{"id":3523,"date":"2016-09-28T09:19:30","date_gmt":"2016-09-28T07:19:30","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=3523"},"modified":"2016-09-28T09:33:40","modified_gmt":"2016-09-28T07:33:40","slug":"jude-und-palaestinenserin-trotz-aller-unterschiede-geht-eine-zukunft-fuer-israel-und-palaestina-nur-gemeinsam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=3523","title":{"rendered":"Jude und Pal\u00e4stinenserin. Trotz aller Unterschiede geht eine Zukunft f\u00fcr Israel und Pal\u00e4stina nur gemeinsam"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/.premium-1.719296\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" \" alt=\"\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/16-09-28-gemeinsam2.jpg\" width=\"200\" height=\"176\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Ausriss aus Haaretz v. 12.05.2016<\/p><\/div>\n<p align=\"left\">Unser Friede ist ein Puzzle.<br \/>\n<em>von Avraham Burg und Ghaida Rinawie-Zoabi<\/em><\/p>\n<p>Wir sind zwei. Noch sind wir ungleiche Partner. \u00c4hnlich und verschieden. Der eine, ein Mann aus der Mehrheitsgesellschaft, der alles hat. Die andere, eine Frau aus der Minderheit, der man praktisch nichts \u00fcbrig gelassen hat. Und doch sind wir zusammen, um einer menschlichen, gerechten und fairen Zukunft willen, f\u00fcr uns und unsere Kinder.<\/p>\n<p>Ich bin eine Araberin, eine in Israel geborene Pal\u00e4stinenserin. Meine Familie lebt seit Jahrhunderten hier. 1948 haben wir beinahe alles verloren,<!--more--> und wieder einmal gibt es vieles, das wir unseren Kindern vermitteln k\u00f6nnen. Ich bin eine s\u00e4kulare Muslimin, die sich um ihre Kinder und um unsere Lebensumst\u00e4nde sorgt. Ich h\u00fcte die Erinnerungen meiner Vorfahren. Ich vergesse nicht, aber ich lebe auch nicht nur in der Vergangenheit. In diesen Tagen finde ich keine Zuflucht. In den St\u00fcrmen, die \u00fcber den arabischen Staaten toben, ist immer weniger Raum f\u00fcr meine weltliche Einstellung. Als Araberin, stolze Tochter einer traurigen Minderheit, f\u00fchle ich mich zur\u00fcckgewiesen von den g\u00f6nnerhaften j\u00fcdischen Frauen. Und der Nahe Westen hei\u00dft mich als Muslimin nicht wirklich willkommen.<\/p>\n<p align=\"left\">Ich bin ein in Israel geborener Jude, m\u00fctterlicherseits seit acht Generationen in Israel, v\u00e4terlicherseits in erster Generation. Ich wuchs privilegiert auf: ein Mann, ein Aschkenase, Sohn einer Familie der religi\u00f6s-zionistischen Aristokratie und Erw\u00e4hlter der Arbeiterbewegung. Als ich im komfortablen Zentrum des l\u00e4ssigen israelischen Mainstreams lebte, hatte ich mich selbst aufgegeben. Und jetzt, da ich es ablehne, mich \u00fcber Stammeszugeh\u00f6rigkeit, Vererbung, j\u00fcdische Volkszugeh\u00f6rigkeit oder religi\u00f6se Engstirnigkeit definieren zu lassen, bleibt mir kaum mehr als ein Klumpen Erde als Standort.<\/p>\n<p><strong>Mahmoud Darwish &#8211; Rabbi Hillel <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Wir sind zwei, wir sind Zehntausende. ZualIererst sind wir gleich, allen Ungleichheiten zum Trotz. Erst danach kommt all der Rest. Wir wissen: Als die Welt und der Mensch erschaffen wurden, gab es keine Religionen und keine m\u00e4chtigen, ausschlie\u00dfenden Institutionen. Es gab keine Grenzen, und Diskriminierung musste erst noch erfunden werden. Garten Eden wurde es genannt, und das ist der Ort, zu dem wir gehen wollen.<\/p>\n<p align=\"left\">Ich begreife, dass ich, wenn ich in rigiden Definitionen gefangen bleibe, mein Selbst teilweise aufgeben muss, um absolut und einseitig zu werden und meinen Partner zu bek\u00e4mpfen. Doch f\u00fchle ich mich dem verpflichtet, was der verstorbene pal\u00e4stinensische Dichter Mahmoud Darwish einmal sagte: ,,Wenn es keinen Fremden in meiner Identit\u00e4t gibt, erkenne ich mich nicht selbst. Ich kann nur definiert werden durch die dialektische Beziehung zwischen mir und dem anderen. W\u00e4re ich alleine, ohne einen Mitmenschen, was w\u00fcrde ich verstehen? Ich w\u00e4re angef\u00fcllt mit mir selbst, mit meiner eigenen