m\u00f6glicherweise nie wieder besuchen k\u00f6nnte, da eine weitere Netanjahu-Regierung wom\u00f6glich das Ende von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Israel f\u00fcr viele Jahre bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Ihre Perspektive und Ihre Ansichten \u00fcber Israels Handlungen in Gaza scheinen eine Ausnahme in der israelischen Gesellschaft zu sein. Es scheint sehr schwierig zu sein, als Israeli zu den Schlussfolgerungen zu gelangen, zu denen Sie kommen &#8211; insbesondere angesichts dessen, dass die pal\u00e4stinensische Identit\u00e4t und Geschichte in der israelischen Gesellschaft oft ausgeblendet werden, besonders die Nakba. Wann haben Sie zum ersten Mal von der Nakba erfahren, und wann haben Sie sich erstmals mit der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft und Geschichte besch\u00e4ftigt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich kannte in meiner Jugend keine Pal\u00e4stinenser. Ich denke, es begann an der Universit\u00e4t, als Student. Meine erste wirkliche Begegnung war als Soldat &#8211; als Besatzungssoldat. Ich war im Westjordanland und im Gazastreifen eingesetzt. Ich w\u00fcrde sagen, dass ich mich dabei unwohl f\u00fchlte, aber ich kann nicht behaupten, dass ich es damals vollst\u00e4ndig durchdacht h\u00e4tte. Ich hielt die Besatzung schon vor meinem Milit\u00e4rdienst f\u00fcr falsch. Ich bin bereits im Sommer 2024 zu dem Schluss gekommen, dass in Gaza ein V\u00f6lkermord stattfindet In den Jahren 1970\/1971 etwa, als ich noch in der High School war, war ich Teil sehr kleiner Gruppen, die bereits gegen die Besatzung waren. Aber wir waren sehr jung. Es waren keine Pal\u00e4stinenser beteiligt. Es waren nur j\u00fcdische Studenten aus s\u00e4kularen aschkenasischen Hintergr\u00fcnden. Mein politisches Denken entwickelte sich sp\u00e4ter weiter. Ich wurde 1977\/1978 bei \u201ePeace Now\u201c aktiv, als eines der Gr\u00fcndungsmitglieder. Damals war es ebenfalls noch eine rein j\u00fcdische Bewegung. Es waren keine Pal\u00e4stinenser beteiligt. Es ging haupts\u00e4chlich um Frieden mit \u00c4gypten. Ein wichtiger Wendepunkt f\u00fcr mich war die Erste Intifada 1987. Die Vorstellung, als Reserveoffizier pal\u00e4stinensische Demonstranten unterdr\u00fccken zu m\u00fcssen, reizte mich \u00fcberhaupt nicht. Stattdessen ging ich mit einem Stipendium in die Vereinigten Staaten.<\/p>\n<p>Aber selbst dann kam der direkte Kontakt mit Pal\u00e4stinensern viel sp\u00e4ter. Ich w\u00fcrde sagen, die intensivsten Begegnungen begannen erst um 2015. Das geschah im Rahmen eines Forschungsprojekts, das ich an der Brown University organisiert habe, bei dem ich israelische, j\u00fcdische, pal\u00e4stinensische und andere Wissenschaftler zusammengebracht habe. Damals begann ich, Menschen nicht nur intellektuell zu kennen, sondern auch pers\u00f6nlich &#8211; als Kollegen und manchmal als Freunde. Und das hat die Dinge deutlich ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Seit der Ank\u00fcndigung eines Waffenstillstands im vergangenen Jahr wurden mehr als 1.000 Pal\u00e4stinenser in Gaza get\u00f6tet und Tausende verletzt. Wie beeinflusst diese anhaltende Gewalt Ihre Einsch\u00e4tzung, ob es sich bei dem, was in Gaza geschieht, um V\u00f6lkermord handelt &#8211; und hat der V\u00f6lkermord Ihrer Ansicht nach geendet?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin bereits im Sommer 2024 zu dem Schluss gekommen, dass ein V\u00f6lkermord stattfindet. Was seit dem Waffenstillstand geschehen ist, ist, wie Sie sagen, dass es weiterhin Gewalt in Form von T\u00f6tungen gibt. Es gibt auch weiterhin Gewalt in Form der unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Menschen leben. Wir wissen, dass die IDF die \u201egelbe Linie\u201c zunehmend in das verlegt hat, was eigentlich das verbleibende pal\u00e4stinensische Gebiet im Gazastreifen sein sollte. K\u00fcrzlich sagte Netanyahu, dass Israel 70 Prozent kontrollieren werde. In gewisser Weise tut Israel derzeit im Grunde dasselbe mit anderen Mitteln. Es versucht weiter, was es von Anfang an versucht hat: ethnische S\u00e4uberung zu betreiben, die Bev\u00f6lkerung aus Gaza zu vertreiben. Und da die Menschen nirgendwohin k\u00f6nnen, schafft es Bedingungen, unter denen ein Leben nicht mehr m\u00f6glich ist. Zuvor geschah das durch Zerst\u00f6rung, jetzt setzt es sich mit anderen Mitteln fort. Es gab keine Entscheidung, hiermit aufzuh\u00f6ren, sondern einen Zwang &#8211; teilweise durch Donald Trump -, die Phase gro\u00dffl\u00e4chiger Zerst\u00f6rung zu beenden. Also wird das Leben dort nun unm\u00f6glich gemacht. Die Politik der ethnischen S\u00e4uberung geht weiter. Sie hat dieselben strukturellen und gesellschaftlichen Dimensionen.