{"id":2747,"date":"2016-02-16T10:15:52","date_gmt":"2016-02-16T09:15:52","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=2747"},"modified":"2016-03-15T21:41:41","modified_gmt":"2016-03-15T20:41:41","slug":"youth-against-settlements-aus-hebron-waren-in-bremen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=2747","title":{"rendered":"&#8222;Youth Against Settlements (YAS)&#8220; aus Hebron waren in Bremen"},"content":{"rendered":"<p>ngg_shortcode_0_placeholderHebron ist (nach Ost-Jerusalem) die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt im Westjordanland. Mit ihren rd. 200.000 Einwohnern war und ist es auch heute noch ein wichtiges \u00f6konomisches und kulturelles Zentrum. Hebron hat eine uralte und &#8211; wie in Pal\u00e4stina \u00fcblich &#8211; sehr bewegte Geschichte. Der biblischen \u00dcberlieferung zufolge liegen hier die Erzv\u00e4ter Abraham, Isaak und Jakob sowie ihre Frauen Sara, Rebekka und Lea in der H\u00f6hle Machpela begraben. Hebron ist das \u00e4lteste und ein wichtiges religi\u00f6ses Heiligtum f\u00fcr das Judentum, das Christentum und den Islam als den drei abrahamitischen Religionen. \u00dcber der H\u00f6hle Machpela wurde &#8211; in j\u00fcngerer Zeit &#8211; zun\u00e4chst eine j\u00fcdische Pilgerst\u00e4tte, dann eine byzantinische Kirche, die sp\u00e4ter in eine Moschee umgewandelt wurde, die dann von den Kreuzrittern zerst\u00f6rt und (wieder) durch eine Kirche ersetzt wurde. Seit dem Sieg Saladins (eines Kurden) 1187 \u00fcber die Kreuzritter ist die Kirche eine Moschee. Die ber\u00fchmte Ibrahim Moschee gilt als die \u00e4lteste religi\u00f6se St\u00e4tte, die noch regelm\u00e4\u00dfig genutzt wird.<!--more--><\/p>\n<p><b>Am 25. Februar 1994 drang Baruch Goldstein,<\/b><\/p>\n<p>ein j\u00fcdischer Arzt und national-religi\u00f6ser Fanatiker, mit einem automatischen Gewehr in die uralte Moschee ein. Er erschoss 29 der Betenden, verwundete 150, wurde, bevor er nachladen konnte, von den \u00dcberlebenden \u00fcberw\u00e4ltigt und schlie\u00dflich mit einem Feuerl\u00f6scher erschlagen. Das Massaker ersch\u00fctterte Israel und Pal\u00e4stina. In Hebron breiteten sich sofort danach Unruhen aus. Die israelische Armee verh\u00e4ngte nur f\u00fcr die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung &#8211; aber nicht f\u00fcr die Siedler &#8211; eine mehrmonatige Ausgangssperre. Die Moschee wurde f\u00fcr sieben Monate geschlossen und eine H\u00e4lfte zu einer Synagoge umgebaut. Nur noch zwei von den urspr\u00fcnglich sieben Eing\u00e4ngen stehen heute den muslimischen Gl\u00e4ubigen und Besuchern offen. Sie m\u00fcssen zwei Checkpoints der Armee passieren und sich Durchsuchungen, Befragungen und h\u00e4ufig Dem\u00fctigungen durch die Soldaten gefallen lassen.<\/p>\n<p>Es ist kaum zu glauben, aber dem Massenm\u00f6rder wurde in der nahen Siedlung Kirjat Arba ein Denkmal gesetzt. Spiegel-online (01.10.1999) beschrieb es so: &#8222;Goldsteins Grab k\u00f6nnte pr\u00e4chtiger, erhabener kaum sein. Es liegt am Eingang von Kirjat Arba auf einem H\u00fcgel mit weitem Blick \u00fcber das biblisch steinige Land &#8230; Auf dem h\u00f6chsten Punkt der Anlage ist ein Achteck gepflastert, das von steinernen Schreinen f\u00fcr Gebetb\u00fccher und Gedenkkerzen und einem rituellen Waschplatz ges\u00e4umt wird. Darin eingelassen ein Marmorblock mit einer Grabplatte, die Inschrift in alttestamentarischem Hebr\u00e4isch: &#8218;Hier liegt Doktor Baruch Kappel Goldstein, ein Heiliger. Ohne Fehl und mit reinem Herzen opferte er sich f\u00fcr sein Volk, die Thora und das Land Israel. M\u00f6ge Gott diesen Gerechten segnen, sein Blut r\u00e4chen, seiner Seele ewige Ruhe geben.'