{"id":2909,"date":"2016-04-27T09:29:39","date_gmt":"2016-04-27T07:29:39","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=2909"},"modified":"2016-04-27T09:31:42","modified_gmt":"2016-04-27T07:31:42","slug":"2909","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=2909","title":{"rendered":"Mit terroristischer Pr\u00e4zision. In \u00bbMethode und Wahnsinn\u00ab schildert Norman Finkelstein die Massaker der israelischen Armee im Gazastreifen"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Felicia Langer<br \/>\n<\/em>Norman Finkelstein analysiert in seiner j\u00fcngsten Buchver\u00f6ffentlichung die Hintergr\u00fcnde der Angriffe der israelischen Armee auf Gaza. Er schildert die drei Massaker, die Israel in den letzten f\u00fcnf Jahren ver\u00fcbt hat: die Operationen \u00bbGegossenes Blei\u00ab von 2008\/2009, \u00bbS\u00e4ule der Verteidigung\u00ab von 2012 und \u00bbFels in der Brandung\u00ab von 2014. Er beschreibt auch, wie Israel 2010 beim Abfangen der \u00bbMavi Marmara\u00ab, eines mit Hilfsg\u00fctern f\u00fcr Gazas notleidende Bev\u00f6lkerung beladenen Schiffes, acht ausl\u00e4ndische Staatsb\u00fcrger t\u00f6tete.<!--more--><\/p>\n<p>Ethan Bronner, Nahost-Korrespondent der <em>New York Times<\/em>, war mit Blick auf israelische Quellen zu dem Schluss gelangt, dass das \u00fcbergeordnete Ziel Israels die Wiederherstellung der Abschreckungsf\u00e4higkeit gewesen sei. Finkelstein zitiert israelische Kommentatoren und folgert, dass Israel sich mit den Gaza-\u00dcberf\u00e4llen und der Bombardierung Libanons 2006 vorgenommen hatte, \u00bbden Libanon um 20 Jahre zur\u00fcckzuwerfen\u00ab, und sich dar\u00fcber freute, \u00bbdass es gelungen sei, Gaza in die vierziger Jahre zu katapultieren\u00ab.<\/p>\n<p>Israel hatte es also darauf abgesehen, den Pal\u00e4stinensern eine blutige Lektion zu erteilen: Wir k\u00f6nnen euch angreifen und schlagen, wie wir wollen, ohne R\u00fccksicht auf V\u00f6lkerrecht und Genfer Konventionen. Au\u00dferdem versch\u00e4rfte es seine Blockade von Gaza. Mary Robinson, von 1997 bis 2002 UN-Hochkommissarin f\u00fcr Menschenrechte, bekundete ihr Entsetzen \u00fcber die Auswirkungen des Embargos: \u00bbGazas gesamte Zivilisation wurde vernichtet, das kann ich ohne \u00dcbertreibung sagen.\u00ab<\/p>\n<p>In dem Kapitel \u00bbBestrafen, Erniedrigen und Terrorisieren (2011)\u00ab befasst sich Finkelstein mit der Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrates zu den Vorw\u00fcrfen von Kriegsverbrechen w\u00e4hrend der Operation \u00bbGegossenes Blei\u00ab, der sogenannten Goldstone-Kommission. Ihr Leiter und Namensgeber Richard Goldstone war u.\u2009a. Richter am s\u00fcdafrikanischen Verfassungsgericht. Zwar machte er sp\u00e4ter unter massivem Druck einen R\u00fcckzieher und distanzierte sich von dem Bericht, aber seine Kollegen in der Untersuchungskommission bestehen weiterhin auf der Richtigkeit der Ergebnisse, die Israel schwer belasten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die israelische Operation \u00bbS\u00e4ule der Verteidigung\u00ab nahm am 14. November 2012 ihren Anfang. Dieses Mal wurde die Absicht nicht verschwiegen: Israel wollte offiziell seine Abschreckungsf\u00e4higkeit wiederherstellen. Weil die Me\u00addien stets dabei waren, wurden die Angriffe beschr\u00e4nkt. W\u00e4hrend des achtt\u00e4gigen Angriffes wurden rund 70\u00a0pal\u00e4stinensische Zivilisten get\u00f6tet \u2013 sogenannte Kollateralsch\u00e4den. Der israelische Angriff wurde mit einer Waffenruhe beendet, die Notwendigkeit einer Aufhebung der Gaza-Blockade war kein Thema.