{"id":3295,"date":"2016-08-21T10:38:02","date_gmt":"2016-08-21T08:38:02","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=3295"},"modified":"2016-08-21T18:28:37","modified_gmt":"2016-08-21T16:28:37","slug":"uri-avnery-ueber-olympia-zwei-bronzemedaillen-juedischen-stolz-diaspora-juden-in-berlin-die-unterscheidung-von-juden-und-hebaeern-u-v-a-m","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=3295","title":{"rendered":"Uri Avnery \u00fcber Olympia, Bronzemedaillen, j\u00fcdischen Stolz, Diaspora-Juden in Berlin, die Unterscheidung von &#8222;Juden&#8220; und &#8222;Hebr\u00e4ern&#8220; u.v.a.m"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 110px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/16-08-20-gush-shalom-anzeige.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"  \" alt=\"\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/16-08-20-gush-shalom-anzeige.jpg\" width=\"100\" height=\"155\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">eine neue Anzeige in Ha&#8217;aretz<\/p><\/div>\n<p>DIE SZENE am Ben Gurion-Flughafen dieser Woche war ziemlich erstaunlich. Mehr als ein Tausend m\u00e4nnlicher Fans kamen, um zwei israelische Judok\u00e4mpfer \u2013 ein weiblicher und ein m\u00e4nnlicher &#8211; willkommen zu hei\u00dfen. Sie hatten beide bei den Olympischen Spielen in Rio eine Bronze-Medaille gewonnen. Es war ein sehr lauter Empfang. Die Menge wurde wild, schrie, stie\u00df, erhob die F\u00e4uste.<\/p>\n<p>Doch Judo ist in Israel kein sehr popul\u00e4rer Sport. Die israelischen Sportbegeisterten dr\u00e4ngen sich bei Fu\u00dfballspielen wie auch in Basketballpl\u00e4tzen. Doch bei diesen beiden Sportarten ist Israel weit davon entfernt, irgendwelche Medaillen zu gewinnen.<!--more--><\/p>\n<p>So wurden israelische Mengen pl\u00f6tzlich Judo-Fans (einige nannten es \u201eJehudo\u201c).Leute, die nicht wild begeistert waren, wurden als Verr\u00e4ter angesehen. Wir h\u00f6rten nichts \u00fcber Judo-K\u00e4mpfer, die die Gold- oder Silber-Medaille bekamen. Gab es da irgendwelche?<\/p>\n<p>WIR K\u00d6NNEN uns nur vorstellen, was geschehen w\u00e4r, wenn die israelische Olympia-Mannschaft arabische Athleten eingeschlossen h\u00e4tte. Araber? In unserer Mannschaft ?<\/p>\n<p>Stimmt, die Araber bilden etwa 20% der israelischen Bev\u00f6lkerung und einige sind im Sport sehr aktiv. Aber Gott \u2013 oder Allah \u2013 retteten uns vor diesen Kopfschmerzen. Keiner schaffte es nach Rio.<\/p>\n<p>Doch da gibt es noch eine andere Frage, der Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Israel ist nach seiner offiziellen Definition ein \u201ej\u00fcdischer Staat\u201c. Er behauptet, dem j\u00fcdischen Volk zu geh\u00f6ren. Er betrachtet sich selbst in einer Weise als das Hauptquartier des \u201eWeltjudentums\u201c.<\/p>\n<p>Warum hat also keiner in Israel das geringste Interesse an Medaillen, die von Juden und J\u00fcdinnen in andern nationalen Delegationen gewonnen wurden? Wo ist die j\u00fcdische Solidarit\u00e4t? Wo bleibt der j\u00fcdische Stolz?<\/p>\n<p>Nun, er existiert einfach nicht, wo es z\u00e4hlt. Bei den Olympischen Spielen, einem h\u00f6chst nationalistischen Ereignis, k\u00fcmmert sich niemand um die Diaspora-Juden.<\/p>\n<p>Zur H\u00f6lle mit ihnen.<\/p>\n<p>Es scheint, dass im Sport, mehr als anderswo der Unterschied zwischen Israelis und Juden fundamental ist. Tats\u00e4chlich so fundamental, dass nicht einmal die Frage gestellt wird. Wer k\u00fcmmert sich darum.<\/p>\n<p>DIE FRAGE wurde im Verlauf einer Debatte gestellt, die k\u00fcrzlich auftauchte. Es begann mit einem kleinen Artikel von mir in der liberalen israelischen Zeitung: Haaretz. Ich deutete darauf hin, dass einige der besten und intelligentesten der israelischen Jugendlichen ausgewandert seien und in fremden L\u00e4ndern Wurzeln fassen w\u00fcrden. Seltsamerweise ist ihr gr\u00f6\u00dfter Wunsch f\u00fcr eine neue Heimat Deutschland und die beliebteste Stadt ist Berlin. Ich bat die Emigranten h\u00f6flich, zur\u00fcckzukommen. Und an dem Kampf teilzunehmen, um \u201eIsrael vor sich selbst zu retten\u201c.