<\/p>\n<p>Die Pal\u00e4stinenser w\u00fcrden in sogenannten humanit\u00e4ren St\u00e4dten eingesperrt werden und sp\u00e4ter faktisch zur Arbeitskraft werden, die das Gebiet instand h\u00e4lt und betreibt &#8211; Reinigung, Dienstleistungen und so weiter &#8211; f\u00fcr diejenigen, die aus Europa und den Vereinigten Staaten kommen, um die K\u00fcste zu genie\u00dfen Wir wissen nicht einmal, wie viele Menschen t\u00e4glich indirekt an diesen Bedingungen sterben, aber das kann unter die V\u00f6lkermordkonvention fallen, weil sie auch das Zuf\u00fcgen schwerer k\u00f6rperlicher und psychischer Sch\u00e4den umfasst, die Verhinderung von Geburten sowie das T\u00f6ten von Mitgliedern der Gruppe.<\/p>\n<p>Was die Zukunft betrifft, habe ich ein geradezu albtraumhaftes Szenario. Der sogenannte Trump-Plan &#8211; der 20-Punkte-Plan &#8211; und andere \u00c4u\u00dferungen k\u00f6nnten zu einer Fortsetzung dessen in anderer Form f\u00fchren. Eine Situation, in der alle profitieren, au\u00dfer den Pal\u00e4stinensern. Arabische Staaten w\u00fcrden die Finanzierung f\u00fcr den Bau einer sogenannten futuristischen \u201eRiviera\u201c-Stadt bereitstellen. Die Arbeitskraft w\u00e4ren die Pal\u00e4stinenser, die noch dort sind. Sie w\u00fcrden zur Arbeit herangezogen werden. Das Gebiet jenseits der \u201egelben Linie\u201c, das eingeebnet wurde, w\u00fcrde in begr\u00fcnte Siedlungszonen umgewandelt werden. Immobilienentwickler und Akteure wie Trump, Jared Kushner und andere w\u00fcrden profitieren, indem sie dieses Immobilienprojekt verwalten.<\/p>\n<p>Die Pal\u00e4stinenser w\u00fcrden in sogenannten \u201ehumanit\u00e4ren St\u00e4dten\u201c eingesperrt werden und sp\u00e4ter faktisch zur Arbeitskraft werden, die das Gebiet instand h\u00e4lt und betreibt &#8211; Reinigung, Dienstleistungen und so weiter &#8211; f\u00fcr diejenigen, die aus Europa und den Vereinigten Staaten kommen, um die K\u00fcste zu genie\u00dfen. Das w\u00e4re eine erschreckende Aussicht &#8211; nicht nur f\u00fcr Pal\u00e4stinenser, sondern auch f\u00fcr jeden, der \u00fcber zuk\u00fcnftige Formen von Gewalt und Enteignung nachdenkt, in denen Zerst\u00f6rung von Profit abgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>Israel wird die Hisbollah nicht dadurch zerst\u00f6ren, dass es D\u00f6rfer dem Erdboden gleichmacht, genauso wenig wie es Hamas nicht zerst\u00f6ren konnte, weil es keine Politik betreibt &#8211; sondern nur Zerst\u00f6rung Die aktuellen Operationen der israelischen Armee im Libanon scheinen Aspekte ihrer Strategie in Gaza zu spiegeln. Einerseits tut Israel im Libanon das, was es dort schon seit den 1970er Jahren tut. Daran ist im Grunde nichts grunds\u00e4tzlich Neues.<\/p>\n<p>Damals war es die PLO, die Israel zu zerst\u00f6ren versuchte,&nbsp;und heute ist es die Hisbollah, wobei viele Zivilisten get\u00f6tet werden, und anschlie\u00dfend zieht es sich wieder zur\u00fcck, weil es nicht in der Lage ist, den Libanon zu besetzen. Und das wiederholt sich. Andererseits gibt es auch Elemente, die eindeutig an Gaza erinnern: massive Vertreibung der Bev\u00f6lkerung &#8211; \u00fcber eine Million Menschen &#8211; und systematische Zerst\u00f6rung von H\u00e4usern. Das steht sehr stark im Einklang mit den Taktiken in Gaza. Aber es gibt kein klares strategisches Ziel. Das ist das Auff\u00e4llige. Israel wird die Hisbollah nicht dadurch zerst\u00f6ren, dass es D\u00f6rfer dem Erdboden gleichmacht, genauso wenig wie es Hamas nicht zerst\u00f6ren konnte, weil es keine Politik betreibt &#8211; sondern nur Zerst\u00f6rung. In diesem Sinne ist es in Gaza und im Libanon dieselbe Logik. Der Unterschied besteht darin, dass ich nicht glaube, dass Israel Teile des Libanon besetzen oder annektieren wird. Ich sehe das nicht kommen. W\u00e4hrend es in Gaza eindeutig mehr Stimmen in diese Richtung gibt. Und ich denke, der Haupttreiber vieler dieser Entwicklungen, einschlie\u00dflich der Spannungen mit dem Iran, ist Netanjahu selbst. Er k\u00e4mpft um sein politisches \u00dcberleben. Vieles davon wird nicht von einer langfristigen Strategie bestimmt, sondern von seinem Bed\u00fcrfnis, den Konflikt bis zu den Wahlen am Laufen zu halten.