&#8220; Das Denkmal ist in der israelischen Gesellschaft umstritten; es wurde einmal von der Armee abgerissen und einmal wieder aufgebaut. Der Goldstein-Kult, vor allem unter den national-religi\u00f6sen Siedlern in Kirjat Arba, ist ungebrochen und dauert bis heute an.<\/p>\n<p><b>In Hebron haben sich an die 500 besonders radikale Siedler in vier kleineren Siedlungen mitten in der Altstadt<\/b><\/p>\n<p>in verschiedenen H\u00e4usern festgesetzt; 7000 Isarelis wohnen in der gro\u00dfen Siedlung Kirjat Arba. Das israelische Milit\u00e4r hat in der Stadt ein komplexes System der \u00dcberwachung und Kontrolle \u00fcber alle Bewegungen der Bewohner errichtet, welches sich laufend \u00e4ndert. Das &#8222;H-1&#8220;-Gebiet steht unter der Kontrolle der Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde, das &#8222;H-2&#8220;-Gebiet unter Kontrolle der Armee. \u00dcber die gesamte Stadt, besonders \u00fcber die Altstadt, ist ein Netz von Checkpoints, Beobachtungst\u00fcrmen, Stra\u00dfen- und Durchgangssperren gelegt. Einige Viertel k\u00f6nnen nur von ihren Bewohnern betreten werden, die sich mit den ihnen zugeteilten Nummern an den Checkpoints, wo sie durchsucht, befragt und oft schikaniert werden, ausweisen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><b>Die Shuhada-Stra\u00dfe<\/b>,<\/p>\n<p>einst eine lange und lebendige Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe, ist heute tot, eine Geisterstra\u00dfe. Die Gesch\u00e4fte sind geschlossen und die Eng\u00e4nge und Schaufenster zugeschwei\u00dft. Jeden Tag m\u00fcssen ihre Bewohner an den Checkpoints warten, was Stunden dauern kann, bis sie von den Soldaten und Soldatinnen durchgelassen werden. Auf Kinder, Alte und Kranke wird keine R\u00fccksicht genommen. Es kann Stunden dauern, bis in einem Notfall ein Rettungswagen durchgelassen wird. In einer Stra\u00dfe in der Altstadt kommen die Schikanen auch von den oberen Stockwerken einiger H\u00e4user, die jetzt von j\u00fcdischen Siedlern bewohnt werden. &#8222;Die Siedler werfen hei\u00dfes \u00d6l, Urin, St\u00fchle, Sofas, M\u00fcll oder was immer sich durch die Fenster werfen l\u00e4sst, hinunter. Und die Soldaten beobachten dieses Treiben von ihren Wachtt\u00fcrmen und mit ihren Kameras. Zum Schutz der Ladeninhaber und ihrer Kunden musste eine Konstruktion aus Drahtnetzen errichtet werden.&#8220; (Ausstellungsbrosch\u00fcre &#8222;Ghost Town, Hebron&#8220;, S. 37)<\/p>\n<p>Seit der Besetzung der ersten Wohnungen und H\u00e4user durch israelische radikale Siedler in Hebron sind Gewaltt\u00e4tigkeiten aller Art an der Tagesordnung: &#8222;Beschimpfungen, Pr\u00fcgeleien, das Werfen mit Steinen und mit M\u00fcll, das Vergiften von Brunnen, der Versuch, Bewohner mit Autos anzufahren, Sch\u00fcsse aus Gewehren, Zerst\u00f6rung von Eigentum, Behinderungen bei der Ernte, das Ausrei\u00dfen oder Verbrennen von Olivenb\u00e4umen &#8230; Viele Attacken werden von Minderj\u00e4hrigen ausgef\u00fchrt.