{"id":3769,"date":"2016-11-19T09:00:14","date_gmt":"2016-11-19T08:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=3769"},"modified":"2016-11-19T09:36:58","modified_gmt":"2016-11-19T08:36:58","slug":"luecken-und-doppelte-standards-in-der-israel-berichterstattung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=3769","title":{"rendered":"L\u00fccken und doppelte Standards in der Israel-Berichterstattung"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber \u201eL\u00fccken\u201c und \u201edoppelte Standards\u201c in der Israel-Berichterstattung. <\/strong><strong>Eine Studie des Politologen Ulrich Teusch gibt aufschlussreiche Einblicke in den deutschen Mainstream-Journalismus <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Das Wort \u201eL\u00fcgenpresse\u201c hat in Deutschland die Runde gemacht \u2013 ein Begriff, der in Pegida- und AfD-Kreisen aufgekommen ist und deshalb mit \u00e4u\u00dferster Vorsicht zu behandeln ist. Nun wird zweifellos in der Politik und im Journalismus bisweilen gelogen, oder Journalisten verbreiten von Politikern in die Welt gesetzte L\u00fcgen. Da die Behauptung einer \u201eL\u00fcgenpresse\u201c aber ein diffuser Vorwurf ist, der ausschlie\u00dflich polemisierend und diffamierend gemeint ist, taugt das Wort wenig als Beitrag zu einer Debatte, die an sich begr\u00fc\u00dfenswert und n\u00fctzlich ist: \u00fcber den Vertrauensverlust, der sich in der Gesellschaft gegen\u00fcber den Medien herausgebildet hat.<\/p>\n<p>Der Politologe und Betreiber eines medienkritischen Blogs, Professor Ulrich Teusch, lehnt den Begriff \u201eL\u00fcgenpresse\u201c denn auch ab und spricht vielmehr von einer \u201eL\u00fcckenpresse\u201c. Unter diesem Titel hat er jetzt ein Buch herausgebracht. Die \u201eL\u00fccken\u201c sind f\u00fcr ihn das eigentliche Problem der heutigen Medienwelt. Er konkretisiert seine Kritik: L\u00fccken entstehen, wenn bestimmte Nachrichten regelrecht und ganz gezielt unterdr\u00fcckt werden. Der Begriff bezieht sich aber auch auf die Bewertung von Nachrichten. Soll hei\u00dfen: Die eine Nachricht wird k\u00fcnstlich hoch gespielt, die andere wird irgendwo gemeldet, aber bewusst unten gehalten oder sogar weggelassen. Entscheidend ist auch der Kontext, in dem Nachrichten erscheinen: Die eine Nachricht wird tendenzi\u00f6s eingebettet, mit einem \u201espin\u201c&nbsp; versehen, die andere aber nicht.<\/p>\n<p>All diese Mechanismen verst\u00e4rken sich wechselseitig, und wenn sie regelm\u00e4\u00dfig auftreten oder sich bei bestimmten Themen zu einem fl\u00e4chendeckenden Ph\u00e4nomen anwachsen, entstehen Narrative, also gro\u00dfe journalistische Deutungsmuster oder Erz\u00e4hlungen. In diese Narrative werden dann alle neu einlaufenden Informationen eingeordnet. Wenn sie ins Narrativ passen, ist ihnen Aufmerksamkeit gewiss, falls nicht, trifft sie das L\u00fcckenschicksal. Teusch weist auf die Gefahren solcher Narrative hin: \u201eDass Journalisten solche Narrative bedienen, halte ich f\u00fcr absolut inakzeptabel und indiskutabel.\u201c Ein Journalismus, der sich Narrativen f\u00fcgt, ist ein Widerspruch in sich selbst. Er kann schlimme Folgen haben. Aber nat\u00fcrlich erfordert es Courage, sich einem dominanten Narrativ zu widersetzen, womit das Thema Selbstzensur angesprochen ist. Als weiteres Kriterium f\u00fcr die Vertrauenskrise der Medien f\u00fchrt Teusch die \u201edoppelten Standards\u201c an. Das hei\u00dft: Nachrichten werden in tendenzi\u00f6ser Weise bewertet, es wird also mit zweierlei Ma\u00df dabei gemessen. Alle diese Merkmale h\u00e4ngen eng miteinander zusammen und verst\u00e4rken sich wechselseitig. Zudem kommen diese Ph\u00e4nomene nicht zuf\u00e4llig zustande, sondern sind strukturell verankert und nat\u00fcrlich interessengeleitet.<\/p>\n<p>Teusch konkretisiert seine Kritik am Mainstream-Journalismus, indem er die genannten Merkmale vor allem auf die Berichterstattung \u00fcber Russland und dessen Staatschef Putin sowie die Ukraine anwendet. Dass die Mainstream-Medien ein Russland-Bashing betreiben und sich fast wieder im Kalte-Kriegs-Modus befinden, ist bekannt. Als gutes Beispiel f\u00fcr einen \u201edoppelten Standard\u201c f\u00fchrt der Autor die Kritik der meisten Medien an Russlands Vorgehen auf der Krim an. Wenn man die Annexion der Halbinsel als \u201ev\u00f6lkerrechtswidrig\u201c bewerte (was man nat\u00fcrlich k\u00f6nne), die v\u00f6lkerrechtliche Dimension bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten, (bei denen der Westen eine entscheidende Rolle spielt) aber komplett ausblende, dann zeige das das ganze Dilemma auf.