{"id":17286,"date":"2026-10-27T08:20:52","date_gmt":"2026-10-27T08:20:52","guid":{"rendered":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=17286"},"modified":"2026-10-27T08:24:32","modified_gmt":"2026-10-27T08:24:32","slug":"die-linke-palaestina-und-der-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=17286","title":{"rendered":"Die Linke, Pal\u00e4stina und der Antisemitismus"},"content":{"rendered":"<p><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-17293\" src=\"http:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/26-10-27-alexander-flores-1-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/26-10-27-alexander-flores-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/26-10-27-alexander-flores-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/26-10-27-alexander-flores-1-768x768.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/26-10-27-alexander-flores-1-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/26-10-27-alexander-flores-1.jpg 2035w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>von Alexander Flores<\/em><\/p>\n<p>Zu den Einzelf\u00e4llen, die in der gegenw\u00e4rtigen Diskussion um Antisemitismus in der Linken eine Hauptrolle spielen, kann ich mangels genauer Kenntnis der Berliner Szene wenig sagen. Nur so viel: Dass Issa Remmo bei der Neuk\u00f6llner Wahlparty auftauchte, kann man kaum der Partei vorwerfen. F\u00fcr die Anwesenheit von Ibrahim Ibrahim dort gilt dasselbe. Er gilt als PFLP-nah. Eine Mitgliedschaft, und damit ein Straftatbestand, scheint nicht nachzuweisen zu sein. Ein einigerma\u00dfen freundlicher Mailwechsel von Firas Remmo mit Ferat Kocak zeugt wohl eher von dessen Absicht, W\u00e4hlerstimmen einzufangen, als von tats\u00e4chlicher politischer N\u00e4he. Das Problematische dieses Vorgehens scheint ihm inzwischen klar zu sein. Was besonders auff\u00e4llt: Diese eher marginalen Vorf\u00e4lle liefern das Hauptargument in der Debatte.<!--more--><\/p>\n<p>Aber wichtiger ist die Nachzeichnung der Grundkonstellation: Antisemitismus und Linke, Linke im weiteren Sinn, nicht nur die Partei \u201eDie Linke\u201c. Diese Konstellation ist alt. Sie ist ganz grunds\u00e4tzlich dadurch gekennzeichnet, dass Linke als Leute, die sich f\u00fcr Benachteiligte und Minderheiten einsetzen, nicht zu Antisemitismus neigen und ihn vielfach heftig bek\u00e4mpft haben, w\u00e4hrend die politische Rechte viel eher zur Judenfeindschaft tendierte. Es gab auch Ausnahmen von dieser Regel, aber dies war \u2013 und ist \u2013 ohne Zweifel die Haupttendenz.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Warum dann die Behauptung, dass es bei Linken massiven Antisemitismus gibt? Auch diese Behauptung ist nicht neu; sie wurde schon im Hinblick auf \u00e4ltere Sozialisten und Kommunisten kolportiert, meist in stark \u00fcbertriebener Form.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a> In ganz vehementer Form fand und findet sie sich als propagandistische Begleiterscheinung der Auseinandersetzung zwischen Israel und den Pal\u00e4stinensern: Immer dann, wenn Israel aufgrund seines eigenen aggressiven Verhaltens oder seines Unwillens, sich aus den 1967 besetzten Gebieten zur\u00fcckzuziehen, international in die Kritik ger\u00e4t, entdecken seine Sprecher bzw. seine Parteig\u00e4nger einen \u201eneuen Antisemitismus\u201c, der sich nicht gegen individuelle Juden richten soll, sondern gegen den \u201ekollektiven Juden\u201c Israel, und der in heftigen Kampagnen gegei\u00dfelt wird. Das zeigte sich nach dem Oktoberkrieg 1973, im Zuge der gro\u00dfangelegten israelischen Intervention im Libanon 1982, bei der Unterdr\u00fcckung der ersten Intifada 1987ff. und bei der der zweiten Intifada 2000ff. und im Zuge der inzwischen zahlreichen israelischen Angriffe auf den Gazastreifen.