Wahrheit&#8230;&#8220; Jeden Tag danke ich neu f\u00fcr meinen j\u00fcdischen Partner. Denn wenn nicht f\u00fcr ihn, so w\u00e4re ich allein unterwegs mit dem Gef\u00fchl, selbstgerecht und gnadenlos \u00fcber andere urteilen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"left\">Die Lehre von Hillel, einem Rabbiner, der hundert Jahre vor der Zeitenwende geboren wurde, ist meine Identit\u00e4t: &#8222;Was f\u00fcr dich verabscheuungsw\u00fcrdig ist, das f\u00fcge keinem anderen zu&#8220; und: &#8222;Wenn ich nicht f\u00fcr mich bin, wer ist dann f\u00fcr mich? Wenn ich nur f\u00fcr mich bin, was bin ich dann? Und wenn nicht jetzt, wann dann?&#8220; In Martin Bubers Auslegung hei\u00dft das: Der Himmel hat verboten, dass wir anderen antun, was uns angetan wurde. Wir m\u00fcssen uns selber sehen, als w\u00e4ren wir in der Lage des Anderen, des Fremden, und wir m\u00fcssen uns mit seiner Seele verbinden, als w\u00e4re es unsere eigene. ,,Ich muss bekennerf&#8216;, schrieb Buber, ,,ich bin entsetzt dar\u00fcber, wie wenig wir die Araber kennen.&#8220; Jeden T\u00e4g bin ich meiner pal\u00e4stinensischen Partnerin dankbar, denn anders w\u00e4ren meine demokratischen und humanistischen \u00dcberzeugungen l\u00e4ngst ausgel\u00f6scht.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Gemeinsam versprechen wir&#8230;<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Wir begreifen, dass weiterzuleben von uns verlangt, bestimmte Dinge hartn\u00e4ckig zu bewahren, und dass es Dinge gibt, die aufzugeben wesentlich ist &#8211; f\u00fcr etwas, das weitaus besser ist. Zuerst und vor allem verzichten wir auf Exklusivit\u00e4t. Keiner von uns hat ein Monopol auf Leid und Schrecken. Es gab einen Holocaust, und es gab eine Nakba, die die Pal\u00e4stinenser bei der Gr\u00fcndung des Staates Israel erlitten. Wir vergleichen nicht, wer\u00a0 mehr gelitten hat. Jeder von uns tr\u00e4gt in sich Felder von Leid und Erinnerung. Wir zeigen Respek, stehen in unserem Leid zueinander, und wir leugnen nichts.<\/p>\n<p align=\"left\">Wir brauchen kein Monopol auf unser Hiersein. In diesem gequ\u00e4lten Land ist Platz f\u00fcr alle von uns, manchmal gemeinsam und manchmal getrennt. Ich als Pal\u00e4stinenserin verzichte auf ein Pal\u00e4stina f\u00fcr uns allein. Und ich als j\u00fcdischer Israeli verzichte auf lsrael als Land ausschlie\u00dflich fiir Juden. Unser Frieden ist ein Puzzle, ein Frieden der Erg\u00e4nzung. Mein Anteil und dein Anteil schaffen ein Ganzes, das gr\u00f6\u00dfer ist als seine Teile. Wir k\u00f6nnen nicht Frieden schlie\u00dfen mit uns allein. Frieden wird gemacht mit dem, was widerst\u00e4ndig, unstimmig ist, indem wir zum Beispiel verschiedene Musikinstrumente, T\u00f6ne und Menschen zu einer Harmonie verbinden: Violine und Laute (arabisch: Oud), Mawwal (traditionelle arabische Vokalkl\u00e4nge vor Beginn eines Liedes) und Oktave, Umm Kulthum (\u00e4glptische S\u00e4ngerin und Musikerin) und Chava Alberstein (israelische S\u00e4ngerin und Komponistin).<\/p>\n<p align=\"left\">Ich, eine Pal\u00e4stinenserin, bin bereit, einige N\u00e4hte zwischen mir und dem arabischen Raum um mich aufzutrennen, um die lange Geschichte der j\u00fcdischen und arabischen Koexistenz wiederzuerkennen. Ich will die Br\u00fccke sein zwischen den neu-alten j\u00fcdischen Abk\u00f6mmlingen und all jenen, die nicht in den Genuss kommen, mit ihnen und in ihrer Nachbarschaft zusammenzuleben.<\/p>\n<p align=\"left\">Und ich, ein Jude, verzichte auf Teile des israelischen Charakers, auf die aschkenasisch-europ\u00e4ische koloniale Herablassung. Ich muss mich den arabischen Bestandteilen meiner Identit\u00e4t \u00f6ffnen: den arabischen Juden &#8211; und dem j\u00fcdischen Erbe aus den islamischen L\u00e4ndern, die uns Br\u00fccken bauen, einen kulturellen Raum schaffen und das Gespr\u00e4ch bereichern. Ich werde niemals die pal\u00e4stinensische Amme meiner Mutter vergessen und auch nicht Umm Shaker, die ihr in Hebron das Leben rettete. Meine jungen Enkel plappern schon arabisch. Mir ist klar, dass mein Monopol \u00fcber Land und Macht, Ressourcen, Gleichheit und Freiheiten in dem Raum zwischen Mittelmeer und Jordan mich an einer viel reicheren Partnerschaft hindert. Es ist seltsam, aber die Beschr\u00e4nkung meines j\u00fcdischen Selbst kann mich \u00f6ffnen f\u00fcr bisher verschlossene Welten.