{"id":1764,"date":"2015-02-04T09:17:13","date_gmt":"2015-02-04T08:17:13","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1764"},"modified":"2015-02-04T09:18:19","modified_gmt":"2015-02-04T08:18:19","slug":"der-streit-um-die-historische-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1764","title":{"rendered":"Der Streit um die historische Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p><b>In Bremen formiert sich der Widerstand gegen die Nakba-Ausstellung \/ TAZ machte den Anfang<\/b><\/p>\n<p><b>Arn Strohmeyer<\/b><\/p>\n<p>Bremen feiert sich gerade als Reaktion auf die PEGIDA-Proteste als \u201eweltoffene, liberale und tolerante Stadt\u201c. Aber die ersten Reaktionen auf die Ank\u00fcndigung, dass am 18. Februar in der Stadtbibliothek die Nakba-Ausstellung er\u00f6ffnet wird, lassen da doch berechtigte Zweifel an dieser Aussage aufkommen. Nakba ist ein arabisches Wort und bedeutet Katastrophe. Der Begriff steht heute f\u00fcr die Vertreibung von 800 000 Pal\u00e4stinensern \u2013 die H\u00e4lfte dieses Volkes! \u2013 in den Jahren 1947\/48 durch j\u00fcdische Truppen. Israelische Historiker haben die Vorg\u00e4nge dieser Zeit inzwischen gr\u00fcndlich erforscht, was nicht zuletzt deswegen m\u00f6glich war, weil Israel nach fast sechzig Jahren wenigstens zum Teil die Archive mit den authentischen Dokumenten f\u00fcr die wissenschaftliche Arbeit freigegeben hat.<!--more--><\/p>\n<p>Zu nennen sind vor allem drei israelische Historiker, die Licht in die Vorg\u00e4nge der Jahre 1947\/48 gebracht haben: Simcha Flapan, Benny Morris und Ilan Pappe. Vor allem das inzwischen zum Standardwerk gewordene Buch von Ilan Pappe \u201eDie ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas\u201c gibt genau Auskunft \u00fcber die Nakba \u2013 es liegt auch in Deutsch vor. Pappes Res\u00fcmee: Die ethnische S\u00e4uberung wurde auf Anordnung der zionistischen F\u00fchrung durchgef\u00fchrt. Direkt nach dem Beschluss der UNO im November 1947, Pal\u00e4stina zu teilen, begannen noch w\u00e4hrend des britischen Mandats und <b>vor<\/b> der Gr\u00fcndung des Staates Israel die Angriffe auf die Pal\u00e4stinenser. Sie wurden angef\u00fchrt von dem sp\u00e4teren Verteidigungs- und Au\u00dfenminister Moshe Dayan und den sp\u00e4teren Ministerpr\u00e4sidenten Menachem Begin und Yitzhak Rabin. Das Ergebnis des Vorgehens der zionistischen Verb\u00e4nde: Elf Stadtviertel und 531 pal\u00e4stinensische D\u00f6rfer wurden zwangsger\u00e4umt, viele v\u00f6llig zerst\u00f6rt. 800 000 Menschen mussten fliehen oder wurden vertrieben. Es kam zu Pl\u00fcnderungen und Massakern. Letzten Endes hat die Nakba die pal\u00e4stinensische Gesellschaft und ihre Jahrhunderte alte Kultur zerst\u00f6rt, Ohne die Kenntnis dieser Vorg\u00e4nge kann man den Nahost-Konflikt gar nicht verstehen.<\/p>\n<p>Genau diese Beschreibung der Ereignisse ist der Inhalt der Ausstellung, die nun ab 18. Februar in der Bremer Stadtbibliothek gezeigt wird. Die offizielle israelische Darstellung, die behauptet, dass die Pal\u00e4stinenser \u201efreiwillig\u201c ihre Heimat verlassen h\u00e4tten, um den viel sp\u00e4ter erst anr\u00fcckenden arabischen Armeen Platz zu machen, ist in Deutschland weit verbreitet. Nun kommt die pal\u00e4stinensische Sicht in Form dieser Ausstellung zu Wort \u2013 und das darf offenbar nicht sein. Es vertr\u00e4gt sich nicht mit dem Selbstverst\u00e4ndnis vieler Deutscher, dass auf Israels Geschichte ein Schatten f\u00e4llt. Es erhebt sich deshalb jedes Mal ein Sturm der Entr\u00fcstung von bestimmter Seite, wenn die Nakba-Ausstellung in einer deutschen Stadt gezeigt wird. Es sind immer dieselben Gruppen, die da protestieren und das Zeigen der Ausstellung mit allen Mitteln verhindern wollen: Die j\u00fcdischen Gemeinden, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und konservative und antideutsche Kreise, die \u00fcberall \u201eAntisemitismus\u201c wittern, wenn Kritik an der israelischen Politik oder der offiziellen Geschichtsdarstellung dieses Staates ge\u00fcbt wird.