{"id":232,"date":"2014-04-13T07:01:53","date_gmt":"2014-04-13T07:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=232"},"modified":"2014-04-22T08:24:03","modified_gmt":"2014-04-22T08:24:03","slug":"nichts-als-heisse-luft-poof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=232","title":{"rendered":"Nichts als hei\u00dfe Luft: Poof!"},"content":{"rendered":"<p>von Uri\u00a0 Avnery<br \/>\nARMER JOHN Kerry!\u00a0 Diese Woche gab er einen Ton von sich, der ausdrucksvoller war als Seiten voll diplomatischem Blabla. In seinem Zeugnis vor dem\u00a0 Senatskomitee f\u00fcr ausl\u00e4ndische Beziehungen erkl\u00e4rte er, wie die Aktionen der israelischen Regierung den \u201eFriedens-Prozess\u201c\u00a0 torpediert hatten.\u00a0<!--more--> Sie brachen ihr Versprechen, pal\u00e4stinensische Gefangene zu entlassen und gleichzeitig verk\u00fcndeten sie die Vergr\u00f6\u00dferung\u00a0 von mehr Siedlungen in Ost-Jerusalem. Die Friedensbem\u00fchungen machten\u00a0 \u201epoof\u201c.<\/p>\n<p><strong><\/strong>\u201ePooff\u201c ist das Ger\u00e4usch, wenn einem Ballon die Luft entweicht. Es ist ein guter Ausdruck, weil der \u201eFriedensprozess\u201c von Anfang an ein Ballon voll hei\u00dfer Luft war. Eine \u00dcbung in\u00a0 \u201eScheinwelt\u201c. JOHN KERRY\u00a0 kann nicht die Schuld\u00a0 gegeben werden. Er nahm die ganze Sache sehr ernst. Er ist ein ernsthafter Politiker, der sich sehr, sehr gro\u00dfe M\u00fche gab, zwischen Israel und Pal\u00e4stina Frieden zu machen. Wir sollten dankbar sein. Das Problem ist, dass Kerry nicht die leiseste Ahnung hatte, in was er sich da eingelassen hat.<\/p>\n<p>Der ganze \u201eFriedensprozess\u201c drehte sich um eine irrt\u00fcmliche Annahme. Einige w\u00fcrden sagen: auf einer eigentlichen L\u00fcge. N\u00e4mlich, dass wir hier zwei Seiten eines Konfliktes haben. Eines ernsten Konfliktes. Eines alten Konfliktes. Aber ein Konflikt, der gel\u00f6st werden\u00a0 k\u00f6nne , wenn\u00a0 sich auf beiden Seiten\u00a0 vern\u00fcnftige Leute zusammensetzen und es ausdiskutieren w\u00fcrden,\u00a0 von einem wohlwollenden und unparteiischen Schiedsrichter geleitet. Nicht ein Detail dieser Voraussetzungen war real. Der Schiedsrichter war nicht unparteiisch. Die F\u00fchrer waren nicht vern\u00fcnftig\u00a0 und am bedeutendsten: Die Seiten waren nicht ebenb\u00fcrtig.<\/p>\n<p>Die Machtbalance zwischen beiden Seiten ist nicht 1:1, nicht einmal 1:2 oder 1.10. In jeder\u00a0 materiellen Hinsicht \u2013 milit\u00e4risch, diplomatisch, wirtschaftlich &#8211;\u00a0 ist es eher wie eins zu tausend. Es gibt kein Ebenb\u00fcrtigkeit zwischen Besatzer und Besetzten, zwischen Unterdr\u00fccker und Unterdr\u00fcckten. Ein Elefant und eine Fliege k\u00f6nnen nicht \u201everhandeln\u201c. Wenn die eine Seite das totale Kommando \u00fcber den anderen hat, jede ihrer Bewegungen kontrolliert, auf ihrem Land siedelt,\u00a0 ihre Geldbewegung kontrolliert, willk\u00fcrlich ihre Leute verhaftet, ihren Zugang zur UN und dem Internationalen Gerichtshof blockiert \u2013 dann ist von Ebenb\u00fcrtigkeit keine Rede mehr. Wenn beide Verhandlungsseiten so extrem ungleich sind, kann die Situation nur durch\u00a0 einen Vermittler behoben werden, der die schwache Seite\u00a0 unterst\u00fctzt. Es ist aber genau das Gegenteil geschehen: der Amerikaner unterst\u00fctzte Israel,\u00a0 massiv und gro\u00dfz\u00fcgig.