{"id":1833,"date":"2015-03-02T18:58:05","date_gmt":"2015-03-02T17:58:05","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1833"},"modified":"2015-03-13T18:23:23","modified_gmt":"2015-03-13T17:23:23","slug":"siedlerkolonialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1833","title":{"rendered":"Siedlerkolonialismus"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: left; margin: 0 15px 5px 0;\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/E_zKItIKN40\" height=\"200\" width=\"300\" allowfullscreen=\"\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/div>\n<p>Der Vortragssaal im \u00dcberseemuseum, den die Organisatoren der Nakba-Ausstellung dank der guten Kooperation mit dem Bremer Informationszentrum f\u00fcr Menschenrechte und Entwicklung (BIZ) nutzen konnten, war , wie schon die Er\u00f6ffnungsveranstaltung der Nakba-Ausstellung, bis auf den letzten Platz und dar\u00fcber hinaus gef\u00fcllt. Am 1. M\u00e4rz 2015 referierte der israelische Historiker Prof. Ilan Pappe \u00fcber &#8222;Die Vertreibung der Pal\u00e4stinenser&#8220;. Ilan Pappe geh\u00f6rt zu der Gruppe der neuen israelischen Historiker,<!--more--> die die Geschichte der Entstehung des Staates Israel, so, wie sie bisher erz\u00e4hlt worden ist, nachhaltig korrigiert haben. Vor allem sein Buch &#8222;Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas&#8220; von 2006 (es war in der deutschen \u00dcbersetzung lange vergriffen, ist seit dem letzten Jahr wieder zu erhalten), das bisher unbekannte Quellen aus bisher nicht zug\u00e4nglichen Archiven des Staates Israel und der IDF nutzen konnte, zerst\u00f6rte ebenso wirksam wie nachhaltig einige der zentralen Mythen und Legenden \u00fcber die Staatsgr\u00fcndung. Vor allem die Nakba, also die planm\u00e4\u00dfige und gewaltsame Vertreibung der Pal\u00e4stinenser, wurde ins Licht der historischen Wahrheit ger\u00fcckt. Das Buch brachte dem Autor, der an der Universit\u00e4t in Haifa lehrte, schlie\u00dflich so gro\u00dfen \u00c4rger in Israel ein, dass er sich gezwungen sah, das Land zu verlassen und eine neue akademische Karriere in Gro\u00dfbritannien zu beginnen. Er lehrt und forscht heute an der Universit\u00e4t in Exeter.<\/p>\n<p><em>ngg_shortcode_0_placeholder<\/em>Nach einer kurzen Einf\u00fchrung durch Arn Strohmneyer wurde Ilan Pappe mit viel Beifall begr\u00fc\u00dft. Er referierte v\u00f6llig frei und immer \u00fcberaus freundlich und verbindlich in einem sehr gut verst\u00e4ndlichen Englisch, das kompetent von dem \u00dcbersetzer-Tandem Doris Flack und Claus Walischewski \u00fcbersetzt wurde. Die zentrale These von Ilan Pappe lautet: das zionistische Projekt f\u00fcr den Staat Israel ist im Kern das Projekt eines Siedlerkolonialismus, das voll und ganz in der Tradition der Kolonialstaaten in Nord- und S\u00fcdamerika, in Australien, Afrika und Neuseeland stehe. Die wei\u00dfen Siedler, die Europa aus verschiedenen Gr\u00fcnden verlie\u00dfen bzw. verlassen mussten, versuchten alle, sich in dem Land, das sie besiedeln wollten, als Nation neu zu begr\u00fcnden. Das allen gemeinsame Problem w\u00e4ren die Menschen gewesen, die schon vor ihnen dort lebten. Und die einzige Methode der L\u00f6sung, die sie gesehen h\u00e4tten, w\u00e4re die weitgehende Ausrottung (genocide) der indigenen Bev\u00f6lkerung gewesen. In jedem Land h\u00e4tte der Kolonialismus einen anderen Verlauf genommen. Und in drei F\u00e4llen w\u00e4ren andere L\u00f6sungen als der V\u00f6lkermord gefunden worden: in Algerien mussten die Siedler nach Frankreich zur\u00fcckkehren, in S\u00fcdafrika w\u00e4re ein Apartheid-Staat errichtet worden und in Pal\u00e4stina h\u00e4tte Israel begonnen, die urspr\u00fcngliche Bev\u00f6lkerung aus dem beanspruchten Gebiet zu vertreiben.<\/p>\n<p>Das zionistische Projekt, so Pappe, ist historisch gesehen lange nach dem Ende des kolonialistischen Zeitalters im 20. Jahrhundert begonnen worden und bekanntlich noch nicht abgeschlossen. Es haftet ihm deshalb ein entscheidender Legitimationsmangel an. Denn nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges hat sich die V\u00f6lkergemeinschaft in den Vereinten Nationen eine neue Basis des friedlichen Zusammenlebens &#8211; auf der Basis universell geltender Menschenrechte und des V\u00f6lkerrechts &#8211; gegeben, in der ein irgendwie gearteter Kolonialismus keinen Platz mehr hat. In diesem Widerspruch steckt das Staatsverst\u00e4ndnis Israels: es beansprucht, ein demokratischer Staat (&#8222;die einzige Demokratie im Nahen Osten&#8220;) zu sein und behandelt doch einen gro\u00dfen Teil seiner Einwohner als B\u00fcrger zweiter Klasse.