{"id":2367,"date":"2015-09-13T10:52:59","date_gmt":"2015-09-13T08:52:59","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=2367"},"modified":"2015-09-17T17:47:29","modified_gmt":"2015-09-17T15:47:29","slug":"eintan-brostein-zochrot-die-nakba-ist-auch-israels-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=2367","title":{"rendered":"Eitan Bronstein, Zochrot: \u201eDie Nakba ist auch Israels Geschichte\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/bronstein-aitan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" alt=\"\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/bronstein-aitan.jpg\" width=\"200\" height=\"158\" \/><\/a>Am 1. November 2014 war Eitan Bronstein auf Einladung der IPPNW in Berlin und hat \u00fcber die Arbeit von &#8222;Zochrot&#8220; berichtet. Im Folgenden findet ihr das Interview mit Bronstein, das die Alsharq-Journalisten Lea Frehse, Christoph Dinkelaker und Tobias Pietsch in der IPPNW-Gesch\u00e4ftsstelle gef\u00fchrt haben. <\/em><em>Eitan Bronstein und seine Organisation \u201eZochrot\u201c werben unter j\u00fcdischen Israelis f\u00fcr die Aufarbeitung der \u201eNakba\u201c. Ein Interview \u00fcber Schrecken der Vergangenheit, Schl\u00e4ge gegen Linke und die iNakba-App.<!--more--><\/em><\/p>\n<p><em>Eitan Bronstein, Jahrgang 1960, wanderte als Kind mit seiner Familie aus Argentinien nach Israel ein und wuchs in einem Kibbutz auf. In den 1980er Jahren verweigerte er wiederholt den Reservedienst an der Waffe. 2001 gr\u00fcndete er die Organisation Zochrot, die sich f\u00fcr die Anerkennung der \u201eNakba\u201c, also der Verbrechen gegen und Vertreibung der Pal\u00e4stinenser innerhalb der j\u00fcdisch-israelischen Gesellschaft einsetzt. Anfang November sprach Bronstein auf Einladung der Mediziner-Organisation IPPNW \u2013 \u00c4rzte in sozialer Verantwortung e.V. in Berlin. Zum Interview mit Alsharq kam der charismatische Aktivist nat\u00fcrlich mit seinem iPhone \u2013 inklusive iNakba-App.<\/em><\/p>\n<p><strong>Alsharq: Herr Bronstein, Zochrot gilt in Israel als radikal links. Wof\u00fcr setzen Sie sich ein?<\/strong><\/p>\n<p>Eitan Bronstein: Zochrot zielt darauf ab, unter israelischen Juden ein Bewusstsein f\u00fcr die Nakba zu schaffen. Denn in Israel lernt man normalerweise nichts \u00fcber die Nakba [arab. \u201eKatastrophe\u201c] und auch mir hat in der Schule nie irgendjemand von der Vertreibung der Pal\u00e4stinenser erz\u00e4hlt. Im Allgemeinen wissen Israelis, dass es hier vor 1948 Araber gab. Aber es wird so dargestellt, dass sie eben den Krieg verloren haben und Punkt. Heute wei\u00df ich: Die Nakba war die aktive Vertreibung der Pal\u00e4stinenser, mehrheitlich Zivilisten, durch bewaffnete Einheiten und anschlie\u00dfend die aktive Verhinderung ihrer R\u00fcckkehr.<\/p>\n<p>Deshalb unser Ziel: Israelis sollen um diese Geschichte wissen. Ein wichtiges Anliegen ist es, das Wort Nakba in die hebr\u00e4ische Sprache zu \u00fcbernehmen. Die Nakba ist nicht blo\u00df ein pal\u00e4stinensischer Narrativ, sie ist auch unsere Geschichte, die wir kennen und anerkennen sollten. Israel wurde als j\u00fcdischer Staat auch durch die Nakba gegr\u00fcndet. Daf\u00fcr sollten wir Verantwortung \u00fcbernehmen und Reparationen leisten. Dar\u00fcber hinaus unterst\u00fctzt Zochrot das R\u00fcckkehrrecht f\u00fcr pal\u00e4stinensische Fl\u00fcchtlinge. Das ist eine Komponente der Anerkennung. Die Pal\u00e4stinenser m\u00fcssen die Wahl haben, ob sie Reparationen annehmen oder ob sie zur\u00fcckkehren m\u00f6chten.