<\/p>\n<p>Einige der Israelis in Berlin lehnten h\u00f6flich ab. Nein, Danke, sagten sie. Sie f\u00fchlen sich in der fr\u00fcheren Reichshauptstadt zu Hause und haben absolut keine Absicht, nach Israel zur\u00fcckzukommen.<\/p>\n<p>Ich war von der Tatsache ber\u00fchrt, dass keiner der Schreiber die j\u00fcdische Gemeinde in Berlin oder anderswo auch nur erw\u00e4hnte. Sie sehen sich selbst nicht als Mitglieder der weltweiten j\u00fcdischen Gemeinde, sondern eher als Mitglied einer neuen israelischen Diaspora: wie die meisten Israelis hegten sie eine geheime Verachtung f\u00fcr Diaspora -Juden.<\/p>\n<p>Aber dies kann nicht anhalten. Au\u00dfer f\u00fcr jene, die sich vollst\u00e4ndig von der Religion und Tradition befreit haben, ben\u00f6tigen die Israelis im Ausland noch immer einen Rabbi um verheiratet zu werden und ihren neugeborenen Sohn beschneiden zu lassen und am Ende um auf einem j\u00fcdischen Friedhof beerdigt zu werden. \u00dcber kurz oder lang werden sie ein volles Mitglied der lokalen j\u00fcdischen Gemeinde.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Juden wird der ganze Prozess innerhalb von sechs oder sieben Generationen beendet worden sein \u2013 vom Diasporajuden zum Israeli, vom Israeli zur\u00fcck zum Diaspora-Juden.<\/p>\n<p>DER GR\u00dcNDER des politischen Zionismus, Theodor Herzl, glaubte, dass nach der Errichtung des \u201eJudenstaates\u201c (nicht unbedingt in Pal\u00e4stina), alle Juden der Welt dorthin gehen und dort siedeln w\u00fcrden. Diejenigen, die nicht dorthin gehen, w\u00fcrden sich in dem Land, in dem sie lebten, assimilieren und aufh\u00f6ren, Jude zu sein.<\/p>\n<p>Dies war eine einfache Idee, weil Herzl eine naive Person war, die sehr wenig \u00fcber die Juden wusste. Deshalb stellte er sich einen zuk\u00fcnftigen Unterschied zwischen den Juden im j\u00fcdischen Staat und all den anderen nicht vor, die dort blieben, wo sie waren oder in andere L\u00e4nder emigrierten wie z.B. in die USA. Der Terminus \u201eJude\u201c bedeutete vielen verschiedene Dinge.<\/p>\n<p>Die Juden waren stolz, \u00fcber ein \u201ej\u00fcdisches Volk\u201c zu reden, \u00fcber ein einzigartiges Volk, das \u00fcber die ganze Welt zerstreut war. Tats\u00e4chlich gab es nichts Einzigartiges dar\u00fcber: dies war die normale Situation im byzantinischen Reich und sp\u00e4ter im ottomanischen Kalifat. Einige Aspekte wurden im britischen Mandat aufrecht erhalten und bestehen sogar heute noch in den Gesetzen Israels.<\/p>\n<p>Unter diesem System, das von den T\u00fcrken \u201eMillet\u201c genannt wurde, waren die V\u00f6lker keine territoriale Einheit, sondern geographisch zerstreute religi\u00f6se Gemeinschaften, die von ihren eigenen religi\u00f6sen F\u00fchrern regiert wurden, und dem Kaiser oder Sultan unterworfen waren. Die Juden waren diesbez\u00fcglich nicht anders als die Hellenisten, den verschiedenen christlichen Sekten oder sp\u00e4ter die Muslime.<\/p>\n<p>Erst mit dem Kommen moderner Nationen, die sich auf Territorien gr\u00fcnden, wurden die Juden fast einzigartig. Andere religi\u00f6se Einheiten reformierten sich selbst und wurden moderne V\u00f6lker. Die hartn\u00e4ckigen Juden wiesen die Ver\u00e4nderung ab und blieben eine ethnisch-religi\u00f6se Einheit.<\/p>\n<p>Herzl und seine Anh\u00e4nger wollten dies ver\u00e4ndern und versp\u00e4tet Juden in eine moderne Nation bringen, mit einem eigenen \u201eVaterland\u201c. Das war die Bedeutung des Zionismus\u2018.<\/p>\n<p>Warum machten sie keine klare Unterscheidung zwischen den Mitgliedern ihrer neuen Nationen und den Juden in aller Welt? Nun, es gab nie eine zionistische Ideologie wie die marxistische. Sie bef\u00fcrchteten auch, dass eine klare Trennung von der j\u00fcdischen Religion ihrer Sache schaden k\u00f6nne. So brachten sie alles durcheinander \u2013 die j\u00fcdische Religion, die j\u00fcdische Diaspora, das j\u00fcdische Volk, der j\u00fcdische Staat \u2013 Das war alles dasselbe.