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote3sym\" name=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a> Dabei weist dieser immer wieder als \u201eneu\u201c bezeichnete Antisemitismus inzwischen ein beachtliches Alter auf, und es geht auch nicht um Antisemitismus als Judenfeindschaft, sondern der Hauptzweck dieser Kampagnen ist die Thematisierung von Kritik an Israel und ihre Umwidmung zu Antisemitismus und damit ihre Abwehr.<\/p>\n<p>Kritik an Israel macht sich aber oft auch nicht nur an seinem Verhalten fest, sondern auch an seinem grunds\u00e4tzlichen Charakter, der mit dem Hintergrund seiner Entstehung zusammenh\u00e4ngt: der zionistischen Absicht, das zu 95% von Arabern bewohnte Pal\u00e4stina zu einem j\u00fcdischen Staat zu machen. Das konnte nur zum Schaden der Pal\u00e4stinenser geschehen; es geschah; der Schaden trat ein. Im Krieg von 1947 bis1949 wurde die Mehrheit der Pal\u00e4stinenser vertrieben (\u201eNakba\u201c), die in Israel verbliebenen unterlagen (und unterliegen immer noch) scharfer ethnischer Diskriminierung, und im Krieg von 1967 wurden neben anderen Territorien die Westbank einschlie\u00dflich Ostjerusalems israelisch besetzt, eine Besatzung, die bis heute fortdauert und mit massiver Unterdr\u00fcckung und Besiedlung sehr dynamisch weitergeht.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote4sym\" name=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> Das alles erkl\u00e4rt zur Gen\u00fcge die weitgehende Ablehnung Israels und der durch es geschaffenen Situation durch die Pal\u00e4stinenser. Und es gab immer auch eine gewisse mal gr\u00f6\u00dfere, mal geringere internationale Solidarit\u00e4t mit ihnen.<\/p>\n<p>Dabei war dieses aggressive Vorgehen, das zum diametralen Gegensatz zwischen Zionismus und arabischen Pal\u00e4stinensern f\u00fchrte, nicht eine von mehreren m\u00f6glichen zionistischen Optionen, sondern die einzig m\u00f6gliche, wenn man die Ziele des politischen Zionismus und die Realit\u00e4ten im Land und in der Region als gegeben annimmt. Das war den F\u00fchrern der Bewegung bekannt, und sie arbeiteten mit aller Kraft darauf hin. Schlie\u00dflich waren sie die Partei, die die demographische Realit\u00e4t des Landes radikal \u00e4ndern wollte. Alles das ist bestens dokumentiert; der bekannteste Beleg ist der Artikel \u201eDie eiserne Wand\u201c von Wladimir Jabotinsky von 1923, aber auch viele Texte von David Ben-Gurion und anderen lassen sich anf\u00fchren.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote5sym\" name=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Bei diesem Sachverhalt ist es konsequent, dass Kritik nicht nur am israelischen Verhalten, sondern auch an seinem grunds\u00e4tzlichen Charakter ge\u00e4u\u00dfert wird, also als Antizionismus. Apologeten Israels behaupten immer wieder, Antizionismus sei Antisemitismus.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote6sym\" name=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a> Nun ist diese Behauptung ebenso oft widerlegt worden. Tats\u00e4chlich gab und gibt es Antisemiten, die ihren Antisemitismus als Antizionismus tarnen. Bei genauem Hinsehen ist dieser vermeintliche Antizionismus, der in Wahrheit Antisemitismus ist, leicht auszumachen und zu enttarnen; zur grunds\u00e4tzlichen Delegitimierung des Antizionismus kann das nicht herhalten.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote7sym\" name=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a> Freilich sollte dieser Antizionismus pr\u00e4zis formuliert werden und sich an die Realit\u00e4ten der historischen Entwicklung halten. Angesichts der Brutalit\u00e4t des israelischen Vorgehens werden antizionistische Proteste manchmal in schrillem Ton ge\u00e4u\u00dfert und ist die entsprechende Analyse oft holzschnittartig. Das mag ungeschickt sein; es dient der Sache, um die es den Protestierenden geht, nicht. Antisemitisch ist es nicht.