<\/p>\n<p><strong>Zochrot hat zuletzt mit der iNakba-App f\u00fcr Aufsehen gesorgt.<\/strong><\/p>\n<p>Zochrot ist auf unterschiedliche Arten aktiv. Zum einen veranstalten wir Touren, markieren alte pal\u00e4stinensische Ortschaften in Israel und ver\u00f6ffentlichen Infomaterial. Ein wichtiger Aspekt dabei sind Augenzeugenberichte, die wir von Pal\u00e4stinensern, aber auch von ehemaligen K\u00e4mpfern der j\u00fcdischen Verb\u00e4nde wie dem Palmach sammeln. Gerade die Erz\u00e4hlungen der alten j\u00fcdischen K\u00e4mpfer sind wichtig: Sie berichten von vielerlei, unter anderem von Massakern \u2013 sie benutzen das Wort \u201eSchlachtungen\u201c \u2013 und der Vertreibung. H\u00e4ufig ist die Rede davon, wie Gegenden \u201eges\u00e4ubert\u201c wurden. Das sind Stimmen, die man sonst nicht findet und die in der israelischen Gesellschaft st\u00e4rker wahrgenommen werden als die der Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Jetzt gibt es die App von Zochrot, iNakba: Damit kann man zerst\u00f6rte und bestehende pal\u00e4stinensische Ortschaften in Israel ausfindig machen. Das ganze funktioniert partizipativ: Man kann Fotos hochladen, Geschichten lesen. Das Ganze ist gut angelaufen: Schon aus dem Libanon haben Fl\u00fcchtlinge alte Fotos hinzugef\u00fcgt. Au\u00dferdem arbeiten wir im Bildungsbereich, bilden Lehrer fort und haben einen Lehrplan zur Nakba erstellt.<\/p>\n<p><strong>Wie kommen diese Aktivit\u00e4ten in Israel an?<\/strong><\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re der israelischen \u00d6ffentlichkeit gegen\u00fcber solcher Arbeit ist sehr schlecht. W\u00fcrde ein Lehrer einfach offen unser Material im Unterricht benutzen, w\u00fcrde er wahrscheinlich seinen Job verlieren. Also benutzen viele Lehrer unser Material heimlich: Es ist zum Beispiel fast schon in Mode, bei Unterrichtseinheiten zu Israels Unabh\u00e4ngigkeit die \u201eGegenperspektive\u201c darzustellen. Wie haben die Pal\u00e4stinenser das gesehen? Da nutzen dann viele die Zochrot-Unterlagen. Der Bildungsminister hat schon einmal ganz klar gesagt: Aus staatlicher Sicht ist das Zochrot-Material illegal. Aber wir haben ja nicht um Erlaubnis gebeten.<\/p>\n<p>Zochrot hat es tats\u00e4chlich geschafft, die Art und Weise, wie in Israel \u00fcber die Nakba gesprochen wird, zu ver\u00e4ndern. Unsere Aktivit\u00e4ten haben Offizielle dazu gen\u00f6tigt, die Nakba zu kommentieren. Schlie\u00dflich wurde [2011] sogar ein Gesetz erlassen, das all jenen Organisationen die finanzielle Unterst\u00fctzung vom Staat entzieht, die in Israel Aktivit\u00e4ten zum Gedenken an die Nakba abhalten. Das ist nat\u00fcrlich negativ, aber es zeigt auch, dass sich die Regierung zu einem Verbot gen\u00f6tigt sah, weil das Thema Aufmerksamkeit bekam.<\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrden Sie die Stimmung in Israel aktuell beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Momentan \u2013 und ich glaube, das w\u00fcrden die meisten Israelis so sehen \u2013 ist es so schlimm wie noch nie. W\u00e4hrend des Krieges in Gaza gab es viel Hetze gegen Pal\u00e4stinenser. Der wirkliche Wandel aber lag in der j\u00fcdisch-israelischen Gesellschaft selbst: Nie gab es so viel Hetze und so viele \u00dcbergriffe gegen\u00fcber Menschen wie uns, linken j\u00fcdischen Israelis. Ich habe bei einer Anti-Kriegs-Demo in Tel Aviv erlebt, wie linke Demonstranten von Rechten zusammengeschlagen wurden.