{"id":3760,"date":"2016-11-19T09:19:30","date_gmt":"2016-11-19T08:19:30","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=3760"},"modified":"2016-11-19T09:23:21","modified_gmt":"2016-11-19T08:23:21","slug":"rolf-verleger-schreibt-an-die-anti-antisemitismus-aktivisten-in-freiburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=3760","title":{"rendered":"Rolf Verleger schreibt an die Anti-Antisemitismus-Aktivisten in Freiburg"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/verleger-rolf_ji.jpg\" height=\"177\" width=\"200\"><p class=\"wp-caption-text\">Rolf Verleger am 13. September 2016 im Lagerhaus Schildstra\u00dfe<\/p><\/div>\n<p>Am 10. November 2016 hielt Prof. Dr. Rolf Verleger, den wir mit seiner sanften und klugen Art hier in Bremen anl\u00e4sslich der Taz-Veranstaltung (<a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=3446\">&#8222;Ist Bremen eine Hochburg des Antisemitismus?&#8220;<\/a> am 13.09.16 im Lagerhaus Schildstra\u00dfe) kennen gelernt haben, in Freiburg im Rahmen des Caf\u00e9 Palestine einen Vortrag. Die Veranstaltung war gut besucht. Zwei junge M\u00e4nner, anonym bleibend, legten Flugbl\u00e4tter aus verschwanden schnell wieder. Das <a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16-11-19-Freiburg_AntisemitismusFlugblatt2016.pdf\">Flugblatt <\/a>wurde ver\u00f6ffentlicht auf der Facebook-Seite des &#8222;Referats gegen Antisemitismus&#8220; der Universit\u00e4t Freiburg, das wiederum in Zusammenarbeit mit der <a href=\"http:\/\/www.amnesty-suedbaden.de\/\">Amnesty-International-S\u00fcdbaden-Hochschulgruppe<\/a>, der Amadeu-Antonio-Stiftung und der DIG Freiburg &#8222;Aktionstage gegen Antisemitismus&#8220; veranstaltet. In dem verteilten Flugblatt wird tats\u00e4chlich gefordert, einem j\u00fcdischen Professor Redeverbot zu verteilen. Einiges haben wir in Bremen ja auch schon erlebt, so weit ist es aber (bisher) bei uns nicht gekommen.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Rolf Verleger hat den jungen Leuten einen bewegenden Brief geschrieben und sie zur Diskussion aufgefordert.<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Freiburg, 12. November 2016<\/p>\n<p>Sehr geehrte Herren,<\/p>\n<p>Am 10.11. hielt ich im Rahmen des Caf\u00e9 Palestine Freiburg in einem H\u00f6rsaal der Universit\u00e4t Freiburg einen Vortrag zum Thema &#8222;Ist der Einsatz f\u00fcr Menschenrechte in Pal\u00e4stina antisemitisch?&#8220; Vor der Veranstaltung haben Sie per Flugblatt ein Redeverbot f\u00fcr mich an der Universit\u00e4t Freiburg gefordert.<br \/>\nSie taten das zwanzig Minuten vor Veranstaltungsbeginn, als es noch leer war: Sie, zwei junge M\u00e4nner, h\u00f6flich und zur\u00fcckhaltend, fast sch\u00fcchtern, verteilten einen knallharten Text, anonym, ohne Namen der Verfasser. (S. Wortlaut im Anhang). Sie warteten aber nicht die Wirkung ab, sondern schauten, dass sie lieber weder unerkannt wegkamen.