<\/p>\n<p>Wenn man Antisemitismus bek\u00e4mpfen will, muss man ihn pr\u00e4zis definieren. Er sollte verstanden werden als Feindschaft gegen\u00fcber Juden als Juden oder solchen Menschen, auf die ein ganz bestimmtes negatives Bild des Juden projiziert wird. Antisemitismus in diesem Sinn findet sich bei Linken selten. Die Rede vom linken Antisemitismus f\u00fchrt denn auch in der Regel andere Argumente an. Eines davon assoziiert alle m\u00f6glichen Formen von Kapitalismus-, Globalisierungs- und Herrschaftskritik mit Antisemitismus. So wird etwa attac vorgeworfen, \u201estrukturell antisemitisch\u201c zu argumentieren, weil es bestimmte Praktiken von Finanzinstitutionen angreift. \u00dcberhaupt sprechen manche Kritiker gern von strukturellem Antisemitismus oder antisemitismusaffinen Argumentationsweisen bei Linken, womit Juden als Personen und damit das erw\u00e4hnte pr\u00e4zise Verst\u00e4ndnis vollkommen aus dem Blick geraten.<\/p>\n<p>Ein zweites, besonders beliebtes Argument ist die Einf\u00fchrung des \u201eisraelbezogenen Antisemitismus\u201c, eines Konzepts, das Kritik an Israel tendenziell f\u00fcr antisemitisch erkl\u00e4rt. Zur Untermauerung dieser Behauptung ist nichts besser geeignet als die \u201eIHRA\u201c-Definition des Antisemitismus. Diese Definition ist \u00e4u\u00dferst vage, sie wird begleitet von elf \u201eBeispielen\u201c f\u00fcr vorgeblich antisemitische Sprache, von denen sich nicht weniger als sieben auf den Staat Israel beziehen. In einem dieser Beispiele ist Israelkritik tats\u00e4chlich antisemitisch: wenn Israel so gezeichnet wird, wie es dem traditionellen negativen Judenbild entspricht. Ein anderes Beispiel lautet: \u201eDas kollektive Verantwortlichmachen von J\u00fcdinnen und Juden f\u00fcr Handlungen des Staates Israel.\u201c Auch hier handelt es sich um realen Antisemitismus, dem allerdings Vorschub leistet, wer behauptet, Israel sei nicht der Staat seiner B\u00fcrger, sondern der aller Juden weltweit, und handle in deren Interesse. Dies ist ein zentraler Glaubensgrundsatz des Zionismus und damit der israelischen Propaganda. Wer ihn vertritt und es gleichzeitig f\u00fcr antisemitisch erkl\u00e4rt, Juden f\u00fcr israelische Verbrechen anzugreifen, ist inkonsequent. Alle anderen Beispiele der IHRA-Definition f\u00fcr israelbezogenen Antisemitismus erweisen sich bei n\u00e4herem Hinsehen als fragw\u00fcrdig. Hier wird auch gern das 3-D-Kriterium f\u00fcr israelbezogenen Antisemitismus eingef\u00fchrt (Delegitimierung und D\u00e4monisierung Israels, Doppelstandard bei seiner Beurteilung), was \u00e4u\u00dferst schwammig ist und jeder \u00fcberzogenen Interpretation T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet. Und die Praxis zeigt, dass die Vertreter dieses Konzepts zu haltloser \u00dcbertreibung neigen.<\/p>\n<p>Alles das gab es schon l\u00e4ngst vor dem 7. Oktober 2023. Der blutige Angriff der Hamas an diesem Tag und der israelische Feldzug, der ihm folgte, stellten aber eine ungeheure Versch\u00e4rfung der Auseinandersetzung dar.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote8sym\" name=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a> Der Angriff des 7. Oktober war mit der T\u00f6tung und Entf\u00fchrung vieler israelischer Zivilisten verbunden \u2013 ein eindeutiges Kriegsverbrechen. Das wurde auch in den meisten Stellungnahmen betont. Viele stellten aber auch heraus, dass dieser Angriff Vorgeschichte und Kontext hatte, letzten Endes die ganze Geschichte des Konflikts, der ein langdauernder siegreicher Krieg der Zionisten bzw. Israels gegen die Pal\u00e4stinenser war und ist.