{"id":1904,"date":"2015-03-19T08:48:13","date_gmt":"2015-03-19T07:48:13","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=1904"},"modified":"2015-03-27T22:34:14","modified_gmt":"2015-03-27T21:34:14","slug":"jeff-halper-drei-bittere-wahrheiten-zum-israel-palaestina-konflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=1904","title":{"rendered":"Jeff Halper: Drei bittere Wahrheiten zum Israel-Pal\u00e4stina-Konflikt"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Q297teZYrF4\" height=\"315\" width=\"560\" allowfullscreen=\"\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/audio\/15-03-17-jeff-halper.mp3\" target=\"_blank\">Hier ein vollst\u00e4ndiger Audio-Mittschnitt mit \u00dcbersetzung (120 Min.) der Veranstaltung <\/a><\/p>\n<p>Der letzte Abend im Begleitprogramm f\u00fcr die Nakba-Ausstellung in der Zentralbibliothek Bremen war wieder ein gro\u00dfer Erfolg und der Wallsaal bis auf den letzten Platz besetzt. Der Referent des Abends war Jeff Halper, der von Claus Walischewski kurz vorgestellt wurde: Halper ist ein in Minnesota geborener amerikanisch-j\u00fcdischer Professor f\u00fcr Anthropologie, der seit 40 Jahren isralischer Staatsb\u00fcrger ist. Er ist Gr\u00fcnder und unangefochtener Chef der Organisation &#8222;Israeli Comittee Against House Demolition&#8220; (ICAHD). Er hat sich bei verschiedenen Aktionen oft vor die Planierraupen gesetzt und ist acht mal verhaftet worden. <!--more-->&#8222;Wenn ich Pal\u00e4stinenser w\u00e4re, h\u00e4tte ich um mein Leben f\u00fcrchten m\u00fcssen&#8220;, war sein Kommentar, &#8222;aber als Israeli wird man festgenommen und relativ schnell wieder auf freien Fu\u00df gesetzt.&#8220; Claus Walischewski appellierte an die Zuh\u00f6rer und Zuh\u00f6rerinnen, reichlich zu spenden und gab den Termin f\u00fcr das kommende &#8222;Rebuilding Camp&#8220; vom 19. Juni bis zum 3. August 2015 bekannt, an dem sich Aktivisten beteiligen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>ngg_shortcode_0_placeholder<\/em>Auch wer sich schon gr\u00fcndlich mit der ebenso komplizierten wie komplexen Materie des Nahost-Konflikts auseinander gesetzt hat, konnte an diesem Abend noch viel lernen: n\u00e4mlich wie es m\u00f6glich ist, den Konflikt wirklich auf das Wesentliche zu reduzieren, um ihn im Kern verstehen zu k\u00f6nnen. Dazu n\u00f6tig waren einige Landkarten, einige Fotos, eine Menge Humor (!) und eine bewunderswerte Klarheit und Einfachheit in der Entwicklung der Problematik. Das amerikanische Englisch des Referenten war sehr gut zu versteheh; und das Referat wie auch die anschlie\u00dfende Diskussion wurden wieder sehr kompetent von Doris Flack und Claus Walischewski \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Es sind, so Jeff Halper, drei bittere Wahrheiten, auf die sich der Konflikt reduzieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p><b>1.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b>Die Zwei-Staaten-L\u00f6sung w\u00e4re ganz einfach m\u00f6glich gewesen<\/b><\/p>\n<p>Als Ergebnis der israelisch-arabischen Kriegen von 1949 und 1967 wurde das historische Pal\u00e4stina entlang der &#8222;gr\u00fcnen Linie&#8220; geteilt: die Israelis erhalten 78 Prozent und die Pal\u00e4stinenser 22 Prozent des Landes. Im Jahr 1988, also vor nunmehr 27 Jahren, erkl\u00e4rte die PLO sich bereit, die Waffenstillstandslinie von 1967 als die Grenze zwischen dem Staat Israel und dem neuen Staat Pal\u00e4stina anzuerkennen. Obwohl die Pal\u00e4stinenser die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung bildeten und nach