<\/p>\n<p>Das hat mich sehr verbl\u00fcfft. Das ist eigenartiges Verhalten. So als ob der Veranstalterin Frau Dr. Weber oder mir ein Geheimdienst zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde, der Ihnen schaden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ich habe mich gefragt, was Ihre Vorbilder f\u00fcr Ihre Aktivit\u00e4ten sind. Ein m\u00f6gliches Vorbild k\u00f6nnten f\u00fcr Sie die Geschwister Scholl sein: Auch sie wollten ihre Flugbl\u00e4tter gegen Unrecht sprechen lassen, sie wollten laut und deutlich ihre Stimme f\u00fcr Menschlichkeit erheben. Und sie wollten anonym bleiben, weil sie wussten, dass es sonst nicht gut f\u00fcr sie ausgehen w\u00fcrde. Daher scheint es mir m\u00f6glich, dass Sie sich an diesen Helden des Widerstands gegen Unmenschlichkeit orientieren. In diesem Fall k\u00f6nnten Sie auch die Bef\u00fcrchtung haben, dass Sie &#8211; wie die Geschwister Scholl &#8211; Opfer Ihres Engagements werden k\u00f6nnten: die Scholls wegen ihres Eintretens f\u00fcr die Opfer der Nazis wurden selbst Opfer der Nazis, und Sie k\u00f6nnten vielleicht wegen ihres kompromisslosen Eintretens f\u00fcr Israel den Pal\u00e4stinensern und ihren Freunden zum Opfer fallen. Denn Sie halten diese Leute f\u00fcr mordlustig (&#8222;mordlustige Antisemiten&#8220; schreiben Sie) und &#8211; so bef\u00fcrchten Sie &#8211; es droht ein neuer &#8222;eliminatorischer&#8220;, &#8222;m\u00f6rderischer&#8220;, &#8222;vernichtungsorientierter Antisemitismus&#8220;. So werden Sie vielleicht zu Helden f\u00fcr eine gerechte Sache. Das, so male ich mir aus, ist Ihre Sichtweise: Mich sehen Sie als einen Bef\u00fcrworter des &#8222;eliminatorischen Antisemitismus&#8220; und vielleicht auch pers\u00f6nlich als einen mordlustiger Antisemiten: eine Gefahr f\u00fcr Israel und f\u00fcr Sie als Israelfreunde. Sie dagegen warnen und mahnen: Einen solchen potentiell gef\u00e4hrlichen Mann sollte man nicht reden lassen, im Interesse der eigenen Selbsterhaltung.<\/p>\n<p>Das sind ungef\u00e4hr meine Fantasien dar\u00fcber, wie Sie sich selbst sehen. Meine eigene Sichtweise von Ihrer Aktivit\u00e4t ist aber eine v\u00f6llig andere. Das ergibt sich so aus meiner Familiengeschichte.<\/p>\n<p>Kennen oder kannten Sie Ihre Gro\u00dfv\u00e4ter? Ich kannte meine nicht. Der eine starb schon 1926 und liegt in Berlin-Wei\u00dfensee, der andere starb in Auschwitz; wann genau, wei\u00df man nicht.<\/p>\n<p>Kennen oder kannten Sie Ihre Gro\u00dfm\u00fctter? Ich kannte meine nicht. Die eine ging 1942 in Theresienstadt zugrunde, die andere wurde, 42-j\u00e4hrig, direkt nach der Ankunft des Deportationszuges in Estland erschossen, denn sie hatte ihren gelben Stern in Berlin abgemacht, um zur Friseuse zu gehen; daher war sie eine Kriminelle und wurde in Estland in einer Sandd\u00fcne verscharrt.<\/p>\n<p>Haben Sie Onkel und Tanten? Mein Vater hatte sieben Geschwister. Das Nazi-Regime \u00fcberlebten nur er und ein Bruder.<\/p>\n<p>Hat Ihr Vater eine T\u00e4towierung? Mein Vater hatte eine, n\u00e4mlich die Auschwitznummer am Arm. Seine erste Frau und ihre gemeinsamen drei S\u00f6hne hatten wahrscheinlich keine: Sie kamen in Auschwitz gleich ins Gas. Daher heiratete 1948 mein Vater meine viel j\u00fcngere Mutter: Er wollte noch einmal j\u00fcdische Kinder haben. So bin ich aufgewachsen, als Kind der Hoffnung und des Neuanfangs.<\/p>\n<p>Was wissen Sie vom Judentum? Uns Kindern haben dies unsere Eltern vermittelt. In der chassidischen Tradition meines Vaters: Gottes Gebote befolgen, in der Hoffnung auf Erl\u00f6sung und Befreiung. In der deutsch-j\u00fcdischen Tradition meiner Mutter: Judentum als Religion der t\u00e4tigen Moral. In beiden Traditionen sind Juden deswegen Gottes auserw\u00e4hltes Volk, insofern sie der Welt ein Vorbild an Moral und Gesetzestreue geben sollen und dies auch wollen. Manchmal in meinem Leben bin ich aus den engen Grenzen der Tradition ausgebrochen, aber Ich habe mich auch immer wieder f\u00fcr meine j\u00fcdische Gemeinschaft engagiert, habe die Gemeinde L\u00fcbeck mitgegr\u00fcndet, war Landesverbandsvorsitzender in Schleswig-Holstein und Delegierter im Zentralrat.