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote9sym\" name=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a> Dieser Krieg war an der Gaza-Front am hei\u00dfesten: Die beiden von Israel im Krieg von 1967 besetzten Gebiete Restpal\u00e4stinas, Westbank und Gazastreifen, haben ein in mancher Hinsicht gemeinsames Schicksal. Sie unterlagen denselben Prozessen der Entrechtung, der Besiedlung, der massiven Verletzung der Menschenrechte. Und ihre Bev\u00f6lkerung lehnte die Besatzung ab und leistete ihr Widerstand.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote10sym\" name=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a> Aber der Gazastreifen hatte doch auch seine Besonderheiten. Er ist ein winziges, sehr dicht bev\u00f6lkertes Territorium. Mindestens 70% seiner Bev\u00f6lkerung sind Fl\u00fcchtlinge von 1948 bzw. deren Nachkommen. Das liegt daran, dass im S\u00fcden Pal\u00e4stinas praktisch alle arabischen D\u00f6rfer ethnisch ges\u00e4ubert wurden, was im Norden und im Zentrum nicht der Fall war. Die meisten Bewohner wurden in den Gazastreifen vertrieben. Anders als andere arabische Nachbarl\u00e4nder \u00fcbernahm \u00c4gypten zwar die milit\u00e4rische Herrschaft dort, nahm aber selbst keine Pal\u00e4stinafl\u00fcchtlinge auf.<\/p>\n<p>Im Gazastreifen gab es im Zusammenhang mit dem Suezkrieg 1956 einige gr\u00f6\u00dfere israelische Massaker an der Zivilbev\u00f6lkerung. Auch nach der Besetzung von 1967 war das israelische Vorgehen in Gaza besonders repressiv, daf\u00fcr sorgte schon Ariel Scharon als zust\u00e4ndiger Milit\u00e4rkommandeur. In Gaza wurde die erste Intifada ausgel\u00f6st, die ein weitgehend unbewaffneter Volksaufstand war, in Gaza etablierte sich zuerst die pal\u00e4stinensische Beh\u00f6rde, und hier waren auch die Leute am st\u00e4rksten von der Unterdr\u00fcckungs- und Blockadepolitik Israels und von dessen wiederholten Milit\u00e4rkampagnen betroffen. Und hier formierte sich auch, nachdem durch den Oslo-Prozess die PLO als Widerstandsbewegung ausgeschaltet worden war, ein neuer Widerstand mit Hamas als effizientester Kraft \u2013 ein Prozess, an dem sich Israel nach Kr\u00e4ften beteiligte.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote11sym\" name=\"sdfootnote11anc\"><sup>11<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Seit dem 7. Oktober ist st\u00e4ndig die Rede von einem \u00fcberbordenden Antisemitismus, ja geradezu von einer Explosion des Antisemitismus in Deutschland. Was dabei genau unter Antisemitismus zu verstehen ist, bleibt meist offen. Die tats\u00e4chlich sehr hohen Zahlen von in der \u00d6ffentlichkeit registrierten antisemitischen Vorf\u00e4llen lassen sich, wie schon in der Vergangenheit, durch drei Mechanismen erkl\u00e4ren: durch Erfindung und \u00dcbertreibung, durch Falschbenennung solcher Vorkommnisse, die sich auf israelisches Verhalten beziehen, und durch das \u00dcberschwappen von Kritik an Israel auf Feindseligkeit gegen\u00fcber Juden.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote12sym\" name=\"sdfootnote12anc\"><sup>12<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Zahlen zu antisemitischen Vorf\u00e4llen erfassen die RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus), eine staatlich finanzierte zivilgesellschaftliche Initiative, und die PMK (Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t) des Bundeskriminalamts. Die RIAS l\u00e4sst schon durch die sie begleitenden Texte deutlich erkennen, dass sie alle m\u00f6glichen Vorf\u00e4lle der unterschiedlichsten Grade von tats\u00e4chlicher oder vermeintlicher Judenfeindlichkeit unter dem Begriff \u201eAntisemitismus\u201c rubriziert und einen Hauptzweck verfolgt: Entschuldung des israelischen Verhaltens. Zu diesem Ergebnis kommt auch ein kritischer Bericht.