der R\u00fcckkehr vieler Fl\u00fcchtlinge die Mehrheit noch gr\u00f6\u00dfer geworden w\u00e4re, waren sie bereit, mit Israel in Friedensverhandlungen einzutreten und sich mit nur 22 Prozent des Landes zufrieden zu geben. Es war ein \u00fcberaus gro\u00dfz\u00fcgiges Angebot, um das unertr\u00e4gliche Besatzungsregime zu beenden. Im M\u00e4rz 2002 wurde dieser Plan als &#8222;Arabische Friedensinitiative&#8220; einstimmig von der Arabischen Liga und im Juni 2002 einstimmig von allen 57 Mitgliedern der Organisation Islamischer Staaten, einschlie\u00dflich des Irans, \u00fcbernommen. Israel wurde der Frieden, die Anerkennung und eine Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen angeboten, wenn es sich aus den besetzten Gebieten zur\u00fcckzieht und seinerseits einen unabh\u00e4ngigen pal\u00e4stinensischen Staat mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt anerkennt. Der Vorschlag f\u00fcr diese Zwei-Staaten-L\u00f6sung wurde von den USA, Deutschland, der EU und schlie\u00dflich von der gesamten Staatengemeinschaft unterst\u00fctzt. Eine vom V\u00f6lkerrecht abgesicherte und von der Staatengemeinschaft unterst\u00fctzte L\u00f6sung des Nahost-Konflikts w\u00e4re m\u00f6glich gewesen und ist immer noch m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Nur ein Land lehnte ab: Israel. Es sagte 1988 und 2002 kompromisslos &#8222;nein&#8220; zu den Vorschlagen und war nicht einmal zu Verhandlungen bereit. Am Abend vor der Wahl zur Knesset am 17. M\u00e4rz 2015 hat Israels Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanyahu es noch einmal so deutlich wie noch nie zuvor erkl\u00e4rt: &#8222;Es wird keinen pal\u00e4stinensischen Staat geben.&#8220;<\/p>\n<p><b>2.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b>Israel<\/b><b> schafft &#8222;facts on the ground&#8220; <\/b><\/p>\n<p>F\u00fcr die Ablehnung dieses Israel beg\u00fcnstigenden Angebots gibt es nur einen Grund, der aber von Israel niemals offen genannt wurde: Israel will das gesamte historische Pal\u00e4stina vom Mittelmeer bis zu Jordan als Land f\u00fcr das j\u00fcdische Volk. Jeff Halper: &#8222;Wenn du 100 Prozent des Landes bekommen kannst, weil du die Macht dazu hast, warum einen Kompromiss schlie\u00dfen \u00fcber 78 Prozent?&#8220; Als Anthropologe w\u00e4re er, so Halper, daran gew\u00f6hnt, die Dinge von unten zu betrachten und nicht den \u00c4u\u00dferungen von Politikern zu vertrauen. Israel betreibe seit Jahrzehnten eine Politik der vollendeten Tatsachen (&#8222;facts on the ground&#8220;). Es w\u00e4ren bislang &#8211; gegen jedes V\u00f6lkerrecht &#8211; in den besetzten Gebieten \u00fcber 200 Siedlungen (die z.T. inzwischen gro\u00dfe St\u00e4dte sind) gebaut worden, in denen jetzt 600.000 Israelis lebten. In vier Jahren w\u00fcrden es eine Million sein. \u00dcber 28 Autobahnen w\u00fcrden die Siedlungen miteinander und mit Israel fest verbunden. Die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung sei eingeschlossen in voneinander getrennte Inseln und aus dem Gebiet der &#8222;Zone C&#8220; fast vollst\u00e4ndig vertrieben worden. Den Pal\u00e4stinensern verbliebe heute faktisch nur noch 38 Prozent der 22 Prozent ihres besetzten Landes, das dazu noch fragmentiert w\u00e4re in mehr als 70 kleine Inseln, die von Checkpoints (insgesamt 600) kontrolliert w\u00fcrden. Das, so Halper, w\u00e4ren die &#8222;facts on the ground&#8220;. Sie machen klar, dass Israel eine Zwei-Staaten-L\u00f6sung nicht will.