<\/p>\n<p>Nichts von meinen j\u00fcdischen Werten findet sich wieder im Verhalten der israelischen Regierung. Man hat den Pal\u00e4stinensern ihr Land geraubt, fantasiert sich als ewiges Opfer und leitet daraus die Rechtfertigung ab, V\u00f6lkerrecht und Menschenrechte au\u00dfer Kraft zu setzen, v\u00f6llig au\u00dferhalb der j\u00fcdischen Tradition.<br \/>\nSie wissen vielleicht, dass vor der Ausl\u00f6schung des europ\u00e4ischen Judentums durch die Nazis und ihre Helfer der Zionismus eine Minderheitenposition im Judentum war. Gegen den Zionismus waren viele Str\u00f6mungen: die Religi\u00f6sen, die B\u00fcrgerlichen, die sozialistischen Bundisten, die allgemeinen Sozialisten. Wussten Sie dass das einzige j\u00fcdische Mitglied im britischen Kabinett 1917, Lord Edwin Montague, strikt gegen die Balfour-Deklaration war? Sind das alles &#8222;eliminatorische Antisemiten&#8220;, weil sie die Idee eines separaten j\u00fcdischen Staates fernab der eigentlichen Heimat der europ\u00e4ischen Juden f\u00fcr eine sehr schlechte Idee hielten? Kennen Sie den Bundisten Marek Edelman, \u00fcberlebender Anf\u00fchrer des Aufstands im Warschauer Ghetto? Wissen Sie, was er von den Zionisten hielt?<\/p>\n<p>Sie wissen vielleicht auch, dass Ihr unfreiwilliges Vorbild Heidegger (s. unten) seine junge Studentin Hannah Arendt anbetete. Wissen Sie, was diese kluge Frau 1945 \u00fcber den Schwenk der zionistischen Mehrheit hin zur Unterst\u00fctzung eines &#8222;j\u00fcdischen Staates&#8220; geschrieben hat? Sie k\u00f6nnen es in meinem Buch nachlesen.<\/p>\n<p>Wissen Sie, dass Hannah Arendt, Albert Einstein und andere hellsichtige amerikanische Juden 1948 in einem gemeinsamen Leserbrief an die New York Times dagegen protestierten, dass Menachem Begin, der Kommandeur des Massakers von Deir Yassin, kurz nach diesem Verbrechen die USA besuchte? Sie nannten ihn einen &#8222;Terroristen&#8220; und forderten eine Einreiseverbot.<br \/>\nMontague, Edelman, Arendt, Einstein &#8211; nach Ihrer Logik alles Antisemiten!<\/p>\n<p>Und nun k\u00f6nnen Sie vielleicht meine Sichtweise ansatzweise nachvollziehen: Dass mir junge Leute an der Universit\u00e4t Freiburg das Rederecht nehmen wollen, das erinnert mich fatal daran, was an der Universit\u00e4t Freiburg unter dem Rektorat Heidegger und seinen Nachfolgern vor 80 Jahren geschah: &#8222;Juden raus!&#8220; Sie sind in meinen Augen nicht die Geschwister Scholl, wei\u00df Gott nicht. Sondern eher Kinder im Geiste derjenigen, die damals die Universit\u00e4t judenrein machten.<\/p>\n<p>Vielleicht finden Sie eine neutrale Person au\u00dferhalb Ihres Zirkels, die Ihnen erkl\u00e4ren kann, dass Sie sich bei mir entschuldigen sollten.<\/p>\n<p>Mit freundlichen, \u00fcber die Vielf\u00e4ltigkeit des menschlichen Geistes immer noch verwunderten Gr\u00fc\u00dfen<br \/>\nRolf Verleger<\/p>\n<p>Prof. Dr. Rolf Verleger ist Vorsitzender des <a href=\"http:\/\/www.bib-jetzt.de\">B\u00fcndnis zur Beendigung der israelischen Besatzung. <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 10. 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