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote13sym\" name=\"sdfootnote13anc\"><sup>13<\/sup><\/a> Und die PMK unterliegt den Weisungen staatlicher Stellen. Hinzu kommen in den Medien stets wiederholte Warnungen vor angeblich allpr\u00e4sentem Antisemitismus. All das erscheint als \u00fcbertrieben; wenn \u00fcberhaupt Beispiele genannt werden, sind es oft solche, die selbst bei schlechtestem Willen nicht als bona fide antisemitische Vorf\u00e4lle bezeichnet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der israelische Feldzug gegen den Gazastreifen, der auf den 7. Oktober folgte, war eine so monstr\u00f6se Folge von Kriegsverbrechen, dass er intensiven Protest hervorrief. Angesichts der realen Vorg\u00e4nge ist dieser Protest legitim, wird aber oft mit Antisemitismus in Verbindung gebracht, um ihm seine Berechtigung abzusprechen.<\/p>\n<p>Es kam und kommt auch vor, dass der Protest gegen das israelische Verhalten in Feindseligkeit gegen\u00fcber Juden allgemein \u201e\u00fcberschwappt\u201c. Selbstverst\u00e4ndlich ist es falsch, Juden f\u00fcr Israels Verbrechen haftbar zu machen. Das ist tats\u00e4chlicher Antisemitismus. Viele Juden leisten aber einem solchen Verhalten Vorschub, indem sie sich mit Israel \u201eright or wrong\u201c solidarisch erkl\u00e4ren. Das gilt vor allem f\u00fcr viele offizielle j\u00fcdische Vertretungsk\u00f6rperschaften. Und es ist ein zentraler zionistischer Glaubenssatz und damit ein Kernst\u00fcck der israelischen Propaganda, dass Israel der Staat der Juden \u201ein aller Welt\u201c ist, f\u00fcr sie spricht und vor allem f\u00fcr sie handelt. Das ist geradezu eine Einladung zu dem genannten \u00dcberschwappen. Das dennoch intellektuell, politisch und moralisch v\u00f6llig falsch und verurteilenswert ist.<\/p>\n<p>Der Staat Israel und die Juden sollten kognitiv und praktisch genau unterschieden werden. Das ist einzuwenden gegen die zionistische Ideologie (und israelische Propaganda), die beides in unaufl\u00f6slichem Zusammenhang sieht, wie auch gegen die Kritiker Israels, welche die Juden in ihre Kritik implizieren. Juden k\u00f6nnen sehr unterschiedliche Positionen zu Israel einnehmen, auch scharf ablehnende. Angesichts der j\u00fcngsten Geschichte kann man die Haltung vieler Juden verstehen, die sich mit Israel verbunden f\u00fchlen, ja glauben, von ihm als \u201esicherem Hafen\u201c existenziell abh\u00e4ngig zu sein. Da wird dann Kritik an Israel, besonders scharfe, als Bedrohung wahrgenommen und als antisemitisch abgewehrt. Ein Beispiel unter vielen: Auff\u00fchrungen des St\u00fccks \u201eDie V\u00f6gel\u201c von Wajdi Mouawad wurden als antisemitisch skandalisiert, weil sie unsch\u00f6ne Szenen in Israel auf die B\u00fchne bringen, obwohl diese Szenen im Verh\u00e4ltnis zur israelischen Realit\u00e4t keineswegs \u00fcbertrieben sind. Scharfe Kritik am israelischen Verhalten mag f\u00fcr viele Juden schmerzlich sein. Sie sollte nicht unter Hinweis auf diesen Schmerz als antisemitisch bezeichnet und unterdr\u00fcckt werden. Das w\u00e4re ein B\u00e4rendienst am Kampf gegen wirklichen Antisemitismus.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Frage: Warum die Linke? Die oft beklagte H\u00e4ufung antisemitischer Vorf\u00e4lle erscheint in der \u00f6ffentlichen Darstellung \u00fcbertrieben; soweit es sich um tats\u00e4chliche gravierende Ereignisse handelt, sind linke Akteure nach der PMK-Statistik nur minimal beteiligt. Und doch taucht der \u201eLinke Antisemitismus\u201c in der \u00f6ffentlichen Debatte recht prominent auf.