{"id":3885,"date":"2016-12-12T20:43:55","date_gmt":"2016-12-12T19:43:55","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=3885"},"modified":"2016-12-14T18:27:37","modified_gmt":"2016-12-14T17:27:37","slug":"palaestinensische-binnenfluechtlinge-und-bremens-partnerstadt-haifa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=3885","title":{"rendered":"Pal\u00e4stinensische Binnenfl\u00fcchtlinge &#8211; und Bremens Partnerstadt Haifa"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/16-12-13-wadi-salib-1\/00-wadi-salib-alt-1.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"150\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/16-12-13-wadi-salib-1\/00-wadi-salib-alt-1.jpg\"><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Blick auf das Wadi Salib<\/p><\/div>\n<p>Auf Quantara.de, dem Internetportal der Deutschen Welle (&#8222;soll den intellektuellen Dialog mit der Kultur des Islam f\u00f6rdern&#8220;) wurde in einem <a href=\"http:\/\/de.qantara.de\/print\/25937\" target=\"_blank\">Artikel am 7. Dezember 2016<\/a> auf die Situation der pal\u00e4stinensischen Binnenfl\u00fcchtlinge aufmerksam gemacht. Das sind diejenigen, die w\u00e4hrend der Nakba und noch Jahre danach aus ihren H\u00e4usern vertrieben wurden, aber im Gebiet des neu geschaffenen Staates Israel verblieben.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Wadi Salib<br \/>\n<\/strong>In dem Artikel wird auch auf Wadi Salib, einem Stadtteil von Haifa verwiesen. Wadi Salib war vor der Nakba ein arabisches Viertel, von dem heute nur noch ein v\u00f6llig heruntergekommenes und teilweise abgesperrtes Ruinenfeld \u00fcbrig geblieben ist. Das Viertel hat eine bewegte und bewegende Geschichte hinter sich. Die ersten Bewohner in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts waren wohlhabende Araber, die am Hang des Wadi ihre prachtvollen H\u00e4user im levantinisch-ottomanischen Stil erbauten. Danach wurde es von den pal\u00e4stinensischen Arbeitern der von den Briten gebauten Hedschasbahn und dem entstehenden Hafen besiedelt.<\/p>\n<p>Zwischen&nbsp; dem 21. und 22. April 1948, also noch drei Wochen vor der &#8222;Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung&#8220; des Staates Israel, starteten zionistische Truppenteile einen beispiellos grausamen Angriff auf die arabischen Viertel der Stadt und t\u00f6teten bzw. vertrieben Tausende ihrer Einwohner. Nur ca. 3500 der ehemals 61.000 Pal\u00e4stinenser blieben zur\u00fcck. Die Zur\u00fcckgebliebenen wurden zwangsumgesiedelt in das pal\u00e4stinensischen Viertel Wadi Nisnas, das dem Wadi Salib benachbart ist.<\/p>\n<p><strong>Haifa keine &#8222;mixed city&#8220; mehr<\/strong><br \/>\nHaifa war vor 1948 eine &#8222;mixed city&#8220; mit einer Bev\u00f6lkerung (140.000 Einwohner), mit gleichen Anteilen einer j\u00fcdischen und pal\u00e4stinensischen (muslimisch und christlich) Bev\u00f6lkerung. Der Anteil der Pal\u00e4stinenser betrug nach der Nakba nur noch 4 Prozent &#8211; der seitdem aber wieder auf ca. 10 Prozent angestiegen ist. Rd. 24.000 j\u00fcdische Fl\u00fcchtlingen aus Europa, darunter viele \u00dcberlebende des Holocaust, kamen 1948 und 1949 in Haifa an und wurden in den zwangsger\u00e4umten pal\u00e4stinensichen Vierteln untergebracht. Fl\u00fcchtlinge wohnten fortan in den H\u00e4usern von anderen Fl\u00fcchtlingen.