<\/p>\n<p><strong>Das Hauptproblem liegt nicht in den Beziehungen zwischen Israel und der Hisbollah oder Syrien oder Jordanien. Das Hauptproblem ist die Beziehung zwischen Israel und Pal\u00e4stina &#8211; seit 1948 Angesichts dessen, dass Israel seine Grenzen nie formal definiert hat: Inwieweit pr\u00e4gt dieser offene territoriale Rahmen die Art und Weise, wie sich milit\u00e4rische Operationen im Libanon, in Gaza und dar\u00fcber hinaus entwickeln?<\/strong><\/p>\n<p>Offensichtlich gibt es einige Menschen, die in solchen Kategorien denken &#8211; also, Territorium von Syrien, vom Libanon oder von Jordanien zu erobern und es als Land zu beanspruchen, das in der Bibel erw\u00e4hnt wird, als Stammesgebiete und so weiter. Aber ich halte das nicht f\u00fcr ein ernsthaftes, realistisches politisches Projekt. Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Wie ich bereits sagte, liegt das Hauptproblem nicht wirklich in den Beziehungen zwischen Israel und der Hisbollah, oder Syrien oder Jordanien. Das Hauptproblem ist die Beziehung zwischen Israel und Pal\u00e4stina. Das steht von Anfang an im Zentrum, seit 1948. Was ein gro\u00dfer Teil der Israelis will, ist ein Land ohne Pal\u00e4stinenser. Das hat in Israel breite Unterst\u00fctzung. Aber dieses Paradigma zu \u00e4ndern, ist nichts, was auf diese Weise m\u00f6glich ist, weil die Pal\u00e4stinenser nicht gehen werden und die Juden ebenfalls nicht gehen werden.<\/p>\n<p>Es muss also erheblicher Druck auf Israel ausge\u00fcbt werden, und dieser Druck muss in erster Linie von den Vereinigten Staaten kommen und in Form von Sanktionen erfolgen. Israel hat selbst viel dazu beigetragen, sich zu einem Paria-Staat zu machen, und ist auf dem Weg dorthin, mit Sanktionen konfrontiert zu werden, die die israelische Gesellschaft &#8211; und damit auch die israelische Politik &#8211; zwingen w\u00fcrden, sich neu zu \u00fcberdenken und das Paradigma, das bis 1948 zur\u00fcckreicht, neu zu definieren.<\/p>\n<hr>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/omer-bartov-israel-ist-ein-paria-staat-nur-sanktionen-koennen-etwas-veraendern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dieses Interview erschien erstmals am 6. Juli 2026.<\/a><br \/>\nOmer Bartov kam 1954 im Kibbuz En HaChoresch zur Welt. Er promovierte 1983 in Oxford \u00fcber den deutschen Krieg gegen die Sowjetunion. Bartov, Professor f\u00fcr Holocaust- und V\u00f6lkermordstudien an der Brown University in Providence, Rhode Island, USA, z\u00e4hlt zu den f\u00fchrenden Historikern des Holocaust und gilt weltweit als ma\u00dfgeblicher Experte f\u00fcr Genozidstudien. Die beiden j\u00fcngsten seiner zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen sind die B\u00fccher Genozid, Holocaust und Israel-Pal\u00e4stina. Geschichte im Selbstzeugnis (J\u00fcdischer Verlag 2025)<br \/>\nsowie Israel: What Went Wrong? (Fern Press 2026).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Historiker Omer Bartov untersucht, wie Zionismus sich von einer sozialistischen Bewegung zu einer militaristischen Staatsideologie entwickelte, und fordert internationale Sanktionen f\u00fcr einen Wandel. Ein Gespr\u00e4ch von Elias Feroz Dieses Interview erschien erstmals am 6. Juli 2026 im Freitag (Bezahlschranke)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-16841","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16841"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16843,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16841\/revisions\/16843"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}