{"id":2487,"date":"2015-10-27T17:06:27","date_gmt":"2015-10-27T16:06:27","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=2487"},"modified":"2015-10-27T17:37:21","modified_gmt":"2015-10-27T16:37:21","slug":"2487","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=2487","title":{"rendered":"&#8222;Wir waren unser Leben lang Zionisten. Hier die Gr\u00fcnde, warum wir uns entschlossen haben, die Boykott-Bewegung zu unterst\u00fctzen.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/15-10-27-washington-post.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" alt=\"\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/15-10-27-washington-post.jpg\" width=\"200\" \/><\/a>Sie haben es auf die Meinungsseite der Washington Post geschafft: Steven Levitsky, Professor f\u00fcr Politologie an der Harvard University und Glen Weyl, assistant professor f\u00fcr Wirtschafts- und Rechtswissenschaften an der University of Chicago. Sie sind Zionisten und unternehmen es trotzdem, Israel wegen seiner Besatzungspolitik zu kritisieren und offen zum Boykott Israels aufzurufen. Hier ihr Artikel in der <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/opinions\/a-zionist-case-for-boycotting-israel\/2015\/10\/23\/ac4dab80-735c-11e5-9cbb-790369643cf9_story.html\" target=\"_blank\">Washington Post vom 23. Oktober 2015 <\/a>(\u00dcbersetzung: S\u00f6nke Hundt).<\/p>\n<p>&#8222;Wir waren unser Leben lang Zionisten. Wie andere progressive Juden in den USA haben wir Israel unterst\u00fctzt, weil wir der \u00dcberzeugung waren, dass <i>erstens<\/i> ein Staat notwendig ist, um unser Volk vor zuk\u00fcnftigen Katastrophen zu sch\u00fctzen, und dass <i>zweitens<\/i> ein j\u00fcdischer Staat &#8211; als eine Lehre aus dem Holocaust &#8211; nur demokratisch sein k\u00f6nne und in den universellen Menschenrechten sein Fundament haben w\u00fcrde. Undemokratische Ma\u00dfnahmen des israelischen Staates, wie die Besetzung der Westbank und des Gazastreifens k\u00f6nnten, so dachten wir, nur vor\u00fcbergehend sein.<!--more--><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen jetzt die Realit\u00e4t zur Kenntnis nehmen, dass sich die Besetzung als permanent erwiesen hat. Und dass fast ein halbes Jahrhundert nach dem Sechs-Tage-Krieg Israel immer mehr zu einem Apartheid-\u00e4hnlichen Staat wird, vor dem viele seiner einstigen F\u00fchrer gewarnt haben. Die Zahl der Siedler in der Westbank ist um das 30-fache gestiegen, von 12.000 im Jahr 1980 auf heute 389.000. Die Westbank wird immer mehr als Teil Israels angesehen, und die gr\u00fcne Linie zur Kennzeichnung der besetzten Gebiete ist inzwischen aus vielen Landkarten gel\u00f6scht worden. Israels Staatspr\u00e4sident Reuven Rivlin erkl\u00e4rte k\u00fcrzlich, dass die Kontrolle \u00fcber die Westbank &#8222;keine Frage der politischen Debatte mehr ist. Sie ist zu einer Grundtatsache (basic fact) des modernen Zionismus&#8216; geworden.&#8220;<\/p>\n<p>Diese &#8222;Grundtatsache&#8220; stellt f\u00fcr uns amerikanische Juden ein ethisches Dilemma dar und wirft die Frage auf, ob wir weiterhin einen Staat unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, der permanent einem anderen Volk die Grundrechte verweigert. Es stellt sich dabei auch ein Problem aus zionistischer Perspektive, weil damit Israel einen Weg eingeschlagen hat, der schlie\u00dflich seine eigene Exististenz bedroht. So wie in den F\u00e4llen Rhodesien und S\u00fcdafrika wird die permente Unterdr\u00fcckung der Pal\u00e4stinenser unweigerlich dazu f\u00fchren, dass sich Israel immer mehr von den westlichen Demokratien isoliert. Nicht nur die Unterst\u00fctzung Europas schwindet, auch die \u00f6ffentliche Meinung in den USA &#8211; die felsenfest schien &#8211; ist in Bewegung geraten, vor allem unter den J\u00fcngeren. Ein Paria-Staat als internationaler Status kann kein Rezept f\u00fcr Israels \u00dcberleben sein.