<\/p>\n<p>Falls noch jemand an dieser Absicht Zweifel hege, sei zus\u00e4tzlich die Mauer gebaut worden &#8211;\u00a0 &#8222;der letzte Nagel im Sarg der Zwei-Staaten-L\u00f6sung&#8220;. Bei allem Respekt f\u00fcr die Mauer, die Deutschland geteilt habe, so Jeff Halper voller Ironie: &#8222;Eure Mauer war vier Meter, unsere ist acht Meter hoch. Unsere Mauer ist auch f\u00fcnf Mal so lang und geht im Zickzack durch das Land.&#8220; Ein Blick auf die Landkarte zeige, dass die Mauer in Israel &#8222;nichts, aber auch gar nichts zu tun hat mit Sicherheit und Selbstverteidigung, sondern nur die Absicht verfolgt, den Pal\u00e4stinensern das Leben in der Zone C unertr\u00e4glich zu machen&#8220;.<\/p>\n<p><b>3.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b>Israel und die besetzten Gebiete sind tats\u00e4chlich schon ein Staat &#8211; ein Apartheid-Staat<\/b><\/p>\n<p>Israel habe faktisch im Land des historischen Pal\u00e4stinas schon jetzt einen Staat vom Mittelmeer bis zum Jordan geschaffen. Es g\u00e4be in diesem Gebiet nur eine wirklich Regierung, es existiere nur eine Armee, eine W\u00e4hrung, ein Autobahn-, ein Wasser- und ein Elektrizit\u00e4tssystem. Es w\u00e4re allerdings kein normaler Staat, weil ohne jede internationale Legitimation. Dieser Staat w\u00e4re &#8211; in der pr\u00e4zisen v\u00f6lkerrechtlichen Bedeutung des Wortes- ein Apartheid-Staat. Jeff Halper, der Israeli ist, dazu bitter: &#8222;Das ist die L\u00f6sung, die wir haben wollen. Wir haben die Macht, wir haben gesiegt, es ist vorbei. Wir haben das ganze Land des historischen Pal\u00e4stina und \u00fcben die totale Kontrolle aus. Die Pal\u00e4stinenser leben mehr oder weniger befriedet auf kleinen Inseln, die wir ihnen gelassen haben. Wir sind ein erfolgreicher Apartheid-Staat, denn wir haben immer noch die internationale Unterst\u00fctzung, vor allem die der USA, Deutschlands und der EU.&#8220; Israel k\u00f6nne die internationale \u00d6ffentlichkeit immer noch davon \u00fcberzeugen, dass seine Politik ausschlie\u00dflich seiner Sicherheit und der Selbstverteidigung gegen den Terrorismus diene. &#8222;Aber Israel stellt den wahren Sachverhalt auf den Kopf&#8220;, so Halper. &#8222;Wir sind die viertst\u00e4rkste Nuklearmacht der Welt. Wir haben neun U-Boote aus Deutschland bekommen, die atomwaffentauglich sind. Wir sind eine Besatzungsmacht seit 50 Jahren. Aber wir sind Juden, wir sind die Opfer.&#8220;<\/p>\n<p>Die Zwei-Staaten-L\u00f6sung w\u00e4re mausetot. Ein &#8222;R\u00fcckbau&#8220; der 200 Siedlungen mit ihren inzwischen 600.000 Siedlern politisch nur um den Preis eines B\u00fcrgerkriegs in Israel, den keiner will, m\u00f6glich. F\u00fcr die Opposition in Israel und au\u00dferhalb Israels bleibe angesichts dieser &#8222;facts on the ground&#8220; nur eine sinnvolle Forderung: Israel m\u00fcsse sich grundlegend ver\u00e4ndern und zu einem demokratischen, s\u00e4kularen, multiethnischen und multikulturellen Staat werden, der allen seinen B\u00fcrgern die gleichen Rechte garantiert. Weil die Apartheid-Politik allen westlichen Werten und allen religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen von der Gleichheit aller Menschen widerspreche.