&#8220; (Ausstellungsbrosch\u00fcre &#8222;Ghost Town, Hebron&#8220;, S. 32) Schikane und Erniedrigungen der unterschiedlichsten Art werden auch von Soldaten und der Polizei an den Checkpoints oder sonstwo bei Personenkontrollen ausge\u00fcbt.<\/p>\n<p>ngg_shortcode_1_placeholder<br \/>\n<em>(Hebron im M\u00e4rz 2014)<\/em><\/p>\n<p><b>Die Altstadt von Hebron<\/b><\/p>\n<p>ist heute eine Geisterstadt. Die Fotos und die Filme, die in der Ausstellung gezeigt werden, k\u00f6nnen nur einen blassen Eindruck dessen vermitteln, was f\u00fcr die Bewohner ihr qu\u00e4lender und schikan\u00f6ser Alltag geworden ist. Wer als Besucher hier durchgef\u00fchrt wird, wie der Schreiber dieses Berichtes, ist schockiert. Der Schock ist nachhaltig. In Hebron zeigt die israelische Besatzung ihre h\u00e4sslichste Fratze.<\/p>\n<p><b>&#8222;Youth Against Settlements&#8220;<\/b><\/p>\n<p>wurde 2008 in Hebron gegr\u00fcndet. Die Gruppe hat sich der Gewaltlosigkeit verschrieben, Sie organisiert Aktionen des zivilen Ungehorsams und direkte Hilfen f\u00fcr die Bewohner. Ihr j\u00fcngster Erfolg ist die Errichtung eines Kindergartens in einem alten wieder hergerichteten Haus f\u00fcr 27 Kinder. Das Ziel der Gruppe ist es, die Bewohner zu ermutigen, Widerstand zu leisten, dem Druck durch die Besatzung nicht nachzugeben und zu bleiben. Ein wichtiges Ereignis ist die j\u00e4hrlich stattfindende &#8222;Open Shuhada-Street Campaign&#8220;. Das &#8222;Somod-Center&#8220; mitten im H-2-Gebiet ist zu einem beliebten Treffpunkt mit vielen Aktivit\u00e4ten des zivilen Widerstands geworden. Dazu geh\u00f6ren Aktivit\u00e4ten f\u00fcr Kinder, Sprachkurse f\u00fcr englisch und hebr\u00e4isch, Rechtskunde, soziale Medien, Kurse f\u00fcr Fotografie und Video und nat\u00fcrlich &#8222;social events&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Youth Against Settlements&#8220; hat f\u00fcr den Februar 2016 eine Wanderausstellung organisiert, die am 15. Februar ihre Premiere im Gemeindezentrum St. Pauli in Bremen-Neustadt hatte. Die n\u00e4chsten Orte sind Berlin (17. &#8211; 18.02. und 24. &#8211; 28.02.), Jena (19. &#8211; 20.02.), Schneeberg im Erzgebirge (22. &#8211; 23.02) und im Wendland (29.02.) Die Ausstellung hei\u00dft &#8222;Ghost Town, Hebron&#8220;. Sie wurde von YAS, der Hochschule f\u00fcr Design in Karlsruhe und von Fee Schreier (die &#8222;Kurve&#8220; in Wustrow) entwickelt und will einen Eindruck vom Leben unter der Besatzung mit fast lebensgro\u00dfen Fotos und von den Jugendlichen selbst produzierten Videos auf zwei gro\u00dfen Bildschirmen vermitteln. Die ausgestellten Materialien stammen von jungen Hebroner AktivistInnen, die teilweise zum ersten Mal mit professionellen Film- und Fotokameras arbeiteten. Die Ausstellung ist Teil der &#8222;SpeAction Tour&#8220; von YAS, die ihrerseits Teil der Open Shuhada Street Kampagne ist.