<\/p>\n<p>Die demographische Entwicklung in Israel, die die israelische Gesellschaft zu zerrei\u00dfen droht, erh\u00f6ht dabei den Druck. Die wachsende Siedlerbewegung und die Zunahme der ultra-orthodoxen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung sch\u00fcrt einen j\u00fcdischen Chauvinismus und f\u00fchrt zur zunehmenden Entfremdung\u00a0 des ebenfalls wachsenden arabischen Teils der Bev\u00f6lkerung. Indem immer mehr Gemeinden sich abschotten, setzt Israel das Mindestma\u00df an Toleranz aufs Spiel, das f\u00fcr eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar ist. In einem solchen Klima wird Gewalt, wie jetzt in den j\u00fcngsten Anschl\u00e4gen in Jerusalem und der Westbank wieder deutlich geworden, immer mehr zur Normalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die andauernde Besatzung bedroht schlie\u00dflich die Sicherheit, die sie ja eigentlich sch\u00fctzen sollte. Die Sicherheitslage in Israel hat sich seit den 1967er- und 1973er-Kriegen dramatisch verschlechtert. Die Friedensabkommen mit \u00c4gypten und Jordanien, die aktuelle Schw\u00e4chung des Irak und Syriens sowie Israels inzwischen \u00fcberw\u00e4ltigende milit\u00e4rische \u00dcberlegenheit &#8211; einschlie\u00dflich seiner (inoffiziellen) F\u00e4higkeit zur nuklearen Abschreckung &#8211; haben dazu gef\u00fchrt, dass Israel existentiell durch seine arabischen Nachbarn nicht mehr bedroht ist. Auch ein Hamas-gef\u00fchrter pal\u00e4stinensischer Staat k\u00f6nnte Israel nicht zerst\u00f6ren. In diesem Sinne erkl\u00e4rten sechs ehemalige Direktoren des israelischen Inlandsgeheimdiensten Shin Bet in dem Dokumentarfilm &#8222;The Gatekeepers&#8220; (2012): &#8222;Es ist die Besatzung, die in Wahrheit langfristig die Sicherheit Israels bedroht. Es ist die Besatzung, die Israel in einen asymmetrischen Krieg zwingt, der Israels internationales Ansehen schw\u00e4cht und seine M\u00f6glichkeiten einschr\u00e4nkt, sich innerhalb von regionalen B\u00fcndnissen gegen eine Bedrohung durch sektiererische Extremisten zur Wehr zu setzen. Es ist die Besatzung, die schlie\u00dflich den eigentlichen Grund f\u00fcr die Gewaltausbr\u00fcche der Pal\u00e4stinenser darstellt.&#8220;<\/p>\n<p>Dadurch, dass die Besatzung permanent geworden ist, untergraben Israels F\u00fchrer die \u00dcberlebensf\u00e4higkeit ihres Staates. Es ist bedauerlich, dass die Opposition in Israel gegen diesen Kurs immer schw\u00e4cher geworden ist. Dank des derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwungs, der vor\u00fcbergehende Sicherheit durch das System der Sperranlagen und dank des Raketenabwehrsystems &#8222;Iron Dome&#8220; f\u00fchlt sich die gro\u00dfe Mehrheit der s\u00e4kularen Zionisten sicher. Sie sieht zur Zeit keine Notwendigkeit, den schwierigen Weg zu einem dauerhaften Friedens zu gehen, was nur bedeuten kann, dass ihre Landsleute die Siedlungen in der Westbank verlassen und Israel das Leiden der Pal\u00e4stinenser als moralische Schuld anerkennt.<\/p>\n<p>Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt. Die Zunahme der Siedlungen und die demografischen Trends werden es bald unm\u00f6glich machen, dass Israel seinen Kurs noch \u00e4ndern kann. Seit Jahren haben wir die Regierungen in Israel unterst\u00fctzt &#8211; auch diejenigen, mit denen wir nicht einverstanden waren &#8211; in der \u00dcberzeugung, dass Israel unter der Voraussetzung seiner eigenen Sicherheit im Sinne seiner eigenen langfristigen Existenzinteressen handeln w\u00fcrde. Aber diese Strategie ist fehlgeschlagen. Wir haben, als die Unterst\u00fctzer von einst, tragischerweise zu dieser verh\u00e4ngnisvollen Entwicklung beigetragen. Die Hoffnung, dass Israel die notwendigen und harten Entscheidungen ohne den Druck von au\u00dfen trifft, wird von uns als nicht mehr realistisch angesehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle, die wie wir Israel unterst\u00fctzen, ist es sehr schmerzlich, jetzt Druck von au\u00dfen aus\u00fcben zu m\u00fcssen. Aber das einzige Mittel, das bleibt, um Israels Politik wirklich zu ver\u00e4ndern, ist die Verweigerung der finanziellen und diplomatischen Unterst\u00fctzung von Seiten der USA sowie der Boykott von Waren und Dienstleistungen und die R\u00fccknahme von Investitionen. Ein Boykott, der sich nur auf die in den Siedlungen hergestellten Produkte bezieht, wird nicht ausreichen, um Israel wirklich dazu zu bewegen, \u00fcber den Status quo nachzudenken.