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote14sym\" name=\"sdfootnote14anc\"><sup>14<\/sup><\/a> Das mag daran liegen, dass Protest gegen Israel und Kritik am Zionismus oft im Milieu von Kulturschaffenden und Intellektuellen sowie an Hochschulen anzutreffen ist \u2013 ein Milieu, das gemeinhin mit der Linken in Verbindung gebracht wird. Tats\u00e4chlich tauchen linke Intellektuelle in diesem Zusammenhang oft auf. Nun gibt es in den letzten Jahren au\u00dferordentlich viele F\u00e4lle von K\u00fcnstlern, Wissenschaftlern und anderen, die f\u00fcr ihre Kritik an Israel oder ihren Einsatz f\u00fcr pal\u00e4stinensische Belange gema\u00dfregelt, ausgegrenzt, ausgeladen und verleumdet worden sind, und sei es, dass sie irgendwann einmal ein \u201elike\u201c geteilt haben oder \u00c4hnliches. Das geschieht von den betreffenden Institutionen; politische Instanzen geben oft Stichw\u00f6rter (BDS-Resolution des Bundestags etc.), die Mainstream-Medien beteiligen sich massiv an den entsprechenden Kampagnen. Das geht mit brutaler Unterdr\u00fcckung von Demonstrationen etc. einher; ein krasser Fall waren das Verbot und die Aufl\u00f6sung eines Pal\u00e4stina-Kongresses in Berlin im April 2024, die sp\u00e4ter als rechtswidrig festgestellt wurden.<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote15sym\" name=\"sdfootnote15anc\"><sup>15<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Was tun? Die israelischen Aktionen in Gaza, in der Westbank und weit dar\u00fcber hinaus sind eine Kette von furchtbaren Kriegsverbrechen, Deutschland erscheint tief darin verwickelt, und viele finden das unertr\u00e4glich. Human empfindende Menschen, Linke in erster Linie, sollten diese Verbrechen anprangern, sich dabei an die Realit\u00e4t halten und \u00dcbertreibungen und Verzerrungen vermeiden. Dabei sollten sie sich nicht durch die Drohung mit Antisemitismus-Vorw\u00fcrfen einsch\u00fcchtern lassen. Gleichzeitig sollten sie auch der leisesten Versuchung widerstehen, die Kritik an Israel auf Juden allgemein auszudehnen. Damit w\u00fcrden sie der israelischen Propaganda in die Falle gehen, die behauptet, Zionismus und Juden seien letzten Endes ein und dasselbe.<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a><sup>\u0002<\/sup> Vgl. Gerhard Hanloser, \u201eLinker Antisemitismus\u201c. Zur Kritik eines Kampfbegriffs, Wien: mandelbaum 2026; auch Walter Grab, Zwei Seiten einer Medaille. Demokratische Revolution und Judenemanzipation, K\u00f6ln: PapyRossa 2000<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote2\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a><sup>\u0002<\/sup> Vgl. die Schriften von Edmund Silberner: Sozialisten zur Judenfrage, Berlin: Colloqium 1962; und Kommunisten zur Judenfrage, Opladen: Westdeutscher Verlag 1983<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote3\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote3anc\" name=\"sdfootnote3sym\">3<\/a><sup>\u0002<\/sup> Alles das ist genau dokumentiert und kommentiert in Norman Finkelstein, Beyond Chutzpah. On the Misuse of Anti-Semitism and the Abuse of History, Berkeley\/Los Angeles: University of California Press 2005, 21-85, und ders., Gaza. An Inquest into its Martyrdom, Oakland: University of California Press 2018, 39-67 und passim<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote4\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote4anc\" name=\"sdfootnote4sym\">4<\/a><sup>\u0002<\/sup> Vgl. Alexander Flores, Die Legitimit\u00e4t des Staates Israel. 100 Jahre Deklarationen und Beschl\u00fcsse, in: inamo 90, Sommer 2017, 53-56<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote5\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote5anc\" name=\"sdfootnote5sym\">5<\/a><sup>\u0002<\/sup> Vgl. Alexander Flores (Hrsg.), Zitate zu Konflikt, Transfer und Vertreibung, unver\u00f6ffentlicht (2016); zur Einordnung vgl. Moshe Machover, Israelis und Pal\u00e4stinenser \u2013 der Konflikt und L\u00f6sungsans\u00e4tze, in: ders., Israelis und Pal\u00e4stinenser \u2013 Konflikt und L\u00f6sung, Hamburg: LAIKA 2013, 497-427<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote6\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote6anc\" name=\"sdfootnote6sym\">6<\/a><sup>\u0002<\/sup> Zahlreiche Beispiele, besonders grobschl\u00e4chtig: Eva Illouz, Der 8. Oktober, Berlin: Suhrkamp 