<\/p>\n<p><b>Murad Amro und Jawal Abuaishah<\/b><\/p>\n<p>waren die beiden jungen Pal\u00e4stinenser aus Hebron, die anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung der Ausstellung am 15. Februar ihre Pr\u00e4sentation zeigten und von ihrem Leben und ihren Aktivit\u00e4ten erz\u00e4hlten. Ihre Argumentation war sehr einfach und sehr eindringlich: sie konfrontierten ihre Lebensrealit\u00e4t mit den wichtigsten Artikeln aus der Menschenrechtskonvention (verabschiedet von der UNO am 10.12.1948) und mit Ausz\u00fcgen aus dem Besatzungsrecht f\u00fcr Sieger. Diese Grunds\u00e4tze des internationalen Rechts w\u00fcrden f\u00fcr alle Menschen gelten, warum also nicht auch f\u00fcr die Menschen in den von Israel besetzten Gebieten?<\/p>\n<p><b>In der Schule am Leibnitzplatz<\/b><\/p>\n<p>war am Vormittag ein Treffen mit dem Leistungskurs Geschichte der 12. Klasse organisiert worden. Einige Kontakte zur Schule gab es schon vorher; denn einige Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler hatten die YAS schon im letzten Jahr hier getroffen und waren zu einem Sch\u00fcleraustausch in Haifa gewesen. Die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen sahen sich zuerst die Ausstellung an und machten sich dann an ein Rollenspiel. So schl\u00fcpften sie in die Rollen von israelischen Soldaten, Polizisten, Siedlern und pal\u00e4stinensischen Bewohnern, so wie sie sich in verschiedenen Situationen an den Checkpoints begegnen. Auch hier war die Premiere in Bremen, denn das Rollenspiel soll auch an den anderen Orten der Wanderausstellung stattfinden. Ausgedacht und die Rollen entwickelt hatte <b>Thimna Bunte<\/b>. Wie sie erz\u00e4hlte, wurde von den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern begeistert mitgespielt. Sie h\u00e4tten auf diese Art auch emotional empfinden, was es hei\u00dft, heute in Hebron zu leben. Thimna arbeitet seit f\u00fcnf Jahren in Bethlehem als Friedensfachkraft, hat die Ausstellung mit organisiert und sich um Vortr\u00e4ge, Schulworkshops und Lobby-Besuche bei der Politik und Diplomatie gek\u00fcmmert. Finanziert wird die Ausstellung von der &#8222;Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung in Pal\u00e4stina und Jordanien&#8220; und von der &#8222;Kurve&#8220; in Wustrow im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) und des Projektes &#8222;Gewaltfreie Initiativen St\u00e4rken&#8220;.<\/p>\n<p>In Bremen wurde die Ausstellung und die Veranstaltungen unterst\u00fctzt von: AK Nahost Bremen, biz Bremen, Bremer Friedensforum, Deutsch-Pal\u00e4stinensische Gesellschaft Bremen, Ecumenical Accompaniment Programme for Palstine and Israel (EAPPI), Human Rights Group of Kurve Wustrow, ICAHD Gruppe Bremen, Nahost-Forum Bremen, Palstinian Missio Berlin, Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin und Scales for Justice.<\/p>\n<p>Die G\u00e4ste aus Hebron waren in der Jugenbildungsst\u00e4tte &#8222;LidiceHaus&#8220; untergebracht und\u00a0 wurden von Anette Klasing betreut, die auch die Moderation an diesem Abend \u00fcbernommen hatte. Leider &#8211; so ist zum Schluss anzumerken &#8211; haben die Bremer Medien von diesem Abend im Gemeindezentrum St. Pauli fast keine Notiz genommen; entsprechen gering war die Besucherzahl.<br \/>\n<i>Heinz Bocher<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hebron ist (nach Ost-Jerusalem) die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt im Westjordanland. Mit ihren rd. 200.000 Einwohnern war und ist es auch heute noch ein wichtiges \u00f6konomisches und kulturelles Zentrum. 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