<\/p>\n<p>Allgemein hat die Verzweiflung zugenommen: Es bietet einfach niemand mehr Visionen f\u00fcr Frieden. Und nicht mal die Rechte hat eine Vision! Sie sagen einfach, Krieg ist eben das, was wir immer hatten und immer haben werden. Shimon Peres, glaube ich, ist der Letzte, der noch an Frieden glaubt. Ich sehe nicht, dass zwei Staaten entstehen werden. Die tats\u00e4chlichen Gegebenheiten lassen das nicht mehr zu. Inzwischen sind selbst die gr\u00f6\u00dften Patrioten verzweifelt. Selbst sie sagen nun \u00f6ffentlich, dass sie sich \u00fcberlegen, auszuwandern. Nicht umsonst gab es k\u00fcrzlich den Protest gegen hohe Lebenshaltungskosten, der \u00fcbrigens von Israelis in Berlin losgetreten worden war.<\/p>\n<p>Ich hoffe nur, das nach der gro\u00dfen Verzweiflung die Suche nach wirklich radikalen L\u00f6sungen beginnt. Der vorherrschende Gedanke an Trennung und Spaltung hat uns doch in ebenjene Situation gef\u00fchrt, in der wir heute sind. Wenn wir immer noch Frieden wollen, sollten wir neue Wege suchen. Wir m\u00fcssen mit den Menschen zusammenleben, die von diesem Land stammen. Das haben wir noch nie versucht.<\/p>\n<p><strong>Wenn es um eine L\u00f6sung f\u00fcr die Zukunft geht, warum besch\u00e4ftigt sich Zochrot dann so stark mit der Vergangenheit?<\/strong><\/p>\n<p>Ich verstehe gut, dass es in der Situation des anhaltenden Konflikts schwierig ist, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, besonders in Israel. Doch Israels Vergangenheit ist eng verkn\u00fcpft mit seiner Gegenwart und seiner Zukunft. Wir sprechen nicht umsonst von der \u201eanhaltenden Nakba\u201c. Der Konflikt wird so lange andauern, bis eine gerechte L\u00f6sung umgesetzt ist. Es muss das R\u00fcckkehrrecht geben. Ohne das wird es keinen Frieden geben. Ja, das anzuerkennen, wird das Ende des Konzepts des \u201ej\u00fcdischen Staates\u201c bedeuten, aber dieser Herausforderung m\u00fcssen wir uns stellen.<\/p>\n<p><strong>Dass Israel einmal kein \u201ej\u00fcdischer Staat\u201c sein k\u00f6nnte, macht vielen Israelis gro\u00dfe Angst\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Es war eine der wichtigsten Lernerfahrungen f\u00fcr mich, die \u00c4ngste, die sich um dieses Thema ranken, anzunehmen und zu akzeptieren. Wenn das Gespr\u00e4ch auf das Thema j\u00fcdischer Staat kommt, wird die Atmosph\u00e4re oft feindlich, sehr ablehnend. Das liegt nicht daran, dass die Menschen hier schlechter w\u00e4ren als sonst irgendwo; es ist die Art der Bildung, die man hier bekommt. Wenn einem oft genug erz\u00e4hlt wird, alle Araber seien Terroristen, dann glaubt man eher daran, und das passiert hier die ganze Zeit. Die Kunst ist, dabei geduldig zu bleiben und immer wieder aufzuzeigen, dass es andere Wege gibt.<\/p>\n<p><strong>Ebenso umstritten ist das R\u00fcckkehrrecht f\u00fcr pal\u00e4stinensische Fl\u00fcchtlinge. Wo sehen Sie L\u00f6sungsans\u00e4tze?<\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns damit auseinandersetzen, wie das R\u00fcckkehrrecht praktisch umgesetzt werden k\u00f6nnte. Wir von Zochrot veranstalten immer wieder Treffen mit Pal\u00e4stinensern zu diesem Thema. Dabei war ich oft vor den Kopf gesto\u00dfen, zu merken, dass die pal\u00e4stinensischen Gespr\u00e4chspartner oft viel pragmatischer an die Sache gingen als wir \u2013 und weniger forderten als gedacht. F\u00fcr die, denen ich begegnet bin, war das R\u00fcckkehrrecht nichts, was die Existenz der Juden in Frage stellte. Sie wollen, dass ihre Rechte anerkannt werden und dass auf diese Anerkennung Kompensation folgt.