<\/p>\n<p><strong>Ghassan Kanafani<\/strong> hat den Schicksalen einer pal\u00e4stinensischen Familie, die ihr Kind bei der Vertreibung zur\u00fccklassen musste, und einer j\u00fcdischen Familie, die aus Osteuropa vor den faschistischen Schergen geflohen war, in das Haus der schon geflohenen Familie zog und das Kind gro\u00dfgezogen hat, ein ber\u00fchmtes literarisches Denkmal gesetzt. (Ghassan Kanafani: R\u00fcckkehr nach Haifa, 1972, 1968 zuerst im Lenos Verlag auf deutsch erschienen)<\/p>\n<p><strong>Verlassene, ger\u00e4umte, gesperrte arabische H\u00e4user im Wadi Salib<\/strong><strong>ngg_shortcode_0_placeholderPolitik der Vertreibung und Besiedlung<\/strong><br \/>\nDie Geschichte des Wadi Salib geht dann weiter: die Stadtverwaltung hat jede Sanierung, Modernisierung und Erweiterung des Viertels und Infrastruktur untersagt und es verkommen lassen. Alles mit dem Ziel, die R\u00fcckkehr der pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge oder gar Anspr\u00fcche auf Eigentum unm\u00f6glich zu machen. Die \u00fcberwiegend (ashkenasischen) europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlinge sind dann z.T. wieder aus- und in die besseren und oberhalb der Hafengegend gelegenen Viertel gezogen. Danach folgte in den 50er und 60er Jahren die mehr oder weniger wilde Besiedlung mit (mizrahischen) Immigranten aus Marokko, die auf ihre Diskriminierung in der neuen israelischen Gesellschaft mit teilweise schweren Unruhen reagierten. Und die von der Stadtverwaltung ebenfalls aus diesem Viertel wieder vertrieben wurden.<\/p>\n<p>&#8222;Man bediente sich verschiedener Taktiken, um die Errungenschaften des Krieges unumst\u00f6\u00dflich zu machen &#8211; evakuieren und besiedeln, zerlegen und zusammensetzen, zerst\u00f6ren und bauen. Sie umfassten das Besiedeln der verlassenen arabischen Viertel mit Immigranten, wie in Wadi Salib, die Konzentration der restlichen arabischen Stadtbewohner in Wadi Nisnas und der Zerst\u00f6rung der Haifaer Altstadt.&#8220; <strong>Yfaat Weiss<\/strong>, eine israelische Historikerin, hat die in der israelischen \u00d6ffentlichkeit weitgehend verdr\u00e4ngte Geschichte minuti\u00f6s rekonstruiert. F\u00fcr ihr Buch &#8222;Verdr\u00e4ngte Nachbarn. Wadi Salib &#8211; Haifas enteignete Erinnerung&#8220; (hebr\u00e4ische Ausgabe 2007, auf deutsch 2012 erschienen) hat sie 2012 in Bremen den Hannah-Arendt-Preis f\u00fcr politisches Denken erhalten. Das Preisgeld (7.500 Euro) wird von der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung und dem Senat der Hansestadt gestiftet.