<\/p>\n<p>Die Operation \u00bbFels in der Brandung\u00ab begann am 8. Juli 2014. Kurz zuvor hatten sich die Fatah um den Pr\u00e4sidenten der Autonomiebeh\u00f6rde in Ramallah, Mahmud Abbas, und die in Gaza regierende Hamas auf eine Einheitsregierung geeinigt. Der israelische Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanjahu nahm dies als Vorwand, Gaza mit Tod und Zerst\u00f6rung gewaltigen Ausma\u00dfes zu \u00fcberziehen. Er setzte seine Truppen f\u00fcr eine Bodenoffensive in Marsch. \u00bbIch habe noch nie so massive Zerst\u00f6rungen gesehen\u00ab, sagte Peter Maurer, Pr\u00e4sident des Internationalen Roten Kreuzes. UN-Generalsekret\u00e4r Ban Ki Moon erkl\u00e4rte: \u00bbDas gewaltige Ausma\u00df von Tod und Zerst\u00f6rung in Gaza hat die Welt schockiert und besch\u00e4mt.\u00ab Dennoch hatte das Wei\u00dfe Haus offensichtlich Netanjahu freie Hand gegeben, Gaza ein weiteres Mal in Schutt und Asche zu legen.<\/p>\n<p>Der Autor schreibt: \u00bbDie Operation Fels in der Brandung zog sich noch drei Wochen hin, nachdem Benjamin Netanjahu das Ende der Bodenoffensive verk\u00fcndet hatte. Er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, der Hamas eine Niederlage beizubringen, indem er sie zerm\u00fcrbte \u2013 mit gewaltigem Luftbombardement, einer Unzahl ziviler Opfer und Mordanschl\u00e4gen auf hohe Hamas-Milit\u00e4rs. Weil die westlichen Medien ihre Aufmerksamkeit nach der Enthauptung eines US-amerikanischen Journalisten dem \u203aIslamischen Staat\u2039 zuwandten und das Gaza-Massaker im Nachrichtenbetrieb so behandelt wurde, als g\u00e4be es dar\u00fcber wenig Spannendes oder Neues zu berichten, war Israel imstande, sich wieder seinen terroristischen Pr\u00e4zisionsschl\u00e4gen zu widmen, und zwar mit gr\u00f6\u00dferer Unbek\u00fcmmertheit denn je: Mehrst\u00f6ckige Wohnh\u00e4user wurden, als w\u00e4r\u2019s ein Videospiel, dem Erdboden gleichgemacht, wobei man sich nicht einmal sonderlich M\u00fche gab, sie als legitime milit\u00e4rische Ziele darzustellen.\u00ab Dessenungeachtet setzte die Hamas ihren Beschuss Israels fort, wodurch weitere israelische Zivilisten ums Leben kamen. Am 26.\u00a0August 2014 trat eine Waffenruhe in Kraft. Als das Massaker vor\u00fcber war, hatte Israel 2.200 Pal\u00e4stinenser get\u00f6tet, zu 70 bis 75 Prozent Zivilisten.\u00ab Der Gazastreifen ist mittlerweile ein Tr\u00fcmmerfeld. Die UNO prognostizierte im September 2015, sp\u00e4testens 2020 werde Gaza unbewohnbar sein. Gleichwohl wurde Netanjahu im vergangenen Jahr von den USA mit einer Verdopplung der Milit\u00e4rhilfe f\u00fcr Israel belohnt. Sein Wahnsinn hat demnach Methode.<\/p>\n<p>Im Gegenzug fragt Finkelstein: \u00bbWenn eine Million Gaza-Kinder einen Demonstrationszug anf\u00fchrten, (\u2026) was, wenn die unz\u00e4hligen Pal\u00e4stina-Unterst\u00fctzer zu Hunderttausenden aus aller Welt k\u00e4men, um gleichzeitig die Hauptquartiere der Vereinten Nationen in New York und Genf zu umzingeln und lahmzulegen?\u00ab Gegen breitangelegten gewaltfreien Widerstand spreche h\u00f6chstens, dass man ihn noch nicht versucht habe. \u00bbHat er wenigstens eine Chance verdient?\u00ab so die rhetorische Frage des Autors am Ende des fesselnden Buches.<\/p>\n<p><strong><em><\/em>Norman Finkelstein: Methode und Wahnsinn. Die Hintergr\u00fcnde der israelischen Angriffe auf Gaza. Laika-Verlag, Hamburg 2016, 152 S., 19 Euro<\/strong><\/p>\n<p>Quelle (mit frendlicher Genehmigung): <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/2016\/04-25\/061.php?sstr=\" target=\"_blank\">junge Welt v. 26.04.16<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Felicia Langer Norman Finkelstein analysiert in seiner j\u00fcngsten Buchver\u00f6ffentlichung die Hintergr\u00fcnde der Angriffe der israelischen Armee auf Gaza. 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