<\/p>\n<p>Das Paradoxe, das diese selbst ernannten Israel-Versteher und -Verteidiger nicht zur Kenntnis nehmen wollen: Die in der Ausstellung dargebotenen Fakten sind so gut wie ausschlie\u00dflich von israelischen Historikern erarbeitet worden, der Katalog belegt das in \u00fcberzeugender Weise. Was nat\u00fcrlich den Antisemitismus-Vorwurf, der auch immer schnell mit der Ausstellung in Verbindung gebracht wird, ad absurdum f\u00fchrt. Oder anders gesagt: Sind wir in Bremen schon so weit, dass man nicht \u00fcber die Arbeiten israelischer Wissenschaftler diskutieren darf? Nat\u00fcrlich ist die Nakba-Ausstellung einseitig, weil sie \u2013 erarbeitet von israelischen Historikern \u2013 den Blick auf die pal\u00e4stinensische Seite der Ereignisse lenkt, aber die offizielle israelische Version war auch einseitig, aber es hat nie jemand gegen sie protestiert. Die Pal\u00e4stinenser haben genauso das Recht, zu Wort zu kommen wie die Israelis. Erst aus der Gegen\u00fcberstellung beider Narrative kann ein fruchtbarer Dialog entstehen.<\/p>\n<p>So sehen es im \u00dcbrigen auch die beiden israelischen Historiker Simcha Flapan und Ilan Pappe. Sie weisen darauf hin, dass es einen guten Grunde gebe, warum die Erkenntnis und die Verbreitung der historischen Wahrheit gerade im Fall des Nahen Ostens so notwendig sind: Weil mit den historischen Mythen und Legenden der Frieden unm\u00f6glich ist. Der Israeli Simcha Flapan begr\u00fcndet das so: \u201eEs gilt, die propagandistischen Denkstrukturen aufzul\u00f6sen, die so lange verhindert haben, dass in meinem Land die Kr\u00e4fte des Friedens an Boden gewinnen konnten. Die Aufgabe, die den Intellektuellen und den Freunden beider V\u00f6lker [Israelis und Pal\u00e4stinensern] zuf\u00e4llt, besteht nicht darin, Ad-hoc-L\u00f6sungen anzubieten, sondern die Ursachen des Konflikts in das Licht einer aufkl\u00e4renden Analyse zu tauchen, in der Hoffnung, dass man es auf diese Weise schafft, die Verzerrungen und L\u00fcgen, die mittlerweile zu sakrosankten Mythen geronnen sind, aus der Welt zu schaffen.\u201c Und: \u201eWenn die Klischees und falschen Mythen ihren Platz im Denken der J\u00fcngeren behaupten, ist die Katastrophe unausweichlich.\u201c<\/p>\n<p>Sein Kollege Ilan Pappe stimmt Flapan zu und schreibt: \u201eEs ist unsere Pflicht, dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das Israel leugnen und die Welt vergessen machen wollte, aus der Vergessenheit zu holen, und zwar nicht nur als l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige\u00a0 historiographische Rekonstruktion oder professionelle Aufgabe. Meiner Ansicht nach ist es eine moralische Entscheidung, der allererste Schritt, den wir tun m\u00fcssen, wenn wir wollen, dass Vers\u00f6hnung jemals eine Chance haben und Frieden in den zerrissenen L\u00e4ndern Pal\u00e4stina und Israel Fu\u00df fassen sollen.\u201c<\/p>\n<p>In der so \u201eweltoffenen und toleranten Stadt\u201c Bremen sehen bestimmte Leute das ganz anders, denn dort braut sich offenbar gerade ein Proteststurm gegen die Ausstellung zusammen \u2013 wohl mit der Absicht, sie in letzter Sekunde noch zu verbieten. Den Anfang machte am Dienstag gleich die TAZ mit einem langen tendenzi\u00f6sen Artikel des Autors Jan-Paul Koopmann, der offenbar die Exponate noch gar nicht gesehen hat. Und vom Nahost-Konflikt fehlt ihm auch jede Kenntnis. So schreibt er: Zahlreiche(!) Pal\u00e4stinenser seien gezwungen gewesen, wegen kriegerischer Auseinandersetzungen und systematischen Landkaufs in die Nachbarl\u00e4nder zu fliehen. Das ist eine sehr besch\u00f6nigende Darstellung, denn die Pal\u00e4stinenser \u2013 das ist lange bekannt und das belegt auch die Ausstellung \u2013 wurden vertrieben und ihr Land wurde ihnen geraubt. Die UNO hatte dem Staat Israel 56 Prozent des Landes zugeteilt, am Ende des Krieges 1949 besa\u00df es aber 72 Prozent!