2025<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote7\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote7anc\" name=\"sdfootnote7sym\">7<\/a><sup>\u0002<\/sup> Hierzu Benjamin Moser, Anti-Zionismus. Eine j\u00fcdische Geschichte, Berlin: Propyl\u00e4en 2026; und Moshe Machover, Israelis und Pal\u00e4stinenser \u2013 Konflikt und L\u00f6sung, Hamburg: LAIKA 2013<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote8\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote8anc\" name=\"sdfootnote8sym\">8<\/a><sup>\u0002<\/sup> Vgl. Alexander Flores, Hamas und der 7. Oktober, in: Peripherie 174\/175, 44. Jg. 2024, 322-338 (https:\/\/doi.org\/10.3224\/peripherie.v44i2.13)<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote9\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote9anc\" name=\"sdfootnote9sym\">9<\/a><sup>\u0002<\/sup> Vgl. Rashid Khalidi, Der hundertj\u00e4hrige Krieg um Pal\u00e4stina. Eine Geschichte von Siedlerkolonialismus und Widerstand, Z\u00fcrich: Unionsverlag 2024<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote10\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote10anc\" name=\"sdfootnote10sym\">10<\/a><sup>\u0002<\/sup> Vgl. Alexander Flores, Intifada. Aufstand der Pal\u00e4stinenser, Berlin: Rotbuch 1988<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote11\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote11anc\" name=\"sdfootnote11sym\">11<\/a><sup>\u0002<\/sup> Zu einer entscheidenden Phase der Entwicklung in Gaza siehe Amira Hass, Gaza. Tage und N\u00e4chte in einem besetzten Land, M\u00fcnchen: dtv 2004<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote12\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote12anc\" name=\"sdfootnote12sym\">12<\/a><sup>\u0002<\/sup> Vgl. Finkelstein, Beyond, 66-85<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote13\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote13anc\" name=\"sdfootnote13sym\">13<\/a><sup>\u0002<\/sup> Itay Mashiach, Biased (<a class=\"western\" href=\"https:\/\/diasporaalliance.co\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/RIAS_German-final.pdf\">RIAS_German-final.pdf<\/a>)<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote14\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote14anc\" name=\"sdfootnote14sym\">14<\/a><sup>\u0002<\/sup> Siehe Hanloser, \u201eLinker Antisemitismus\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"sdfootnote15\">\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote15anc\" name=\"sdfootnote15sym\">15<\/a><sup>\u0002<\/sup> Alles das ist umfassend dokumentiert, z.B. von Donatella della Porta, Moral Panic and Repression: the contentious politics of Anti-Semitism in Germany (https:\/\/www.sv.uio.no\/iss\/english\/research\/news-and-events\/events\/aubert\/the-lecture\/img-files\/della-porta_moral-panic-and-repression.pdf)<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Alexander Flores Zu den Einzelf\u00e4llen, die in der gegenw\u00e4rtigen Diskussion um Antisemitismus in der Linken eine Hauptrolle spielen, kann ich mangels genauer Kenntnis der Berliner Szene wenig sagen. Nur so viel: Dass Issa Remmo bei der Neuk\u00f6llner Wahlparty auftauchte, &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=17286\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-17286","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17286","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17286"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17286\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17294,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17286\/revisions\/17294"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17286"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17286"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17286"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}