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der \u201eVerhandlungen\u201c\u00a0 tat die US nichts, um die Siedlungsaktivit\u00e4ten zu verhindern, die\u00a0 dazu noch mehr israelische Fakten vor Ort schufen \u2013 der Grund und Boden, \u00fcber dessen Zukunft\u00a0 gerade die Verhandlungen liefen.<\/p>\n<p>EINE GRUNDVORAUSSETZUNG f\u00fcr erfolgreiche Verhandlungen ist, dass alle drei Seiten wenigstens ein Grundverst\u00e4ndnis nicht nur f\u00fcr die Interessen und Forderungen der anderen Seite haben, sondern sogar mehr von\u00a0 der geistigen Welt des anderen, seine emotionale Strukturen und sein Selbstbild kennen Ohne dies sind alle Schritte unerkl\u00e4rlich und sehen irrational aus. Boutrous Boutrous Ghali, einer der intelligentesten Leute, denen ich je in meinem Leben begegnet bin, sagte mir einmal:\u201c Ihr habt in Israel die intelligentesten Experten der arabischen Welt. Sie haben alle B\u00fccher gelesen, alle Artikel, jedes einzelne Wort, das dar\u00fcber geschrieben wurde.\u00a0 Sie wissen alles und verstehen nichts, weil sie nie einen Tag in einem arabischen Land gelebt haben.\u201c<\/p>\n<p>Dasselbe trifft auch auf die amerikanischen Experten zu, nur noch viel mehr. In Washington DC f\u00fchlt man die verd\u00fcnnte Luft eines Himalaja-Gipfels. In den grandiosen Pal\u00e4ste der Regierung, in denen das Schicksal der Welt entschieden wird, da sehen fremde V\u00f6lker klein, primitiv und weithin irrelevant aus. Hier und da einige wirkliche Experten, die weggesteckt werden, aber keiner fragt\u00a0 wirklich um Rat.<\/p>\n<p>Der durchschnittliche amerikanische Staatsmann hat nicht die leiseste Ahnung von arabischer Geschichte, ihrem Weltbild, ihren Religionen, Mythen oder Traumata, die die arabische Einstellung\u00a0 gestaltet, ganz zu schweigen vom pal\u00e4stinensischen Kampf. Er hat keine Geduld f\u00fcr diesen primitiven Unsinn.<\/p>\n<p>ANSCHEINEND\u00a0 ist das\u00a0 amerikanische Verst\u00e4ndnis f\u00fcr\u00a0 Israel\u00a0 viel besser. Aber nicht wirklich. Die durchschnittlichen amerikanische Politiker und Diplomaten wissen eine Menge \u00fcber Juden. Viele von ihnen sind Juden. Kerry selbst scheint teilweise j\u00fcdisch zu sein.\u00a0 Sein Friedensteam schlie\u00dft viele Juden ein, sogar Zionisten, einschlie\u00dflich des aktuellen Verhandlungsmanager Martin Indyk, der in der Vergangenheit f\u00fcr AIPAK arbeitete. Selbst sein Name ist jiddisch (und\u00a0 bedeutet Truthahn). Die Vermutung ist, dass sich\u00a0 Israelis\u00a0 von amerikanischen Juden nicht sehr unterscheiden. Aber das ist v\u00f6llig falsch. Die israelische Regierung mag behaupten, der \u201eNationalstaat des j\u00fcdischen Volkes\u201c zu sein, aber dies ist nur ein Instrument, um die j\u00fcdische Diaspora auszun\u00fctzen und Hindernisse f\u00fcr den \u201eFriedensprozess\u201c zu schaffen. In der Realit\u00e4t gibt es wenig \u00c4hnlichkeit zwischen Israelis und der j\u00fcdischen Diaspora, kaum weniger als zwischen einem Deutschen und einem Japaner.