<\/p>\n<p>Die Idee war, wenn man keinen Unterschied zwischen einem Juden in Berlin und einem Juden in Tel Aviv machte, es f\u00fcr Juden in aller Welt einfacher war, nach Israel zu gehen. Keiner dachte \u00fcber die Tatsache nach, dass diese Br\u00fccke zwei Richtungen hatte. Wenn es so einfach war von Berlin nach Tel Aviv zu kommen, war es auch sehr einfach von Tel Aviv nach Berlin zu gehen. Das ist es, was jetzt geschieht.<\/p>\n<p>DIES K\u00d6NNTE nicht geschehen sein, wenn die neue Nation, die vom Zionismus geschaffen wurde, mit einem neuen Namen genannt worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Eine kleine Gruppe von Intellektuellen schlug vor 70 Jahren genau dies vor. Sie wollten die Mitglieder der neuen Nation in Pal\u00e4stina \u201eHebr\u00e4er\u201c nennen, w\u00e4hrend sie die Mitglieder der Diaspora weiter \u2013\u201eJuden\u201c nennen wollten\u201c. Dies wurde von den Zionisten ernsthaft verurteilt. Jedoch hat die Umgangssprache unbewusst diese Unterscheidung adoptiert. Sie setzte sich offiziell nie durch.<\/p>\n<p>Mit der Errichtung des Staates Israel, schien es eine nat\u00fcrliche L\u00f6sung zu geben. Da gab es die j\u00fcdische Diaspora und es gab den Staat Israel. Juden in Israel wurden Israelis und waren stolz darauf. Wenn sie im Ausland gefragt werden, was sie seien, w\u00fcrden sie nat\u00fcrlich \u201e ich bin ein Israeli\u201c antworten, niemals \u201eich bin ein Jude\u201c. Ich glaube, dass ein junger israelischer Auswanderer in Berlin von heute dieselbe Antwort geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Da gibt es aber ein Problem: mehr als 20% der israelischen B\u00fcrger sind Araber. Sind sie in das Konzept der israelischen Nation eingeschlossen? Die meisten von ihnen und fast alle j\u00fcdischen Israelis w\u00fcrden mit einem Nein antworten. Sie betrachten sich selbst als pal\u00e4stinensische Minderheit in Israel.<\/p>\n<p>Die einfache L\u00f6sung w\u00fcrde sein, die \u201eisraelischen Araber\u201c als eine nationale Minderheit mit den vollen Rechten einer Minderheit anzuerkennen. Aber die israelische F\u00fchrung ist v\u00f6llig unf\u00e4hig, dies zu tun. Deshalb haben wir eine ziemlich groteske Situation: die israelische Regierungsregistrierungs-Beh\u00f6rde, die nach der Nationalit\u00e4t des einzelnen fragt, weigert sich, \u201eisraelisch\u201c zu registrieren und besteht auf \u201ej\u00fcdisch\u201c oder \u201e arabisch\u201c. (In Israel bedeutet Nationalit\u00e4t nicht Staatsb\u00fcrgerschaft).<\/p>\n<p>Ein Appell wurde von einer Gruppe israelischer B\u00fcrger (auch von mir) an das Oberste Gericht gegen diese Entscheidung gerichtet, er wurde aber abgelehnt.<\/p>\n<p>Einmal hatte ich dar\u00fcber ein Gespr\u00e4ch mit Ariel Sharon. Ich fragte ihn: \u201eWas bist du als erstes, ein Israeli oder ein Jude?\u201c Er antwortete ohne zu z\u00f6gern: \u201eAls erstes bin ich ein Jude, erst dann ein Israeli.\u201c Meine Antwort war das Gegenteil: \u201eIch bin zuerst ein Israeli, erst dann ein Jude.\u201c<\/p>\n<p>Sharon wurde in einem kommunalen Dorf geboren und wusste fast nichts \u00fcber das Judentum. Er wurde aber im israelischen Bildungssystem erzogen, das v\u00f6llig darauf angelegt ist, Juden zu erziehen..<\/p>\n<p>Falls er heute leben w\u00fcrde, w\u00fcrde Sharon sicherlich den israelischen Judokas gratulieren. Es w\u00e4re ihm nicht eingefallen, nach j\u00fcdischen Olympiasiegern zu fragen.<\/p>\n<p>(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasserautorisiert)<\/p>\n<p>Quelle (mit freundlicher Genehmigung): <a href=\"http:\/\/www.uri-avnery.de\/news\/385\/17\/Olympische-Juden\" target=\"_blank\">http:\/\/www.uri-avnery.de\/news\/385\/17\/Olympische-Juden<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE SZENE am Ben Gurion-Flughafen dieser Woche war ziemlich erstaunlich. Mehr als ein Tausend m\u00e4nnlicher Fans kamen, um zwei israelische Judok\u00e4mpfer \u2013 ein weiblicher und ein m\u00e4nnlicher &#8211; willkommen zu hei\u00dfen. 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