<\/p>\n<p align=\"left\">Und ich, eine Pal\u00e4stinenserin, muss den Riss in den j\u00fcdischen Gef\u00fchlen verstehen lernen. Innerhalb der Grenzen ,,ihres&#8220; Israel sind sie die eine Mehrheit, die mich brutal niedertrampelt. Hingegen bin ich in meinem Gebiet die Mehrheit, und sie sind eine kleine Minderheit, was sie so furchtsam und aggressiv macht. Merkw\u00fcrdig genug stellt sich heraus, dass ich tats\u00e4chlich die Einzige bin, die sie beruhigen kann. Wir bestreiten nicht die unterschiedliche und gewaltsame Vergangenheit unserer Eltern und unserer selbst. Wir vergessen auch nicht f\u00fcr eine Minute die Ungerechtigkeit und den Irrsinn. Wir wollen nicht die Zukunft unserer Kinder aufs Spiel setzen, weder getrennt noch miteinander. Gemeinsam versprechen wir, uns vom B\u00f6sen abzuwenden und das Gute zu tun, jeden Fanatismus in ihrem oder meinem Bereich zu bek\u00e4mpfen und gemeinsam eine dritte Gruppe zu bilden. Die Gruppe der vielen T\u00e4usend, die einm\u00fctig sind in dem Glauben an den wagemutigen menschlichen Geist. Wir sind die Gruppe, die auf das Absolute und auf das Begrenzte verzichtet &#8211; zugunsten von Verst\u00e4ndigung, Leben und Frieden ohne Ende.<\/p>\n<p align=\"left\">Der Beitrag erschien in der <a href=\"http:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/.premium-1.719296\" target=\"_blank\">israelischen Tageszeitung &#8222;Haaretz&#8220; am 12. Mai 2016<\/a>. <em>\u00dcbersetzung von Veit Sch\u00e4fer.<\/em><\/p>\n<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/burg-avraham-GNU-Free-Documentation-Licence-800px.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/burg-avraham-GNU-Free-Documentation-Licence-800px.jpg\" width=\"200\" height=\"177\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Avraham Burg. Free Document License<\/p><\/div>\n<p>Avraham Burg war in linken Organisationen wie Schalom Achschaw aktiv. 1983 war er auf der Peace-Now-Demonstration, bei der Emil Gr\u00fcnzweig von dem Rechtsradikalen Jona Avruschmi mit einer Handgranate ermordet wurde. Burg wurde durch den Splitter dieser Granate verletzt. 1988 wurde er f\u00fcr die Arbeitspartei in die Knesset gew\u00e4hlt. 1995 legte er sein Mandat nieder, nachdem er zum Vorsitzenden der Jewish Agency bestimmt worden war. 1999 bis Anfang 2003 war Burg Pr\u00e4sident der Knesset. In dieser Funktion nahm er vom 13. Juli bis 1. August 2000 verfassungsgem\u00e4\u00df die Aufgaben des zur\u00fcckgetretenen Staatspr\u00e4sidenten Ezer Weizmann wahr. 2001 kandidierte er erfolglos f\u00fcr den Vorsitz der Arbeitspartei.<\/p>\n<p align=\"left\">Im Herbst 2003 erregte ein Artikel von Burg Aufsehen, der zuerst in Jedi\u2019ot Acharonot erschien und unter anderem ins Englische und ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde. In diesem Artikel urteilte Burg, Israel m\u00fcsse seine Illusionen aufgeben und sich zwischen rassistischer Unterdr\u00fcckung oder Demokratie entscheiden. Er forderte den R\u00fcckzug Israels aus den besetzten Gebieten. 2004 zog sich Burg aus der Politik zur\u00fcck. In einem Interview f\u00fcr Haaretz im Juni 2007 anl\u00e4sslich der Ver\u00f6ffentlichung seines Buchs Lenazeach et Hitler (Hitler besiegen) stellte er eine Reihe von Kernthesen des Zionismus in Frage. 2009 erschien sein Buch auch auf Deutsch. Anfang Januar 2015 gab Burg seinen Beitritt zum linken Parteienb\u00fcndnis Chadasch. (Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Avraham_Burg\" target=\"_blank\">wikipedia<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Friede ist ein Puzzle. von Avraham Burg und Ghaida Rinawie-Zoabi Wir sind zwei. Noch sind wir ungleiche Partner. \u00c4hnlich und verschieden. Der eine, ein Mann aus der Mehrheitsgesellschaft, der alles hat. 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