<\/p>\n<p>Martin Indyk mag eine gewisse Affinit\u00e4t zu Ziipi Livni empfinden, der Tochter eines Irgun-K\u00e4mpfers (oder Terroristen nach britischer Redeweise), aber das ist eine Illusion.\u00a0 Die Mythen und Traumata, die Zipi formten, sind sehr anders als die. die Martin formten, der in Australien aufgewachsen ist. Falls Barack Obama und Kerry mehr w\u00fcssten, w\u00e4re ihnen von Anfang an klar, dass die gegenw\u00e4rtigen israelischen politischen Umst\u00e4nde jede israelische Evakuierung von Siedlungen, ein R\u00fcckzug aus der Westbank\u00a0 und ein Kompromiss \u00fcber Jerusalem ganz unm\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<p>ALL DIES\u00a0 gilt auch f\u00fcr die pal\u00e4stinensische Seite. Die Pal\u00e4stinenser sind davon \u00fcberzeugt, dass sie Israel verstehen. Schlie\u00dflich sind sie Jahrzehnte lang unter israelischer Besatzung gewesen. Viele von ihnen haben Jahre in israelischen Gef\u00e4ngnissen verbracht und perfekt Hebr\u00e4isch sprechen gelernt. Aber sie haben im Umgang mit Israelis viele Fehler gemacht. Der letzte Fehler war der Glaube, dass Israel den vierten Trupp von Gefangenen entlassen w\u00fcrde. Dies war fast unm\u00f6glich. Alle israelischen Medien, einschlie\u00dflich der moderaten, sprechen \u00fcber die Entlassung von \u201epal\u00e4stinensischen M\u00f6rdern\u201c, nicht von pal\u00e4stinensischen Aktivisten oder K\u00e4mpfern. Die Parteien vom rechten\u00a0 Fl\u00fcgel standen im Wettkampf miteinander und mit\u00a0 rechten \u201eTerroropfern\u201c, indem sie diese Untat denunzierten.<\/p>\n<p>Die Israelis verstehen die tiefen Emotionen nicht, die durch die Nicht-Entlassung der Gefangenen \u2013 die nationalen Helden des pal\u00e4stinensischen Volkes\u00a0 &#8211; hervorgerufen werden, obwohl Israel selbst in der Vergangenheit eintausend pal\u00e4stinensische Gefangene f\u00fcr einen einzigen Israeli austauschten. Die j\u00fcdische Religion verlangt die \u201eErl\u00f6sung der Gefangenen\u201c.<\/p>\n<p>Es ist gesagt worden, dass Israel\u00a0 ein \u201eZugest\u00e4ndnis\u201c dreimal verkauft; einmal, wenn es versprochen wird, sodann, wenn ein offizielles Abkommen dar\u00fcber unterzeichnet wird und beim dritten Mal, wenn es tats\u00e4chlich erf\u00fcllt wird.\u00a0 Dies geschah, als die Zeit kam, den 3. R\u00fcckzug von der Westbank unter den Oslo-Abkommen, der nie\u00a0 passierte . Die Pal\u00e4stinenser wissen nichts \u00fcber j\u00fcdische Geschichte, wie sie in israelischen Schulb\u00fcchern gelehrt wird, sehr wenig \u00fcber den Holocaust, noch weniger \u00fcber den Zionismus.