<\/p>\n<p>Wenn heute in vielen Gruppen \u00fcber einen m\u00f6glichen Rahmen f\u00fcr einen m\u00f6glichen Frieden im Nahen Osten nachgedacht w\u00fcrde, m\u00fcssten, so Ilan Pappe, diese historischen Tatsachen der Gr\u00fcndung des Staates Israel unbedingt ber\u00fccksichtigt werden. Wie in der Medizin w\u00e4re ohne eine richtige Diagnose keine richtige Therapie m\u00f6glich. Die Krankheit aber ist der Siedlerkolonialismus. Er w\u00fcrde nicht von allein enden, weil es keinen Impuls, keine Motivation und kein historisches Beispiel daf\u00fcr g\u00e4be, dass Siedler, die in einem Land lebten, das anderen geh\u00f6rt, ihr Projekt wieder beenden w\u00fcrden. Deshalb geschehe es nicht aus Versehen, dass die Westbank und der Gazastreifen besetzt worden w\u00e4ren. Sondern umgekehrt. Die zionistischen F\u00fchrer h\u00e4tten auf die Gelegenheit seit 1948 gewartet und der Sechs-Tage-Krieg 1967 w\u00e4re diese Gelegenheit gewesen. Die allgemeine zionistische \u00dcberzeugung w\u00e4re gewesen, dass Israel als j\u00fcdischer Staat nur existieren k\u00f6nne, wenn der Jordan im Osten die Grenze bilden w\u00fcrde und das ganze historische Pal\u00e4stina dem Staat Israel einverleibt werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Man merkte an den Reaktionen, dass f\u00fcr viele im Publikum diese harten Thesen \u00fcber den Staat Israel \u00e4u\u00dferst ungewohnt waren. Dabei wurden sie von dem Referenten mit einer geradezu entwaffnenden Freundlichkeit und Verbindlichkeit vorgetragen. Die anschlie\u00dfende lange Diskussion (sie dauerte fast eine Stunde) war \u00e4u\u00dferst lebhaft und kontrovers. Fast alle strittigen Fragen (Zwei-Staaten-L\u00f6sung, Ein-Staat-L\u00f6sung, der Holocaust, die besondere Verpflichtung und Schuld der Deutschen, der Antisemitismus und der Antizionismus, Israel und die Vereinten Nationen, die Verh\u00e4ltnisse innerhalb der pal\u00e4stinensischen Gruppierungen, der letzte Gaza-Krieg usw.) wurden zur Sprache gebracht. Zum Schluss wurde Ilan Pappe gefragt, wie denn seine roadmap f\u00fcr einen Frieden in Israel aussehen w\u00fcrde. Seine Antwort: das Wort &#8222;roadmap&#8220; liebe er nicht, aber er h\u00e4tte eine Vision anzubieten. Israel m\u00fcsste und k\u00f6nnte ein multiethnischer, multikultureller und demokratischer Staat werden. Dahin w\u00e4re aber ein weiter Weg zur\u00fcckzulegen mit einigen fundamentalen Ver\u00e4nderungen im israelischen Staatsverst\u00e4ndis. Vor allem w\u00fcrde das den Abschied von der zionistischen Ideologie bedeuten.<\/p>\n<p>Es gab wohl auch einige unter den Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rern, die zu den bedingten oder auch unbedingten Freunden Israels mitsamt seiner jetzigen Regierung gerechnet werden konnten. Ihre Unzufriedenheit und Nicht\u00fcbereinstimmung mit den Thesen von Ilan Pappe merkte derjenige, der mit der Diskussion und dem politischen Vokabular in dieser Debatte nur etwas vertraut war, schon an der Art der Fragestellung. Aber und durch und durch erfreulich und hoffnungsvoll f\u00fcr die Debattenkultur: alle Fragen wurden ruhig und sachlich gestellt &#8211; und alle Fragen wurden freundlich und bestimmt beantwortet. Das von vielen bei diesem heiklen Thema gef\u00fcrchtete Hickhack und das Abgleiten in hochemotionale Auseinandersetzungen blieben an diesem Abend v\u00f6llig aus.<\/p>\n<p>Was ist sonst noch in diesem nat\u00fcrlich viel zu kurzem Bericht \u00fcber einen gro\u00dfartigen Diskussionsabend anzumerken? Detlef Griesche von der vorbereitenden Nakba-Gruppe hatte die nicht leichte Aufgabe der Diskussionsleitung \u00fcbernommen; der Umsatz an den B\u00fcchertischen war gro\u00df; die Spendendose zur Deckung der nicht unerheblichen Kosten wurde zur Genugtuung der Veranstalter gut bis sehr gut gef\u00fcllt; oben im Restaurant des \u00dcberseemuseums wurde die Diskussion noch geraume Zeit fortgef\u00fchrt. Bleibt zu hoffen, dass die kommenden Veranstaltungen (am 4. M\u00e4rz die Podiumsdiskussion im Wallsaal der Zentralbibliothek, 9. M\u00e4rz das Konzert und die Lesung ebenfalls im Wallsaal, am 11. M\u00e4rz die &#8222;Weltmusik f\u00fcr den Frieden&#8220; im Sendesaal und am 17. M\u00e4rz die Veranstaltung mit Jeff Halper, dem Chef des israelischen Komittees gegen Hauszerst\u00f6rungen) ebenfalls ein solcher Erfolg werden.<br \/>\n<i>S\u00f6nke Hundt<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vortragssaal im \u00dcberseemuseum, den die Organisatoren der Nakba-Ausstellung dank der guten Kooperation mit dem Bremer Informationszentrum f\u00fcr Menschenrechte und Entwicklung (BIZ) nutzen konnten, war , wie schon die Er\u00f6ffnungsveranstaltung der Nakba-Ausstellung, bis auf den letzten Platz und dar\u00fcber hinaus &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1833\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[5,3],"tags":[],"class_list":["post-1833","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-3-aktuell-bremen","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1833","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1833"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1833\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1876,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1833\/revisions\/1876"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1833"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1833"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1833"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}