&nbsp;<\/p>\n<p>Der Autor geht leider nicht auf die \u201eL\u00fccken\u201c und \u201edoppelten Standards\u201c der Berichterstattung \u00fcber Israels Politik gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern ein, er w\u00e4re hier nat\u00fcrlich au\u00dferordentlich f\u00fcndig geworden. Denn noch viel mehr als bei den Themen Russland und Ukraine bestimmen hier die Merkmale \u201eL\u00fccken\u201c und \u201edoppelte Standards\u201c die journalistische Agenda, nirgendwo sonst klaffen politische Realit\u00e4t und ihre journalistische Abbildung so weit auseinander. Wohl in keinem anderen Bereich gibt es so fest gef\u00fcgte, fast schon zu Dogmen gewordene \u201eNarrative\u201c und \u201eDeutungsmuster\u201c. Fast so gut wie immer werden die politischen Vorgaben und ideologischen Parameter Israels kritiklos \u00fcbernommen, ohne sie zu hinterfragen: Die einzige Demokratie im Nahen Osten, das Opfer arabischer Gewalt, das sich gegen den pal\u00e4stinensischen Terrorismus wehren muss. Das ist dann auch das vorherrschende Narrativ, in das alles andere eingeordnet wird.<\/p>\n<p>Wann und wo hat es einmal ein objektive und wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Berichterstattung deutscher Medien (ob Printmedien, Rundfunk oder Fernsehen) \u00fcber die Brutalit\u00e4ten der israelischen Besatzung gegeben, die n\u00e4chtlichen Razzien mit ihren Dem\u00fctigungen und Verhaftungen; die Tausende von Gefangenen in israelischen Gef\u00e4ngnissen \u2013 darunter Hunderte Kinder; die Zerst\u00f6rung pal\u00e4stinensischer D\u00f6rfer und H\u00e4user sowie die Vertreibung ihre Bewohner; die Schikanen an den Checkpoints; die t\u00e4gliche Gewalt der Siedler gegen die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung und den staatlich legitimierten Landraub zum Bau von Siedlungen, der einem ganzen Volk die Existenzgrundlage entzieht. Von dem durch Israels Kriege produzierten Elend der Menschen im v\u00f6llig abgeriegelten Gazastreifen ganz abgesehen. Wann hat man diese Politik einmal in deutschen Mainstream-Medien mit dem V\u00f6lkerrecht und den Menschenrechten konfrontiert? Wann hat man die Dinge einmal beim Namen genannt und Israel als das bezeichnet, was es in Wirklichkeit ist: ein siedlerkolonialistischer Staat? Wann hat man einmal offen ausgesprochen, dass die Unrechtspolitik dieses Staates zu kritisieren nichts mit Antisemitismus zu tun hat?<\/p>\n<p>Wenn ein deutscher Fachmann, der Hydrologe Clemens Messerschmid, der seit zwanzig Jahren in Israel\/Pal\u00e4stina lebt und arbeitet, in einem kurzen Statement in der \u201eTagesschau\u201c auf die von der israelischen Besatzungsmacht bewusst herbeigef\u00fchrte Wassernot der Pal\u00e4stinenser hinweist, dann steht sofort der Antisemitismus-Vorwurf im Raum, die Leitung des Senders entschuldigt sich devot bei der israelischen Lobby f\u00fcr das Missgeschick und verspricht, das Thema noch einmal \u201eausf\u00fchrlich und objektiv\u201c zu behandeln. Selbstzensur, mangelnde Zivilcourage, \u201eL\u00fccken\u201c allergr\u00f6\u00dften Ausma\u00dfes und \u201edoppelte Standards\u201c kennzeichnen die Israel-Berichterstattung der deutschen Mainstream-Medien.<\/p>\n<p>Ulrich Teusch hat ein sehr wichtiges Buch geschrieben, vor der konkreten Anwendung seiner Kriterien auch auf Israel ist er aber zur\u00fcckgeschreckt. Am Schluss seines brillant geschriebenen Textes stellt er einige Regeln auf, die ganz allgemein gelten und die deutsche Israel-Berichterstattung zwar nicht direkt erw\u00e4hnen, aber sich gut auf sie anwenden lassen: \u201eGuter Journalismus fungiert als gesellschaftliches Fr\u00fchwarnsystem. Um das zu leisten, darf er keine Tabuthemen akzeptieren, sich keinen Sprachregelungen oder irgendwelchen gerade angesagten Dogmen der politischen Korrektheit unterwerfen. [&#8230;] Wo immer dominante Narrative auftauchen, haben integere Journalisten die Pflicht, sie auf den Pr\u00fcfstand zu stellen, die andere Seite zu zeigen, Gegengewichte zu schaffen. Dazu braucht es, zugegeben, ein klein wenig Courage; man macht sich mit so etwas nicht unbedingt beliebter, man eckt an, vermasselt sich vielleicht sogar die Karriere. Aber was w\u00e4re die Alternative: einfach mitzumachen?\u201c<br \/>\n<em>Arn Strohmeyer, 18.11.2016<\/em><\/p>\n<p><strong>Ulrich Teusch: L\u00fcckenpresse. Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten, Westend Verlag Frankfurt\/ Main 2016, ISBN 978-3-86489-145-8, 18 Euro<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber \u201eL\u00fccken\u201c und \u201edoppelte Standards\u201c in der Israel-Berichterstattung. 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