<\/p>\n<p>DIE LETZTEN VERHANDLUNGEN begannen als \u201eFriedensgespr\u00e4che\u201c, fuhren als \u201eRahmengespr\u00e4che\u201c f\u00fcr weitere Verhandlungen fort,\u00a0 jetzt sind die Gespr\u00e4che zu Reden \u00fcber die Reden \u00fcber die Reden\u00a0 degeneriert. Keiner\u00a0 will die Farce abbrechen, weil alle drei Seiten sich vor der Alternative f\u00fcrchten. Die amerikanische Seite f\u00fcrchtet sich vor einem allgemeinen Angriff auf des zionistisch-evangelikal-republikanischen Adelson-Bulldozer auf die Obama-Regierung bei den n\u00e4chsten Wahlen. Das Au\u00dfenministerium versucht schon verzweifelt, sich von Kerrys\u00a0 \u201ePoof\u201c zur\u00fcckzuziehen. Er meinte nicht, dass man Israel allein die Schuld geben m\u00fcsse, sondern dass ein Fehler\u00a0 auf beiden Seiten liege. Der Elefant und die Fliege sind gleicherweise zu tadeln.<\/p>\n<p>Wie gew\u00f6hnlich hat die israelische Regierung viele \u00c4ngste. Sie f\u00fcrchtet den\u00a0 Ausbruch einer dritten Intifada, verbunden mit einer weltweiten Kampagne der De-legitimation und\u00a0 des Boykotts von Israel, besonders in Europa. Es f\u00fcrchtet auch, dass die UN, die z.Zt. Pal\u00e4stina nur als ein Nicht-Mitglied-Staat anerkennt, weitergehen wird und Pal\u00e4stina immer mehr f\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Die pal\u00e4stinensische F\u00fchrung f\u00fcrchtet auch eine dritte Intifada, die zu einem blutigen Aufstand f\u00fchren kann. Obwohl alle Pal\u00e4stinenservon einer \u201egewaltfreien Intifada\u201c sprechen, glauben nur wenige wirklich daran. Sie erinnern sich daran, dass die letzte Intifada auch gewaltlos begann, aber die israelische Armee\u00a0 Scharfsch\u00fctzen einsetzte, die die Anf\u00fchrer der Demonstrationen erschossen. Mehr Selbstmord \u2013Bombenanschl\u00e4ge wurden unvermeidlich. Pr\u00e4sident Mahmoud Abbas (Abu-Mazen) hat auf die Nicht-Entlassung der Gefangenen dadurch reagiert, dass er im Namen Pal\u00e4stinas 25 Dokumente unterzeichnete, um sich internationalen Konventionen anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Praktisch bedeutet der Akt wenig. Eine der Unterschriften bedeutet, dass Pal\u00e4stina sich der Genfer Konvention anschlie\u00dft. Eine andere betrifft den Schutz der Kinder. Sollten wir uns nicht dar\u00fcber freuen? Aber die israelische Regierung f\u00fcrchtet,\u00a0 dass dies ein Schritt n\u00e4her an der Aufnahme Pal\u00e4stinas\u00a0 als Mitglied des Internationalen Gerichtshofes bedeute und vielleicht die\u00a0 Anklage von Israelis wegen Kriegsverbrechen.<\/p>\n<p>Abbas plant auch Schritte zu einer Vers\u00f6hnung mit der Hamas und der Durchf\u00fchrung\u00a0 von pal\u00e4stinensischen Wahlen, um seine Heimatfront zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>WENN man nun der arme John Kerry w\u00e4re, was w\u00fcrde man zu all dem sagen?<\/p>\n<p>\u201ePoof\u201c scheint das Minimum zu sein.<\/p>\n<p>Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser\u00a0 autorisiert<br \/>\nQuelle (mit freundlicher Genehmigung): http:\/\/www.uri-avnery.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Uri\u00a0 Avnery ARMER JOHN Kerry!\u00a0 Diese Woche gab er einen Ton von sich, der ausdrucksvoller war als Seiten voll diplomatischem Blabla. 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