<\/p>\n<p><strong>Hier alle Bilder aus der Pr\u00e4sentation<\/strong><br \/>\n<b><em>ngg_shortcode_1_placeholder<\/em><\/b><\/p>\n<p><b>Die Politik der Hauszerst\u00f6rungen &#8211; das Beispiel der Familie Shawamreh<\/b><\/p>\n<p>Wie der Blick durch ein ge\u00f6ffnetes Fenster offenbart die systematische Politik der Hauszerst\u00f6rungen die Politik Israels in den pal\u00e4stinensischen Gebieten. Jeff Halper schilderte mit gro\u00dfer Eindringlichkeit und mit einigen Fotos auf der Leinwand das Schicksal einer Familie, das hier in einigen d\u00fcrren Worten wiedergegeben werden soll. Salim Shawamreh und seine Frau Arabiya gingen nach ihrer Heirat nach Saudi-Arabien, wo Salim 10 Jahre als Bauingenieur arbeitete. Der Osloer Friedensprozess 1993 lie\u00df die Familie mit ihren sieben Kindern auf Frieden hoffen; sie kehrten zur\u00fcck und kauften ein St\u00fcck Land in Anata in der unmittelbaren N\u00e4he von Jerusalem. Die Genehmigung f\u00fcr den Bau eines Hauses erhielten sie nicht. Sie bauten es illegal und erhielten prompt von den israelischen Beh\u00f6rden die ber\u00fcchtigte &#8222;order of demolition&#8220;, die Abrissverf\u00fcgung. Diese kann sofort oder auch erst Jahre sp\u00e4ter und dann zu jeder Tages- und Nachtzeit vollstreckt werden kann. Eines Mittags im Juli 1998 kam dann die von Soldaten und einem Bulldozer unterst\u00fctzte sogenannte Zivilbeh\u00f6rde und verlangte die R\u00e4umung des Hauses innerhalb einer Viertelstunde. Als die Familie sich weigerte, wurde sie unter Einsatz von Tr\u00e4nengas gewaltsam vertrieben, M\u00f6bel und die Einrichtung auf den Hof geworfen und das Haus vom Bulldozer abgerissen. Das ein Jahr vorher von Jeff Halper und anderen gegr\u00fcndete ICAHD wurde benachrichtigt, konnte einigen Protest organisieren und versuchte, Widerstand zu leisten. Einige Aktivisten ketteten sich an, setzten sich vor den Bulldozer, stiegen aufs Dach. Journalisten, Diplomaten und weitere Aktivisten wurden benachrichtig. Aber: alles umsonst. Das Haus wurde abgerissen, aber wenig sp\u00e4ter an der gleichen Stelle wieder aufgebaut. Das ganze wiederholte sich in den folgenden Jahren sieben Mal! Was die wiederholte Zerst\u00f6rung des Hauses f\u00fcr eine Familie, f\u00fcr den Mann, die Frau und die Kinder an seelischen Verletzungen aus den Erfahrung des Verlustes, der absoluten Machtlosigkeit und Erniedrigung mit sich bringt, schilderte Jeff Halper sozusagen als Anthropologe. Die Traumatisierungen w\u00e4ren f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Das Beispiel der Familie Shawamreh steht f\u00fcr viele. Seit 1967 wurden von den Israelis 60.000 pal\u00e4stinensische H\u00e4user abgerissen. Der vom ICAHD organisierte und inzwischen international unterst\u00fctzte Wiederaufbau von vielen H\u00e4usern habe zwar nur letztendlich symbolischen Charakter, w\u00e4re aber sehr wirksam. Denn die Zivilbeh\u00f6rde und die Armee f\u00fcrchteten w\u00fcrden nichts mehr als die \u00d6ffentlichkeit und den \u00f6ffentlichen Protest f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Die gesamten Ausf\u00fchrungen von Jeff Halper mitsamt der \u00dcbersetzung kann hier nachgeh\u00f6rt werden.<br \/>\n<em>S\u00f6nke Hundt<\/em><\/p>\n<p>Audio-Mittschnitt vom 17.03.15 in der Zentralbibliothek Bremen (120 Min,)<br \/>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-1904-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/audio\/15-03-17-jeff-halper.mp3?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/audio\/15-03-17-jeff-halper.mp3\">http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/audio\/15-03-17-jeff-halper.mp3<\/a><\/audio><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier ein vollst\u00e4ndiger Audio-Mittschnitt mit \u00dcbersetzung (120 Min.) der Veranstaltung Der letzte Abend im Begleitprogramm f\u00fcr die Nakba-Ausstellung in der Zentralbibliothek Bremen war wieder ein gro\u00dfer Erfolg und der Wallsaal bis auf den letzten Platz besetzt. 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