<\/p>\n<p>Ich habe k\u00fcrzlich mit einem Mann gesprochen, der aus Zakariya stammt, einem Dorf neben dem heutigen Bet Shemesh. Er hatte Land dort und sein Zuhause. Er sagte mir: Okay, wir wissen, dass heute dort ein Moshav [j\u00fcdisches, halb-kollektivistisches Dorf] steht. Wir wollen nicht unbedingt genau dieses Land zur\u00fcck, aber wir wollen Kompensation daf\u00fcr, vielleicht ein neues Dorf daneben bauen. Viele Pal\u00e4stinenser sind da sehr pragmatisch und bereit zu schauen, wie man eine L\u00f6sung finden kann. Ich hoffe aber, dass sie niemals bereit sein werden, Israel als Ort nur f\u00fcr Juden anzuerkennen. Aus meiner Sicht w\u00e4re das unmoralisch.<\/p>\n<p><strong>\u201eZochrot\u201c hei\u00dft auf Hebr\u00e4isch \u201ewir erinnern uns\u201c \u2013 in femininer Form. In Israel ist das ein Statement. Was hat es damit auf sich?<\/strong><\/p>\n<p>Der Name wurde als bewusste Abgrenzung und als Zeichen gew\u00e4hlt: Die hebr\u00e4ische Sprache ist stark geschlechtlich, Verben zum Beispiel werden m\u00e4nnlich oder weiblich dekliniert. Dabei ist die maskuline Form die Norm, im Feminin zu sprechen gilt als unnormal. Mit der femininen Form von \u201esich erinnern\u201c als Namen wollten wir deutlich machen, dass unsere Sprache, unsere Botschaft dem Standard widersprechen.<\/p>\n<p>Zochrot repr\u00e4sentiert eine kleine Minderheit in Israel. Aber \u2013 eine positive Botschaft \u2013 wir sollten den Einfluss von Minderheiten nicht untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p><strong>Wie blicken Sie auf die nahe Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke nicht, dass Israelis von selbst aufh\u00f6ren werden, Kolonisten zu sein und ihre Privilegien aufzugeben. Meine Hoffnung auf Ver\u00e4nderung richtet sich nach au\u00dfen: Wir brauchen den Boykott, die BDS-Bewegung, um das Regime zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Gerade in Deutschland ist das nat\u00fcrlich ein sensibles Thema. Doch dazu m\u00f6chte ich sagen: Ich meine, mit Israel ist der Traum der Antisemiten wahr geworden. Das ganze Projekt Israel ist so erfolgreich, dass Israel sich heute anma\u00dfen kann, f\u00fcr alle Juden zu sprechen. Ja, in Deutschland sollte es besondere Sensibilit\u00e4t geben, wenn es auf das Thema kommt. Aber ich glaube, dass man gerade deshalb hier besonders genau hinschauen sollte. Deutsche, die Verantwortung zeigen m\u00f6chten, sollten sich gegen Israel stellen und es boykottieren.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, Herr Bronstein.<\/strong><\/p>\n<p>Quelle (mit freundlicher Genehmigung):<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.alsharq.de\/2014\/mashreq\/israel\/die-nakba-ist-auch-israels-geschichte\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.alsharq.de\/2014\/mashreq\/israel\/die-nakba-ist-auch-israels-geschichte\/<\/a><\/p>\n<p>Zur Website von <a href=\"http:\/\/zochrot.org\/\" target=\"_blank\">Zochrot hier<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. November 2014 war Eitan Bronstein auf Einladung der IPPNW in Berlin und hat \u00fcber die Arbeit von &#8222;Zochrot&#8220; berichtet. 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