<\/p>\n<p>Dann schreibt der TAZ-Autor, die Ausstellung sei umstritten, weil sie so viele Fakten unterschlage. Etwa die Tatsache, dass Juden nach der israelischen Staatsgr\u00fcndung aus arabischen Staaten vertrieben worden seien. Der TAZ-Schreiber sollte die B\u00fccher der beiden j\u00fcdischen Historiker Tom Segev und John Bunzl lesen, die zu diesem Thema \u00fcbereinstimmend schreiben, dass Israel diese Menschen unter Aufwendung von viel Geld und dem Einsatz von Mossad-Agenten aus diesen L\u00e4ndern geholt h\u00e4tte, weil der junge Staat im Krieg 1948\/49 viel Land erobert hatte, ihm aber die Menschen (Bauern und Soldaten) fehlten, um diesen Boden auch bebauen und verteidigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Auszug der Juden aus den moselmischen Staaten wird in der Ausstellung auch gar nicht unterschlagen, er ist auf Tafel neun beschrieben. Wenn der Autor behauptet, auch pal\u00e4stinensische Milizen h\u00e4tten Morde begangen, ist das unbestritten (nur wer war der Angreifer und wer der Verteidiger?), diese Fakten sind auf der Tafel vier dargestellt. Auch dass pal\u00e4stinensische Fl\u00fcchtlinge in den arabischen Nachbarl\u00e4ndern politisch instrumentalisiert wurden, verschweigt die Ausstellung nicht \u2013 siehe Tafel zehn und elf.<\/p>\n<p>Die Ausstellung ist noch gar nicht in Bremen angekommen und schon beginnt also die Geschichtsklitterung. Man m\u00f6chte von der gegnerischen Seite eine klare Widerlegung der von Flapan, Morris und Pappe vorgebrachten Fakten h\u00f6ren und keine w\u00fctende \u201eAntisemitismus\u201c-Polemik \u2013 aber Fehlanzeige. Es geht nur darum, eine Diskussion \u00fcber die Exponate m\u00f6glichst \u00fcberhaupt zu verhindern. Die Bremer Nahost- und Friedensgruppen, die die Ausstellung in die Stadt geholt haben, haben gute Argumente auf ihrer Seite. Denn Israel und die j\u00fcdische Seite kommen in den Tagen der Ausstellung im Rahmenprogramm reichlich zu Wort. Zur Er\u00f6ffnung am 18. Februar spricht neben der pal\u00e4stinensischen Botschafterin auch der deutsch-j\u00fcdische Psychologe, Professor Rolf Verleger aus L\u00fcbeck. Am 1. M\u00e4rz kommt der israelische Historiker Ilan Pappe zu einem Vortrag nach Bremen. Bei der Podiumsdiskussion am 4. M\u00e4rz wird auf der Seite der Ausstellungsbef\u00fcrworter die israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl mit diskutieren. Und am 17. M\u00e4rz wird der israelische Anthropologe und Friedensaktivist Jeff Halper aus Jerusalem in Bremen sprechen. Ein einseitiges, \u201eantisemitisches\u201c Programm? Es ist wohl eher so, dass die Gegner der Ausstellung ein sehr einseitige Israel-Bild haben, in dem das kritische und zum Frieden bereite Israel gar nicht vorkommt.<\/p>\n<p>Angesichts des zu erwartenden Sturms, der sich gegen die Nakba-Ausstellung offenbar zusammenbraut, ergeben sich Fragen, die die Mitglieder der Bremer Nahost- und Friedensgruppen gern beantwortet h\u00e4tten: Wer versucht aus welchen Motiven heraus und mit welchem Demokratieverst\u00e4ndnis eine sachliche Debatte \u00fcber die in der Ausstellung angesprochenen historischen und aktuellen Fakten zu verhindern? Wer blockiert seit Jahren unsere Veranstaltungen, bei denen wir viele Israelis zu Gast hatten? Wer verunglimpft Referenten j\u00fcdischen und christlichen Glaubens als \u201eAntisemiten\u201c oder \u201eselbsthassende Juden\u201c? Warum isoliert sich das offizielle Israel in der Welt immer mehr? Wer predigt auf Festtagsreden Toleranz, Integration usw. und praktiziert im politischen Alltag das genaue Gegenteil? Warum wird in Teilen der israelischen Presse und Wissenschaft die israelische Politik viel sch\u00e4rfer kritisiert als in Deutschland? Wer ruft im Netz auf, Veranstaltungen zu st\u00f6ren, und k\u00fcbelt Schmutz \u00fcber Personen aus, die sachlich Kritik an der Siedlungspolitik, t\u00e4glicher Unterdr\u00fcckung eines ganzen Volkes und an Schikanen, Zerst\u00f6rungen von H\u00e4usern und Plantagen, willk\u00fcrlichen Verhaftungen und Landraub kritisieren? Alles Tatbest\u00e4nde, die v\u00f6lkerrechtswidrig sind und auch gegen die Menschenrechte versto\u00dfen?<\/p>\n<p>Wir w\u00fcnschen uns eine \u00fcber diese Dinge eine sachliche Auseinandersetzung mit offenem Visier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Bremen formiert sich der Widerstand gegen die Nakba-Ausstellung \/ TAZ machte den Anfang Arn Strohmeyer Bremen feiert sich gerade als Reaktion auf die PEGIDA-Proteste als \u201eweltoffene, liberale und tolerante Stadt\u201c. 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