<\/p>\n<p>Das ist der Grund, warum wir uns, z\u00f6gerlich zwar aber trotzdem entschlossen, jetzt weigern, nach Israel zu reisen, dass wir in Israel produzierte Waren boykottieren und dass wir unsere Universit\u00e4ten und ihre gew\u00e4hlten Vertretungen dazu auffordern, Israel die Unterst\u00fctzung zu verweigern. So lange, wie Israel nicht in einen Friedensprozess eintritt, der entweder zu einem souver\u00e4nen pal\u00e4stinensischen Staat f\u00fchrt oder der den Pal\u00e4stinensern innerhalb der Ein-Staat-L\u00f6sung die vollen B\u00fcrgerrechte garantiert, k\u00f6nnen wir Israels jetzige Politik nicht l\u00e4nger unterst\u00fctzen &#8211; weil sie langfristig Israels Existenz aufs Spiel setzt.<\/p>\n<p>Israel ist nat\u00fcrlich nicht der schlimmste Menschenrechtsverletzer in der Welt. Bedeutet es also nicht die Anwendung von doppelten Moralstandards, wenn wir nur zum Boykott Israels aufrufen? Der Einwand ist richtig. Aber wir lieben Israel, und wir sind zutiefst besorgt um sein \u00dcberleben, was nicht in gleichem Ma\u00dfe f\u00fcr andere L\u00e4nder gilt. Anders als im Fall der international ge\u00e4chteten Staaten Nordkorea oder Syrien w\u00fcrde ein Boykcott Israel tats\u00e4chlich treffen. Denn die israelische Regierung k\u00f6nnte ihren verh\u00e4ngnisvollen Kurs ohne die Absicherung durch die USA nicht weiter durchhalten; das gilt f\u00fcr finanzielle Hilfen, f\u00fcr Investitionen und den Warenaustausch ebenso wie f\u00fcr die moralische und diplomatische Unterst\u00fctzung durch die USA.<\/p>\n<p>Wir wissen, das einige der Bef\u00fcrworter eines Boykotts Gegner Israels sind oder Israel sogar hassen. Unsere Motivation ist genau entgegengesetzt: sie besteht in der Liebe zu Israel und im Wunsch, es zu retten.<\/p>\n<p>Theodor Herzl, der Begr\u00fcnder des Zionismus, war seinerzeit entsetzt \u00fcber den ethno-religi\u00f6sen Fanatismus, den er in S\u00fcdafrika vorfand. Er schrieb folgendes: &#8218;Wir wollen keinen Burenstaat, sondern ein Venedig.&#8216; (1)<\/p>\n<p>Amerikanische Zionisten m\u00fcssen heute Druck auf Israel aus\u00fcben, um Herzls Vision zu bewahren &#8211; und um Israel zu retten.&#8220;<\/p>\n<p>(1) Theodor Herzl: From Assimilation to Zionism. By Jacques Kornberg, Indiana University Press, Bloomington und Indinapolis 1993, S. 168<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie haben es auf die Meinungsseite der Washington Post geschafft: Steven Levitsky, Professor f\u00fcr Politologie an der Harvard University und Glen Weyl, assistant professor f\u00fcr Wirtschafts- und Rechtswissenschaften an der University of Chicago. Sie sind Zionisten und unternehmen es trotzdem, &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=2487\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-2487","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2487","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2487"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2487\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2497,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2487\/revisions\/2497"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2487"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2487"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2487"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}