<\/p>\n<p><strong>Entarabisierung<\/strong><br \/>\nDie Vertreibungs- und gleichzeitige Besiedlungspolitik hat zu einer weitgehenden Entarabisierung Haifas gesp\u00fcrt, in dem nur noch einige Spuren seiner gro\u00dfen&nbsp;arabisch-ottomanisch-pal\u00e4stinensische Zeit zu finden sind. An die Nakba darf offiziell nicht erinnert werden. Es ist also heuchlerisch, wenn die Stadt Haifa heute trotzdem versucht, sich ein tolerantes und multikulturelles Image zu geben. Den Besuchern, vor allem aus Westeuropa, wird gern erz\u00e4hlt, wie froh man sei, dass hier weder Abraham, noch Jesus oder Mohammed geboren wurde und Haifa \u00fcberhaupt nicht in der Bibel erw\u00e4hnt werde. Und dass hier viele Religionen (Juden, Christen, Muslime, Drusen, Bahais &#8230;) und Ethnien friedlich miteinander leben und die Stadt bunt und liebenswert machen. Dennoch m\u00fcsse, so Yfaat Weiss in ihrem Buch (S. 12), &#8222;eine Antwort auf das augenf\u00e4llige und unbegreifliche Ph\u00e4nomen gegeben werden: die Existenz eines Tr\u00fcmmerhaufens im Herzen der Stadt \u00fcber viele Jahrzehnte hinweg.&#8220; Diese Narbe ziehe sich durch das gesamte Stadtgebiet Haifas, und sie konserviere, entgegen allen Proklamationen, die Ruinen von 1948.<\/p>\n<p><strong>Teilnahme an einer &#8222;B\u00fcrgerreise&#8220; der DIG<\/strong><br \/>\nVom 25. M\u00e4rz bis 2. April 2016 hatte ich das &#8211; etwas zweifelhafte &#8211; Vergn\u00fcgen, an einer B\u00fcrgerreise der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Bremen nach Israel teilzunehmen. Weil Haifa die Partnerstadt Bremens ist, hatte die Reise auch dort ihren Mittelpunkt. Die Reisegruppe hatte ein ausf\u00fchrliches und sehr interessantes Gespr\u00e4ch mit dem f\u00fcr die Stadtplanung und Stadtentwicklung verantwortlichen Dezernenten, wobei wir viel \u00fcber die j\u00fcdische Immigration, die Neubaugebiete und die Zukunftspl\u00e4ne erfuhren &#8211; aber nichts \u00fcber die Nakba und das Schicksal der pal\u00e4stinensischen Viertel der Stadt. Weil mich das Thema aber interessierte, quartierte ich mich nach Ende der DIG-Reise f\u00fcr einige Tage im Viertel Wadi Nisnas ein, traf mich mit einem Vertreter der israelischen Friedensorganisation Gush Shalom und lie\u00df mir w\u00e4hrend eines langen Spaziergangs die traurigen \u00dcberreste des Wadi Salib zeigen lassen.<\/p>\n<p>Das Wadi Salib liegt direkt in der Nahbarschaft des Stadtzentrums mit seinen neuen Regierungs-, Gerichts- und Bankgeb\u00e4uden. Wahrscheinlich existieren schon l\u00e4ngst Pl\u00e4ne f\u00fcr die \u00fcbliche Hochhausbebauung. Da Israel ein kapitalistisches Land einschlie\u00dflich einer intensiven Immobilienspekulation in den gro\u00dfen St\u00e4dten ist, ist der Beginn der &#8222;Urbanisierung&#8220; des Wadi Salib wahrscheinlich bald zu erwarten.<br \/>\n<em>S\u00f6nke Hundt<\/em><\/p>\n<p><strong>Material:<\/strong><br \/>\n<strong>Yfaat Weiss:<\/strong> Verdr\u00e4ngte Nachbarn. Wadi Salib &#8211; Haifas enteignete Erinnerung, Tel Aviv 2007, deutsche Ausgabe Hamburg 2012<\/p>\n<p><strong>Ariel Azoff:<\/strong> Die gemischte Stadt: 250 Jahre j\u00fcdisch-muslimisch-christliche Beziehungen in Haifa.<br \/>\nIn: Haifa: Gemischte Stadt in einem geteilten Land. Schwalbach\/Ts. 2011, S. 18 ff.<\/p>\n<p><strong>Wikipedia-Artikel<\/strong> \u00fcber Haifa und \u00fcber das Wadi Salib.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Quantara.de, dem Internetportal der Deutschen Welle (&#8222;soll den intellektuellen Dialog mit der Kultur des Islam f\u00f6rdern&#8220;) wurde in einem Artikel am 7. 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